Taktik-Analyse: Kollers kleine Umstellungen

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„Kleinigkeiten haben entschieden“, wusste Marcel Koller nach dem wichtigen 1:0-Sieg gegen Russland.

Kleinigkeiten wie die paar Milimeter, die dafür sorgten, dass Aleksandr Kokorins Schuss nur an der Stange landete. Kleinigkeiten wie die Sicht des Schiedsrichter-Assistenten, der Rubin Okotie bei seinem Tor nicht im Abseits sah.

Oder eben auch jene taktischen Kleinigkeiten, die Koller selbst in der Halbzeit veränderte.

Das russische Bermuda-Dreieck

Dass der Teamchef überhaupt etwas umstellen musste, dazu hatte ihn die Situation in der ersten Hälfte gezwungen. Etwas überraschend schickte Fabio Capello nicht zwei, sondern drei zentrale Mittelfeldspieler auf das Feld.

Denis Glushakov, Viktor Fayzulin und der nach Verletzung zurückgekehrte Kapitän Roman Shirokov bildeten im 4-1-4-1-System ein russisches „Bermuda-Dreieck“, das die Mitte komplett dicht machte.

„Wir hatten im Zentrum einen Mann zu wenig. Vor allem dann, wenn Zlatko Junuzovic nach vorne aufrückte. Da hätten die Außen weiter nach innen gehen müssen. In der zweiten Hälfte war das besser, da haben wir das korrigiert“, erklärte Koller nach dem Spiel.

Die Start-Aufstellungen: Österreichs gewohntes 4-2-3-1 gegen Russlands 4-1-4-1-System. 

Den Linksverteidiger anbohren als Plan

Die russische Überzahl im Zentrum machte es Österreich sowohl offensiv als auch defensiv schwer. „Wir haben das Pressing nicht so spielen können, wie wir uns das vorgestellt haben“, meinte Martin Hinteregger. Die Russen stellten sich im Spielaufbau sehr breit auf. Gepaart mit der Überzahl in der Zentrale gelang es ihnen auf diese Weise immer wieder Anspielstationen zu finden, obwohl Zlatko Junuzovic und Marc Janko einige Kilometer im Forechecking abspulten.

Auch im Offensiv-Spiel machte sich Capellos Zentral-Riegel bemerkbar. Für Österreich gab es dort kein Durchkommen. Wenn nach vorne hin etwas ging, dann über die Seiten.

Vor der Pause probierte es die Koller-Mannschaft auffällig oft über rechts. Offenbar wollte man den offensiven Linksverteidiger Dmitri Kombarov gezielt anbohren. Das Problem dabei: Selbst wenn der Weg einmal frei war, brachte die anschließende Flanke nichts ein. Denn in der Luft präsentierten sich die beiden russischen Innenverteidiger Sergei Ignashevich und Vasili Berezutski bärenstark.

Die unsichtbare Salzburger Doppelsechs

So entwickelte sich in der ersten Hälfte ein äußerst enges Spielen mit leichten Vorteilen für Russland. Im Spielaufbau agierten beide Teams mit vielen hohen Bällen. Auf Seiten Österreichs waren Martin Hinteregger und Aleksandar Dragovic dazu quasi gezwungen, denn sie erhielten aus dem defensiven Mittelfeld zu wenig Unterstützung.

Stefan Ilsanker und Christoph Leitgeb wussten in der Spieleröffnung nicht zu überzeugen. Von ihnen kam zu wenig Initiative. Vor allem Leitgeb versteckte sich lieber im russischen „Bermuda-Dreieck“, anstatt sich im Rückraum für Zuspiele anzubieten. Auch die Rochade mit Junuzovic funktionierte nicht.

So ging spielerisch in der ersten Hälfte nach vorne hin wenig. Die besten Chancen hatte das ÖFB-Team entweder durch Flanken oder nachdem man im Gegenpressing den Ball eroberte und schnell nach vorne spielte.

Koller dreht an den richtigen Schrauben

Nach der Pause sollte sich das ändern. Zwar tat die Salzburg-Achse weiterhin wenig für die Spieleröffnung, aber dafür drehte Koller an anderen Schrauben. Beispielsweise wurde nun die linke Seite besser ins ÖFB-Spiel eingebunden. Hohe Bälle, die Robert Almer in der ersten Hälfte noch konsequent nach rechts schlug, landeten nun bei Marko Arnautovic.

Gemeinsam mit seinem Hintermann Christian Fuchs belebte der Stoke-Legionär die ÖFB-Angriffe. Genauso wie Harnik auf der Gegenseite positionierte sich Arnautovic etwas weiter innen, als noch in Hälfte eins. Damit wurde die russische Überzahl in der Mitte aufgeweicht.

Kollers entscheidender Schachzug aber war die Einwechslung von Rubin Okotie. Die bewegliche Spielweise des 1860-Angreifers lag seinen Gegenspielern überhaupt nicht. Letztlich durfte er sich sogar über das Siegestor freuen.

Über die Zeit gezitttert

In der Schlussviertelstunde versuchte Capello das Spiel mit der Umstellung auf ein 4-2-3-1-System und der Einwechslung von 1,96-m-Stürmer Artem Dzyuba noch zu drehen. Doch die langen Bälle brachten keinen Erfolg. Österreich konnte den Sieg zwar erneut nicht ruhig runterspielen und zitterte sich über die Zeit, aber am Ende steht der 1:0-Erfolg.

Teamchef Koller darf sich freuen, dass seine Mannschaft die Ausfälle verkraftet und ein enges Spiel gegen einen Gegner vom Format Russlands gewonnen hat. Auch wenn sich zeigte, dass die Salzburger Doppelsechs von der spielerischen Qualität her bei weitem nicht an David Alaba und Julian Baumgartlinger herankommt.

Im nächsten Spiel gegen Brasilien hat Koller die Gelegenheit, Alternativen zu testen. Denn solche Erkenntnisse können im Hinblick auf die Qualifikationsspiele im Frühjahr entscheidend sein. Schließlich entscheiden im Fußball oft die Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage.

 

Jakob Faber

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