Koller: "Für uns ist Okotie ein Goldfüßchen"

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„Super Drehbuch, oder?“, fragte sich Christian Fuchs.

Für einen Film wäre die Story des lange Zeit abgeschriebenen und nun zum rot-weiß-roten Quali-Helden avancierten Rubin Okotie beinahe schon zu kitschig.

Wie gegen Montenegro schoss der 27-Jährige Österreich auch gegen Russland zu einem 1:0-Sieg. Auch der Treffsicherheit des 1860-München-Legionärs ist es zu verdanken, dass das Nationalteam in seiner EM-Qualifikations-Gruppe als souveräner Tabellenführer überwintert.

„Ein geiler Typ“

Bei der Kabinen-Party nach dem erfolgreichen Arbeitstag wurde aus dem Haupt- jedoch ein Nebendarsteller.

 „Angeblich sollen die Funktionäre sogar getanzt haben. Ich weiß es aber nicht genau, weil ich am Rad gesessen bin und es nicht gesehen habe“, widmete sich Okotie lieber der Körperpflege.

Dabei hätte der Wiener allen Grund gehabt, sich feiern zu lassen. „Ein geiler Typ“, urteilte etwa der verletzte Bayern-Star David Alaba von „Münchner zu Münchner“.

„Wenn David das sagt, wird er wohl recht haben“, grinste Okotie – die einzige etwas offensivere Ansage des Matchwinners, der sich ansonsten eher in Zurückhaltung übte.

„Ich fühle mich gar nicht als Held“

„Nein, ich fühle mich gar nicht als Held“, stellte er klar, „es war wieder eine super Mannschaftsleistung, die Fans haben uns super unterstützt und jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, dass wir gewonnen haben.“

Sichergestellt hat den Sieg jedoch der Joker, der in Minute 59 für Marc Janko aufs Feld gekommen war und in der 73. Minute den Ball nach Zuspiel von Martin Harnik über die Linie drückte. Schon eine Minute zuvor hatte er den Torschrei auf den Lippen. Das Schiedsrichter-Team verweigerte dem Treffer jedoch zu seinem Ärger („Ich habe gesehen, dass der Ball hinter der Linie war“) die Anerkennung.

 



Auffällig war, dass Okotie sofort nach seiner Einwechslung ins Spiel gefunden hat: „Ich habe mich gut vorbereitet und gehofft, dass ich bald ins Spiel komme und frischen Wind bringen kann. Das ist mir Gott sei Dank gelungen.“

Nach dem Goldtor folgte die grenzenlose Erleichterung: „Extrem geil! Es war schon gegen Montenegro ein super Gefühl, jetzt gegen Russland ist es dasselbe.“

„Man muss nach Rückschlägen aufstehen, das habe ich gemacht“

Mit seinem zweiten Länderspiel-Treffer krönte Okotie ein Comeback, das ihm nur die wenigsten zugetraut hätten. Verletzungsprobleme bremsten seine Entwicklung, bei der Austria landete er im Herbst 2013 auf dem Abstellgleis. Erst ein Abstecher nach Dänemark zu SönderjyskE brachte im Frühjahr seine Karriere wieder in Schwung.

Was er vor einem Jahr geantwortet hätte, wenn ihm jemand gesagt hätte, dass er in diesem Herbst Österreich gleich in zwei wichtigen Quali-Heimspielen zum Sieg schießen würde?

„Im Fußball weiß man nie, was passiert, es ist ein sehr schnelllebiges Geschäft. Natürlich war ich vor einem Jahr ganz woanders, als ich es jetzt bin. Aber harte Arbeit wird immer belohnt. Man muss nach Rückschlägen aufstehen, das habe ich gemacht.“

Koller: „Für Okotie ist es natürlich ein Märchen“

Davor zogen auch Marcel Koller beziehungsweise seine Mitspieler ihren Hut. „Für Okotie ist es natürlich ein Märchen. Er schafft über die dänische Liga den Sprung nach Deutschland, nachdem man ihn eigentlich schon abgeschrieben hatte. Jetzt spielt er bei 1860 eine gute Rolle und zeigt auch beim Team gute Leistungen. Für uns ist er ein Goldfüßchen und –köpfchen. Wir freuen uns mit ihm“, gratulierte der Teamchef.

Harnik strich hervor, dass es nicht leicht ist, so schnell ins Spiel zu finden: „Aber er war sofort zwei Mal gefährlich. Der Ball, den er über die Linie gedrückt hat, war auch kein leichter, weil er mit sehr viel Geschwindigkeit hineinkommt und auch noch springt. Ich freue mich für ihn, dass er als Joker so gezündet hat.“

Auch Goalie Robert Almer freute sich mit dem Stehaufmännchen: „Ich weiß, wie schwierig die Vergangenheit mit seinen Verletzungen für ihn war. Sind wir froh, dass wir Rubin auf der Bank hatten. Das nächste Mal wird wahrscheinlich Marc wieder treffen. Es ist gut, wenn wir zwei Stürmer haben, die regelmäßig treffen.“

Janko: „Er hat es sich richtig verdient, im Rampenlicht zu stehen“

Janko, der Rot-Weiß-Rot in Moldawien zum Sieg geschossen hatte, hatte kein Problem damit, dass diesmal sein Konkurrent um den Job als Solo-Spitze im Mittelpunkt stand – im Gegenteil.

„Ich habe es schon im Vorfeld gesagt: Es gibt in dieser Mannschaft keinen Missgunst und keinen Neid. Wir wollen gemeinsam nach Frankreich fahren. Wer die Tore schießt, ist nicht so wichtig. Für Rubin ist das natürlich eine super Sache. Nach seiner langen Leidenszeit vergönne ich ihm das von ganzem Herzen. Er hat es sich richtig verdient, im Rampenlicht zu stehen“, betonte der Australien-Legionär.

Für den 31-Jährigen war es ein „Wahnsinns-Spiel“, in dem er jedoch nicht wie erhofft zur Geltung kam: „Solange ich am Feld war, war es eine relativ undankbare Partie für mich. Ich habe relativ viel defensiv arbeiten müssen, was ich gerne gemacht habe. Nach vorne ist wenig gegangen. Das gilt aber auch für die Russen, bis auf den Stangenschuss haben wir uns eigentlich neutralisiert.“

Janko versäumt Brasilien-Match

Am Dienstag im Testspiel gegen Brasilien dürfte sich für Okotie nun die Möglichkeit bieten, von Anfang an aufzulaufen, da Janko das Kräftemessen mit dem fünffachen Weltmeister versäumen wird. In Absprache mit seinem Arbeitgeber FC Sydney tritt er vorzeitig die Heimreise an, da schon am kommenden Samstag das nächste Meisterschafts-Spiel gegen Melbourne City auf dem Spielplan steht.

„Die Liga in Australien nimmt keine Rücksicht auf FIFA-Termine, und der Verein möchte mich logischerweise relativ frisch für das nächste Spiel haben, sie bezahlen ja immerhin mein Gehalt. Deswegen muss ich mich dem Wunsch beugen und leider nach Hause fliegen“, meinte der Niederösterreicher, der dem Duell mit den Südamerikanern nachtrauerte:

„Es ist sehr schmerzhaft. Gegen Brasilien werde ich in meiner Nationalteam-Karriere wahrscheinlich nicht mehr spielen können. Aber das sind die Opfer, die man bringt, um gegenüber seinem Verein seinen guten Willen zu zeigen.“

„Ein Weltklasse-Gegner, an dem wir uns messen können“

Des einen Leid ist des anderen Freud. Okotie fieberte dem Duell mit Neymar und Co. naturgemäß schon entgegen: „Brasilien ist ein Weltklasse-Gegner, an dem wir uns messen und sehen können, wie weit wir gegen Top-Teams sind.“

Nur für den Leiberl-Tausch nach dem Match ist diese Begegnung für das ÖFB-Team also bestimmt nicht da. Wer denn von den Brasilianern, um den Spieß umzudrehen, sein Trikot wollen könnte?

Okotie kostete der Gedanke ein herzhaftes Schmunzeln: „Ich glaube keiner!“


Peter Altmann/Martin Wechtl/Jakob Faber/Alexander Karper

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