"So gut war die Stimmung in der Kabine noch nie"

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„Ein überragendes Gefühl! Aber bitte nach außen soll es nicht wieder heißen: Wir haben es schon geschafft! Das ist nämlich nicht wahr, wir haben noch einen weiten Weg vor uns!“

Ausgerechnet der vermeintliche Lautsprecher Marko Arnautovic stellte sich nach dem 1:0 gegen Russland als Erster vor die Presse und versuchte etwaiges Gerede von einer Vorentscheidung am Weg zur EM 2016 im Keim zu ersticken. Zahlreiche seiner Kollegen sollten folgen.

Der dritte Sieg in Folge in der Qualifikations-Gruppe G war jedoch zumindest ein wichtiger Zwischenschritt in Richtung Frankreich. Mit zehn Punkten aus vier Spielen führt Österreich die Tabelle souverän an.

Nüchtern betrachtet, wurde vor allem das große Ziel erreicht, im „Heimspiel-Herbst“, in dem mit Schweden, Montenegro und Russland die drei Hauptkonkurrenten in Wien zu Gast waren, vorzulegen. Zudem spielten die Ergebnisse in den Parallel-Spielen dem ÖFB-Team bislang in die Karten. So auch am Samstagabend, als sich Montenegro und Schweden 1:1 trennten und gegenseitig Punkte wegnahmen.

Alaba: "Der Jubelschrei war sehr laut"

Entsprechend euphorisch klang im Happel-Stadion ein perfekter Fußball-Abend aus, der durchaus problematisch begann. Man kann ohne Übertreibung von Gänsehaut-Feeling sprechen, als die Spieler ihre Ehrenrunde drehten. Auch in der Kabine ging es hoch her.

„Unbeschreiblich gut. So gut war sie noch nie“, beschrieb Martin Harnik die Stimmung in der Umkleide, aus der laute Musik nach außen drang. „Vielleicht sollten wir Schallschutz-Türen einbauen, damit man das nicht so mitbekommt“, lachte Goalie Robert Almer.

Mit David Alaba schaute auch der verletzt fehlende Superstar des Nationalteams vorbei, dem die Strapazen des Mitfieberns noch ins Gesicht geschrieben waren.

Seine Beschreibung, wie es sich anfühlt, zuschauen zu müssen und nicht eingreifen zu können, fällt unter die Kategorie nicht druckreif, umso größer seine Erleichterung, als Rubin Okotie das Goldtor erzielte: „Der Jubelschrei war sehr laut. Es war ein wichtiges, sehr schönes Tor. Nicht nur ich, sondern das ganze Stadion und das ganze Land haben sich über dieses Tor sehr gefreut.“

Baumgartlinger-Ausfall als Hiobsbotschaft

Die ÖFB-Elf präsentierte sich schon unter der Woche entschlossen, den Beweis anzutreten, dass sie auch ohne den Bayern-Kicker reüssieren kann. Vor dem Anpfiff ereilte sie zudem jedoch die Hiobsbotschaft, dass mit Julian Baumgartlinger auch noch der Nebenmann Alabas passen musste.

„Er hat schon aus Mainz ein Problem mitgebracht. Im Training ging es zunächst recht gut, aber am Donnerstag sind die Probleme wieder aufgetaucht. Dann haben wir das Training zurückgefahren und geschaut, ob es geht. Am Freitag und Samstag in der Früh war es noch fraglich, ab Mittag haben wir dann zweigleisig geplant. Stefan Ilsanker hat so aufgewärmt, als würde er von Beginn an spielen und war bereit für den Einsatz“, erläuterte Teamchef Marcel Koller.

 



Ilsanker musste dann tatsächlich einspringen und bildete mit seinem Salzburg-Kollegen Christoph Leitgeb ein neu formiertes zentrales Mittelfeld.

„Wir haben einen sehr, sehr guten Kader. Das hat man heute wieder sehen können. Mit Ilsanker und Leitgeb waren zwei Sechser da, die die Ausfälle sehr gut kompensieren konnten“, stellte Alaba zufrieden fest.

„Unsere erste Hälfte war nicht gut“

Dass Alaba und Baumgartlinger dem rot-weiß-roten Spiel fehlten, war jedoch gerade in den ersten 45 Minuten nicht von der Hand zu weisen.

Zumindest im zweiten Anlauf. Denn schon einige Augenblicke vor seinem Tor glaubte er, den Ball im Netz untergebracht zu haben. „Aus meiner Sicht war der Ball hinter der Linie, zwar knapp, aber er war es. Ich habe es genau gesehen und mich deswegen auch sehr geärgert, weil der Schiedsrichter kein Tor gegeben hat. Gott sei Dank konnten wir gleich nachlegen“, strahlte der 1860-München-Legionär.

Letztlich konnte er sich aus seiner Sicht über ausgleichende Gerechtigkeit freuen, dass der Linienrichter bei seinem Treffer nicht auf die Idee kam, auf Abseits zu entscheiden und ihm somit die Show zu stehlen.

„Ich freue mich, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe, dass wir das Spiel gewonnen habe. Es ist ein schöner Moment, den ich genießen werde“, meinte der Mann des Abends.

„Bisher schwierigstes Spiel in dieser Gruppe“

Den Moment genießen lautet auch das Motto des ganzen Teams, mehr als einen Etappensieg habe man jedoch nicht eingefahren. Allerdings einen sehr wichtigen.

„Es war wie erwartet das bisher schwierigste Spiel in dieser Gruppe“, betonte Harnik, „die Russen waren nicht leicht zu knacken, weil sie gerade defensiv sehr gut standen und offensiv immer wieder für eine Überraschung gut waren. Ich denke, zum Ende hin hat sich die bessere und vielleicht auch etwas glücklichere Mannschaft durchgesetzt.“

 



Ein Fazit, dem man sich anschließen kann. „Gerade bei Heimspielen müssen wir immer bis zum Schluss warten, bis der Sieg fixiert ist. Die Jungs halten uns auf Spannung“, könnte Koller tendenziell mit weniger Nervenkitzel leben.

So lange seine Schützlinge ihre Vorsprünge über die Ziellinie bringen, wird der Schweizer ihnen die Aufregung wohl verzeihen. Vor allem, wenn dies auch mit dem Vorsprung in der Qualifikations-Gruppe gelingt.

„Froh über das Liechtenstein-Ergebnis“

Vier Punkte vor Schweden beziehungsweise deren fünf vor Russland und Montenegro überwintert das ÖFB-Team, das Ende März in Liechtenstein gastieren wird.

„Unsere erste Hälfte war nicht gut. Da hat Russland gut kombiniert, wir haben das Pressing nicht so spielen können, wie wir uns das vorgestellt haben. Von uns war wenig vorhanden, sie haben leicht durchspielen können. Nach der Pause haben wir es besser gemacht, da waren wir ballsicherer und haben gut nach vorne gespielt“, analysierte Martin Hinteregger.

In der Tat waren die Russen in einer ausgeglichenen Partie der Punktsieger der ersten Halbzeit. Die „Sbornaja“ hatte etwa durch Aleksandr Kokorin einen Stangentreffer vorzuweisen.

„Die erste Hälfte verlief nicht optimal. Da hat die letzte Konsequenz gefehlt, taktisch haben wir nicht gut gespielt. Sie hatten im Zentrum einen Mann mehr“, monierte Koller die Überzahl der Russen im Mittelfeld, die er zur Pause korrigierte, indem er die Flügelspieler Harnik und Arnautovic weiter nach innen beorderte, wenn Zlatko Junuzovic weiter nach vorne aufrückte.

Okotie: „Ein schöner Moment, den ich genießen werde“

Den entscheidenden Schwung brachte schließlich die Einwechslung von Okotie, der schon gegen Montenegro den Siegtreffer erzielt hatte und seinen Lauf fortsetzte.

Österreich Russland
Ballbesitz 45,0% 55,0%
Zweikämpfe 48,5% 51,5%
Eckbälle 6 4
Torschüsse 8 11
Torschüsse außerhalb Strafraum 4 6
Torschüsse innerhalb Strafraum 4 5
Kopfballchancen 0 5
Abseits 6 2
Fouls 15 12

Dass sich die Kicker aus dem Fürstentum in Moldawien überraschend mit 1:0 durchsetzen konnten, veredelte den gelungenen Abend Kollers: „Ich bin sehr froh über das Liechtenstein-Ergebnis, weil sonst wieder viele meinen, dass es selbstverständlich ist, gegen die Kleinen zu gewinnen. Wir sind noch lange nicht durch, müssen weiter konzentriert arbeiten.“

Seine Spieler muss der 54-Jährige nicht auf dem Boden halten. Ausnahmslos betonten die ÖFB-Kicker, dass es bis nach Frankreich noch ein weiter Weg sei.

„Niederlage“ für DJ Arnautovic

Aber zumindest die drei Punkte durften die Teamspieler feiern. Wenngleich Arnautovic dabei eine kleine – und durchaus verkraftbare – „Niederlage“ einstecken musste.

Seine Performance als DJ stieß offenkundig auf Kritik, und das nicht zum ersten Mal: „Die Jungs in der Kabine mögen meine Musik nicht so. Ich höre Hip Hop, aber das mag irgendwie keiner.“

Egal, so lange seine Rechnung auf dem Feld aufgeht: „Wir haben kein Tor bekommen, eines gemacht – perfekt!“


Peter Altmann/Martin Wechtl/Alexander Karper/Jakob Faber

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