"Top 10 sind wir sicher nicht"

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"Wichtig, auf diesem Level Konstanz reinzubringen"

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Langsam wird es zum Running Gag.

Bevor Marcel Koller am Tag nach einem Länderspiel seine Nachbetrachtung absolviert, beginnt er noch mit der Videoanalyse der Partie.

Nach dem 1:0 gegen Montenegro schaffte er 17 Minuten, diesmal waren es nach dem 1:0 gegen Russland immerhin 14 Minuten und acht Sekunden.

Die entscheidenden Momente hatte er also noch vor sich, dennoch konnte der ÖFB-Teamchef nach dem dritten Sieg in Folge zufrieden Zwischenbilanz ziehen.

Gleichzeitig wagte er natürlich einen Ausblick auf das Testspiel gegen Rekordweltmeister Brasilien am Dienstag. Die Südamerikaner haben alle fünf Partien unter Neo-Teamchef Dunga gewonnen und dabei auch noch kein Gegentor kassiert.

Koller hofft dennoch, dass die Serie an ungeschlagenen Länderspielen in diesem Kalenderjahr hält. „Das hat aber nicht die erste Priorität“, betont der Schweizer, der verrät, worauf es ihm bei diesem Kräftemessen besonders ankommt:

MARCEL KOLLER…

…ANALYSIERT DAS RUSSLAND-SPIEL:

Der Sieg fühlt sich immer noch gut an. Es war das erwartet schwierige Spiel, weil die Russen nicht so bekannt sind, man ihre Liga und ihre Spieler nicht so kennt. Aber sie haben gezeigt, dass sie Qualität haben und sehr gut Fußball spielen können, dass sie schnell und technisch stark sind. Das spricht dafür, dass sie wieder zurückkommen können, es sind noch sechs Spiele zu spielen. Es spricht aber auch für meine Aussage, die ich von Anfang an gemacht habe, dass es enge Spiele werden, in denen jeder dem anderen Punkte wegnehmen kann. Wenn wir die einzigen sind, die die Punkte nicht teilen, sondern mitnehmen, ist das natürlich schön für uns. Darüber freuen wir uns kurzfristig. Jetzt steht Weihnachten vor der Tür, wenn man auf die Tabelle schaut, sieht das natürlich alles schön und angenehm aus. Aber wir wissen, was zu tun ist, und dass wir noch nicht durch sind.

…DARÜBER, WO ER DAS ÖFB-TEAM IM EUROPÄISCHEN VERGLEICH EINORDNEN WÜRDE, OB MAN BEREITS AN DEN TOP 10 KRATZT, ODER ZULETZT AUCH GLÜCK HATTE:

Man braucht immer auch „a bissl“ Glück. Es heißt ja auch, dass man sich das Glück erarbeiten kann. Da geht es um Konsequenz. Wenn man konsequent sein will, geht man auf den Platz und versucht das mit viel Laufarbeit, Attackieren des Gegners, aber auch mit der Überzeugung, dass man gut spielen kann, umzusetzen. Das ergibt dann Siege oder die Resultate, die wiederum Selbstvertrauen geben. Top 10 sind wir sicher noch nicht, das ist für mich aber auch nicht entscheidend. Entscheidend ist für mich, auf diesem Level Konstanz reinzubringen. Wir hatten gegen Russland zwei wichtige Ausfälle und haben das im Team aufgefangen. Für mich ist das wichtig, damit diejenigen, die im Moment vielleicht nicht zur ersten Elf gehören, trotzdem das Gefühl haben, dass sie auch wichtig sind. Wenn einer ausfällt, kommt ein anderer rein und kann dementsprechend seine Leistung abrufen. Wenn der Mannschaft das über einen längeren Zeitraum gelingt, machst du einen Schritt nach vorne und wirst auch stärker. Alles andere ist eine Momentaufnahme. Es kann immer auch mal auf die andere Seite kippen, dass du ein Tor bekommst, obwohl du eigentlich besser bist. Schweden war zum Beispiel so eine Partie, die wir gewinnen hätten müssen, weil wir besser waren, mehr Möglichkeiten hatten, aber den Sieg nicht eingefahren haben. Das wird auch wieder kommen, aber wir versuchen, das so weit wie möglich rauszuzögern.

…DARÜBER, DASS MAN NACH DEM 1:0 DEFENSIV NICHTS MEHR ZUGELASSEN HAT:

Wir haben das angesprochen. Für mich ist die größte Gefahr immer in den fünf Minuten nach einem Tor. Du denkst dir, endlich ist es passiert, freust dich, die Spannung geht runter, endlich ist der Ball drinnen. Der Gegner ist sauer, bringt eine Reaktion. Wenn man sich viele Spiele anschaut, sieht man auch in Top-Ligen an jedem Wochenende immer wieder, dass nach einem Tor binnen fünf oder zehn Minuten der Ausgleich passiert. Das ist aus meiner Sicht, weil die Spannung abfällt. Ich habe das im Team angesprochen, gegen Schweden ist uns das auch passiert. Gestern habe ich drei, vier Spielern nach dem Jubel in der Kurve mit Handzeichen „fünf Minuten“ angezeigt – fünf Minuten Vollgas. Dann normalisiert sich das Spiel wieder. Du kannst dann trotzdem ein Tor bekommen, aber es ist immer ärgerlich, wenn du unmittelbar nachdem du endlich etwas erreicht hast, wieder ein Gegentor bekommst.

…ÜBER DIE EINWECHSLUNG VON RUBIN OKOTIE:

Das war nicht vorbereitet, sondern geschah anhand des Spiels. Ich hatte das Gefühl, Marc hat viel versucht, ihm ist aber nicht das absolut Perfekte gelungen. Er war viel unterwegs, hat sich angeboten, aber in dieser Situation lief es nicht so gut für ihn. Rubin hat akzeptiert, dass er nicht spielt, obwohl er gegen Montenegro das Tor gemacht hat. Janko hatte zuvor in Moldawien getroffen und gut trainiert.  Ich habe vorher mit Rubin gesprochen: Gegen Schweden ist er reingekommen und es war alles ein bisschen hektisch und nervös. Ich wollte, dass er mehr Ruhe reinbringt und nicht das Gefühl hat, er muss gleich alles reißen und in dieser halben Stunde noch die Stunde davor aufholen. Das geht ja ohnehin nicht. Es war wichtig, dass er sein Können auf den Platz bringt, jedoch mit Ruhe und Gelassenheit, aber voller Power. Das hat er gut umgesetzt.

…ÜBER DIE KURZE PAUSE VOR DEM KRÄFTEMESSEN MIT BRASILIEN:

Die Brasilianer hatten nach ihrem Sieg in der Türkei fünf Tage Zeit, sich zu regenerieren. Bei uns sind es zwei Tage. Das ist natürlich schon ein Unterschied. Wir müssen uns auch noch unsere Gedanken machen, wie wir das angehen. Ich hatte im Vorfeld natürlich schon eine Idee. Es kann je nachdem sein, dass wir die vielleicht ein bisschen modifizieren.

…DARÜBER, OB SEINE STAMMELF QUASI DAS RECHT AUF DAS ERLEBNIS BRASILIEN HAT:

Die erste Frage lautet: „Kannst du? Geht’s?“ Das müssen wir erst einmal abklären. Ich weiß jetzt im Moment noch nicht Bescheid, ob alle können. Das geht natürlich auch durch den Kopf, aber ich habe noch keine Idee, die ich öffentlich kommunizieren kann. Es ist ein Abschluss, aber wir wollen schon auch etwas zeigen. Das Stadion ist voll, und es ist nicht so, dass wir uns da nur als Puppen hinstellen wollen und die kurven um uns herum. Es ist ein schönes Spiel, gegen Brasilien spielt man auch nicht jeden Tag.

…ÜBER SUPERSTAR NEYMAR:

Ich weiß noch nicht, ob Neymar von Anfang an spielt. Ich habe die letzten fünf Spiele unter Teamchef Dunga gesehen. Es ist Wahnsinn, wie der da rumkurvt. Gerade gegen Ekuador, Kolumbien und Argentinien wurde er vom Feinsten weggeputzt, ist aber immer wieder aufgestanden und hat es wieder versucht. Es ist schon eine extrem hohe Klasse, was er an Schnelligkeit, Technik und Beweglichkeit auf den Platz bringt. Wenn du denkst, du bist jetzt nah dran, kannst ihn packen, ist er weg. Das ist schön anzuschauen. Wir hoffen, dass er spielt, damit wir das genießen können, aber nicht so, dass er uns weh tut.

…DARÜBER, OB DIE BRASILIANER UNTER DUNGA ANDERS SPIELEN ALS BEI DER WM:

Sie spielen schon anders, ja. Ich habe mir nur die fünf Spiele angeguckt. Sie sind gut organisiert, attackieren früh, machen ein sehr hohes Pressing. In der Defensive stehen sie mit sechs Mann, in der Offensive denken sie sich: Der Gegner soll sich nach uns richten. Wenn du einen  Fehler machst, geht das Umschalten in die Offensive blitzschnell. Sie machen natürlich alles im Sprint mit sehr hoher Technik. Da musst du aufpassen, dass nichts passiert.

…DARÜBER, OB DER BESUCH DES RUSSLAND-SPIELS DUNGAS MEINUNG ÜBER ÖSTERREICH BEEINFLUSST HABEN KÖNNTE:

Ich denke, wenn du fünf Siege gegen Top-Teams einfährst, hast du viel Selbstvertrauen. Das wird er auch seinen Spielern vermitteln. Ich glaube nicht, dass die Brasilianer groß auf den Gegner schauen, sondern auf ihr Spiel. Die vier, fünf Spieler, die für die Offensive zuständig sind, haben so viel individuelle Qualität, die können jedem Gegner wehtun. Wenn du das hast, bist du grundsätzlich einmal von dir überzeugt und schaust nicht großartig auf den Gegner.

…DARÜBER, WAS ES BEDEUTEN WÜRDE, WENN DIE SERIE AN UNGESCHLAGENEN SPIELEN IN DIESEM KALENDERJAHR ENDEN WÜRDE:

Ich würde mich nicht so über Weihnachten freuen (lacht). Es wäre natürlich schön, wenn wir die Serie weiter behalten könnten. Es hat jetzt aber nicht erste Priorität. Wichtig ist zu versuchen, sich gegen einen Top-Gegner weiterzuentwickeln. Wir wollen auch die Spieler beobachten, wie sie sich bewegen und ihnen absolute Top-Klasse zeigen. Was braucht es, um dahinzukommen? Wie bewegt sich der Gegner? Dafür braucht es auch Demut, vor der eigenen Tür zu kehren und zu schauen: „Das kann ich noch verbessern, das und das kann ich noch mitnehmen.“ Das ist auch Anschauungsunterricht, um sich weiter zu verbessern.

…DARÜBER, DASS MAN 2015 OFT AUSWÄRTS ANTRETEN MUSS UND DER VORTEIL DES „12. MANNES“ FEHLEN WIRD:

Wir hoffen natürlich, dass der 12. Mann mit dabei ist. Es wird ein bisschen weniger sein, aber in Moldawien waren die Fans, die mitgekommen sind, sehr gut. Es war eine schöne, große Ecke. Ich glaube schon, dass uns österreichische Fans begleiten werden. Auswärts wird nicht ganz so eine Stimmung sein, aber trotzdem so, dass man spürt, dass die Fans hinter uns stehen und die Spieler ihre Leistung abrufen können. Am liebsten würde ich alle 48.000 mitnehmen, aber das geht leider nicht. Aber wir wissen, dass viele zu Hause vor dem Fernseher sitzen, uns die Daumen drücken und mit geistiger Präsenz versuchen, die Spieler auf dem Platz positiv zu beeinflussen.

Aufgezeichnet von Peter Altmann

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