"Auch ohne David bin ich nicht der Hauptmann"

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Dass es ÖFB-Teamchef Marcel Koller am liebsten ist, wenn seine Spieler ihre Leistung am Platz für sich sprechen lassen, ist keine Feststellung mit News-Charakter.

Je wichtiger ein Länderspiel, desto weniger schätzt der Schweizer allzu viel Gerede im Vorfeld. Es ist längst augenscheinlich, dass der 54-Jährige für diese Qualifikations-Kampagne die interne Sprachregelung noch einmal verschärft hat.

Bescheidenheit ist Trumpf, Hochrechnungen über die Tabellensituation sind absolut verpönt („Wir schauen von Spiel zu Spiel“), man geht natürlich in jedes Spiel, um es auch zu gewinnen, Kampfansagen an den Gegner sind jedoch genauso wenig erwünscht wie an interne Konkurrenten im Duell um einen Stammplatz.

Dieses Vorgehen ist langweilig und schlau zugleich. Letztlich bleibt es ohnehin jedem selbst überlassen, wie fantasievoll er die ÖFB-Message verkauft.

„Wir waren bei der WM, ihr wart im Urlaub!“

Konkretes Beispiel: Die etwaige Favoritenrolle gegen Russland. Österreich hat ein Heimspiel, führt die Quali-Gruppe G an und rangiert in der jüngsten Weltrangliste auf Platz 29 – einen Rang vor der Elf von Teamchef Fabio Capello.

Trotzdem regiert weiterhin rot-weiß-rotes Understatement, wie Marko Arnautovic und Marc Janko bei ihrem gemeinsamen Medientermin am Donnerstag unter Beweis stellten.

Arnautovic: „Ich weiß nicht, warum wir Favorit sein sollen, wenn die bei der WM waren? Die können hierher kommen und sagen: Wir waren bei der WM, ihr wart im Urlaub!“

Janko: „Die Weltrangliste ändert sich alle drei Wochen aus unerklärlichen Gründen. Das kann man nicht immer nachvollziehen. Wir haben noch nichts erreicht, sind noch sehr weit weg von einer Qualifikation. Deswegen müssen wir eigentlich auch auf Understatement machen. Wir können nicht sagen, wir sind wer, weil wir noch niemand sind. Wir spielen gegen einen Gegner, der sich souverän für die letzte WM qualifiziert hat. Dass sie regelmäßig an großen Turnieren teilnehmen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wir haben da eher eine düstere Bilanz, deswegen sind sie der klare Favorit.“

„Läuft nicht so, wie ich mir das vorstelle“

Unabhängig von der Favoritenrolle weiß natürlich jeder im rot-weiß-roten Lager, dass man sich mit einem vollen Erfolg eine ausgezeichnete Ausgangsposition im Kampf um ein Ticket für die EM in Frankreich verschaffen könnte.

Diesbezüglich wird eine gute Performance der beiden Stammkräfte von Nöten sein, deren Leistungskurve seit der letzten ÖFB-Zusammenkunft jedoch ein wenig auseinanderging. Während Janko beim FC Sydney lange vermisste Spielpraxis sammeln konnte, durchlebt Arnautovic bei Stoke City nicht seine glücklichste Phase.

Nach seiner überragenden Darbietung gegen Montenegro, bei der er jedoch mit einer Blessur ausgewechselt werden musste, war er in England zu einer kurzen Pause gezwungen. Danach reichte er nur noch zu einem 21-minütigem Einsatz in der Premier League und einer Partie über die volle Distanz im League Cup, ansonsten verzichtete Trainer Mark Hughes auf seine Dienste.

„Im Prinzip läuft es nicht so, wie ich mir das vorstelle“, gesteht der 25-Jährige. Aber damit müsse man im Fußball leben. Warum sein Coach derzeit nicht auf ihn baut, möchte er nicht verraten: „Ich kann hier nicht sagen, warum er mich nicht spielen lässt. Ich habe ihn gefragt, aber das bleibt natürlich intern. Ich hoffe aber, dass ich nach meiner Rückkehr wieder meine Spielminuten bekomme.“

Zur Not mit Tape-Verband

Dazu kam zuletzt der Bruch seines Handgelenks. „Das passierte in einem Zweikampf mit Peter Crouch. Ich wollte den Ball abdecken, er wollte ihn wegschießen und meine Hand war dazwischen“, erzählt der Wiener, der jedoch fest von einem Einsatz gegen die Russen ausgeht: „Mir geht es gut. Es hindert mich nicht daran, am Samstag zu spielen.“

Auch der englische Schiedsrichter Martin Atkinson sollte diesbezüglich keine Hürde darstellen: „Ich gehe davon aus, dass ich mit der Manschette spielberechtigt bin. Wenn das nicht der Fall ist, spiele ich eben mit Tape-Verband. Egal wie es der Schiedsrichter sieht, wenn es der Trainer zulässt, werde ich spielen.“

Tipps, worauf das Referee-Gespann aus der Premier League wert legt, kann Arnautovic übrigens keine geben: „Ich kenne keinen Schiedsrichter auf dieser Welt.“

Ein Thema, das den 38-fachen A-Team-Spieler nun schon eine geraume Zeit verfolgt, ist seine Torsperre im Nationalteam. „Was man dagegen machen kann? Ball nehmen und schießen!“, hätte Arnautovic ein recht einfaches Rezept parat.

„Nur weil David nicht da ist, sage ich nicht, ich bin der Hauptmann“

Er selbst versucht jedoch, sich diesbezüglich nicht verrückt machen zu lassen: „Für mich ist es gleichgültig, ob ich ein Tor oder ein Assist mache. Das Wichtigste ist, dass ich meine Leistung bringe. Wie ist egal. Ich kann doch nicht vor dem Spiel sagen: ‚Ich mache ein Tor oder lege drei auf.‘ Ich muss schauen, dass ich meine Top-Leistung bringe. Wenn mir das gelingt, bin ich sicher, dass ich der Mannschaft helfen kann.“

In vier Liga-Spielen blieb dies bislang sein einziges Tor. Mit drei Siegen und einem Remis fällt die Bilanz jedoch positiv aus. Dass er sich nun endlich im regelmäßigen Meisterschaftsbetrieb befindet, ist so oder so ein Fortschritt im Vergleich mit den vergangenen Jahren:

„Je mehr Spielminuten ich bekomme, desto besser geht es mir. Es wird von Woche zu Woche besser. Noch bin ich nicht auf meinem Zenit, kann mich noch immer verbessern, aber das ist natürlich durch diesen langen Leerlauf davor bedingt“, betont der Niederösterreicher, der den Spagat zwischen fehlender Spielpraxis und Nationalteam im Rückspiegel als schwierig betrachtet:

„Mehrheitlich habe ich diese Zeit aber ganz gut absolviert. Ich habe nicht immer, aber oft meine Leistung im Nationalteam gebracht, vor allem wenn es wichtig war. Deswegen macht mich das im Nachhinein sehr stolz.“

„Babys brauchen ihren Rhythmus, und ich auch“

Der aktuelle Rhythmus sei jedoch umso entscheidender, weil sonst gewisse Automatismen einrosten und sich körperliche Defizite einschleichen würden. „Rhythmus ist immer wichtig, jedes Lebewesen braucht seinen Rhythmus. Babys brauchen ihren Rhythmus, und ich auch“, grinst der Stürmer.

Die Wahrscheinlichkeit, dass er am Samstag wieder seinen Stammplatz im Angriffszentrum einnehmen wird, ist relativ hoch, wobei Okotie gegen Montenegro seine Chance eindrucksvoll genutzt hat.

„Rubin hat das wirklich sehr gut bis hin zu überragend gemacht. Ich habe mich sehr gefreut, als ich aus dem Flugzeug ausgestiegen bin und die Nachricht am Handy gelesen habe“, erklärt Janko, der sich während der Begegnung auf der Heimreise nach Australien befand.

Bezüglich Platz in der Startelf verweist der Routinier auf die Aussagen von György Garics über dessen Duell mit Florian Klein: „Györgys Worte haben mir sehr gut gefallen. Momentan ist so ein Zusammenhalt im Team, dass es mehr oder weniger egal ist, wer spielt. Das Wichtigste ist, dass sich Österreich qualifiziert, da haben Einzelschicksale keinen Platz. Da muss sich jeder unterordnen. Da geht es nicht um Marc Janko oder Rubin Okotie. Wer im Endeffekt die Tore reinmacht, ist egal.“

Wer die Leistung am Platz für sich sprechen lässt, ist in Zeiten wie diesen für Fußball-Österreich ohnehin zweitrangig.

Peter Altmann

Gegen Montenegro krönte die Offensivkraft ihre starke Leistung mit der sehenswerten Vorlage für das Goldtor von Rubin Okotie. Ob er damit die letzten Zweifler besänftigt habe? „Ich bin stolz, dass die Mannschaft und der Trainer mit mir zufrieden waren. Ob ich die Kritiker glücklich gemacht habe, interessiert mich recht wenig.“

Interessiert beobachten wird die Öffentlichkeit, wie es der Mannschaft gegen Russland gelingt, den Ausfall von David Alaba zu kompensieren. Arnautovic fühlt sich durch das Fehlen des Bayern-Stars nicht in eine Rolle gedrängt, in der er mehr Verantwortung als sonst übernehmen muss.

„Ich sehe meine Rolle als dieselbe wie immer. Ich bin ein Spieler, der die Mannschaft gerne mitreißt und nach vorne bringt. Ich stehe bis zum letzten Tropfen hinter dieser Mannschaft, und bin derselbe Mensch, der ich normal auch bin, egal ob David da ist oder nicht. Auch wenn David da ist, werde ich am Platz laut und probiere der Mannschaft zu helfen. Nur weil David nicht da ist, sage ich nicht, ich bin der Hauptmann und sage, was zu tun ist.“

„Jeder ist mit dem anderen fast schon verschworen“

Generell habe er in seiner Zeit beim Nationalteam noch nie so eine überragende Stimmung wie derzeit erlebt. Eine Einschätzung, die Janko vollinhaltlich teilt, als er auf die Fortschritte unter Koller angesprochen wurde:

„Es fängt beim Team-Zusammenhalt an, jeder Spieler ist mit dem anderen fast schon verschworen. Daran hat der Trainer natürlich einen großen Anteil, er sorgt für eine dementsprechend positive Stimmung. Dann geht es weiter zu taktischen Entwicklungen der Mannschaft sowohl im defensiven als auch offensiven Bereich. Diese Entwicklung ist nicht von der Hand zu weisen, das sieht man auch auf dem Feld.“

Diese Fortschritte seien auch auf die Zuschauerränge übergeschwappt, die Euphorie eine andere als noch vor einigen Jahren. Der größte Plus-Punkt sei jedoch, dass man endlich eine gewisse Konstanz an den Tag legen würde. In diesem Kalenderjahr ist das Nationalteam noch ungeschlagen.

Mit seinem Siegtreffer in Moldawien hat auch Janko nicht unwesentlichen Anteil an der Begeisterung rund um die ÖFB-Elf. Durch die folgende Rote Karte musste er um seine Reise zu diesem Lehrgang zittern. Die UEFA beließ es jedoch bei der Sperre für das Montenegro-Match.

Debüt-Tor? „Damit habe ich mir die Latte sehr hoch gelegt“

Am selben Tag, als ihn diese erfreuliche Nachricht ereilte, erzielte der 31-Jährige zudem sein Debüt-Tor für Sydney – und zwar auf traumhafte Art und Weise aus 45 Metern. „Damit habe ich mir die Latte natürlich sehr hoch gelegt, weil man das nun Woche für Woche von mir erwartet“, grinst Janko, dem jedoch die Einzigartigkeit dieses Treffers bewusst ist: „Logisch, dass das ein positiver Ausreißer war.“

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