Die Erkenntnisse eines gelungenen Camps

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Zwei ansprechende Leistungen, Fortschritte im taktischen Bereich, dazu ein hervorragendes Mannschafts-Klima – das ÖFB-Camp in Seefeld samt der beiden Tests gegen die Ukraine (3:2) und Rumänien (0:0) wird ÖFB-intern als Erfolg bewertet.

Der allgemeine Tenor lautet, dass das Nationalteam unter Teamchef Marcel Koller auf einem guten Weg ist, wenngleich es auf der Hand liegt, dass dieser noch steinig werden kann. Die Aufholjagd auf international vertretbares Niveau geht bekanntlich nicht von heute auf morgen.

„Wir sind auf dem Weg, ein Gesicht zu entwickeln“, meint Koller selbst. Der Schweizer hat die viel zitierte Politik der kleinen Schritte gewählt, geht dabei behutsam und einen Plan verfolgend vor, will nichts überstürzen.

Bei der Mannschaft läuft er damit offene Türen ein. „Man hat in diesen zwei Spielen gesehen, dass jeder am neuen Projekt teilhaben will“, verdeutlicht etwa Sebastian Prödl.

Die zwölf Tage in Tirol lieferten ohnehin einige Erkenntnisse. LAOLA1 fasst diese zusammen:

  • INTENSIVE ARBEIT: Koller hat seine Schützlinge gerade in der Anfangsphase des Camps nicht geschont. An beinahe jedem Tag standen zwei Trainingseinheiten auf dem Programm. Bis zum spontan freigegebenen Mittwoch zwei Tage vor dem Ukraine-Spiel war einigen Akteuren die Müdigkeit bereits anzusehen. Dennoch zogen alle Spieler sehr zur Zufriedenheit des Teamchefs voll mit. Das Thema "Urlaub", das in den vergangenen Jahren bei den Mai/Juni-Länderspielen immer wieder Diskussionsstoff bot, wurde erfolgreich in den Hintergrund gedrängt. "Es hat sehr viel Spaß gemacht, mit den Jungs zusammenzuarbeiten. Sie haben sich voll reingehängt", wurde Koller nicht müde zu betonen.

  • KLARE INHALTE: Der neue Betreuerstab arbeitet ein Thema nach dem anderen ab und nimmt dabei auch in Kauf, dass bei den zwischenzeitlichen "Generalproben" der Text noch nicht hundertprozentig sitzt. Soll heißen: Diesmal wurde an den defensiven Grundprinzipien gefeilt, Koller nahm es daher ausdrücklich "auf meine Kappe", dass das Spiel nach vorne gegen die Ukraine nicht nach Wunsch funktionierte. Dies sei nur allzu verständlich, wenn die Spieler im Training nur defensive Strategien und Lektionen eingetrichtert bekommen. Wichtig war, dass man auf dem Feld dennoch sehen konnte, wohin die taktische Reise unter Koller hingehen soll, ein klarer Plan und verbesserte Struktur zu erkennen war (siehe LAOLA1-Taktik-Analyse).

Nach erledigter Arbeit ist Marcel Koller auch zu Scherzen bereit

  • ZUGÄNGLICHER TEAMCHEF: Sympathie entsteht in erster Linie über Leistung, das ist auch Koller klar. Der Schweizer ist kein Showman, sondern ein penibler Handwerker, der durch Arbeit überzeugen will. Fraglos der richtige Zugang. Aber auch der 51-Jährige scheint verstanden zu haben, dass Österreich ein Land ist, wo nicht nur die Fakten zählen, sondern es auch auf die Zwischentöne ankommt. Da er zudem die Verbundenheit mit dem Publikum als wichtigen Trumpf erachtet - das "Pflänzchen", wie er es nennt - scheint er auch als Persönlichkeit aufzutauen. Er präsentierte sich im Rahmen dieses Camps in passenden Momenten locker, war auch mal zum einen oder anderen Scherz bereit. Gut angekommen ist auch seine Aktion, das Trainings-Publikum zu einem gemeinsamen Foto mit dem Nationalteam auf den Platz zu holen. Auch teamintern präsentierte er sich flexibel, wenn ein gewisses Limit erreicht ist. Da alle mitzogen, entschloss er sich sein Programm nicht voll durchzuziehen und setzte gerade zwischen den beiden Länderspielen beinahe ausschließlich auf Regeneration und Spaß.
  • EUPHORIEBREMSE: So positiv das Fazit dieses Lehrgangs ausfällt, so wenig war es wert, wenn man nicht nachsetzt und die nächsten Schritte macht. Dies ist allen Beteiligten im ÖFB-Lager bewusst. Deshalb war Janko auch bemüht, ein wenig auf die Euphoriebremse zu treten: "Ich möchte ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen. Es waren zwei sehr positive Länderspiele, mit denen wir zufrieden sein können, aber wir sehen es nicht ganz so euphorisch wie einige. Wir halten es für gute erste Schritte und wollen gegen die Türkei nachlegen, aber wir wissen auch, dass es erst dann zu zählen beginnt, wenn die WM-Qualifikation anfängt." Und selbst mit dem Schlager gegen Deutschland am 11. September ist der Weg natürlich noch nicht zu Ende - unabhängig vom Ausgang, wie Koller betont: "Wenn wir gegen Deutschland verlieren, sind wir noch nicht ausgeschieden. Und wenn wir gegen Deutschland gewinnen, sind wir noch nicht Weltmeister."

Peter Altmann

  • DIE JANKO-FRAGE: Wie kann der Kapitän besser ins Spiel eingebunden werden? Diese Frage war ein zentrales Thema dieses Camps. Gegen die Ukraine funktionierte dies kaum, gegen Rumänien eine Spur besser, dennoch besteht fraglos Luft nach oben. Koller monierte nach der Partie gegen den EM-Gastgeber, dass man Janko auch so anspielen müsse, dass er die Bälle verarbeiten kann. Daran, dass der Porto-Legionär Österreichs Stoß-Stürmer mit dem besten Riecher für Tore ist, sollte wenig Zweifel bestehen. Zudem war er diesmal nicht gänzlich fit, weswegen er gegen Rumänien auch zur Halbzeit raus musste. Nach der Sommerpause, wenn offensive Inhalte vermehrt im Fokus stehen, könnte sich das Blatt ohnehin wenden und die Diskussion verstummen. Janko selbst verspricht: "Nach dem Urlaub werde ich euch eines Besseren belehren!"
  • DIE INTEGRATION VON MARKO ARNAUTOVIC: Damit ist weniger die menschliche Integration des Exzentrikers ins ÖFB-Gefüge gemeint. Innerhalb des Kaders hat der Wiener genügend Freunde, wie David Alaba, Yasin Pehlivan und Co. Und jene, die möglicherweise nicht ganz auf einer Wellenlänge mit dem Bremen-Profi liegen, wissen inzwischen besser, mit ihm umzugehen, vielleicht auch einmal ein Auge zuzudrücken. Gemeint ist viel mehr seine Integration auf dem Platz. Gegen die Ukraine brachte er zwar offensiv lange Zeit keine gelungene Leistung, hielt sich aber in der Rückwärtsbewegung an die Vorgaben und stellte letztlich seinen Killerinstinkt unter Beweis. Gegen Rumänien hat Arnautovic wiederum bewiesen, dass er taktisch sehr diszipliniert agieren kann. Dies zeigt, dass es möglich sein kann, den Deutschland-Legionär in ein Korsett zu zwängen. Wenn er sich akzeptiert fühlt, kann er viel zurückgeben, und aktuell fühlt er sich akzeptiert. Sein Redeschwall, wie "geil" diese Woche nicht gewesen sei, war nicht gestellt, sondern kam von Herzen. So gesehen ist Koller ein erster Etappensieg im Umgang mit dem vermeintlichen Problemboy gelungen, wenngleich dem Teamchef bewusst ist, dass noch jede Menge Arbeit wartet: "Der Junge kann noch mehr. Wenn er sein Image ablegen will, geht das nur mit Leistungen und nicht mit Getue abseits vom Platz. Das umzusetzen, dauert länger. Er hat ein gutes Spiel gezeigt, aber ich will noch mehr sehen."
  • STAR DAVID ALABA: Vielleicht tut es Arnautovic auch gut, dass nicht mehr alle Augen auf ihn gerichtet sind. Aktuell hat zweifelsohne David Alaba die Rolle im Rampenlicht übernommen. Egal ob bei den Trainingszaungästen in Seefeld oder beim Publikum am Innsbrucker Tivoli: Der Bayern-Star ist derzeit die Nummer eins in der Gunst des Publikums. Die bescheidene Herangehensweise des Youngsters kommt an. Auch wenn er in beiden Testspielen die Strapazen der langen Saison nicht verleugnen konnte, rechtfertigte er diesen Status mit Leistung. "Es geht etwas nach vorne", beurteilt Alaba die Situation im Nationalteam und freut sich, dass inzwischen auch mehr fürs Auge geboten wird: "Ich glaube, wir sind ein Team, das besser das Spiel macht, als es nicht zu machen."

  • CRASH-KURS: Dieses Camp in Seefeld war für den Teamchef eine "Königsetappe" auf dem Weg zum Ziel WM-Qualifikation. Umso schmerzlicher war für den 51-Jährigen die Absagewelle im Vorfeld. Vor allem das verletzungsbedingte Fehlen der drei Säulen Christian Fuchs, Martin Harnik und Emanuel Pogatetz tat weh. Nach dem Rumänien-Spiel kündigte Koller an, dass es für die Abwesenden dieses Lehrgangs vor dem Test gegen die Türkei im August einen "Crash-Kurs" der in den vergangenen Tagen erarbeiteten Details geben werde.
  • GESTEIGERTER KONKURRENZKAMPF: Kein Schatten ohne Licht: Aufgrund der zahlreichen Absagen ergab sich für andere Kandidaten die Gelegenheit, bei Koller vorzuspielen. Dies gilt nicht nur für die Debütanten um Patrick Bürger, Marcel Sabitzer oder den erstmals in der Startelf aufscheinenden Guido Burgstaller. Auch etabliertere Kicker wie Paul Scharner, der den Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung anheizte, Zlatko Junuzovic, der in der zentralen Rolle hinter Solo-Spitze Marc Janko massive Eigenwerbung betrieb, Markus Suttner, der Fuchs links in der Viererkette gut ersetzte, oder Veli Kavlak, der eine echte Alternative als Sechser oder Achter darstellt, machten an Terrain gut. György Garics sollte sich zudem endgültig auf der Problemposition Rechtsverteidiger etabliert haben. "Das Bild wird immer klarer", sagt Koller selbst und freut sich, dass sich sein zunehmend größer werdender "Pott" an Kandidaten einen gesunden Konkurrenzkampf liefert.

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