"Ich weiß schon, was ich tue"

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"Wir dürfen nicht nach rechts und nach links schauen"

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Die Sechs-Punkte-Woche des ÖFB-Teams.

Für Teamchef Marcel Koller waren es intensive sieben Tage, in denen kaum Zeit blieb, einmal durchzuschnaufen.

Nach dem 1:0-Sieg gegen Montenegro fiel daher eine gehörige Portion Last vom Schweizer ab. Viel Zeit für Schlaf blieb jedoch auch diesmal nicht, auch wenn es eine 18-Uhr-Partie war. Das Erlebte musste erst einmal verarbeitet werden.

Im konkreten Fall naturgemäß ein angenehmer Vorgang. Entsprechend gelöst und auskunftsfreudig präsentierte sich Koller am Tag danach bei seiner Nachbetrachtung:

MARCEL KOLLER…

…ANALYSIERT DAS MONTENEGRO-SPIEL:

Ich bin bislang nur dazu gekommen, mir die ersten 17 Spielminuten nochmals anzusehen, aber es hat schon sehr gut ausgesehen, was die Jungs auf den Platz gebracht haben. Sie haben von Anfang an früh gestört, hatten gleich drei, vier gute Möglichkeiten, wo wir schon in Führung gehen müssten. Ich denke, die Jungs haben das bis zum Schluss durchgezogen. Wir haben immer wieder unser Spiel gezeigt, das wir uns vorgenommen haben. Wir haben uns einige Möglichkeiten herausgespielt. Leider hat das zweite Tor gefehlt, um wirklich Ruhe zu bekommen - ob das bei mir unten an der Linie war oder auch auf den Rängen im Publikum. So gab es immer diese Anspannung, dass noch etwas passieren kann. Ich wusste, dass Montenegro Spieler hat, die diese Entscheidung herbeiführen können. Das wäre dann durch Mirko Vucinic fast noch unverdientermaßen geglückt. Von Robert Almer war das eine Weltklasse-Reaktion. Von außen hatte ich das Gefühl, das sei aus 14 Metern Entfernung gewesen, im Fernsehen habe ich gesehen, dass es sieben Meter waren. Es ist sehr wichtig, dass wir diese Punkte eingefahren haben. Das Gefühl ist immer noch gut, auch nach wenig Schlaf. Nichtsdestotrotz brauchen wir die richtige Sichtweise. Die Tabelle sieht hervorragend aus, ist aber nur ein Zwischenschritt. Wichtig wird sein, dass wir zum Schluss vorne stehen und unser großes Ziel erreichen.

…DARÜBER, WIE NAHE DIE LEISTUNG AN SEINER IDEALVORSTELLUNG WAR:

Es war ein hervorragendes Spiel, in dem wir unsere Stärken umgesetzt haben. Wir sind defensiv kompakt gestanden und haben nur wenig zugelassen. Jeder hat jeden unterstützt, Montenegro hat nicht viel Zeit bekommen, um ihre Kombinationen aufzuziehen, und sie können auch Fußball spielen, wenn man sie lässt. In der Offensive mit wirklich schönen Spielzügen hat alles sehr gut ausgesehen. Was mir schon gefehlt hat, waren eben die Tore, da waren wir zu nachlässig und hatten nicht diese Abgebrühtheit und dieses Bewusstsein. Ich habe es schon einige Male erwähnt: Beim Team ist es sehr schwierig, das reinzubringen. Wir hatten zwei Trainingseinheiten, in denen alle auf dem Platz standen. Das braucht die tägliche Arbeit, um das festigen und konstant auf ein höheres Level bringen zu können. Außerdem ist es wichtig, am Schluss noch mehr Ruhe reinzubringen, den Ball noch mehr zirkulieren zu lassen. Das hat ein wenig gefehlt. Wir sind da natürlich so im Eifer und Spielfluss drinnen, dass dann zwischendurch mal ein bisschen Ruhe wichtig wäre. Ich habe am Schluss den Hinweis gegeben, dass sie zur Eckfahne gehen müssen, damit Zeit verstreicht und Montenegro nicht mehr in Ballbesitz kommt. Denn jedes Mal, wenn sie beim Stand von 1:0 in Ballbesitz kommen, ist es Energie für sie, dann kommen sie wieder nach vorne. Wenn du in Ballbesitz bleibst, Einwürfe und Eckbälle herausholst, können sie kein Tor schießen. Wir haben das schon ein paar Mal besprochen, aber das ist noch nicht so im Team drinnen.

…ÜBER DIE GEHIRNERSCHÜTTERUNG VON LUKAS HINTERSEER, DER GLEICH NACH SEINER EINWECHSLUNG EINEN BALL AN DEN KOPF BEKAM UND DANACH EIN BLACKOUT HATTE:

Wenn ich ihn am Spielfeldrand gesehen habe, hat er immer irgendetwas an der Nase herumgemacht. Er meinte, er blutet. Ich habe dann reingeschrien: „Du blutest nicht, mach weiter! Hau dich rein!“ Nach dem Spiel bin ich in die Kabine gekommen und er liegt auf dem Bett. Ich habe dann erst mitbekommen, dass der Verdacht auf Gehirnerschütterung besteht. Es war ihm auch schlecht, er hat nichts mitbekommen und wusste nicht, dass er eine große Torchance hatte. Für mich ist es eigentlich ein Wahnsinn, dass er da noch so gespielt hat. Wenn du schon mal eine Gehirnerschütterung hattest, ist dir das vielleicht auch bewusst und du machst ein Zeichen nach außen, dass es nicht mehr geht. Für uns war es natürlich fantastisch, dass er noch so gespielt hat, aber keiner wusste, was eigentlich ist. Er selber hat sich nicht gemeldet und ist nur marschiert, marschiert und marschiert. Das ist eigentlich verrückt!

…ÜBER DIE ENTWICKLUNG VON JULIAN BAUMGARTLINGER:

Er hat ein sehr gutes Siel gezeigt. Er hat sich auch in Mainz unter dem neuen Trainer weiterentwickelt. Er ist ja eine Maschine, ist immer unterwegs und will bei jedem Ball und jedem Zweikampf dabei sein, ist auf dem ganzen Platz unterwegs. Das ist nicht immer gut. Wir haben immer wieder darüber gesprochen, ein bisschen ruhiger zu werden, ein bisschen Energie zu sparen und mit mehr Auge zu spielen. Wenn du im positiven und nicht im negativen Sinne eine Spur weniger läufst, musst du nicht überall dabei sein, kannst aber, wenn du dabei sein musst, volle Pulle geben. Das setzt er jetzt hervorragend um. Wir freuen uns, dass er so eine Entwicklung gemacht hat.

…ÜBER EINES DER BESTEN LÄNDERSPIELE VON MARKO ARNAUTOVIC:

Er ist am Weg. Er hat Qualitäten und die muss er noch mehr abrufen. Das ist natürlich auch eine Erfahrungssache. Wir wissen, ihr wahrscheinlich noch mehr als ich, dass vorher für ihn auch andere Dinge wichtig waren. Jetzt ist er schon auch fokussiert. Ich habe bereits nach dem Spiel erzählt, dass er früher auch mal gemeckert hat, dass er zu wenige Bälle bekommt.  Darauf hat er von mir die Antwort bekommen, dass er sich halt mehr bewegen, auch in die Tiefe gehen oder vielleicht ins Zentrum kommen und die Bälle verlangen muss. Das hat er gestern hervorragend umgesetzt. Es ist für mich gut, das zu sehen, damit ich sagen kann: „Du kannst das, du hast das gezeigt, also ist das die nächste Stufe, die du nicht unterschreiten solltest.“

…ÜBER DEN KONKURRENZKAMPF ZWISCHEN MARC JANKO UND RUBIN OKOTIE:

Gegen Russland wird Marc wahrscheinlich, ich gehe einmal davon aus, auch noch gesperrt sein. Es ist gut, wenn Konkurrenz besteht. Rubin hat das gut gemacht, Marc hat das zuvor in Moldawien gut gemacht. Es ist eh das, was wir suchen: Gute Stürmer, die international Tore schießen können. Wir wären froh, wenn diese Form noch ein bisschen anhält.

ÜBER DEN UMSTAND, DASS ÖSTERREICH GEGNER WIE SCHWEDEN ODER MONTENEGRO INZWISCHEN SPIELERISCH DOMINIEREN KANN:

Wir haben immer wieder versucht, das zu verlangen, dass jeder Fußball spielt und sich keiner versteckt. Das hat jetzt gut geklappt und gibt auch Selbstvertrauen. Die Spieler sehen ja selber auch, dass die Fußball spielen und mit dieser Spielweise erfolgreich sein können, sie nicht irgendwie lange Bälle spielen müssen, um dann auf die zweiten Bälle zu gehen. Vielleicht fehlt in der einen oder anderen Situation noch ein bisschen mehr Ruhe, Geduld und Abgeklärtheit. Aber das wird kommen.

…DARÜBER, DASS SICH AUCH DIE KONKURRENZ IN DER GRUPPE IN MANCHEN SPIELEN BEIM TORABSCHLUSS SCHWER TAT:

Das ist so. Schon nach dem Schweden-Spiel haben wir gesagt, es gibt auch andere Teams, die nicht jede Torchance verwerten. Wichtig ist immer, dass man doch noch eines macht und Punkte mitnimmt. Gegen Montenegro wären vier oder fünf möglich gewesen. Aber es ist wiederum auch gut, dass die Euphorie nicht noch größer wird. Mit dem 1:0 bleiben wir am Boden.

…DARÜBER, WIE INTENSIV MAN SICH MIT DEN PROBLEMEN RUSSLANDS ODER MONTENEGROS NACH DEN JÜNGSTEN PATZERN BESCHÄFTIGT:

…ÜBER DIE BESTÄTIGUNG, DASS ES RICHTIG WAR, AN KRITISIERTEN SPIELERN WIE FUCHS, JANKO ODER ALMER FESTZUHALTEN:

Ich weiß schon, was ich tue. Aber ich protze jetzt nicht rum, weil ich eine Bestätigung brauche. Das Team hat sich entwickelt. Es sind ein paar Spieler mehr dazugekommen, die für uns interessant sind. Wir müssen entscheiden: Reicht es, um auf diesem Level spielen zu können? Und das ist ein hoher Level. Wenn du neu dazukommst, braucht das immer wieder Anpassung. Bei einem jungen Spieler geht das rascher als bei einem 30-Jährigen. Junge sind aufnahmefähiger, hören zu und setzen das um. Mit 30 hast du einen gewissen Standard, den du immer spielst. Wir sind von diesen Spielern überzeugt, und da ist es wichtig, ihnen das Vertrauen zu geben, auch wenn sie beim Klub vielleicht einmal nicht spielen. Oder nach Verletzungen, damit habe ich selber auch große Erfahrungen. Am Anfang geht es gut, dann fällst du vielleicht in ein Loch. Es ist wichtig, überzeugt zu sein, dass die Spieler Fußball spielen können. Sie haben das öfters gezeigt. Wenn einer schlechte Form hat und man bietet gleich einen anderen auf, ergibt das nur Unruhe. Für uns ist wichtig, dass sie gerne zum Team kommen. Das habe ich versucht, aufzubauen. Man spürt, dass jeder bereit ist, dem anderen zu helfen. Gerade wenn es gut läuft, ist das normal, aber in schwierigen Situationen geht es darum, dass es keine Gruppenbildung oder Neid gibt.

…ÜBER DIE ENTWICKLUNG SEIT SEINEM AMTSANTRITT:

Das ist schwierig zu vergleichen. Ich weiß ja nicht, wie es vorher war. Wir haben von Anfang an versucht eine Spielweise reinzubringen, die natürlich auf meinem Mist gewachsen ist. Das ist schon ein fußballerischer und kein Hauruck-Fußball. Wir können Fußball spielen. Am Anfang waren sicher Ruhe und Geduld noch nicht so da. Man muss nicht immer gleich nach 15 Minuten führen. Unser Spiel ist mit großem läuferischen Aufwand verbunden. Wir wollen vertikal laufen und spielen. Der Ball kann nicht immer so gespielt werden, das heißt, du musst auch Läufe unternehmen, die vielleicht einmal umsonst sind, da der Ball nicht kommt. Das sind Dinge, die man natürlich auch verlangen muss und von einem Spieler einfordert. Auch wenn die Wege für den einzelnen nicht immer belohnt werden, hilft es dem Team, wenn sich Räume öffnen. Das sind Dinge, die wir inzwischen sehr gut umsetzen, aber auch nicht in jedem Spiel. Wir versuchen es jedoch immer wieder.

Das sind Dinge, die wir ohnehin nicht beeinflussen können. Ob die Russen oder Montenegriner unzufrieden sind, soll uns nicht stören und vom Weg abbringen. Wir im Trainer-Team schauen da natürlich ein bisschen drauf, geben das aber nicht dementsprechend weiter und sagen dem Team: „Ihr könnt jetzt lockerer auftreten, weil die Probleme haben.“ Das wäre der falsche Weg. Wir dürfen nicht nach rechts und nach links schauen, sondern nur geradeaus unser Ziel verfolgen.

…DARÜBER, WELCHE ÖSTERREICHISCHE CHARAKTEREIGENSCHAFT ER EIN WENIG EINDÄMMEN MUSSTE:

Es ist ein Prozess, den wir versucht haben, einzuleiten. Manchmal musste ich vielleicht auch mit Hartnäckigkeit dem einen oder anderen zwei, drei Mal auf den Schlips treten und verlangen, was nötig ist. Am ehesten ist es vielleicht die Bequemlichkeit, was den Österreicher ja auch ausmacht, dass man gerne einmal gemütlich zusammensitzt und genießen kann. Man weiß auch, wann man wieder Gas geben muss, aber vielleicht nicht 100 Prozent, sondern nur 80 Prozent. Das reicht dann halt nicht immer. Wir sind auf einem guten Weg, diese 100 Prozent immer wieder abzurufen. Das wird auch notwendig sein, denn 80 Prozent werden nicht reichen. Ich weiß aber auch, dass es nicht immer möglich sein wird, weil du ja nicht immer die gleiche Form hast. Aber wir verlangen es zumindest und versuchen, es aus den Spielern herauszuholen.

…DARÜBER, WAS ER VON DER ÖSTERREICHISCHEN MENTALITÄT ANGENOMMEN HAT:

Ich kann natürlich schon auch genießen. Aber halt nicht in der Öffentlichkeit, sondern eher im Privaten, und da sehen mich natürlich nicht viele. Aber ich versuche das schon mitzunehmen. Wir fühlen uns wohl hier. Wenn man Freunde hat, kann man das genießen. Privat ist das natürlich schon sehr angenehm mit den Österreichern zusammen.

Aufgezeichnet von Peter Altmann

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