Die taktischen Bausteine des Erfolgs

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„Wir haben eine fantastische Qualifikation gespielt.“

Marcel Koller, normalerweise kein Freund von großen Tönen, brachte es nach dem 3:0 gegen Liechtenstein auf den Punkt.

Der Schweizer hat aus einem herumirrenden Haufen eine funktionierende Mannschaft mit klarem Konzept geformt.

Eine positive Entwicklung, die im November 2011 ihren Anfang nahm, fand beim dominanten Auftritt gegen das Fürstentum einen vorläufigen Abschluss und soll bei der Europameisterschaft fortgesetzt werden.

Zeit, um den taktischen Bausteinen des Koller-Konzepts auf den Grund zu gehen.

Zumal sich beim Auftritt gegen Liechtenstein fast alles davon widerspiegelte:

 

Klare Muster in der Offensive

Ein maues 1:1 gegen Schweden und der mühsame 2:1-Erfolg in Moldawien. Offensiv wusste das ÖFB-Team zu Beginn der Quali eher weniger zu glänzen. Mittlerweile hat die Mannschaft jedoch auch spielerisch einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht. Das liegt zum einen an Kollers Personalpolitik. Der Schweizer setzt auf eine eingespielte Stammelf, die sich in- und auswendig kennt.

Zudem lassen sich jedoch auch klare taktische Muster erkennen, die das Offensiv-Spiel beleben. So agiert Marko Arnautovic immer öfters als „verkappter Sechser“. Was heißt das? Ganz einfach, der nominelle Flügelspieler lässt sich in den Rückraum fallen, um selbst mit einem Steilpass den Angriff schnell zu machen. Gleichzeitig reißt er damit Räume für Christian Fuchs und David Alaba auf. Ein Schachzug, mit dem Arnautovic' Ballsicherheit für den Spielaufbau genutzt wird. 

Entscheidend zur neuen spielerischen Leichtigkeit beigetragen hat auch die hervorragende Abstimmung zwischen den drei zentralen Mittelfeldspielern. Alaba, Zlatko Junuzovic und Julian Baumgartlinger verharren nicht stur in ihren Positionen, sondern wechseln sich mit ihren Vorstößen ab. Zwischen die Innenverteidiger kippt einer der beiden Sechser nur dann ab, wenn es das gegnerische Pressing nötig macht. Ansonsten setzt der Teamchef auf höher stehende Mittelfeldspieler.

Im Spielaufbau wird das Trio von der Innenverteidigung unterstützt. Kollers Entscheidung, mit Start der Qualifikation auf das Abwehr-Paar bestehend aus Aleksandar Dragovic und Martin Hinteregger zu setzen, hat sich bezahlt gemacht. Beide sind im Stande, die gegnerische Formation mit gefährlichen Vertikalpässen zu penetrieren. Hinsichtlich dieser Fähigkeit fällt Sebastian Prödl im Leistungsvergleich etwas ab, doch seine Routine und Stabilität war nicht zuletzt beim 4:1 in Schweden Gold wert.

Taktisch flexible Pressing-Maschine

Nach dem WM-Qualifikations-Aus beim 1:2 in Stockholm vor zwei Jahren hatte Koller schnell seine Schlüsse gezogen: Österreich musste in der Defensive flexibler werden. Beim anschließenden Trainingslager in Spanien setzte der Schweizer dieses Vorhaben in die Tat um. Er brachte seinen Mannen ein enges Mittelfeld-Pressing bei, das hauptverantwortlich für die starken Defensiv-Leistungen (nur fünf Gegentore) in der EM-Quali war. Exemplarisch dafür steht der 1:0-Erfolg in Russland, den Koller mit einem cleveren Matchplan einfuhr (Taktik-Analyse).

Darunter litt jedoch keineswegs jenes Angriffs-Pressing, das der Teamchef vor allem zu Beginn seiner Amtszeit, etwa beim unglücklichen 1:2 gegen Deutschland, spielen ließ. Dies zeigte das Freundschaftsspiel gegen Brasilien (Taktik-Analyse), als ÖFB-Goalie Robert Almer gegen ein Weltklasse-Team erst in der 33. Minute das erste Mal eingreifen musste. Davor wurde die „Selecao“ mit starkem Fore-Checking ruhig gehalten.

Die Pressingmechanismen funktionieren dabei zumeist nach demselben Muster. Österreichs Angreifer versuchen den Spielaufbau auf die Außenbahn zu lenken, wo der Gegner isoliert werden soll. Schlüsselspieler ist der laufstarke Junuzovic, doch auch Marc Janko entwickelte sich in diesem Bereich weiter.

Eckbälle? Wir haben Einwürfe!

22 Tore erzielte das ÖFB-Team in dieser EM-Qualifikation. Ein einziges davon nach einem Corner: Janko köpfelte in Moldawien das Tor zum 2:1-Sieg. Treffer aus Eckbällen und Freistoß-Flanken halten sich seit dem Amtsantritt von Koller in Grenzen. Der Schweizer verfolgt die Maxime, im Training lieber die eine taktische Einheit mehr einzustreuen, anstatt Varianten für Standardsituationen zu üben.

Dieser Vorsatz machte sich bisher bezahlt. Zumal das ÖFB-Team über eine andere gefährliche Waffe bei ruhenden Bällen verfügt: Den Einwurf. Kapitän Fuchs gehört mit seinen langen und auch scharfen Hereingabe zum erweiterten Kreis der Top-Einwerfer dieses Planeten. Beim 4:1 gegen Schweden bereitete er damit, gemeinsam mit einer Kopfballverlängerung von Janko, das Tor zum 2:0 vor. Das Liechtenstein-Spiel hatte eine ähnliche Situation parat, als der Basel-Stürmer in der ersten Hälfte nach Einwurf des England-Legionärs zu einer Chance kam. Dieses Mittel könnte sich bei der EM in Frankreich als wertvoll herausstellen, sofern es intensiver eingesetzt wird.

Wie spielt Österreich bei der EURO?

Koller hat dem ÖFB-Team in den vergangenen vier Jahren ein Konzept verpasst, das er bis zur EM-Endrunde in Frankreich noch weiter verfeinern wird. Zumal bis dahin mit dem Spanien-Trainingslager im November sowie der unmittelbaren Turnier-Vorbereitung noch zwei längere Lehrgänge anstehen. „Ob wir die eine oder andere taktische Variante hinzunehmen, ist natürlich auch abhängig vom Gegner. Aber dafür müssen wir erst einmal die Auslosung abwarten“, sagt der Teamchef.

Seiner bisherigen Stammelf will er keine Garantie für EM-Einsätze geben: „Ich habe ihnen schon mitgeteilt, dass keiner einen Freibrief hat. Wichtig ist auch, dass jene, die hinten dran sind, Gas geben. Sabitzer ist zum Beispiel einer, der im Training auffiel. Er ist nah dran. Wir hatten im Trainerteam schon besprochen, dass wir ihn reinschmeißen, wenn jemand in der Offensive ausgefallen wäre.“

Nach der gelungenen EM-Qualifikation beginnt nun also ein neuer Abschnitt für Koller und seine Mannschaft. Frankreich, wir kommen!

 

 

Jakob Faber

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