"Es gilt, den Stammspielern auf die Füße zu treten"

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Mit David Alaba, Christian Fuchs, Martin Harnik und Veli Kavlak fehlen dem ÖFB-Team für die Tests gegen Island und in Tschechien gleich vier Stammkräfte.

„Für ein Land, das nicht so viele Möglichkeiten hat, aus dem Vollen zu schöpfen und nicht aus 40 Topspielern auswählen kann, macht es das sicher schwieriger“, analysiert Teamchef Marcel Koller.

Das Motto lautet jedoch: Kein Nachteil ohne Vorteil. Für den Schweizer sind diese verletzungsbedingten Ausfälle eine günstige Gelegenheit, um den Konkurrenzkampf im Hinblick auf die EM-Qualifikation anzuheizen.

„So gesehen ist es auch gut, denn wenn einer ausfällt, brauchen wir Alternativen. Je mehr Alternativen wir haben, desto ruhiger kann ich schlafen. Wenn du Stammspieler hast und keiner dahinter ist, sind die sich auch zu sicher. Im Spitzenfußball brauchst du auch von den Mitspielern Druck. Die dürfen sich nicht zurücklehnen uns sagen: ‚Ich bin zufrieden, wenn ich dabei bin.‘“

„Jetzt gilt es, von hinten Druck zu machen“

In den vergangenen beiden Jahren habe sich ein guter Stamm herauskristallisiert. „Jetzt gilt es, von hinten Druck zu machen und diesen Quasi-Stammspielern auf die Füße zu treten“, fordert der 53-Jährige.

In den beiden anstehenden Testspielen sollte der eine oder andere Kaderspieler aus der zweiten Reihe die Gelegenheit bekommen, sich zu präsentieren. „Sie sollen zeigen, was sie drauf haben. Wenn einer gut ist, haben wir wieder eine Position mehr besetzt“, so Koller.

Je mehr Auswahl er habe, desto detaillierter könne er die Startelf auf den Gegner abstimmen.

Schon länger gibt es beispielsweise in der Innenverteidigung einen beinharten Konkurrenzkampf. Derzeit buhlt mit Aleksandar Dragovic, Emanuel Pogatetz, Martin Hinteregger und Sebastian Prödl ein Quartett um die beiden Plätze im Abwehrzentrum.

„Mit diesem Kader müssen wir in den nächsten Jahren etwas erreichen“

Letzterer betont mit Blick auf diese Auswahl: „Der Trainer kann nichts falsch machen“, und begründet dies wiefolgt:

„Drago spielt mit Kiew eine gute Saison, auch wenn man leider wenig mitkriegt. Martin hat eine sehr gute Saison hinter sich, da muss man gratulieren. Red Bull hat in Europa ein Ausrufezeichen gesetzt, auch wenn sie leider zu früh ausgeschieden sind. ‚Pogerl‘ hat durch den Abstieg vielleicht einen mentalen Knacks bekommen, aber wer ihn kennt, weiß, dass er da gefestigt ist. Ich selbst bin mit sehr viel Rückenwind angereist, bin mit meiner Saisonleistung und vor allem der Entwicklung sehr zufrieden.“

Laut Einschätzung des Werder-Legionärs zieht sich dieser Konkurrenzkampf jedoch quer durch den Kader: „Wir haben sehr gute Junge, die nachdrängen. Man sieht, dass jeder einzelne die sehr wenigen Plätze, die für die Quali vielleicht noch zu vergeben sind, haben möchte. Die Jungen hinterlassen einen guten Eindruck. Wir brauchen uns in der Zukunft keine Sorgen zu machen. Wir haben aktuell sowohl einen sehr guten Stamm, als auch einen sehr guten Kader. Mit diesem Kader müssen wir in den nächsten Jahren etwas erreichen. Da stehen wir in der Pflicht.“

„Perfektes Fußball-Alter für die nächsten zwei bis vier Jahre“

Was die Zielsetzung für die mittelfristige Zukunft betrifft, wird im ÖFB-Team ohnehin nicht um den heißen Brei herumgeredet. Die Teilnahme an der EM 2016 in Frankreich wird nicht als Wunsch, sondern als Muss betrachtet.

Prödl: „Wenn man sich die Fakten anschaut, ist das eine Nationalmannschaft, in der sich die meisten im Alter zwischen 22 und 27 Jahren befinden. Das heißt, im perfekten Fußball-Alter für die nächsten zwei bis vier Jahre. In diesem Zeitraum gibt es zwei Turniere, für die wir uns qualifizieren können. Die letzte Chance haben wir leider verpasst, aber wenn wir uns weiterentwickeln, müssten wir fast ein Turnier erreichen. 2016 sind 24 Mannschaften dabei, das ist eine große Chance. Wir brauchen uns mit diesem Kader nicht mehr verstecken. Angst kennen wir nicht mehr.“

Letzteres begründe sich aus der Entwicklung der vergangenen beiden Jahre: „Was wir erreicht haben, verdrängt komplett die Einschätzung, dass wir das dahindümpelnde Österreich sind, das sich irgendwann in 20, 30 Jahren qualifizieren wird. Der Glaube ist vorhanden, deswegen ist es als ganz klares Ziel ausgegeben worden, 2016 dabei zu sein.“

Eine Einschätzung, der sich Bologna-Legionär György Garics nur anschließen kann: „Früher wurde gehofft, mittlerweile fordern wir es von uns selbst. Das ist der große Unterschied. Sollten wir es nicht zur EM schaffen, wäre das nicht schade, sondern ein Scheitern.“

„Russland ein sehr unangenehmer Gegner“

Dem Herbst mit den drei Heimspielen gegen die stärksten Gruppen-Gegner Schweden, Montenegro und Russland, sowie dem Gastspiel in Moldawien kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu.

Prödl schätzt die kommende Gruppe als schwieriger ein als jene in der abgelaufenen WM-Qualifikation.

Mit Schweden sei man bereits vertraut und auf Augenhöhe: „Sie haben vor uns den gleichen Respekt wie wir vor ihnen. Russland ist ein sehr, sehr unangenehmer Gegner. Sie haben sehr hartnäckige und zweikampfstarke Spieler. Ich sehe aber vor allem zu Hause durchaus eine Chance. In Montenegro könnte es ein ganz ungutes Spiel werden, eine sehr unangenehme Aufgabe. Ich glaube aber schon, dass wir zu Hause der Favorit sind.“

„Vor ein paar Monaten habe ich mich selbst noch in Brasilien gesehen“

Mitentscheidend seien jedoch auch die anderen Duelle: „In der letzten Quali haben wir in Kasachstan versagt. Das darf uns gegen die vermeintlich schwachen Gegner in der Gruppe nicht mehr passieren.“

Gerade bei einem Spiel wie jenem in Astana, wo man mit einer Nullnummer zwei Punkte verschenkt hat, müsse man in Zukunft den Lucky Punch setzen können: „Andere Mannschaften gewinnen solch ein Spiel, wir haben Unentschieden gespielt. Das sind Punkte, die uns im Endeffekt fehlen. Wir müssen eiskalt sein, abgeklärter auftreten. Das sind so kleine Schrauben, an denen wir drehen müssen. Viel ist es nicht.“

Im Idealfall bereitet sich das ÖFB-Team in zwei Jahren zum selben Zeitpunkt auf die EM-Teilnahme und nicht nur auf zwei Testspiele vor. Die anstehende WM in Brasilien ist für Prödl aufgrund des eigenen Scheiterns deshalb aktuell noch kein großes Thema:

„Vor ein paar Monaten habe ich mich selbst noch in Brasilien gesehen, dass wir dort auflaufen werden. Deswegen habe ich dieses Thema eigentlich ein bisschen von mir ferngehalten. Wenn sie beginnt, werde ich sie mir anschauen. Aber wenn man derzeit daran denkt, gibt es schon noch ein, zwei Momente, wo es weh tut, nicht dabei zu sein.“

Peter Altmann

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