Windtner: "Es gilt umzudenken"

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"Der Sport muss ein nationales Anliegen werden!"

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Vergangenen Herbst setzte ÖFB-Präsident Leo Windtner mit der Bestellung von Marcel Koller zum Teamchef ein Zeichen, das ihm wohl nicht viele zugetraut hätten.

Nach dem anfänglich heftigen Gegenwind ist längst Ruhe eingekehrt. Auch die Kritiker von damals attestieren dem Schweizer eine bislang gute Arbeit.

Richtig ernst wird es jedoch erst ab kommenden Dienstag mit dem Auftakt in die WM-Qualifikation. Im LAOLA1-Interview spricht Windtner über das Deutschland-Spiel, wiederholt das Muss der EM-Teilnahme 2016 und kündigt ein gemeinsames Vorgehen mit dem ÖSV bezüglich der gegenwärtigen Krise des Sports in Österreich an.

LAOLA1: Wie sehr kribbelt es bei Ihnen schon in Richtung Deutschland-Spiel?

Leo Windtner: Mein Bauchgefühl sagt mir, es wird sicherlich ein Highlight werden gegen Deutschland, allerdings gibt es keinerlei Gewähr für Resultate. Ich hoffe, dass wir an die Leistung gegen die Türkei anschließen und vielleicht sogar noch etwas draufsetzen können. Dann besteht die Chance, dass wir auf jeden Fall ein respektables Resultat erzielen werden.

LAOLA1: Es ist nicht das erste Kräftemessen mit Deutschland in der jüngeren Vergangenheit. Bei den Spielern spürt man bereits eine gewisse Ungeduld, sie wollen dem DFB-Team endlich ein „Hax’l stellen“…

Windtner: Auch bei den Fans ist gewissermaßen Ungeduld da. Wenn man zurückrechnet, wann wir das letzte Mal gegen Deutschland gewonnen haben, sind das schon Jahrzehnte. Das Wichtigste ist aber, dass die Spieler dieses Kribbeln haben, den unbedingten Willen, eine ordentliche Leistung abzurufen. Wir können nichts garantieren, aber wir werden alles tun, um das Unmögliche vielleicht möglich zu machen.

LAOLA1: Gleichzeitig gilt es vermutlich, den notwendigen Realismus zu bewahren. Haben Sie Verständnis dafür, dass mancherorts von einer deutschen Krise gesprochen wird?

Windtner: Nein, überhaupt nicht. Wir sind nach wie vor krasser Außenseiter. Deutschland agiert auf einem Niveau, von dem wir weit entfernt sind. Dort bricht eine nationale Krise aus, wenn man im Semifinale der EURO scheitert oder gegen Argentinien verliert. Davon sind wir weit weg. Aber wenn es gelingt, wirklich alle Kräfte zu bündeln, und die guten Einzelleistungen der Spieler in die Traktion der Mannschaft umzusetzen, dann könnten wir am Dienstag durchaus respektabel abschneiden.

LAOLA1: Unter Marcel Koller hat das Nationalteam Fortschritte gemacht, gleichzeitig betont der Teamchef stets, dass die Entwicklung noch Zeit braucht. Wie lange sollte dieser Prozess dauern?

Windtner: Ich glaube, hierfür kann man keinen fixen Zeitraum bekanntgeben. Es dauert bei einem Nationalmannschaftstrainer sicher länger als bei einem Klubtrainer, weil er die Mannschaft ja nicht so lange und so oft zur Verfügung hat. Aber wir gehen davon aus, dass wir in der laufenden WM-Qualifikation unser Leistungsniveau step by step erhöhen. Wie auch immer die WM-Quali ausgeht, das Wichtigste ist für mich nach wie vor, dass wir 2016 bei der EURO in Frankreich fix dabei sind. Danach sollten wir in ein Leistungsszenario hineinkommen, wo es eher der Regelfall ist, sich für ein Großereignis zu qualifizieren, und nicht der Ausnahmefall.

LAOLA1: Das heißt, falls die anstehende Qualifikation schief geht, gilt es die Ruhe zu bewahren, und gleichzeitig die Latte für 2016 hochzulegen?

Windtner: Ja. Ich glaube, das wird im Großen und Ganzen auch von den österreichischen Fußball-Fans so gesehen und durchaus akzeptiert. Das Wichtigste ist, dass wir eine ordentliche Leistung abrufen, und dass unsere Leute das Gefühl haben, dass sich jeder, der mit dem Adler auf der Brust auf den Platz läuft, für Österreich zerreißt. Zudem muss auch die Abstimmung und Einstellung des gesamten Teams stimmen.

LAOLA1: Was steht abseits der WM-Qualifikation in den kommenden beiden Jahren auf Ihrer Agenda? Wo gilt es den Hebel anzusetzen?

Windtner: Ich würde mir schon wünschen, dass auf der einen Seite bei der Stadioninfrastruktur ein bisschen etwas weitergeht, dass wir beispielsweise einmal generell die Rasenheizung in der Bundesliga haben. Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass gerade diese Entwicklungsprojekte wie das Projekt12 oder das nationale Zentrum für Frauen-Fußball mit entsprechenden Resultaten verstärkt den Kurs bestätigen können. Zudem wäre es wichtig, dass wir es als Fußball-Ausbildungsland schaffen, das eine oder andere Talent doch hier zu behalten, damit der Klub-Fußball in Österreich weiterhin seinen Stellenwert mit internationalen Erfolgen untermauern kann, damit wir uns nicht ausschließlich über die Nationalmannschaft international definieren müssen.

LAOLA1: Was kann der ÖFB zum Beispiel im Hinblick auf die Infrastruktur beitragen?

Windtner: Der ÖFB kann hier nur ständig ein Wegbereiter und Ermunterer sein, und vor allem versuchen, mit den Klubs die Initiative zu verstärken, damit in den einzelnen Städten so etwas geschieht, wie es beispielsweise in St. Pölten geschaffen wurde.

LAOLA1: Die Infrastrukturproblematik passt zur allgemeinen Diskussion über den Stellenwert des Sports in Österreich, die nach Olympia ausgebrochen ist. Inwiefern wird sich der ÖFB an dieser Diskussion beteiligen oder gar eine Vorreiterrolle einnehmen?

Windtner: Dieses Thema muss uns ein Anliegen sein, wenn ich nur an das Beispiel des Turnunterrichts an den Schulen oder Kindergärten, sprich an die dortige Bewegungsnotwendigkeit, denke. Hier gilt es wirklich umzudenken. Man soll jetzt nicht aufgrund einer kleinen Olympia-Katastrophe, zu der man es hochstilisiert hat, nur Schnellschüsse machen, aber: Der Sport muss ein nationales Anliegen werden! Dann werden wir auch insgesamt ein Stück näher an das internationale Niveau heranrücken – ganz egal in welcher Sparte. Wenn alle erkennen, dass in der Zwischenzeit Bewegungsarmut, Fettleibigkeit oder Medikamentenüberkonsum zu einem echten Problem unserer Gesellschaft geworden sind, dann muss die Politik hier eigentlich agieren. Es müssen angefangen von den Kindergärten über die Schulen die Themen Bewegung, Leibesübungen und körperliche Ertüchtigung ganz klar ein zentrales Anliegen werden.

LAOLA1: Inwiefern werden Sie Lobbying betreiben?

Windtner: Wir sind schon laufend unterwegs, wir unterstützen durchaus auch die Initiative von Volleyball-Präsident Peter Kleinmann. Wir haben zudem vor, uns im Rahmen der stärkeren Verbände, zu denen neben dem ÖFB natürlich auch der ÖSV gehört, zusammenzuschließen, um einen Anstoß für eine solche Neuentwicklung zu geben.

Das Gespräch führte Peter Altmann

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