Jogi Löw: "Spiel auf Augenhöhe"

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Selbstbewusste Aussagen? "Ich denke völlig zurecht"

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Für das deutsche Nationalteam ist es eine Reise wie jede andere. Wie sooft ist man in einem WM-Quali-Spiel Favorit, wieder einmal soll der geforderte Pflichtsieg eingefahren werden.

Doch DFB-Bundestrainer Joachim Löw und sein Team haben schon mitbekommen, dass sich in Österreich viel bewegt hat - dank Marcel Koller.

Mehr Legionäre, die international ein Wörtchen mitreden, mehr Ordnung und Disziplin. Und vor allem viel mehr Selbstbewusstsein.

Demnach geht Deutschland mit dem nötigen Respekt, aber keinesfalls Angst in das so oft hochgepushte Nachbarschaftsduell.

DFB-Bundestrainer JOACHIM LÖW...

…über die Erwartungen vor dem WM-Quali-Duell mit Österreich:

Ich habe noch im Flugzeug hierher die Lektüren studiert und gelesen, dass vor allem Österreich vor dem Spiel sehr selbstbewusste Aussagen macht. Ich denke auch völlig zurecht, weil sie haben die letzten Spiele gewonnen. Es ist auch für uns festzustellen, dass sich Österreich im letzten Jahr enorm weiterentwickelt und eine Mannschaft hat, die absolut konkurrenzfähig ist. Ich erwarte in Wien ein Spiel auf Augenhöhe. Bislang hatten wir die Spiele zuhause immer klar gewonnen. Hier in Wien hatten wir schon größere Probleme. In der WM-Quali sind 30 Punkte zu vergeben, sozusagen ein Langstreckenbewerb, der jetzt für uns begonnen hat. Wir haben das erste Spiel gewonnen, das war eine Pflichtaufgabe. Jetzt heißt es für uns nachzulegen. Aber ich sehe Österreich als Mannschaft, die in ihrer Organisation und Struktur viel dazugelernt hat. Sie spielen sehr mutig und offensiv und man hat das Gefühl, dass sie sehr selbstbewusst geworden sind und mit großer Motivation ins Spiel gehen.

…über den personellen Zustand der deutschen Mannschaft:

Einsatzfähig sind alle Spieler. Marcel Schmelzer konnte gestern trainieren, heute hatte er keine weiteren Probleme. Von daher gehe ich davon aus, dass er das Abschlusstraining ganz normal absolviert. Von daher ist es eine Option, mit Schmelzer links zu spielen, aber eine andere eben auch Badstuber. Ich möchte die letzten Eindrücke aufnehmen, entscheiden, welche Elf aufläuft und dann mit den Spielern sprechen. Toni Kroos, der ja auch in der letzten Woche angeschlagen war, hat schon am Samstag mit der Mannschaft trainiert. Es sind alle bei bester Gesundheit.

…über taktische Veränderungen im Vergleich zum Spiel gegen die Färöer:

Grundsätzlich ist ein ganz anderes Spiel zu erwarten. Gegen die Färöer gab es zwei, drei Aufgaben, die gestellt worden sind. Es war nicht immer ganz leicht, das konsequent umzusetzen, weil sie viele Bälle nur nach vorne geschlagen haben, ohne Konter zu fahren. Jetzt gibt es andere Dinge, die wir beachten müssen. Österreich spielt aus einer kompakten Abwehr mit einer anderen Direktheit nach vorne. Ich habe in den letzten Monaten immer gesagt, dass es für mich keine Doppel-Sechs gibt. Sondern für mich gibt es drei zentrale Mittelfeldspieler, die alle Aufgaben in dieser taktischen Ausrichtung erfüllen müssen. Fußballerisch gut zu sein, jeder muss Akzente nach vorne setzen können, jeder muss auch Defensivaufgaben übernehmen. Ich möchte keine starre Anordnung im zentralen Mittelfeld, sondern immer eine versetzte Anordnung. Alle drei – egal wer spielt - müssen in der Lage sein, gute Abwehraufgaben zu übernehmen, den Gegner zu stören, die Räume eng zu machen - mit der richtigen Intensität. Außerdem müssen sie alle Torgefahr ausstrahlen können. Von daher wird es nicht so sein, dass wir immer mit zwei Sechsern spielen, vor allem nicht dann, wenn wir den Ball haben.

…über die Verbesserung der mangelnden Chancenauswertung:

Das zu trainieren ist nicht so einfach. Man muss im Training Wettkampfsituationen unter Gegner- und Zeitdruck simulieren, um in Kombinationsform zum Abschuss zu kommen und die Defizite auszumerzen. Es stimmt schon, dass wir uns in den letzten Spielen viele Chancen erarbeitet, letztendlich das eine oder andere zu wenig gemacht haben. In diesen Momenten müssen wir versuchen, die Konzentration hoch zu halten, die Aktionen konsequent zu Ende bringen. Aber ob 2008, 2010 oder 2012 – wir sind schon in der Lage gewesen, viele Tore zu erzielen. Wir waren immer bei den Mannschaften, die die meisten Tore geschossen haben. Aber wir können uns dahingehend noch verbessern.

…über Gründe für Österreichs Sprung nach vorne:

Es gibt mehrere Gründe, soweit ich das beurteilen kann. Zum einen ist Marcel Koller ein Trainer, den man aus der Bundesliga kennt und der seine Ausbildung in der Schweiz  gemacht hat. Die Mannschaften sind immer gut organisiert, es ist immer schwer, sie in der Defensive auszuspielen. Die Grundordnung ist bei Österreich in den letzten Spielen sehr gut gewesen. Darüber hinaus hat Österreich mehr Direktheit zum Tor. Sie sind in der Lage, wahnsinnig schnell umzuschalten. Man sieht nicht wie noch vor einigen Jahren Zufallsaktionen, sondern man sieht gutes Kombinationsspiel aus einer kompakten Abwehr heraus und gute Pressing-Situationen. Sie waren in allen Spielen jetzt in der Lage, den Gegner mit vier, fünf Spielern in der eigenen Hälfte beim Spielaufbau zu stören. Diesen Mut nach vorne zu gehen, hat man 2008 oder 2010 noch nicht so gesehen. Zum anderen hat Österreich mittlerweile einige Achtungserfolge in den U-Mannschaften gehabt. Die Ausbildung ist konsequenter und besser geworden. Und diese Spieler, die in den letzten Jahren nach oben kamen, spielen alle im Ausland. Das gab es vor einigen Jahren auch noch nicht in diesem Maße. Damals hatten die Spieler im Ausland wenig Spielpraxis, jetzt sind alle Leistungsträger in ihren Vereinen. Morgen stehen acht oder neun Spieler in der Anfangsformation, die in der Bundesliga bei Teams spielen, die vorne mit dabei sind. Das sind Spieler, die dort große Qualität zeigen. Das ist auch ein Grund, warum Österreich so selbstbewusst auftritt, weil diese Spieler aus der Bundesliga gestählt sind und sich dort auch durchgesetzt haben.

…über offensive Ausrichtung, nicht nur gegen Österreich:

Generell können wir sagen, dass wir die letzten zwei, drei Jahre immer offensiv gespielt haben. Nicht nur gegen die Färöer, sondern auch gegen Portugal oder Holland bei der EM oder davor gegen Portugal, Brasilien und Argentinien. Unsere grundsätzliche Ausrichtung ist es, möglichst jeden Ball vertikal in die Offensive zu spielen, jede Möglichkeit zu nützen, Chancen herauszuarbeiten und Druck auf den Gegner zu machen. Das ist unsere Philosophie und unsere Vorstellung. Unabhängig in welcher personellen Besetzung – da werden kleine Nuancen verändert – ist auch morgen unsere Ausrichtung, dass wir auf Sieg spielen.

…über Respekt und Angst vor Österreich - erstmals seit längerer Zeit:

Es ist einfach eine realistische Einschätzung. Die Spiele in Wien waren immer geprägt von einer unglaublich heißen, auch teilweise hitzigen Atmosphäre. Ganz Österreich fiebert solchen Spielen gegen Deutschland immer entgegen, man versucht schon lange, uns in die Knie zu zwingen. Es wird auch morgen eine unglaublich positive Stimmung sein, die Zuschauer werden ihrer eigenen Mannschaft auch den einen oder anderen Fehler verzeihen. Es war in den letzten Spielen so, dass wenn Österreich eine gute Aktion hatte, einen Zweikampf gewinnt oder im Ansatz eine Chance herausspielt, dass dann einfach das Publikum  so stark wie kaum in einem anderen Spiel hinter der Mannschaft steht. Österreich ist einfach besser und selbstbewusster geworden. Früher hat man manchmal das Gefühl gehabt, dass dieses Selbstbewusstsein mehr Schein war und ein bisschen getrügt hat. Aber diesmal spürt man bei allen, dass sie es schon auch ernst meinen. Jeder Satz geht in die Richtung: „Wir sind in der Lage, Deutschland zu schlagen.“ Ich glaube schon, dass Österreich das ernst meint und seine Chance wittert. Wir haben mitbekommen, dass sie viele Trainingseinheiten hatten und konzentriert wie vielleicht noch nie auf so ein Spiel hingearbeitet haben. Das ist schon ein deutliches Zeichen, dass dieses Selbstvertrauen nicht gespielt ist. Aber Angst haben wir keine. Warum sollten wir Angst haben? Wir nehmen jeden Gegner ernst und mit Respekt. Wir haben anhand von Spielen gegen Finnland, Ukraine oder Türkei dokumentiert, dass Österreich auch eine richtig gute Qualität hat und in dieser Gruppe auf Augenhöhe mitspielen wird.

…über Österreichs Chancen, Deutschland tatsächlich zu schlagen:

Das hoffe ich nicht. Wir sind auf dem Papier natürlich der Favorit, aber das zählt heute nicht mehr so. Es gibt genug andere Spiele, wo man im Vorhinein sagt, welche Mannschaft ein Übergewicht haben, besser sein und das Spiel gewinnen sollte. Aber die Ausgeglichenheit ist mittlerweile gekommen. Man darf keinen Gegner unterschätzen. Ich denke, dass Österreich in unserer Gruppe alle Möglichkeiten hat, die Mannschaften zu besiegen. Man muss schon einen starken Widerstand leisten und Qualität auf den Platz bringen, wenn man gegen sie gewinnen will.

…über die Einschätzung der deutschen Legionäre im ÖFB-Team:

Unsere Spieler kennen natürlich die Österreicher in der Bundesliga. Gegen die spielen sie häufig, sie sehen sie häufig. Sie kennen die Stärken und Schwächen. Aber genauso kennen die Österreicher Spieler wie Lahm, Reus, Klose oder Podolski, die jahrelang in der Bundesliga gespielt haben. Von daher gleicht sich das wahrscheinlich aus. Die Gefährlichkeit von Spielern wie Arnautovic oder Harnik ist in den letzten Jahren gestiegen, weil sie sich auch in der Bundesliga durchgesetzt haben. Es wird ein enges Spiel werden, in das beide Mannschaften mit dem Ziel gehen, das Spiel zu gewinnen. Ich gehe von einem starken und aggressiven Abnützungskampf aus.

…über sein Gegenüber Marcel Koller:

Mit Marcel Koller habe ich natürlich die letzten Jahre hie und da Kontakt gehabt. Er war ja auch Trainer in Köln und Bochum, ich war zu dieser Zeit schon beim DFB. Von daher gab es bei den Trainerkursen und Besuchen bei den Spielen immer auch wieder Kontakt mit ihm.

…über die undankbare Aufgabe Österreich:

Es ist kein Entscheidungsspiel, nachdem die Weichen für Brasilien 2014 gestellt sind. Aber solche Spiele hatten wir in der Vergangenheit häufig. Als Deutschland geht man bis auf ganz wenige Ausnahmen immer als Favorit in die Spiele. Dieser Situation müssen wir uns stellen, dass wir manchmal auch wenig zu gewinnen haben. Aber genau das ist unser Anspruch und auch die richtige Einstellung und Professionalität, mit diesen Situationen ständig richtig umzugehen, um auch in diesen Momenten Höchstleistung abzurufen.

…über leichte Krisenstimmung seit EM-Aus gegen Italien:

Die Enttäuschung war enorm, weil die Erwartungshaltung riesig war, wenn man 15 Pflichtspiele in Folge gewonnen hat. Emotional waren wir nach dem Spiel in einem kurzen Loch. Es hat gedauert, das zu verarbeiten. Aber ich stelle bei der Mannschaft nicht fest, dass sie eine starke Verunsicherung aus dem Turnier mitgenommen hat. Wenn ich die Mannschaft sehe, herrscht nach wie vor die Motivation und die Leidenschaft, um uns zu verbessern. Wir sind uns alle einig, dass wir gegen Italien Fehler gemacht haben. Die letzten zwei, drei Jahre waren die Schritte groß und wir haben uns spielerisch enorm weiterentwickelt. Wenn man Nummer zwei der Welt ist und noch weiter nach vorne kommen will, werden die Schritte kleiner. Das hat jetzt aber zu keiner Verunsicherung der Mannschaft geführt, denn eine Niederlage wirft uns nicht aus der Bahn.


Alexander Karper

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