"Die Erwartungen nicht in den Himmel schrauben"

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Das Fieber in Fußball-Österreich steigt zunehmend. Der Auftakt in die WM-Qualifikation naht unaufhaltsam, Rivale Deutschland sorgt als Gegner für zusätzliche Emotionen.

Gefühlsregungen, von denen sich Marcel Koller nicht anstecken lässt. „Hektik oder Nervosität kommen bei mir nicht auf. Erst am Spieltag kommt eine gewisse Anspannung, aber eine positive, die brauche ich auch, um konzentriert bei der Sache zu sein. Ich freue mich auf das Spiel“, versichert der ÖFB-Teamchef.

Vom allgemeinen Trubel rund um diesen längst ausverkauften Hit möchte er sich auch weiterhin nicht anstecken lassen, weswegen ihn die Rivalität zwischen den beiden Ländern kalt lässt:

„Ich beschäftige mich nicht groß damit. Für uns ist wichtig, dass wir uns auf die relevanten Dinge konzentrieren, das heißt auf die Taktik. Wie können wir den Deutschen Probleme bereiten? Darin stecke ich meine ganze Konzentration und Energie, und nicht auf das, was außen rum passiert und wie groß die Rivalität ist.“

Nüchtern, kühl und sachlich. Wie man es von ihm gewohnt ist, präsentierte der Schweizer auch sein 23-Mann-Aufgebot für den Schlager gegen die DFB-Elf.

In seiner bisherigen Amtszeit hat Koller im Rahmen der bisherigen fünf Testspiele einen Stammkader geformt, sodass er nicht unerwartet keine überraschenden Personalien zu präsentieren hatte.

Der gegen die Türkei verletzte Marko Arnautovic kehrt ebenso zurück wie Franz Schiemer, der anstelle des nicht mehr berücksichtigten Paul Scharner einen Platz in der Innenverteidigung bekommt. Youngster Marcel Sabitzer fehlt diesmal, soll dafür der U21 in der EM-Qualifikation helfen. Rubin Okotie ist wegen seiner schweren Verletzung kein Thema.

Zum Hauptthema avancierte ebenfalls ein Abwesender, nämlich David Alaba. Der Bayern-Star verlor nach seinem Ermüdungsbruch den Wettlauf mit der Zeit.

DIE ABWESENHEIT VON DAVID ALABA: Koller stand in den vergangenen Tagen in regelmäßigem Telefon-Kontakt mit dem 20-Jährigen, erkundigte sich auch bei Bayerns Sport-Vorstand Matthias Sammer. Alaba ist bislang noch nicht ins Mannschaftstraining des Rekordmeisters eingestiegen, muss phasenweise noch in einem Spezialschuh herumlaufen. „Wir wollen das Risiko nicht eingehen. Es ist wichtig, dass er fit wird, und man nicht überhastet etwas macht und sich dann vielleicht noch einmal ein Bruch einstellt. Also haben wir gesagt, dass er das Deutschland-Länderspiel vergessen und sich auf Kasachstan konzentrieren sollte“, berichtet der Teamchef, für den es auch kein Thema ist, Alaba im Falle einer „Wunderheilung“ in den kommenden Tagen nachzuberufen: „Das macht keinen Sinn. Er hat nie mit der Mannschaft trainiert. Trotz seiner Fähigkeiten wäre es zu früh. Wenn du sieben, acht Wochen verletzt warst, brauchst du eine gewisse Zeit, um dich wieder anzupassen.“

DIE RÜCKKEHR VON FRANZ SCHIEMER: Die Salzburger Defensivkraft war zuletzt Ende Februar in Klagenfurt gegen Finnland mit von der Partie. Das Länderspiel-Doppel gegen die Ukraine und Rumänien verpasste er aufgrund seiner Hochzeit. Eine Terminkollision, die bei Koller für Irritationen sorgte, die inzwischen jedoch ausgeräumt sind. Der 51-Jährige benötigt nach dem unschönen Scharner-Abgang einen vierten Routinier in der Innenverteidigung, Schiemer ist der logische Nachrücker. „Wenn er dabei war, hat er uns nicht enttäuscht oder so schlecht gespielt, dass wir ihn nicht mehr dazunehmen können. Er ist ein erfahrener Spieler, der internationale Einsätze hat“, begründet Koller. Noch steht aufgrund einer Blessur jedoch ein kleines Fragezeichen hinter der Einberufung des 26-Jährigen. Laut Koller möchte der gebürtige Oberösterreicher jedoch am Donnerstag wieder ins Training einsteigen und am Samstag mit den „Bullen“ in Innsbruck auflaufen.

DAS FRAGEZEICHEN HINTER MARC JANKO: Der nunmehrige Vize-Kapitän kam gegen die Türkei nach einer Verletzung in der Vorbereitung nicht zum Einsatz und wartet auch bei Arbeitgeber FC Porto noch auf sein Saison-Debüt. Die fehlende Spielpraxis ist für Koller jedoch kein Grund, auf ein Kaliber wie Janko zu verzichten. „Er hat ja trotzdem seine Fähigkeiten, die wird er ja nicht verlieren“, stellt der Schweizer klar. Der Eidgenosse wird nicht müde zu betonen, wie wichtig Janko in seinen Überlegungen sei, weil dieser schon bewiesen habe, dass er international Tore erzielen kann. Gerade Stürmern tut die Rückendeckung des Trainers bekanntlich besonders gut. Koller: „Es geht natürlich auch darum, Vertrauen zu bekommen.“

DIE ERWARTUNGSHALTUNG: Ein Kräftemessen mit Deutschland ist bekanntlich stets mehr als ein „normales“ Fußball-Spiel. Es wird spannend zu beobachten, wie sehr es Koller im Zuge der eineinhalbwöchigen Vorbereitung auf das Duell gelingen wird, die Erwartungshaltung in realistischem Maß zu halten. So viel steht fest: Der 51-Jährige selbst wird sich vernünftigerweise nicht daran beteiligen, zu viel Optimismus aufkommen zu lassen: „Es ist wichtig, dass man die Erwartungen nicht in den Himmel schraubt, sodass man am nächsten Tag das Gefühl hat, die Welt geht unter, wenn es nicht so läuft, wie man sich das wünscht.“ Nüchtern, kühl und sachlich eben.

Peter Altmann

DIE KONSTANZ DES MARKO ARNAUTOVIC: Beim Saison-Auftakt von Werder bei Meister Borussia Dortmund hinterließ Arnautovic einen hervorragenden Eindruck, nicht nur, weil er den zwischenzeitlichen Ausgleich der Bremer mustergültig vorbereitete. Koller ist wichtig, dass die Offensivkraft Leistungen wie diese nicht nur zwei oder drei Mal bringt, sondern bestätigt: „Er muss jede Woche solche Spiele zeigen. Wir wissen, dass nicht jede Woche alles supergut läuft, aber Konstanz ist wichtig. Wenn er die bringt, wissen wir alle, dass er hervorragende Qualitäten hat, um dem Team zu helfen.“

SYMBOLWIRKUNG IN RICHTUNG NACHRÜCKER: Auf der Abrufliste befinden sich mit Ried-Spieler Thomas Hinum, Rapidler Deni Alar oder Aston-Villa-Legionär Andreas Weimann Akteure, die bislang noch nie ins A-Team einberufen wurden. Ein bewusster Akt von Koller, der beweisen will, dass das Nationalteam keine geschlossene Gesellschaft darstellt. Als Beispiel dafür führt er Hinum an: „Jeder Spieler in Österreich hat die Möglichkeit, sich ins Team oder in dessen nähere Umgebung zu spielen. Dafür sind gute Leistungen im Verein notwendig. Für uns ist nicht entscheidend, ob einer bei Rapid, Austria oder Salzburg spielt, sondern der Spieler ist entscheidend, ob wir Potenzial sehen.“ Auch diese Personalentscheidungen sind hinsichtlich Kollers Absicht, einen Großkader zu installieren, zu betrachten. Sein Ziel ist es, genügend qualifizierte Spieler in der Hinterhand zu haben: „Wenn man taktisch einmal etwas anderes machen muss, ist es für einen Trainer gut, wenn nicht alle gleich sind.“

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