Ein zweiter Schritt

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Ein zweiter Schritt in Richtung mehr Vertrauen

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Die wichtigste Mission wurde beim Testspiel gegen Finnland positiv abgeschlossen: Ein gutes Ergebnis.

So gesehen lässt sich dieser 3:1-Sieg nach der guten Darbietung in der Ukraine als zweiter kleiner Schritt nach vorne abhaken.

Die diesmal teilweise bescheidene Leistung offenbarte jedoch, wie viel Arbeit Teamchef Marcel Koller mit dem österreichischen Nationalteam noch vor sich hat.

LAOLA1 analysiert, was beim Match gegen die Nordeuropäer aus rot-weiß-roter Sicht gut und was schlecht war:

EFFIZIENZ:

Selbstbewusst vor dem Spiel, lobenswert selbstkritisch danach. Die ÖFB-Kicker traten im Vorfeld sehr ergebnisorientiert auf, wollten dringend einen Sieg einfahren. Dieses Ziel wurde erreicht. „Wir wollten nicht nur leere Worte von uns geben, sondern auch Taten folgen lassen“, erklärte Janko. Dem Porto-Legionär war jedoch schon vor dem Spiel bewusst, dass ohne gute Leistung auch im Falle eines Sieges geraunzt werden würde. Dieser Fall ist eingetreten. In der Vergangenheit verabsäumte man es bisweilen, sich für gute Leistungen zu belohnen. So gesehen, war diese effiziente Darbietung ein Schritt nach vorne. Dass der Weg noch lange ist, wissen die Spieler. „Wenig glanzvoll. Gerade gegen solche Gegner müssen wir noch mehr über das Spielerische kommen. Ich glaube, dass das Potenzial noch viel größer ist. Wir haben uns Luft nach oben gelassen“, betonte Martin Harnik.

KONKURRENZKAMPF:

Erstmals seit längerer Zeit kann man von einer Stammelf sprechen. Die Aufstellung war diesmal im Prinzip schon vor Camp-Beginn klar, musste nur aufgrund von Blessuren adaptiert werden. Ein gutes Gerüst ist eine wichtige Basis. Positiv ist jedoch, dass der Konkurrenzkampf trotzdem steigt. Gerade unter Koller-Vorgänger Didi Constantini hatte es oftmals an ausreichend Alternativen auf der Bank gefehlt, durch die Rückkehr einiger Leistungsträger beziehungsweise die Weiterentwicklung mancher Spieler wächst die Zahl an Alternativen jedoch zunehmend. Zlatko Junuzovic klopft laut um das Stammleiberl von Marko Arnautovic an, Markus Suttner lieferte ein ordentliches Debüt ab, György Garics rechts ein vernünftiges Comeback, Guido Burgstaller wusste beim Teamchef Eindruck zu schinden, mit den Rückkehrern Jürgen Säumel und Yasin Pehlivan gibt es solide Backups für das gesetzte Duo David Alaba und Julian Baumgartlinger, auch der diesmal fehlende Besiktas-Legionär Veli Kavlak entwickelt sich gut. Besonders heiß wird der Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung, wo Aleksandar Dragovic mit einer starken Performance den verletzten Emanuel Pogatetz und Sebastan Prödl den Kampf ansagte. Und mit Paul Scharner hat Koller auch noch einen Premier-League-Legionär in der Hinterhand. Der Schweizer will einen Kader von rund 30 Spielern, auf die er jederzeit zurückgreifen kann. Er ist am besten Weg dahin.

TEAMCHEF:

Für einen war der Sieg besonders wichtig – Teamchef Marcel Koller selbst. Ein Erfolg im zweiten Länderspiel unter seiner Anleitung verschafft ihm die nötige Ruhe. Er kann ohne lästige Diskussionen im Umfeld weiter akribisch arbeiten. Selbst scharfe Kritiker unter den Beobachtern gestehen ihm zu, dass er bislang keinen gravierenden Fehler beging und mit enormem Fleiß am Werk ist. Anders als so mancher Vorgänger überlässt er wenig dem Zufall (und bestimmt zum Beispiel „sogar“ Elfmeterschützen…). „Er arbeitet sehr strukturiert, mit einem richtigen Plan. Wir trainieren sehr, sehr viel Taktik. Ich denke, man erkennt schon eine erste Handschrift“, strich Janko hervor. Bei seinem ersten Teamchef-Job lernte Koller gerade die Probleme eines Mini-Camps mit nur zwei Tagen Vorbereitungszeit kennen und kommunizierte diese auch – tendenziell sogar zu oft – nach außen, denn letztlich sind alle Nationalteams mit dem Problem des engen Terminkalenders konfrontiert. Laut Janko agierte der Schweizer jedenfalls möglichst effizient: „Wichtig ist, dass man die kurze Zeit, die man gemeinsam hat, perfekt nutzt. Wir haben das Beste daraus gemacht.“

VERTRAUEN DES PUBLIKUMS:

Gaben die rot-weiß-roten Fans ihrem Team in den vergangenen Jahren jede Menge Vertrauensvorschuss, ist dieser Kredit offenkundig ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo spürbare Fortschritte zu orten sind, aufgebraucht. Der Zuspruch in Klagenfurt war mit – angeblich – 10.000 Zuschauern enttäuschend, und jene die kamen, übten sich entweder in vornehmer Zurückhaltung oder Ungeduld. „Erstens waren wenige Zuschauer da. Zweitens verstehe ich sie nicht. Für mich ist es komisch – nach 20 Minuten wirst du ausgepfiffen. Ich weiß nicht, was sich manche Leute von uns erwarten“, wunderte sich Garics. Auf einem Niveau, wo man von der Unterstützung des Publikums unabhängig ist, befindet sich das ÖFB-Team noch lange nicht. Garics: „ Es ist ja nicht so, dass wir 10 gegen 0 spielen – wir spielen 11 gegen 11. Der Gegner kann ja auch Fußballspielen. Es ist heutzutage nicht mehr so, dass man auf eine Nation trifft, die nicht kicken kann. Wenn man nicht gleich nach zwei Minuten mit 1:0 führt, muss man geduldig sein. Auch gegen Finnland.“ Von den Pfiffen gegen Marko Arnautovic ganz zu schweigen. Koller wünscht sich, dass „die Leute zum Nationalteam stehen und auch in Kauf nehmen, wenn einer einmal schlechter spielt.“

GEGENTOR:

Es ist und bleibt ein ÖFB-Dauer-Thema. Ein Länderspiel ohne Gegentor hat Seltenheitswert. Auch gegen harmlose Finnen hielt man die konzentrierte Abwehrleistung nicht bis zum Schlusspfiff durch und ließ die Nordeuropäer über einen Ehrentreffer jubeln. Sehr zum Ärger von Koller. „Auch beim Stand von 3:0 muss es das Ziel sein, die Null zu halten“, monierte der 51-Jährige diese Nachlässigkeit. Dass die Null so gut wie nie steht, hat schon zahlreiche seiner Vorgänger beschäftigt. Lösen konnten sie dieses Problem nicht zufriedenstellend. Im Hinblick auf die WM-Qualifikation wäre es ratsam, dass der penible Schweizer ein Rezept findet.

Peer Altmann/Harald Prantl/Jakob Faber

KAPITÄNSFRAGE:

Bis zum Juni will Koller entscheiden, wer sein Kapitän ist. Diese Frage wird bekanntlich überbewertet, ist für die Öffentlichkeit aber nun mal eine interessante. Der aktuelle Amtsinhaber Marc Janko bleibt der Favorit, sein Stellvertreter Christian Fuchs hat seine Sache stets gut gemacht. Und selbst wenn Andreas Ivanschitz wieder die Schleife bekommen sollte, verliert das Thema an Schärfe, denn dessen „Kapitäns-Comeback“ hat Koller bereits gegen Finnland clever inszeniert. Während in der jüngeren Vergangenheit oft Konfusion herrschte, wer im Falle von Auswechslungen Spielführer wird, hatte der Schweizer den Mainz-Legionär schon am Mittwochvormittag informiert. „Ein wunderbarer Moment nach so langer Zeit“, strahlte Ivanschitz, ohne jedoch weitere Ansprüche anzumelden: „Marc macht die Sache sehr gut. Wir haben einige Führungsspieler in unseren Reihen, die schon besonders viel Erfahrung haben, da zähle ich auch Christian Fuchs und Martin Harnik, der die Schleife am Schluss bekommen hat, dazu. Es ist völlig okay so, wie es im Moment ist.“

AUTOMATISMEN:

Man darf natürlich nicht vergessen, dass dies erst das zweite Antreten unter einem neuen Teamchef war, und es ja einen Grund gibt, warum ein Wechsel auf der Trainerbank notwendig war. Betreuerteam und Spieler befinden sich nach wie vor mitten in der Kennenlernphase. Auch wenn es für Koller von Vorteil ist, dass die Mannschaft nicht bunt zusammengewürfelt ist und sich das Gros schon recht gut kennt, dauert es, bis die Vorgaben des Teamchefs in Fleisch und Blut übergehen. Eines von mehreren Beispielen: Das Pressing, das in der Ukraine noch gut klappte, funktionierte diesmal gar nicht (siehe Taktik-Analyse). Bis das Nationalteam in sich so gefestigt ist, dass es Kollers Konzept auch bei kurzer Vorbereitung umsetzen kann, ist Geduld gefragt.

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