Kollers Pressing-Falle

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Taktik-Analyse: Gut reagiert, trotzdem verloren

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Marcel Koller war von Stolz erfüllt.

„Wir haben genau das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben, obwohl wir nur ein taktisches Training vor dem Spiel hatten“, erklärte der Teamchef nach der 1:2-Niederlage gegen Brasilien.

So viel Lob hatte einen Grund. Denn die Österreicher hätten der „Selecao“ dank Kollers Plan und einer disziplinierten Defensiv-Leistung fast ein Remis abgerungen.

Kollers Pressing-Falle

33 Minuten musste Robert Almer warten, bis mit Oscar der erste Brasilianer einen Schuss auf seinen Kasten abfeuerte. In der halben Stunde davor hatte Österreich den fünfmaligen Weltmeister absolut im Griff.

„Vielleicht waren sie überrascht, dass wir sie früh attackiert haben. Das hat in den vorherigen Testspielen kein Gegner gemacht“, mutmaßte Koller, dessen Mannschaft in der ersten Hälfte ein kluges Angriffs-Pressing spielte.

Es wurde nicht einfach munter darauf losgepresst, sondern stets der richtige Zeitpunkt für das Forechecking abgewartet. Grundsätzlich verschoben die Österreicher im engen 4-4-2-Block samt hoher Defensiv-Linie kompakt hin und her.

In bestimmten Situationen, beispielsweise wenn der Ball bei beiden Außenverteidigern landete, ging es dann aber los. Die Pressing-Falle schnappte zu: Zlatko Junuzovic attackierte den Ballführenden, Rubin Okotie deckte den Passweg zum Innenverteidiger ab und die Mittelfeldspieler eilten herbei, um auf der jeweiligen Seite Überzahl herzustellen. Viele Ballgewinne fuhr das ÖFB-Team auf diese Weise ein. Die Brasilianer wurden vom eigenen Tor ferngehalten.

Die Startaufstellungen: Österreich im gewohnten 4-2-3-1, das bei Ballbesitz des Gegners zum 4-4-2 wird. Brasilien mit einem 4-4-2-System, bei dem Neymar etwas hängend hinter Luiz Adriano spielt.

Brasilianisches Problem

Carlos Dungas Mannschaft hatte nicht nur mit dem österreichischen Pressing, sondern auch mit eigenen taktischen Problemen zu kämpfen. Zwischen den beiden tief stehenden Sechsern und den Angriffsspielern klaffte ein großes Loch.

Das wirkte sich offensiv und defensiv aus. Der Spielaufbau blieb permanent im Mittelfeld stecken, da Österreich im Zentrum auf eine Überzahl bauen konnte. Dazu ließen die Brasilianer im Spiel gegen den Ball den ÖFB-Sechsern sehr viel Platz. Ein um das andere Mal standen Stefan Ilsanker oder Veli Kavlak alleine da, wenn Neymar und Luiz Adriano die Innenverteidiger attackierten.

David Alaba hätte aus diesen Freiheiten wohl mehr Kapital geschlagen. Ilsanker und Kavlak gelangen aber immerhin einige eröffnende Pässe auf die Flanken, die vor allem Marko Arnautovic für Offensiv-Aktionen zu nutzen wusste.

Dungas Lösung

Nach etwa 30 Minuten reagierte Dunga auf die Probleme seines Teams. Er wies die Außenspieler Oscar und Willian an, vermehrt nach innen zu ziehen, um das Loch in der Mitte zu schließen. Auch Neymar holte sich die Bälle nun schon von weiter hinten.

Alle drei Filigran-Techniker nutzten ihre Dribbling-Künste geschickt aus, um das brasilianische Spiel weiter nach vorne zu verlagern. Hinzu kam, dass mit Fortdauer der zweiten Hälfte auch Fernandinho sowie die beiden Außenverteidiger offensiver wurden.

Gegenüber der ersten halben Stunde zeigte sich die „Selecao“ stark verbessert und erarbeitete sich langsam ein spielerisches Übergewicht, wobei Dunga gleichzeitig auf die defensive Balance achtete. Bei eigenem Angriff sicherten hinten konstant vier bis fünf Spieler ab. Auch deswegen tat sich das ÖFB-Team im Konter so schwer.

Mit der Einwechslung von Roberto Firmino wurden die Brasilianer noch unberechenbarer. Neymar wechselte an die vorderste Front, hielt sich dort aber nicht immer auf. Die vier Offensiv-Kräfte rochierten munter umher, wovon sich Österreich allerdings nicht beeindrucken ließ. Denn Teamchef Koller hatte seinen Mannen noch einen zweiten Defensiv-Anzug mitgegeben.

Auch der zweite ÖFB-Anzug sitzt

Spätestens mit der Einwechslung von Andi Weimann (71.) für Junuzovic stellte der Schweizer im Spiel gegen den Ball von einem 4-4-2 auf ein 4-5-1-System um.

In der eigenen Spielhälfte ordnete sich Weimann nicht vor, sondern neben den beiden ÖFB-Sechsern ein. Dadurch sollte das Zentrum vor den gefährlichen Dribblings der Brasilianer geschützt werden. Zudem konnten damit die Flügelspieler weiter rausrücken, um die Flanken gegen Vorstöße der Außenverteidiger zu sichern.

Österreichs 4-5-1: Weimann rückt im Spiel gegen den Ball zurück.

Manchmal hilft aber auch die beste Strategie nicht, einen Treffer zu verhindern. Bei Firminos Siegestor verfügten die Österreicher in Ballnähe eigentlich über genügend Spieler, um den Treffer zu verhindern. Marcel Sabitzer hätte Assistgeber Filipe Luis vielleicht aufmerksamer im Blick behalten können, aber schlussendlich setzte sich in dieser Situation die individuelle Klasse gegen den taktischen Vorteil durch. Firminos „Sonntagsschuss“ (O-Ton Koller) fixierte den 2:1-Sieg.

Kollers letzter Schachzug, Verteidiger Sebastian Prödl als Stürmer für die hohen Bälle zu bringen, brachte nichts mehr ein.

Projekt „Defensive Flexibilität“ gelungen

Das letzte Länderspiel 2014 zeigte den taktischen Reifeprozess des ÖFB-Teams in diesem Jahr auf. Nach der verpatzten WM-Quali setzte sich Koller zum Ziel, defensiv flexibler zu werden. Die Mannschaft sollte einen Vorsprung verwalten können, auch einmal dreckige Siege einfahren.

Das Spiel gegen Brasilien verdeutlichte, dass dieses Projekt gelungen ist. Nachdem man die „Selecao“ in der ersten Hälfte weiter vorne attackierte, stellte das ÖFB-Team in der zweiten Hälfte auf eine defensivere Spielweise um. In beiden Fällen wurden gegen eine der besten Nationalmannschaften der Welt nur wenige Chancen zugelassen.

Das gibt Hoffnung für die schweren EM-Qualifikations-Auswärtsspiele im nächsten Jahr.

 

Jakob Faber

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