"Wenn man ein großes Team werden will..."

Aufmacherbild
 

Mit brüchiger Stimme bilanzierte Teamchef Marcel Koller am Sonntag das Liechtenstein-Spiel und wagte einen Ausblick auf den Test gegen Bosnien-Herzegowina am Dienstag.

Dennoch brachte er bestens verständlich zum Ausdruck, dass es auch nach dem 5:0-Triumph in Vaduz keinen Grund zur Zufriedenheit gibt.

„Zufrieden bin ich vielleicht, wenn es heißt: Österreich ist bei der EM mit dabei. Vorher werde ich giftig und fokussiert sein, und versuchen das hinzukriegen“, betonte der Schweizer, der sich selbst als penibel charakterisierte.

Trotzdem gab es natürlich jede Menge positive Erkenntnisse - vor allem, dass seine Schützlinge keine Überheblichkeit an den Tag gelegt hätten. Ein Qualitätsmerkmal von „großen Teams“.

MARCEL KOLLER…

…BILANZIERT DAS LIECHTENSTEIN-SPIEL:

Es war natürlich im Vorfeld wichtig, dass wir versucht haben, die Überheblichkeit, die man gegen einen Kleinen haben könnte, aus dem Kopf zu bringen. Es war die ganze Woche über unser Ziel, die Spieler darauf einzustellen, dass sie sehr fokussiert sind. Wenn man ein großes Team werden will, muss man auch auswärts sein Spiel durchbringen. Wir haben versucht, das im Training auf den Platz zu bringen. Ich war hellauf begeistert, wie sie das umgesetzt und sich nicht durch die vielen Medienberichte, die vom Fußballzwerg und vom Pflichtsieg gesprochen haben, ablenken haben lassen. Wenn man selbst im Kopf drinnen hat, dass man weniger tun muss und locker ins Spiel gehen kann, dann wird es nicht reichen, oder es gibt knappe Siege wie 1:0 oder 2:1. Unsere Jungs waren wirklich voll fokussiert. Ein großes Kompliment, weil sie gezeigt haben, dass sie das wegstecken können, und dass sie ein Ziel haben, nämlich die EM. Da war es ganz wichtig, die drei Punkte mitzunehmen.

Wie sie das gezeigt haben, war schon in der ersten Halbzeit sichtbar und in der zweiten noch mehr – mit aggressivem Stören, frühem Unterdrucksetzen des Gegners, ihn zu Fehlern zu zwingen. Man hat ja auch gesehen, dass die Liechtensteiner versuchen, frech nach vorne zu kommen, wenn sie Platz haben. Da kann es auch immer mal möglich sein, wie bei der einzigen großen Chance aus einem Eckball, dass sie ein Tor erzielen. Wenn das 1:2 fällt, weiß man ja auch nicht, was passiert. Dann kann wieder Unruhe reinkommen. Das war aber eigentlich das ganze Spiel über nicht der Fall, sie hatten es im Griff. Es macht sehr viel Spaß und Freude, dass sie jetzt nicht überheblich sind und sich schon wieder auf das nächste Spiel konzentrieren. Das ist entscheidend, und haben wir auch in den letzten drei Jahren versucht, den Spielern mitzugeben.

…DARÜBER, OB DIE VORKOMMNISSE IN MONTENEGRO EIN NACHTEIL FÜR ÖSTERREICH SIND, DA BEI EINEM GEISTERSPIEL AUCH ÖFB-FANS AUSGESCHLOSSEN WÄREN?

Noch wissen wir es nicht, es schaut aber wahrscheinlich so aus. Wir können eh nichts machen. Wenn unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt werden sollte, ist es auch so, dass wir nicht das ganze Stadion mit eigenen Fans gefüllt hätten, sondern nur einen kleinen Prozentsatz. Es ist schade für unsere Fans, weil sicher der eine oder andere mitgekommen wäre. Aber wir können es nicht ändern. Es wäre aber komisch, vor leeren Rängen zu spielen. Es ist sicherlich schöner, wenn das Stadion voll ist.

…ÜBER DIE AUFGABE BOSNIEN-HERZEGOWINA:

Sie haben eine spielerisch starke Mannschaft und auch einen neuen Trainer. Ich werde mir ihr Spiel vom Samstag gegen Andorra sicher noch anschauen. Sie haben individuelle Qualität, sind eine sehr robuste Mannschaft mit vielen großen Spielern. Auf diese spielerische Qualität müssen wir in der Defensive achten, aber wir spielen zu Hause, werden große Unterstützung haben. Es wird ein spannendes Spiel. Wir wollen zeigen, dass wir gewinnen wollen und diese Testspiele ernst nehmen. Wir möchten unseren Fans ein gutes Spiel zeigen.

…DARÜBER, OB ER MIT DER STAMMELF SPIELEN MÖCHTE ODER EXPERIMENTIEREN WIRD:

Absprachen mit den Vereinen gibt es nicht. Wir haben noch Trainingseinheiten, da kann immer etwas passieren. Veli Kavlak ist nicht mehr dabei, er ist wegen seiner Schulterprobleme abgereist. Bei den anderen sind es kleinere Wehwehchen, aber normalerweise müssten alle bereit sein. Die Überlegung, ob wieder alle auflaufen werden, haben wir noch nicht angestellt. Die Idee ist aber schon, dass wir noch den einen oder anderen anschauen und testen.

…DARÜBER, OB ER IM LETZTEN TEST VOR DER ENTSCHEIDENDEN QUALI-PHASE AUCH AM SYSTEM ETWAS PROBIEREN MÖCHTE:

Das bringt nichts. Wir haben keine Zeit, etwas am System zu ändern. Wir haben schon die eine oder andere Idee, wie wir uns defensiv verhalten müssen, das kommt dann sicher in der Vorbereitung auf das Russland-Spiel, und wir werden das vor Bosnien auch ansprechen. Aber große Veränderungen wird es nicht geben, weil aus meiner Sicht die Zeit fehlt, um große System- oder Taktik-Änderungen vorzunehmen.

…ÜBER MARTIN HINTEREGGER, DER SICH ALS EINZIGER BUNDESLIGA-SPIELER IN DER STARTELF ETABLIERT HAT:

Er hat eine extreme Ruhe. Das ist vielleicht auf sein Hobby, die Jagd, zurückzuführen. Da muss er abwarten und kann nicht gleich reinschießen. Er hat eine gute Antizipation und Spielintelligenz. Er weiß, wann er eingreifen muss. Er wartet den richtigen und entscheidenden Moment ab, wo sich der Gegner den Ball vielleicht zu weit vorlegt. Zusammen mit Dragovic hat sich ein sehr starkes Duo entwickelt.

…ÜBER DIE AUSGEGLICHENHEIT UND FORM DES KADERS:

Es ist natürlich gut, wenn sie bei ihren Vereinen spielen und mit dementsprechend viel Selbstvertrauen kommen. Dann beginnst du auch nicht an dir zu zweifeln, wenn der Trainer vielleicht nicht auf dich steht. Es ist natürlich ein Vorteil, wenn alle gut in Form sind. Das haben ja auch fünf verschiedene Torschützen gegen Liechtenstein gezeigt. Wir haben ein gutes Kollektiv. Das Kollektiv ist ja speziell in der Defensive entscheidend, dass die, die gut nach vorne sind, nicht das Gefühl haben, defensiv nichts tun zu müssen. Große Mannschaften zeichnen sich auch darin aus, wenn sie in der Defensive kompakt stehen und jene Spieler, die technisch gut sind und normalerweise nicht so gerne nach hinten laufen, in der Defensive ihre Aufgaben erfüllen. Das macht es für den Gegner sehr schwer.

…DARÜBER, OB ÖSTERREICH SCHON EURO-REIF IST?

Im Moment sieht es so aus, ja. Wir haben aber erst fünf Spiele gespielt, müssen weitere fünf absolvieren - davon drei schwierige Auswärtsspiele in Russland, Schweden und Montenegro. Wir haben eh schon ein paar Mal gesagt, dass Hochrechnungen nichts bringen. Das nächste EM-Quali-Spiel ist Russland, da wollen wir natürlich auch gut spielen und punkten.

…DARÜBER, OB MAN AUF DEM WEG ZU EINEM GROSSEN TEAM IST?

Im Wachstum, auf dem Weg. Das letzte halbe Jahr war schon sehr gut, wie wir das umgesetzt haben. Es ist aber wichtig, dass du Konstanz reinbringst, dass du nicht nur zwei, drei, vier Spiele auf diesem Level spielen kannst, sondern über einen längeren Zeitraum. Dafür ist die Zeit noch zu kurz.

…DARÜBER, WIE WICHTIG DAS ENDE DER TORSPERRE VON MARKO ARNAUTOVIC IM WEITEREN QUALI-VERLAUF SEIN KANN:

Ich habe mich natürlich auch sehr gefreut, und was mich besonders gefreut hat, ist, dass die ganze Bank ihre Freude hatte. Er hat es ja drei, vier Mal versucht. Nicht nur auf dem Platz wurde mitgefiebert, sondern auch außerhalb. Das Betreuerteam und die Wechselspieler – jeder hat sich gefreut, als es dann endlich geklappt hat. Da muss er weiter dran bleiben und versuchen, das regelmäßiger hinzukriegen. Wir wissen, dass er mit seinen Qualitäten noch einen Schritt weiter machen kann, wenn er zu seiner Spielweise noch Tore erzielt.

…DARÜBER, OB DAVID ALABA ELFMETERSCHÜTZE BLEIBT:

Ich sehe keinen Grund, etwas zu ändern.

Ich mache mir nicht groß Gedanken darüber. Es ist so, dass man sich freut, aber nicht über die Statistiken. Ich freue mich fürs Team, für die Fans und das ganze Umfeld, dass wir ein gutes Spiel zeigen, dass die Spieler umsetzen, was wir ihnen vorgeben, und das ist, denke ich, eine attraktive Spielweise. Es ist wichtig, dass sie das verstehen und auch bereit sind, diese Wege zu gehen. Ich bin schon auch penibel und hacke auf Kleinigkeiten herum. Zum Beispiel, dass noch mehr Defensivarbeit zu tun ist, man auch nach vorne Wege machen muss, die vielleicht einmal umsonst sind, die man möglicherweise nicht immer einsieht, die aber wichtig für das Team sind, oder um den Gegner zu täuschen. Da ziehen alle mit. Wenn dabei noch Rekorde herausschauen, ist das vielleicht in 20 Jahren, wenn man die Zeitung liest und mein Name noch dabei ist, schön. Aber mehr eigentlich nicht.

…DARÜBER, OB ER, OBWOHL ER PENIBEL IST, NACH DEM LIECHTENSTEIN-SPIEL RESTLOS ZUFRIEDEN WAR:

Nein. Es gibt immer irgendetwas. Die zweite Halbzeit war aus meiner Sicht besser als die erste. Es gibt jetzt auch noch keinen Grund, um zufrieden zu sein. Zufrieden bin ich vielleicht, wenn es heißt: Österreich ist bei der EM mit dabei. Vorher werde ich giftig und fokussiert sein, und versuchen das hinzukriegen.

Aufgezeichnet von Peter Altmann

…ÜBER DIE SCHWACHE FORM BOSNIENS SEIT DER WM:

Da bin ich sicher der falsche Ansprechpartner. Ich habe mir einige Spiele angeschaut und auch das gegen den Iran bei der WM in Brasilien. Sie haben gute Qualität. Warum es nicht so läuft, wie sie sich das vielleicht vorstellen, ist schwer von außen zu beurteilen. Ich habe gesehen, dass sie gut nach vorne spielen, dass sie drei, vier Spieler haben, die ein Spiel alleine entscheiden können. Alles andere ist die Aufgabe des neuen Trainers.

…DARÜBER, WARUM MARC JANKO DIESMAL ZUR VERFÜGUNG STEHT UND NICHT ZU SEINEM VEREIN NACH SYDNEY ZURÜCKREIST?

Weil wir von unserer Seite gesagt haben, er kann ja nicht jedes Mal wieder abreisen, wenn wir ein Testspiel haben. Das nächste Mal kommen Bayern München oder Werder Bremen, die könnten ja auch sagen, ihre Spieler müssen zurückkommen. Marc hat das auch mit dem Verein geklärt, dass es weit weg ist und es gewisse Konflikte in dem Sinn geben kann, dass er vielleicht bei manchen Spielen nicht dabei ist. Er ist Nationalteamspieler, das heißt nicht nur für die Quali-Spiele, sondern auch für die Testspiele. Wir haben das ebenfalls mit dem Verein besprochen, dass wir einmal eine Ausnahme gemacht haben und dass wir das nicht mehr machen.

…DARÜBER, WIE WICHTIG IHM REKORDE WIE DER HÖCHSTE QUALIFIKATIONS-SIEG IN EINEM AUSWÄRTSSPIEL, SIND:

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen