Die kleinen, feinen Unterschiede

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Taktik-Analyse: Erkenntnis-Gewinn aus Testspiel

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Ein Testspiel ist zum Testen da.

Deswegen setzte Marcel Koller beim 1:1 gegen Bosnien und Herzegowina gleich auf vier neue Kräfte in der Startelf: Ramazan Özcan, Markus Suttner, Kevin Wimmer und Marcel Sabitzer.

Alles in allem leisteten sich die vier Genannten keine schwerwiegenden Fehler. Dennoch machten sich kleine Qualitätsunterschiede bemerkbar.

Kollers Offensiv-Konzept funktionierte nicht so wie gewünscht. Gegen die kompakten Bosnier konnte man sich nur wenige Möglichkeiten erspielen. Auch weil so manche Stammkraft eben nicht hundertprozentig ersetzt werden konnte.

Die „Neuen“ erfüllen das Konzept nur bedingt

Ein Beispiel dafür ist Innenverteidiger Wimmer. Sein Konkurrent Martin Hinteregger glänzt normalerweise mit flachen Pässen in den Zwischenlinienraum. Der Köln-Legionär, in seinem ersten Länderspiel von Beginn an auf Sicherheit bedacht, ließ diese vertikalen Zuspiele jedoch vermissen.

So blieb die Eröffnung aus der Abwehr an Aleksandar Dragovic hängen, womit es der bosnischen Defensive leicht gemacht wurde, den österreichischen Spielaufbau vorauszuahnen.

Auch der personelle Wechsel auf der Linksverteidiger-Position brachte Probleme mit sich. Gegen Liechtenstein war das Flügelspiel, vor allem auf dieser Seite, noch eine der großen Stärken gewesen.

Im Gegensatz zu Christian Fuchs zeigte sich dessen Vertreter Suttner aber nicht sonderlich offensiv. Davor war Marko Arnautovic deswegen oft auf sich alleine gestellt – zumal Bosniens Teamchef seine Aufstellung dem zuletzt starken Stoke-Profi anpasste.

ÖFB-Pressing bekommt keinen Zugriff

Mit Mensur Mujdza und Avdija Vrsajevic schickte Mehmed Bazdarevic gleich zwei nominelle Außenverteidiger gegen Arnautovic ins Feld. Auch mit einer Umstellung in der Zentrale zeigte Bazdarevic seinen Respekt vor dem ÖFB-Team. Stuttgart-Stürmer Vedad Ibisevic musste auf der Bank Platz nehmen. Superstar Edin Dzeko stürmte alleine, dahinter agierte Miralem Pjanic als offensiver Mittelfeldspieler.

Der Roma-Profi war es auch, der den Österreichern in der ersten Hälfte die größten Probleme bereitete. Nicht nur, weil er die Sechser beharrlich bei deren Pässen störte. Im Ballbesitz ließ er sich tief in die eigene Hälfte fallen, um seine Kollegen im Spielaufbau zu unterstützen. Wegen ihm lief das Fore-Checking des ÖFB-Teams oft ins Leere.

„Sie haben nicht blind in unser Angriffspressing hineinkombiniert – immer wenn sie gemerkt haben, dass wir ihnen näher kommen, dann haben sie den hohen Ball gespielt“, meinte Julian Baumgartlinger. Diese hohen Bälle hatten Wimmer und Dragovic gegen Dzeko aber gut im Griff.

Die Startaufstellungen: Österreich im gewohnten 4-2-3-1, Bosnien im 4-4-1-1-System, das bei eigenem Ballbesitz durch die tiefe Positionierung von Pjanic zu einem 4-3-3 wird.

Für Russland geübt

In der ersten Hälfte entwickelte sich so ein Spiel, in dem sich beide Teams gegenseitig neutralisierten. Österreich hatte zwar mehr Ballbesitz, fand durch das engmaschige 4-4-1-1-System der Bosnier aber kein Durchkommen. Nicht umsonst musste ein Ballgewinn im Gegenpressing herhalten, damit Marc Janko das Tor zum 1:0 erzielen konnte.

Dragovic sprach dem Gegner Lob aus: „Sie haben die Räume sehr eng gemacht. Es war wenig Platz für uns Innenverteidiger ins Mittelfeld zu gehen oder Pässe zwischen die Linien zu machen. Das war eine gute Übung für uns, weil die Russen werden das in Moskau auch so machen.“

Nach der Pause änderte sich die Partie. Durch die Verletzung von Alaba sowie die späteren Auswechslungen von Arnautovic und Baumgartlinger verlor das ÖFB-Team an Ballsicherheit.

Bosnien dagegen fand durch die Einwechslung von Muhamed Besic besser ins Spiel. Der Everton-Profi löste den für ihn ausgewechselten Pjanic als zentralen Taktgeber ab. Gleichzeitig bekam Dzeko nun mehr Unterstützung aus dem Mittelfeld.

Defensive Abläufe im Blut

Zwar hatte die verbesserte Spielanlage noch wenig mit dem 1:1-Ausgleich zu tun, doch danach wurden die Südosteuropäer deswegen besser: Nach einem Vorstoß von Besic hatte Dzeko in der 67. Minute die Entscheidung am Fuß.

Alles in allem präsentierte sich das ÖFB-Team jedoch auch in der zweiten Hälfte defensiv sicher. Die Probleme lagen viel mehr im spielerischen Bereich, Ohne Alaba und Baumgartlinger fehlte es an offensiven Impulsen aus dem zentralen Mittelfeld.

Kein Wunder, schließlich waren dort in der letzten halben Stunde mit Stefan Ilsanker und Dragovic zwei defensiv ausgerichtete Sechser am Werk. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, nach der Auswechslung von Baumgartlinger Junuzovic zurückzuziehen, anstatt Dragovic vorrücken zu lassen.

„Eigentlich hatten wir das in der Pause so geplant, wir haben uns dann aber umentschieden und Dragovic ins Mittelfeld gezogen. Gegen Schweden hat er damals ein gutes Spiel auf dieser Position gemacht. Auch heute hat er diese Aufgabe gut gelöst“, erklärte Koller nach dem Spiel.

Fazit: Einige Schwachstellen aufgedeckt

Der Teamchef kann aus diesem Testspiel einige wertvolle Erkenntnisse mitnehmen. Die Defensiv-Abläufe hat seine Mannschaft mittlerweile im Blut, Bosnien wurde nur selten gefährlich.

Gleichzeitig ließen die Gäste das ÖFB-Pressing aber oft ins Leere laufen. Die Schaltzentrale aus Junuzovic, Baumgartlinger und Alaba wurde dank einer geschickten Mittelfeld-Aufteilung ruhig gestellt. Das enge 4-4-1-1 konnte kaum durchbrochen werden, auch weil tiefe Steilpässe über die Abwehr zu selten gespielt wurden.

Letztlich zeigte sich bei diesem Test zudem, dass gewisse Ergänzungsspieler eben doch (noch) nicht die Qualität haben, um Kollers Konzept perfekt umzusetzen. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen, doch diese können manchmal entscheidend sein.

 

Jakob Faber / Peter Altmann

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