Erkenntnisse und ein Schock

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"Die Enttäuschung über Davids Verletzung überwiegt"

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Vor dem 1:1 gegen Bosnien-Herzegowina war viel von der gestiegenen Erwartungshaltung an das ÖFB-Team die Rede.

Daher kann nach einer durchschnittlichen Darbietung wie jener im Test gegen den WM-Teilnehmer naturgemäß keine restlos zufriedene Bilanz gezogen werden.

Da Teamchef Marcel Koller jedoch diversen Kadermitgliedern, die zuletzt gar nicht oder nur selten Länderspiel-Minuten sammeln durften, Einsatzzeit gewährte, ist es wohl verständlich, dass nicht alles rund lief.

Erkenntnisse ließen sich dennoch einige gewinnen, und auch abseits davon taten sich Themen auf – leider nicht nur erfreuliche, wie vor allem die Verletzung von David Alaba:

SORGEN UM ALABA: Der Schockmoment des Spiels war fraglos die Verletzung von David Alaba, dem erneut eine Zwangspause droht. Entsprechend gedrückt war die Stimmung im ÖFB-Lager. „Es überwiegt die Enttäuschung über Davids Verletzung“, konnte sich Marc Janko nicht so recht über seinen 20. Länderspiel-Treffer freuen. Eine genaue Diagnose steht zum derzeitigen Zeitpunkt noch aus, der Stürmer befürchtet jedoch: „Es schaut auf jeden Fall nicht gut aus.“ Koller meinte zum Zustand des Bayern-Legionärs: „David hat Probleme mit dem Knie, er hat einen Stich verspürt. Es geht ihm nicht so gut.“ Der ÖFB-Superstar verletzte sich unmittelbar vor der Pause, als ihm Ermin Bicakcic bei einem Zweikampf unglücklich auf das linke Knie fiel. Erst im vergangenen Herbst musste Alaba aufgrund eines Teilrisses des Innenbands sowie einer Meniskusverletzung im rechten Knie für einige Wochen pausieren. Nun droht die nächste unfreiwillige Auszeit. Janko: „Das ist natürlich sehr, sehr bitter für David in einer Phase, in der es für ihn so gut gelaufen ist. Aber ich bin sicher, dass er da wieder gestärkt herauskommt. Wer, wenn nicht er?“

DAS SPIEL: Die ÖFB-Kicker bilanzierten das Remis mit gemischten Gefühlen. „Spiel und Ergebnis waren okay, aber nicht überragend oder super“, brachte Zlatko Junuzovic auf den Punkt, dass man die Euphorie der vergangenen Tage diesmal nicht wie erhofft auf den Platz bringen konnte. Laut Koller sei es ein „schwieriges, aber gutes“ Spiel seiner Mannschaft gewesen: „In der ersten Hälfte sind wir nicht so gut ins Passspiel gekommen, haben zu viele Abspielfehler gemacht. Deswegen konnten wir auch nicht so viele Chancen herausspielen. Bosnien hat sehr gut verteidigt. Sie haben uns die Aufgabe schwer gemacht.“ Dies implizierte, dass das Nationalteam seine gewohnte Spielweise diesmal nicht durchdrücken konnte. „Das Pressing, das wir normal überragend beherrschen, war heute nicht so gut“, erkannte Marko Arnautovic. Julian Baumgartlinger führte dies einerseits auf die nur bedingt aufeinander eingespielte Formation zurück: „Andererseits war das natürlich auch der Qualität von Bosnien geschuldet. Sie haben nicht blind in unser Angriffspressing hineinkombiniert und sich einen Wolf gespielt. Immer wenn sie gemerkt haben, sie kommen ins Pressing, haben sie zum Tormann zurückgespielt oder hohe Bälle gespielt. Gegen einen sehr guten Gegner kann das Pressing auch einmal nicht funktionieren.“ Letztlich entwickelte sich eine relativ chancenarme Partie, deren Rhythmus nach der Pause durch die vielen Wechsel zusätzlich litt. Zufriedenheit herrschte zumindest darüber, dass man selbst wenig zugelassen hat. Umso ärgerlicher war für Aleksandar Dragovic das Gegentor unmittelbar nach Wiederanpfiff: „Das einzige Manko war vielleicht, dass wir nicht mit 100 Prozent aus der Halbzeit gekommen sind und dann unglücklich ein Tor bekommen haben.“ Beim Treffer von Bremen-Legionär Izet Hajrovic fälschte der Innenverteidiger den Ball unglücklich ab: „Vielleicht hätte ich nicht rutschen sollen. Aber das ist Hättiwari. Leider ist es so passiert.“

HARNIKS JUBILÄUM: Mit Martin Harnik hätte sich ein anderer Jubilar diesen Abend ein wenig anders vorgestellt. Denn der Stuttgart-Legionär saß bei seinem 50. Länderspiel zunächst nur auf der Bank. „Ein bisschen hat es das schon getrübt, weil ich natürlich gerne in der Startformation gestanden und mich gefreut hätte, bei der Hymne auf dem Platz zu sein. Aber ich bin trotzdem glücklich, dass ich noch zum Einsatz gekommen bin und freue mich natürlich über dieses Jubiläum“, gab der 27-Jährige zu Protokoll. Generell zog Harnik ein aufgeräumtes und auch ein wenig selbstkritisches Fazit über seine ersten 50 Matches für Österreich. Es seien einige besondere Spiele dabei gewesen, zum Beispiel sein Debüt gegen Tschechien im Jahr 2007 samt Traumtor oder auch die Heim-EURO: „Ich muss aber im Nachhinein sagen, dass ich die viel zu wenig genossen habe. Ich war da noch zu jung und unerfahren, um mir über die Wichtigkeit des Turniers im Klaren zu sein.“ Dies beziehe er jedoch nicht auf seine schlagzeilenträchtige Kampfansage vor dem letzten Gruppen-Spiel gegen sein Heimatland Deutschland: „Diesen Schuh ziehe ich mir heute noch nicht an. Das war eine Riesen-List, auf die ich reingefallen bin. Ich habe sicherlich daraus gelernt, aber so forsch habe ich damals nicht geantwortet.“

UNGEWOHNTE STIMMUNG: Durch die große Abordnung an bosnischen Fans herrschte im Happel-Stadion eine ungewohnte Atmosphäre, da sich beide Fanlager bemerkbar machten. „Man weiß, dass von den Ländern am Balkan immer sehr viele Leute kommen und sie probieren, alles zu geben. Aber unsere Fans waren auch im Stadion und haben Stimmung gemacht. Als Spieler war es sehr gut, am Platz zu stehen und diese Atmosphäre von beiden Seiten mitzuerleben“, meinte Arnautovic. Auch die Pfiffe gegen ihn oder den gebürtigen Bosnier Junuzovic störten den Stoke-Legionär nicht, im Gegenteil: „Es ist wegen unserer Abstammung normal, dass sie uns auspfeifen. Das gehört zum Fußball dazu, da bin ich keinem böse. Die Atmosphäre war top. Kompliment an beide Seiten.“ Junuzovic sah das genauso: „Sie haben eh jeden ausgepfiffen. Das ist auch normal, ich bin aus ihrer Sicht der Gegner.“ Alles in allem hielten sich die Vorkommnisse abgesehen von einigen Böllerwürfen in Grenzen. Janko strich den freundlichen Grundton der Mehrheit der Anhänger hervor: „Generell war die Atmosphäre ganz nett. Wir haben viele blau-gelbe Fahnen gesehen, aber die Leute waren alle sehr positiv. Ich finde schön, dass im Sport bei aller Rivalität und Unterstützung für das Heimatland auch einmal für so etwas Platz ist und uns die Leute zugewunken haben, obwohl sie eigentlich für Bosnien waren. Ein schönes Erlebnis.“

DER ZWEITE ANZUG: Koller änderte seine eingespielte Stammelf an vier Positionen. Im Tor durfte Ramazan Özcan erstmals von Anfang an in einem Länderspiel ran. In der Innenverteidigung bekam Kevin Wimmer zum ersten Mal eine Bewährungschance über 90 Minuten. Beide lieferten eine solide Leistung ab. Zudem bekamen die etablierten Kadermitglieder Markus Suttner als Linksverteidiger und Marcel Sabitzer am rechten Flügel nach längerer Zeit wieder einmal die Gelegenheit, von Anfang an ihr Können zu zeigen. Im Laufe der Begegnung standen aufgrund der vielen Wechsel immer weniger Stammkräfte auf dem Feld. Dies machte sich im ÖFB-Spiel durchaus bemerkbar. Koller meinte, dass er in einem Qualifikations-Spiel wahrscheinlich anders aufgestellt hätte. Bezüglich Kluft zwischen Stamm- und Ersatzspielern setzt der Schweizer auf die Lerneffekte dieses Matches: „Der eine oder andere, der gespielt hat, hat gesehen, dass das Level hoch ist. Da gibt es sicher noch Verbesserungspotenzial, dass man den Ball schneller spielt, die Ballkontrolle besser wird oder auch noch mehr Ruhe ins Spiel kommt. Das sind alles Dinge, die durch solche Spiele besser werden. Da kann man nur Erfahrungen sammeln.“ Da Tests zum Testen da sind, macht es natürlich Sinn, in den wenigen Freundschaftsspielen Alternativen für den Ernstfall auszuprobieren und ihnen mehr Routine im ÖFB-Dress zu verschaffen. Dass dies auch Nachteile hat, liegt ohnehin auf der Hand. „Es ist normal, dass dann die Abläufe nicht so klar sind. Wenn man mehrere 90 Minuten gemeinsam in den Füßen und auch im Kopf hat, was auch eine große Rolle spielt, bewegt man sich vielleicht einen Tick selbstverständlicher. Aber das ist genau der Zweck so eines Spiels, das einzuspielen“, betonte Baumgartlinger.

Platz Name Tore Länderspiele
1. Toni Polster 44 95
2. Hans Krankl 34 69
3. Johann Horvath 29 46
4. Erich Hof 28 37
5. Anton Schall 27 28
6. Matthias Sindelar 26 43
. Andreas Herzog 26 103
8. Karl Zischek 24 40
9. Walter Schachner 23 64
10. Theodor Wagner 22 46
<span style=\'color: #ff0000;\'>11. <span style=\'color: #ff0000;\'>Marc Janko<span style=\'color: #ff0000;\'> <span style=\'color: #ff0000;\'>20<span style=\'color: #ff0000;\'> <span style=\'color: #ff0000;\'>45

JANKOS „JUBILÄUM“: Wie ein glücklicher Torschütze präsentierte sich Janko nach Schlusspfiff nicht – nicht nur wegen der Alaba-Verletzung. Auch er selbst musste zur Pause angeschlagen in der Kabine bleiben: „Meine Schultermuskulatur hat komplett zugemacht. Ich konnte den Arm nicht mehr bewegen.“ Nichtsdestotrotz ist das 20. Länderspiel-Tor natürlich ein besonderes, im konkreten Fall schlug er mit dem „Spitz“ zu. In der ewigen Schützenliste des ÖFB hat der Sydney-Legionär damit nur noch zehn Torjäger vor sich (siehe Tabelle). Schon in Liechtenstein zählte der Niederösterreicher zu den Torschützen, womit er nahtlos an seine Topform in der A-League anschloss. Für ihn das Resultat des Umstands, wie viel Spaß ihm sein Beruf derzeit wieder macht, wie er der versammelten Journalisten-Schar verdeutlichte: „Man muss immer das größere Bild sehen. Es geht ja euch genauso: Wenn ihr vom Chefredakteur nur zum Bleistiftspitzen geschickt werden, habt ihr auf Dauer auch keine Freude. Bei mir ist es genauso. Wenn ich nicht spielen darf, leidet natürlich das Selbstvertrauen. Man kommt nicht so gerne zur Arbeit wie sonst. In Sydney fühle ich mich auf und abseits des Platzes rundum wohl. Deswegen strahle ich auch ein ganz anderes Selbstvertrauen aus. Es ist ganz normal, dass man dann ganz anders auftritt und eine andere Präsenz hat als in Zeiten, in denen es einem nicht so gut geht.“ Nun gelte es, im Verein weiter hart zu arbeiten: „Das Körperliche ist bei mir immer das Wichtigste. Wenn ich da gut drauf bin, kommen die Tore meistens von ganz alleine.“

Gerade die Routine sei es, die den Martin Harnik aus der Anfangszeit im Nationalteam vom Martin Harnik der Gegenwart unterscheiden würde: „Erfahrung ist schon eine wichtige Sache, die man nicht lernen kann. Ich bin um einiges professioneller geworden. Damals bin ich noch sehr sorglos mit meinem Beruf umgegangen. Heute schaut es anders aus. Außerdem glaube ich, dass ich das eine oder andere an meinen technischen Fähigkeiten draufgelegt habe.“ Ein Geschenk zum Jubiläum habe er noch nicht bekommen. „Bislang nur nette Worte, aber ich habe gehört, dass es das eine oder andere geben wird. Anscheinend war sich nicht jeder sicher, ob ich zum Einsatz komme“, grinste Harnik schelmisch. Mit einem „Geschenk“ an die Fans kann und will die Frohnatur zeit seiner ÖFB-Karriere jedoch nicht dienen: einem Interview auf Österreichisch. „Mal schauen, wie viele Länderspiele noch dazu kommen, ich hoffe natürlich so viele wie möglich. Aber so lange spiele ich nicht. Ich glaube jedoch, die Medien sind auch dankbar für mein klares Hochdeutsch“, lachte der gebürtige Hamburger.

GUTER TEST FÜR RUSSLAND: Auch wenn nicht alles rund lief, ordnete man im ÖFB-Lager die 90 Minuten gegen Bosnien-Herzegowina alles in allem als guten Probelauf für das wichtige EM-Qualifikations-Spiel in Russland im Juni ein. Baumgartlinger: „Das Wichtige in dieser Partie war, dass wir uns auf den nächsten Gegner vorbereitet haben. Russland ist ebenfalls ein Kontrahent mit hoher individueller Klasse und im Umschalten sehr gut. Es war ein guter Test. Die Bosnier haben uns nichts geschenkt, wir ihnen aber auch nicht.“ Dass beide Teams mit vollem Eifer bei der Sache waren, manifestierte sich auch in der einen oder anderen Meinungsverschiedenheit. Vor allem Dragovic und Bosniens Stürmer-Star Edin Dzeko haben nicht nur Freundlichkeiten ausgetauscht. Für den Kiew-Legionär jedoch keine große Sache: „Das gehört zum Fußball dazu. Wir haben uns nach dem Spiel die Hand gegeben, den Mund abgeputzt. Emotionen sind dabei, sonst hätten wir den Beruf verfehlt.“ Unterm Strich zählen ohnehin die gewonnenen Erkenntnisse, und davon gab es laut Junuzovic einige: „Wir können einiges aus diesem Match mitnehmen – auch negatives. Dass Verbesserungspotenzial vorhanden ist, hat man gesehen. Es ist auch gut, dass man sieht, dass man doch noch nicht so weit ist und weiterarbeiten muss.“


Peter Altmann/Martin Wechtl/Alexander Karper/Jakob Faber

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