Einwaller: „Wir haben Verbesserungsbedarf“

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Eine Ära geht am Sonntag zu Ende.

Mit dem ÖFB-Cup-Finale zwischen Meister Salzburg und Titelverteidiger SV Ried verabschiedet sich Thomas Einwaller in den Ruhestand als Schiedsrichter des österreichischen Profi-Fußballs.

Die aktuelle Nummer eins pfiff die vergangenen elf Jahre in der Bundesliga, hat in 118 Partien 41 rote Karten und 524 Gelbe Karten verteilt.

Er höre aus privaten Gründen auf, sagt der Tiroler. Wohl spielt beim erst 35-Jährigen (Alterslimit: 45) auch ein wenig Frust mit, ist die internationale Karriere doch ohne bekannte Gründe ins Stocken geraten.

„Es werden keine Tränen fließen“, sagt Einwaller im Gespräch mit LAOLA1. Die sind ihm auch beim achtseitigen, offenen Brief von Kollege Harald Ruiss (HIER DIE KERNAUSSAGEN) nicht gekommen.

Bei manchen Aussagen (HIER DIE REAKTIONEN) stimmt er zu, manches hält er für Blödsinn – ein Interview über Abschied, Lauftests und Verbesserungspotenzial.

LAOLA1: Sie leiten mit dem Cup-Finale ihr letztes Spiel ihrer Karriere. Freuen Sie sich darauf?

Thomas Einwaller: Sehr. Es ist eine Ehre für mich, dass ich das leiten darf. Ein Großteil meiner Familie wird dabei sein. Sie war beim ersten dabei und soll es auch beim letzten sein. Ich hoffe, es wird ein gutes Spiel.

LAOLA1: Wird es ein wehmütiger Abschied?

Einwaller: Es werden keine Tränen fließen. Beim Schlusspfiff werde ich mir denken: Jetzt habe ich es geschafft.

LAOLA1: Was denken Sie über den offenen Brief von Harald Ruiss?

Einwaller: In erster Linie kann mein Aufhören nicht in Verbindung mit dem Brief gebracht werden. Das hat nichts mit Kritik zu tun, sondern mit anderen Dingen.

LAOLA1: Und zwar?

Einwaller: Meine Assistenten haben aufgehört und nach 21 Jahren habe ich für mich gesagt, es ist genug. Ich habe das ein halbes Jahr durchgekaut, da hat sich auch nichts geändert. Am Sonntag ist mein letztes Spiel.

LAOLA1: Wie sehen Sie aber nun die Kritik von Ruiss?

Einwaller: Die Kritik geht in erster Linie gegen zwei Personen, Johann Hantschk und Fritz Stuchlik. Ich stehe grundsätzlich zur Regelung, dass Funktionäre mit 70 Jahren das Amt zurückgeben. Das ist für mich auch notwendig. Ich weiß nicht, warum Hantschk das erst mit 74 tun wird, zumal er auch seinen  Rücktritt angeboten hat (ÖFB und Schiedsrichter baten um Verbleib, Anm.) Man darf grundsätzlich nicht davon ausgehen, dass ausgezeichnete Schiedsrichter auch ausgezeichnete Funktionäre sind. Nicht jeder ausgezeichneter Fußballer ist auch ein ausgezeichneter Trainer. Das muss auch gesagt werden. Für mich ist Hans Hantschk ein sehr menschlicher Vorsitzender. Wie gesagt, mit 70 aufzuhören wäre in Ordnung gewesen. Jetzt aber herzugehen und zu sagen, er wäre dafür nicht qualifiziert, das halte ich für eine einfache Aussage und da stimme ich auch nicht ganz überein. Hantschk ist sicherlich ein Fachmann.

LAOLA1: Ruiss kritisierte auch, dass Stuchlik die Lauftests abwickelt, obwohl er sie selbst nicht geschafft haben soll. Zudem sei er als Schiedsrichter-Manager nicht dafür zuständig, sondern die Schiedsrichter-Kommission.

Einwaller: Dass Fritz Stuchlik kein Sprinter gewesen ist, steht außer Diskussion. Ich habe mich nie mit einer Stoppuhr hingestellt, aber es wird wohl das eine oder andere Mal dabei gewesen sein, wo er ihn nicht geschafft hat. Aber wir reden hier von zwei Dingen, das eine ist seine aktive Karriere, das andere das Jetzt. Wenn ich jetzt höre, mit 6,26 Sekunden hätte man bei einem Limit von 6,2 keine Chance mehr, dann muss ich sagen: Das ist Blödsinn. Aber die Grundaussage von mir wurde richtig erfasst: Die Lauftests sind grundsätzlich nur von der Schiedsrichter-Kommission abzunehmen. Jetzt ist nur die Frage, ob die Kommission Fritz Stuchlik beauftragt hat, die Lauftests abzunehmen. Ich war in der Südstadt ja nicht dabei. Auf der anderen Seite ist die Frage, inwiefern das ein Problem darstellt. Diskutieren darf man nicht darüber, ob ein Schiedsrichter den Lauftest schafft oder nicht. Wenn ich im Spitzensport tätig sein will, dann muss ich den bestehen.

LAOLA1: Sie haben vorher gemeint, Stuchlik hätte wohl das eine oder andere Mal den Lauftest nicht geschafft. Warum hat er dann pfeifen dürfen?

Einwaller: Wenn es so war, dann hätte die Kommission die Konsequenzen ziehen müssen. Aber ich weiß es nicht, das betrifft die Mitglieder der Kommission. Man muss auch bedenken, dass man vor dem Test gefragt wird, ob man fit sei. Wenn jemand zustimmt, dann muss er ihn auch schaffen.

LAOLA1: Ruiss kreidet weiters an, dass Bernhard Brugger ein Abschiedsspiel bekam, obwohl er den Lauftest nicht mehr bestanden hätte.

Einwaller: Das war im vergangenen Sommer, da war ich dabei. Er ist sogar in meiner Gruppe gelaufen und hat ihn nicht bestanden. Damit war der Fall erledigt und er hat kein Spiel mehr bekommen, nur sein Abschiedsspiel. Das hat nicht der Schiedsrichter-Ordnung entsprochen. Das ist klar. Man muss aber ehrlicherweise sagen, man darf Brugger nicht mit Ruiss vergleichen. Aber er hätte ob der Bestimmungen kein Spiel mehr leiten dürfen, das ist richtig. Mir sind organisatorische Dinge als aktiver Schiedsrichter egal. Wenn ich die Diskussion über den Lauftest mitbekomme: Es gibt einfach klare Richtlinien.

LAOLA1: Allgemein gefragt: Läuft alles glatt im österreichischen Schiedsrichter-Wesen?

Einwaller: Wir haben bei gewissen Dingen sicherlich Verbesserungsbedarf. Im Schreiben wird aber geschrieben, wir hätten kein professionelles Umfeld. Das stimmt einfach nicht. Kollege Ruiss wurde etwa von der Liga ein Mentor zur Verfügung gestellt, der ihn betreut hat. Davon lese ich nichts. Ich lese von einem Masseur, der ihm fehlt. In Tirol etwa haben wir seit Jahren einen, den zahlen wir aber auch selbst. Von der Liga wird uns ein Trainer gezahlt, von dem lese ich auch nichts. Es werden fehlende Interessensvertreter erwähnt, wir haben aber Schiedsrichter-Sprecher, die erfahren sind und sich sicherlich kein Blatt vor dem Mund nehmen, auch sehr kritisch sind. Schiedsrichter kamen auch immer wieder einmal zu mir, um zu fragen, wie ich das und jenes fände. Wir sind eine der wenigen Nationalverbände, die ein Trainingslager für Schiedsrichter haben. Davon lese ich überhaupt nichts. Da haben wir zum Beispiel immer ein großes Verbesserungspotenzial gehabt. Wir haben früher ein sehr striktes Programm gehabt. Das gibt es jetzt nicht mehr. Wir haben auch Interviewschulungen, wo wir den jungen Schiedsrichtern beim nicht einfachen Umgang mit den Medien helfen. Wir haben auch ein Regeltechnikprogramm bekommen.

LAOLA1: Wo gibt es aktuell Verbesserungsmöglichkeiten?

Einwaller: In der mentalen Betreuung vielleicht. Da müssen wir noch mehr tun, weil der Leistungs- und mediale Druck enorm ist. Wenn man heute von der Regionalliga raufkommt und auf einmal in der zweiten Liga Kameras etc. ausgesetzt ist, dann gibt es dahingehend sicher Luft nach oben.

LAOLA1: Ruiss kritisierte in diesem Zusammenhang die fehlende Rückendeckung für die Schiedsrichter seitens der Funktionäre in der Öffentlichkeit.

Einwaller: Ganz werden wir diese Kritik nicht wegbekommen. Auch wenn mediale Kritik sehr weh tut, vor allem wenn sie ungerechtfertigt ist. Aber ein Vorsitzender kann jede Woche in den Medien sein, ganz wegbekommen werden wir sie nicht. Es gibt aber seit Jahren den Schritt zu den Medien. Wir haben etwa Journalisten zu Seminaren eingeladen. Wir dachten, die Berichterstattung würde eine andere sein, wenn die Medienvertreter wissen, was wir tun. Geändert hat sich nicht sehr viel. Die Öffentlichkeit weiß aber etwa nicht, dass es bei den Medien Regeltechnikschulungen gibt. Es wird im Hintergrund schon sehr viel bewegt. Ich glaube, wir haben für unsere Möglichkeiten ein professionelles Umfeld. Verbesserungspotenzial gibt es aber in einigen Dingen.

LAOLA1: Nächstes Jahr wird die Kommission neu besetzt. Was soll passieren?

Einwaller: Der ÖFB wird dann sicherlich die Möglichkeit haben, neue Funktionäre aufzunehmen. Ich bin hier aber der Meinung, dass das auch für jene gelten soll, die erst wenige Jahre vom aktiven Geschehen weg sind. Ein Beispiel: Nehmen wir die Kommunikationsentwicklungen der vergangenen fünf Jahre her: Funkfahne oder Headset. Wenn jemand seit 20 Jahren nicht mehr Referee ist und beides nie verwendet hat, dann wird er nicht wirklich Hilfestellung geben können. Dasselbe gilt für die Tatsache, dass wir nun 16 oder 20 Kameras bei einem Spiel haben. Es muss ausgewogen sein: Wir brauchen erfahrene Beobachter. Wohl auch Fachleute im Bereich der Assistenten, denn hier wird noch zu wenig gemacht. Und jüngere Kollegen reinzunehmen wäre sicher eine Überlegung wert.

LAOLA1: Können Sie sich vorstellen, das einmal zu machen?

Einwaller: Das werde ich mir dann überlegen, wenn es so weit ist. Aber ich war in meiner aktiven Zeit sicherlich ein sehr kritischer Geist und habe mir kein Blatt vor dem Mund genommen. Ich habe auch die Kommission kritisiert sowie mich bei gewissen Dingen schützend vor die Gruppe der Schiedsrichter gestellt. Das habe ich intern gemacht, denn das ist für mich der interne Weg. Sollte man dabei nicht zu einer vernünftigen Lösung kommen, muss man sich andere Schritte überlegen. Aber das war nie der Fall. Thema Fritz Stuchlik: Er ist für mich ein Fachmann, aber es muss eine klare Unterscheidung geben: Wer ist Kommissions-Mitglied und wer Schiedsrichter-Manager? Wobei Letzterer nicht eine Eigenproduktion Österreichs ist, sondern von der UEFA vorgegeben. Jedenfalls hat das für Verwirrung gesorgt, hier muss es eine klare Trennung geben. Sonst muss man sagen und es ihm lassen: Er war ein sehr guter Schiedsrichter und ist in diesem Wesen ein Fachmann.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

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