"Ich schien, eine Plage zu sein und fühlte mich isoliert"

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Ein Denkmal zerstört man nicht in wenigen Stunden – auch nicht in wenigen Tagen, Wochen oder Monaten.

Es bröckelt langsam vor sich hin. Die Risse sind bereits erkennbar, die Angriffe haben Spuren hinterlassen, aber es fällt nicht.

Iker Casillas ist sich auch in schwierigen Zeiten stets treu geblieben. Thema Nummer eins war er bei Real Madrid oft, jedoch meist im positiven Sinne. Aktuell ist das anders.

Die einen feiern ihn, die anderen pfeifen ihn aus. Schon nach dem 5:0-Erfolg gegen Athletic Bilbao meinte der 33-Jährige: „Ich kann verstehen, dass mein Gesicht die Menschen ermüdet, weil ich schon 15 Jahre hier bin. Aber das sind meine Meriten. Ich habe einen kleinen Platz in Reals Historie eingenommen.“

„Diese Pfiffe tun weh“

Zweifelsohne, das ist eine Tatsache. Die Verdienste für den Klub und seinen Treueschwur kann dem Torhüter keiner nehmen.

Allerdings ist die Wertschätzung seit der Degradierung unter Jose Mourinho geringer geworden, auch wenn er unter Carlo Ancelotti in dieser Saison vorerst wieder die Nummer eins ist.

Gegen Bilbao bekam Casillas nicht viel zu tun. Drei Mal jedoch bewahrte er sein Team mit großartigen Reflexen vor einem Gegentor und brachte die Stimmung zum Kochen. Großteils zumindest. Denn auch im Moment des Triumphs waren die Pfiffe unüberhörbar.

„Sie tun weh. Du bist hier, seitdem du neun bist, hast Dinge erreicht. Die Zuschauer sind souverän, fügen dir aber auch Schmerz zu. Aber 15 Jahre bei Real Madrid zu sein, bedeutet auch, dass man gewisse Dinge akzeptieren muss“, nahm der Welttorhüter der Jahre 2008 bis 2012 in einem Interview mit Canal+ nun erstmals zu seiner ungewohnten Situation Stellung.

Casillas schwört, kein „Maulwurf“ zu sein

Knapp 700 Spiele hat Spaniens Nummer eins für die Königlichen bestritten. Viele Experten und Fans bescheinigen ihm jedoch nicht mehr die Top-Form vergangener Jahre.

Doch es sind weniger die sportlichen Aspekte, die den Anhang des weißen Balletts spaltet. Viel mehr Wirkung zeigten die Vorwürfe, er hätte in Mourinhos Ära als „Maulwurf“ Interna an die Presse, zu der er aufgrund seiner Beziehung mit der TV-Journalisten Sara Carbonero beste Kontakte pflegt, weitergegeben.

Gerüchte, die Casillas so nicht auf sich sitzen lassen will. „Es erscheint mir ein wenig unfair, dass man mich als Maulwurf bezeichnet. Ich verstehe, dass die Menschen diese Bewegung begonnen haben – und ich muss das akzeptieren. Ich will wissen, dass der Trainer und Präsident nicht denken, dass ich ein Maulwurf war.“

Der Real-Rückhalt weiter: „Sie wissen, dass ich eine flüssige Beziehung zu vielen Journalisten habe, da ich sie kenne, seitdem ich 16 bin. Aber das bedeutet nicht, dass ich die Beziehung zu einem Journalisten mit der zu einem Freund nicht zu unterscheiden weiß.“

Professionelles Verhältnis trotz Diskrepanzen zu Mourinho

Die Ära Mourinho bedeutete unweigerlich eine Wende in der eindrucksvollen Karriere des Welt- und Doppel-Europa-Meisters.

Nach und nach wurde von einem belasteten Verhältnis gesprochen, Casillas wurde zudem vorgeworfen, Opposition gegen den exzentrischen Portugiesen ergriffen zu haben.

„Vielleicht hätte ich über ihn sprechen sollen, aber ich habe mich für das Schweigen entschieden. Viele haben mich dafür kritisiert. Wir hatten ein professionelles Verhältnis und das ist es. (…) Ernste Probleme gab es nie. Es gab Diskrepanzen, aber nie eine schlechte Beziehung. Er hatte Charakter“, blickt der Torhüter erstmals offiziell auf diese Zeit zurück.

Nachtreten ist so gar nicht seine Art, auch wenn ihn die Auswirkungen dieser aufgebauschten Fehde heute fast noch mehr tangieren als damals.

„Ich fühlte mich isoliert“

Eines betont Casillas jedoch mit Nachdruck und will es auch genauso verstanden wissen. Keiner wurde vor Real-Präsident Florentino Perez vorstellig, um den Rauswurf Mourinhos zu fordern.

„Wir haben Florentino nie gesagt, dass wir wollen, dass Mourinho geht. Die Zeit mit ihm war für uns eine sehr gute. Er war einer der besten Trainer, die ich je hatte“, muss die Real-Ikone zugeben.

Ohne Umschweife war es jedoch eine der härtesten Phasen seiner Karriere, als er für Diego Lopez Platz machen musste und nur mehr sporadisch zum Einsatz kam.

„Das Problem war, dass mich jeder loswerden wollte. Ich schien, eine Plage zu sein und fühlte mich isoliert“, lässt Casillas tief blicken.

Wechsel nicht übers Herz gebracht

Ob damals oder heute – ein möglicher Wechsel stand bereits mehrmals im Raum. Zu diesem Schritt konnte und wollte sich der Spanier aber nicht durchringen.

Denn seine Liebe und Verbundenheit zu jenem Verein, mit dem er alles erreicht hat, was es zu erreichen gab, übertrumpfte den Gedanken nach Veränderung.

„Ja, ich habe darüber nachgedacht, aber zu mir selbst ‚Nein‘ gesagt. Ich muss kämpfen. Es gab keine Angebote für mich. Ich will meine Karriere hier beenden. Real Madrid ist mein Zuhause. Du verstehst nicht, was mein Leben ohne Madrid wäre.“

In diesem Zusammenhang klingt Verzweiflung durch. Verzweiflung, dass es nie mehr so wird, wie es einmal war. Außer, diese ehrlichen Worte lassen Casillas für seine Kritiker wieder in einem anderen Licht erscheinen. Denn Denkmäler sollten erhalten bleiben.


Alexander Karper

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