Aufstieg mit Hindernissen: Die Eibar-Story

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Das Budget entspricht drei Monatsgehältern von Cristiano Ronaldo, die Heimstätte fasst weniger Zuschauer als das Schnabelholz von Altach und die Stadt ist ungefähr so groß wie Klosterneuburg.

Der Aufstieg von Sociedad Deportiva Eibar in die La Liga ist schlichtweg eine Sensation. Dem baskischen Verein aus dem 27.000-Einwohner-Ort gelang der direkte Durchmarsch von der dritten in die höchste Spielklasse.

In der Segunda Divison ließ das "spanische Grödig" letzte Saison alle Vereine hinter sich. Für die Meisterfeier wurde dem FC Barcelona das – mangels Titeln – ungebrauchte Confetti abgekauft. Schließlich teilt man sich die Vereinsfarben, seitdem sich Eibar 1944 Trikots von den Katalanen ausborgte.

Am ersten Spieltag setzte sich das Märchen mit einem Auftakt-Sieg fort. Javier Lara besiegelte mit seinem Treffer den 1:0-Heimerfolg gegen den "großen Bruder" Real Sociedad. In der zweiten Runde kassierte man gegen Meister Atletico allerdings eine 1:2-Niederlage (Highlights). Nun wartet am Montag Aufsteiger-Kollege La Coruna auf den "Mini-Klub" (ab 20:45 Uhr LIVE bei LAOLA1.tv).

Dass es so weit gekommen ist, war aber lange Zeit unsicher. Eine kuriose Regelung hätte Eibars Aufstieg beinahe verhindert.

Berühmt für Sparsamkeit

„Wenn man das Finanz-Chaos im spanischen Fußball kennt, dann ist es unfair und ironisch zugleich, dass die Regeln einen finanziell gesunden Klub fast in den Untergang treiben“, erklärt Alex Aranzabal im Interview mit der „New York Times“.

Der Präsident des SD Eibar ist berühmt für seine Sparsamkeit. „Was du nicht einnimmst, kannst du nicht ausgeben“, lautet seine Devise. Der kleine Klub aus dem Baskenland darf sich damit rühmen, schuldenfrei zu sein. Im spanischen Kredit-Wahn (Gesamtschuldenstand in den beiden höchsten Ligen: 3,6 Milliarden Euro) gleicht das einem Wunder. 

Dennoch musste Eibar um den Aufstieg zittern. Denn der vor 75 Jahren gegründete Verein besaß zu wenig Eigenkapital für den Verbleib im spanischen Profi-Fußball. 1,7 Millionen fehlten den Basken auf die von der spanischen Liga vorgegebene Marke von 2,1 Millionen Euro. Bis 6. August musste der Klub mit dem 3,9 Millionen-Euro-Budget das Geld aufbringen, ansonsten drohte sogar der Abstieg aus der zweiten Liga.

Schuldenfrei, aber zu wenig Eigenkapital

Es war eine paradoxe Situation: Das Gesetz, das Eibar die 2,1 Millionen Euro vorschrieb, sollte die spanischen Vereine eigentlich dazu animieren, Schulden abzubauen. Nun bestrafte es aber einen schuldenfreien Klub, der ganz einfach zu klein war, eine solche Summe aufzubringen.

„Diese Sache ist zum Kampf zwischen David und Goliath geworden. Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch in den Büros der Anwälte“, sagt Präsident Aranzabal. Gemeinsam mit den Fans startete der Verein eine Kampagne, um das Geld aufzubringen.

Unter dem Motto „Verteidigt Eibar“ wurden Aktien um je 50 Euro verkauft. Kein Investor durfte alleine mehr als 100.000 Euro aufwenden. Damit sollte die Übernahme des Vereins durch einen Mäzen verhindert werden.

Präsident Aranzabal will keine Schulden

Auch Xabi Alonso „verteidigt Eibar“

„Wir wollen auch weiterhin keinen Großinvestor, der den Klub übernimmt. Ein gesunder Verein wie Eibar ist attraktiver als ein Bonbon vor einer Schule. Wir wollen, dass das Kapital weiterhin breit gestreut ist“, erzählt Aranzabal der deutschen „Taz“. Sein Herzensklub zählt 3.200 Mitglieder, das sind mehr als zehn Prozent aller Einwohner des kleinen Städtchens im schmalen Tal des Flusses Deba.

Die Kampagne wurde zu einem vollen Erfolg, der Verein konnte das geforderte Vermögen zwei Wochen vor Ende der Frist aufweisen. Mehr als 8.000 Menschen aus aller Welt kauften Aktien des Klubs. Dazu gehörten mit Xabi Alonso und David Silva auch zwei Weltstars, die früher einmal bei Eibar aktiv waren

„Es ist widersprüchlich, dass ein gesunder Verein ohne Schulden so etwas tun muss, während andere in finanziell viel größeren Schwierigkeiten stecken“, meint Alonso. Der Real-Mittelfeldspieler war genauso wie Silva an Eibar ausgeliehen. Diese Leih-Geschäfte sind so etwas wie das sportliche Erfolgsgeheimnis der „Armeros“, wie die Basken aufgrund der dort ansässigen Waffenindustrie genannt werden.

Viele Leih-Spieler

Sechs Spieler waren alleine letzte Saison von diversen Klubs ausgeliehen. Drei davon kamen von Real Sociedad. Der Verein aus San Sebastian liegt genauso wie Athletic Bilbao nur 50 km von Eibar entfernt. Viele Fans aus der Kleinstadt sind nun im Zwiespalt. Drückten sie in La Liga zuvor einem der baskischen Großklubs die Daumen, so spielt nun auch ihr lokaler Lieblingsverein plötzlich bei den Großen mit.

Trainer Gaizka Garitano, einst selbst für Eibar aktiv, betreut die Mannschaft seit zwei Jahren. Aufgrund der vielen Leih-Spieler muss der 39-Jährige jedes Jahr aufs Neue mit einem umgekrempelten Kader arbeiten.

Auch für die Aufstiegssaison verzichtete man auf große Transferausgaben. Obwohl das Budget aufgrund der erhöhten Fernsehgelder und besserer Sponsorenverträge von 3,9 auf 16 Millionen Euro anschwoll.

Wird Stadion zum Sargnagel?

Barcelona und Co. sollten die Basken dennoch nicht unterschätzen. „Ich glaube, Spieler wie Messi werden sich im engen Stadion von Eibar ziemlich unwohl fühlen. Die Zuschauer sind nah an dir dran und du spielst nicht auf einem perfekten Rasen wie im Camp Nou“, sagt Javier Irureta. Der Baske führte La Coruna im Jahr 2000 als Trainer zur Meisterschaft und kennt die Gegebenheiten des engen Deba-Tales.

Das kleine Stadion könnte jedoch nicht nur zum Sargnagel für Gast-Mannschaften werden. Auch die Basken selbst laufen Gefahr, dass ihnen die Arena zum Verhängnis wird. Zwei Jahre hat der Verein Zeit, um das 5.250 Zuschauer fassende Schmuckkästchen auf 15.000 Plätze aufzustocken. Das verlangen die Liga-Gesetze.

„Lasst uns vorher schauen, ob uns überhaupt der Klassenerhalt gelingt“, meint Aranzabal, der sein Stadion in diesem Jahr erst einmal um 1.500 Plätze erweitert. „Wieder sprechen wir über irgendwelche Nonsense-Regeln, die Klubs dazu anhalten Pharaonen-Bauwerke zu schaffen, mit Stadien, die sowieso nicht gefüllt werden können.“

Der Präsident stöhnt unter den ganzen Bestimmungen: „Dieser La-Liga-Aufstieg hat uns wirklich nichts einfach gemacht.“

 

Jakob Faber

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