Die gefährlichsten "Waffen" von Real und Barca

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Real Madrid: 88 Tore.

FC Barcelona: 105 Tore.

Der Blick auf die aktuelle Saisonstatistik verdeutlicht, welche zwei Kaliber im Estadio Santiago Bernabeu aufeinandertreffen.

"El Clasico" steht für Offensiv-Spektakel, Chancen und Treffer.

In beiden spanischen Spitzenklubs verdingen sich herausragende Individualisten, deren Fähigkeiten, mit einer Aktion Spiele zu entscheiden, taktische Analysen eigentlich obsolet machen.

Aber erst ihre Einbindung in ein funktionierendes Ensemble macht die Überlegenheit der zwei Teams aus.

Nur auf den ersten Blick einfach

Was aufgrund einer vordergründigen Simplizität als selbstverständlich erscheinen mag, ist der Verdienst des Trainerteams und einer jahrelang praktizierten taktischen Schule.

Auch in dieser Saison offenbaren Real und Barca eine Spielkunst, die Fans mit der Zunge schnalzen lässt und Fußballern aller Länder zum Vorbild dient.

Angesichts des Showdowns am Mittwoch sollen zwei „Signature-Spielzüge“ der beiden Kontrahenten etwas genauer analysiert werden – LAOLA1-Taktik-Corner:

FC Barcelona: Der Pass von der Outlinie

Das Offensiv-System der Katalanen kommt seit dem missglückten Experiment mit Zlatan Ibrahimovic ohne eigentlichen Mittelstürmer aus. Mit Lionel Messi als „falscher Neun“, sehr beweglichen Flügelstürmern und technisch hoch veranlagten Spielern eine Reihe dahinter hat Barca dafür ein Übergewicht im Mittelfeld – beziehungsweise zehn bis zwanzig Meter außerhalb des gegnerischen Sechzehners –, das sich im mittlerweile schon obligaten Ballbesitz von rund 70 Prozent widerspiegelt. Mittels Kurzpassspiel auf engstem Raum wird der Ball gehalten, bis der Raum für ein Zuspiel in die Schnittstelle vom Gegner ungewollt geöffnet wird. Da Flanken von den Seiten für die kleingewachsenen Ballkünstler schwer zu erreichen sind, orientiert man sich vor dem letzten Pass schon näher zur Mitte. (Grafik 1) Ziel vom linken Flügelstürmer - in diesem Beispiel von Andres Iniesta - ist die von Sechzehner- und Fünfer-Linie tangierte Outlinie. Im Zentrum agieren mit Messi, Xavi und Cesc Fabregas drei Spieler, die nach scheinbar sinnlosen Kurzpässen auf die Lücke warten, um den Ball genau dorthin zu servieren. Von hinten offenbart sich zudem der aufrückende Jordi Alba als weitere Anspielstation. Konzentriert sich in diesem Fall das Geschehen auf die linke Angriffsseite, so ermöglicht der gehobene Pass auf die rechte Seite, wo Dani Alves oder Pedro im Raum verweilen, alternativ entweder den Zug aufs Tor oder die Spielverlagerung und einen Neuaufbau über rechts.

In Grafik 2 befindet sich Iniesta im Ballbesitz an der gewünschten Schnittstelle, da er entweder den Lochpass erlaufen konnte, oder sich selbt im Eins-gegen-Eins gegen den Außenverteidiger in diese Position brachte. Wird der Angriff schnell genug vorgetragen, ergeben sich eine Vielzahl an Möglichkeiten für den letzten Pass. Der Außenspieler hinter der Verteidigungsreihe kann scharf querlegen, in den Rücken der Abwehr aufspielen oder bei zu engen Verhältnissen versuchen, den Ball über die Abwehr zu lupfen. Im besten Fall stürmen vier Mann in die "Box", einer zur ersten, einer zur zweiten Stange, einer in die Nähe des Elferpunktes und einer am hinteren Fünfereck.

Wie dieser Idealtypus im Spiel aussehen kann, offenbart das Video mit vier Beispielen:

  • Personenfaktor: Andres Iniesta agiert seit Monaten in Hochform und wurde zurecht zu Europas Fußballer des Jahres gekürt. Ganze zwölf Assists stehen allein in La Liga schon auf seinem Konto. Mit ihm verfügt Barca über einen Spieler, der sowohl als Passgeber als auch -empfänger auftreten kann, und dessen einzigartiger kurzer Haken auf die linke Seite als ideale Gabe für diesen Spielzug erweist. David Villa sucht seltener den Weg zur Out-Linie, erzeugt dafür aber durch eine schnelle Körpertäuschung nach rechts mit Abschluss für Gefahr. Cristian Tello ist der schnellste der drei und überläuft seinen Gegenspieler zumeist - vor allem für die zweite Halbzeit ein probates Mittel.

 

Real Madrid: Der Konter über Ronaldo

Real Madrid ist Power-Fußball, Real Madrid ist Tempo, Real Madrid ist 90 Minuten Gefahr. Unter Jose Mourinho haben sich die "Königlichen" zum vielleicht besten Konter-Team der Welt entwickelt und das, obwohl man meist selbst das Spiel zu machen versucht. Die Anlagen der Offensivspieler prädestinieren die Auslage allerdings für diese Art des Angreifens. Ausgangspunkt ist eine gestaffelte Defensive, in der sich Doppel-Sechs und Innenverteidiger-Duo zentral ergänzen. (Grafik 1) Außen rücken die Flügelstürmer den eigenen Außenverteidigern nahe, ohne jedoch wirkliche Abwehrarbeit zu verrichten. Ob der Stürmer nun vor oder hinter dem gegnerischen Außenverteidiger steht, ist eine Frage der Risikobereitschaft. Ziel ist es, nach Balleroberung hinter den direkten Gegenspieler zu kommen und so schnell wie möglich die "Pass-Hierarchie" herzustellen, an deren Spitze klar Cristiano Ronaldo steht.

Der Ball wird zunächst ins Zentrum gespielt, im Normalfall zu Xabi Alonso, der entweder selbst den weiten Pass schlägt, oder den vor sich freilaufenden Mesut Özil anspielt. Der Deutsche treibt wie in Grafik 2 das Geschehen etliche Meter nach vorne, während Ronaldo im Sprint über links in Position läuft, um das entscheidende Zuspiel zu erhalten und im Idealfall gleich zu verwerten. Der Mittelstürmer - in diesem Beispiel Higuain - läuft zentral vors Tor, beziehungsweise in den freien Raum, um den Verteidiger in die Entscheidungssituation zu zwingen. Auf der anderen Seite bewegt sich im Regelfall Angel di Maria mit, um im Raum hinter dem aufgerückten Außenverteidiger des Gegners zu reüssieren. Bekommt er den weiten Pass, bringen sich Ronaldo und Higuain in der Mitte in Flanken-Wartestellung. Die Dauer zwischen Balleroberung am eigenen Sechzehner und Abschluss ist minimal und erreichte mit knapp zehn Sekunden im Spiel gegen Atletico Madrid ihren Best- und damit Tiefstwert.

Das Video zeigt drei der jüngsten Beispiele der blitzartig vorgetragenen Angriffe Reals, bei denen zwei Mal Ronaldo zum Abschluss kommt und einmal di Maria die Rolle des Portugiesen übernimmt:

  • Personenfaktor: Während andere Teamkameraden Formkrisen durchlaufen oder von Verletzungen geplagt werden, spielt Cristiano Ronaldo weiter in Höchstform. Mit zehn Toren im Jahr 2013 ist er der aktuell gefährlichste Angreifer. "Er steckt sein Team an", hatte Sergio Ramos nach dem Auftritt in Getafe betont. Was als Kompliment gedacht war, offenbart die Abhängigkeit Reals von ihrem Superstar. Gelingt es Barca, den Portugiesen im Zaum zu halten, wird es schwierig für die Gastgeber. Di Maria gilt es am Mittwoch zu ersetzen, Ronaldo kann man nicht! Egal, ob Jose Maria Callejon, Luka Modric oder gar Kaka aufbietet, die Bankspieler bei Real verbreiten weitaus weniger Schrecken als der physisch überragende "CR7". Für das schnelle Konterspiel eignet sich Callejon allerdings noch am besten.


    Christian Eberle

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