"Spieler entscheiden über gute und schlechte Trainer"

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Diego Pablo Simeone ist Zeit seiner Karriere ein Kämpfer, ein echter Krieger, auf dem Platz und an der Seitenlinie. Auch in seiner Wortwahl greift "El Cholo" gerne in die Schublade der martialischen Termini.

"Meine Spieler würden für mich sterbern", sagt Simeone, der aus Atletico Madrid ein Team formte. Sein Team. Eine eingeschworene Truppe, die zur Meistermannschaft und zum Champions-League-Finalisten wurde. Und das, obwohl man laut eigener Aussage mit der Spieler-Qualität von Stadtrivale Real oder Barca nicht mithalten kann.

Reals aktueller Angstgegner

Denkbar knapp musste sich Atletico im letztjährigen CL-Finale den "Königlichen" geschlagen geben. In dieser Saison gab es bereits vier Duelle mit dem Lokalkonkurrenten, von denen das Simeone-Team kein einziges verlor.

Die Supercopa sicherte sich Atletico nach einem 1:1 im Hin- und einem 1:0 im Rückspiel. Das Duell in der Liga entschied man auswärts 2:1 für sich und mit dem 2:0 Heimsieg vergangene Woche im Achtelfinale der Copa del Rey veschafften sich die "Rojiblancos" eine sehr gute Ausgangsposition für das Rückspiel heute (ab 19:30 Uhr im Live-Stream bei LAOLA1).

Es scheint, als habe Simeone das richtige Rezept, um gegen Real zu bestehen. Auf Augenhöhe mit dem "Weißen Ballett" und Barca sieht er Atletico aber nicht. "Wir wissen, dass wir schlechtere Spieler haben als Real und Barca. Wir wissen wer wir sind und das ist unsere Stärke", erklärt der Argentinier im Interview mit "Canal+".

Trotz der Erfolge der letzten Zeit hat man die realistische Sichtweise der Dinge nicht verloren und das sei auch notwendig. "An dem Tag, an dem wir denken, wir seien besser als sie, werden sie anfangen, uns vier Tore einzuschenken", warnt Simeone.

"Meine Spieler haben keine Angst vor dem Tod"

Dass man nicht ganz über die individuelle Klasse der Konkurrenz verfügt, stört aber nicht. "Wir haben viele Spieler auf ähnlichem Niveau. Die versagen nicht, denn sie sind konkurrenzfähig", sieht er die Qualität als ausreichend an, um die Vorstellungen der Verantwortlichen zu erfüllen: "Wir haben eine übergeordnete Idee und glücklicherweise die Männer, die sie auch ausführen."

Die Zutaten für einen Sieg beschränken sich laut Simeone jedoch ohnehin nicht auf spielerische Elemente. "Gewinnen hängt nicht nur davon ab, dass man gut spielt. Man muss sich auch gegenseitig verstehen und wissen, wie man besteht", ist er sich sicher.

Faktoren, die bei Atletico funktionieren und Teil des Erfolges sind. Die Erklärung, warum sein Team gerade in entscheidenden Situationen - wie etwa dem Liga-Finale gegen Barca in der Vorsaison - besteht, sieht der Coach in der außergewöhnlichen Einstellung und Bereitschaft seiner Spieler.

"Ich weiß, dass meine Jungs in K.o.-Spielen immer gut spielen werden. Denn in Finals geht es um Überleben oder Sterben und meine Spieler würden für mich sterben, weil sie keine Angst vor dem Tod haben", formuliert es Simeone plakativ.

Platz drei ist das Ziel

Trotz der Abgänge im Sommer gelingt es dem 44-Jährigen, mit Atletico die Leistungen der Vorsaison zu bestätigen. Zwar meint er, "was im letzten Jahr passiert ist, ist unschlagbar", dennoch macht er den Fans Hoffnung auf eine weiterhin rosige Zukunft.

"In dieser Saison haben wir eine großartige Entwicklung gemacht. Wir sind in guter Form, aber das Team wird noch besser, wir können uns noch steigern", verkündet der Meister-Trainer.

Das Saisonziel sei der dritte Tabellenplatz und damit der erneute Einzug in die Champions League. "Denn der Klub braucht das, um kontinuierlich weiter wachsen und sich etablieren zu können", sagt Simeone.

Wenn es gut läuft, könnte aber auch in diesem Jahr die eine oder andere Titelfeier am Neptunbrunnen des Plaza Canovas del Castillo steigen. "Ich weiß nicht, wo das Limit liegt", möchte "El Cholo" das Leistungsvermögen seiner Truppe nach obenhin nicht abschließend einschätzen.

"Ich bevorzuge Action"

Die Entwicklung des Teams lässt sich nicht nur durch Personalien, sondern auch in der Spielweise Atleticos erkennen, attestiert der ehemalige Mittelfeldspieler. "Wir haben jetzt mehr Ballbesitz, das mögen Trainer grundsätzlich", sagt er. Ein Schelm, wer dabei an das, phasenweise bis zur Perfektion zelebrierte, Ballgeschiebe des FC Barcelona denkt. Simeone stellt aber klar, dass der Ballbesitz bei ihm nicht grundsätzlich höchste Priorität genießt.

"Er gibt dem Gegner auch die Gelegenheit, sich zu sammeln. Ich greife lieber an, wenn die Gegner noch unsortiert sind. Wenn der Ballbesitz dich träge macht, dann gefällt mir das nicht", erläutert er und outet sich als Anhänger des Spektakels: "Es ist wie mit Action- und Liebes-Filmen – ich bevorzuge Action."

Letztlich sei aber vieles zweitrangig, die Einstellung ist entscheidend. "Das Essenzielle ist, Typen zu finden, die gewinnen wollen, die trainieren wollen, die spielen wollen und die den Wettbewerb wollen", meint Simeone, der damit bei Spielern sucht, was auch ihn auszeichnet.

Geht es um seine eigene Rolle, wird "El Cholo" beinahe zum Meister des Understatements. In den Augen des Erfolgscoaches sind die Spieler das Wichtigste, sie entscheiden mit ihrer Leistung über gute und schlechte Trainer – sagt einer, der selbst Star der Mannschaft ist, obwohl er nicht mehr auf dem Platz steht.

 

Christoph Kristandl

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