Das Imperium schlug zurück

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Taktik-Trends: Das Imperium schlug zurück

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Jede Fußball-Saison bringt neue Erkenntnisse. Vor allem im taktischen Bereich geht die Entwicklung stetig weiter.

Vor der angehenden Europameisterschaft ist es deswegen Zeit, ein Fazit zu ziehen: Welche Trends wurden gesetzt? Was ist neu? Und wie wirken sich diese Tendenzen auf die EURO aus?

1. Das Imperium schlug zurück

Seit jeher streiten sich im Fußball zwei verfeindete Mächte um den richtigen Weg zum Erfolg. Zum einen wären da die Romantiker. Sie vertrauen auf Angriffslust, Kombinationen und Kreativität. Die Idee vom „Joga Bonito“, dem schönen Spiel, steht im Mittelpunkt. Auf der anderen Seite befinden sich die Pragmatiker. Das „Wie“ ist ihnen egal. Höchste Priorität besitzt nur der Erfolg. Um diesen zu erreichen, sind alle Mittel recht, auch wenn die gesamte Mannschaft am eigenen Sechzehner verteidigen muss.

Natürlich entspricht eine solche Schwarz-Weiß-Sicht nicht der Realität, gibt es doch auch im Fußball viele Grauzonen. Doch lässt man sich auf die alte Geschichte vom Guten gegen das Böse ein, so hat das Imperium mit Chelseas Champions-League-Triumph zurückgeschlagen. Oder wie es Matthias Sammer, Anhänger der Romantiker-Fraktion, ausdrückt: „Wir gratulieren dem FC Chelsea, die können den Pokal haben. Aber wenn das die Zukunft des Fußballs ist, wie diese Mannschaft spielt, dann ist das eine Katastrophe.“

 

2. Barcas Dominanz wurde durchbrochen

Ambitioniert, aber bei Chelsea gescheitert: Andre Villas-Boas

3. Das Scheitern der Jungen

Neben Barcelonas Guardiola mussten auch andere junge Trainer mit einer ähnlichen „romantischen“ Spielauffassung Rückschläge hinnehmen. Andre Villas-Boas scheiterte bei Chelsea genauso wie Luis Enrique bei der Roma und Robin Dutt bei Leverkusen. Alle drei gingen mit einem ambitionierten Konzept ans Werk, um einem alternden Team eine neue, attraktive Spielweise zu verpassen. Alle drei schafften es nicht, der Mannschaft ihre Ideen zu vermitteln. Zur richtigen Taktik gehören eben immer auch die richtigen Spieler. Doch früher oder später werden sich alle drei der genannten talentierten Trainer auch bei einem großen Verein durchsetzen.

 

4. Der Sechser als Spielmacher bleibt wichtiger denn je

Ein junger Trainer, der das richtige System für seine Mannschaft fand, ist Juves Antonio Conte. Der im Sommer engagierte Coach krempelte die Spielweise der „Alten Dame“ völlig um, hin zu einem ballbesitzorientierten Stil. Im Zentrum stand dabei Andrea Pirlo, der innerhalb der auf ihn zugeschnittenen Taktik seinen zweiten Frühling erlebte. Der 31-jährige Neuzugang vom AC Milan spielte nicht nur die meisten Pässe in der Serie A, sondern lieferte auch die meisten Assists.

Pirlo war damit genauso das Herzstück seiner Mannschaft, wie Xabi Alonso bei Real, Mikel Arteta bei Arsenal oder Bastian Schweinsteiger bei Bayern. Alle genannten Sechser lassen sich oft tief in die Abwehr fallen, um sich so Platz zu verschaffen und das Spiel zu diktieren (siehe dazu auch Lovins Rolle bei Kapfenberg). Das beste Beispiel, wie wichtig ein Ballverteiler im defensiven Mittelfeld sein kann, lieferte Paul Scholes. Das Comeback des schon pensionierten 37-Jährigen bescherte Manchester United fast noch den Meistertitel. In den 17 Spielen mit Scholes holten die „Red Devils“ 14 Siege.

Die Spielweise, die Chelsea zum UCL-Titel führte, widerspricht genau jener Philosophie, mit der der FC Barcelona in den letzten drei Jahren dominierte. „Barcelona war das unumschränkte Maß aller Dinge. Aber der Fußball entwickelt sich eben ständig weiter. Es werden Spiele analysiert und Gegenmaßnahmen entwickelt. Sowie Chelsea im Halbfinale agiert hat, war das schon auch eine taktische Meisterleistung. Es ist ihnen gelungen, über zwei Spiele hinweg nicht viel zuzulassen“, meint Thomas Janeschitz, der Chef der österreichischen Trainerausbildung.

Die Ironie an der Geschichte ist, dass Pep Guardiola seinen Trainerkollegen zu Beginn der Saison mit einer Systemumstellung zuvorkommen wollte. Mit der Installierung einer Dreierkette schien der mittlerweile zurückgetretene Coach das System Barca noch einen Tick verfeinert zu haben (siehe Taktik-Analyse zum ersten Liga-Clasico).

Doch letztlich stellten sich die Gegner auf alle Innovationen ein (siehe z.B. Valencias Versuch, Dani Alves zu entschärfen). Sowohl Real in der Liga, als auch Chelsea in der Champions League fanden Wege - wenn auch zwei unterschiedliche -, Barca die Schneid abzukaufen. Es wird spannend, ob die Katalanen in der nächsten Saison unter Neo-Trainer Tito Vilanova ihre alte, dominante Stellung wiederherstellen können.

Man muss abwarten, ob sich taktische Trends, wie die Dreierkette, auch bei der Europameisterschaft zeigen werden. Schließlich haben Nationalteams weniger Zeit für eine optimale Vorbereitung, als Klubs. ÖFB-Trainerausbildner Janeschitz glaubt nicht an unkonventionelle Innovationen: „Ich erwarte mir keine großartigen Neuerungen, aber das Niveau wird durchaus vergleichbar sein mit den Spitzenspielen im europäischen Vereinsfußball.“

Die entscheidende Frage ist, ob die Dominanz von Xavi und Co. auch auf internationaler Ebene durchbrochen wird. Schließlich nahm Spanien auf der Ebene der Nationalmannschaften seit der EURO 2008 eine ähnliche Stellung ein, wie Barcelona bei den Klub-Teams. Janeschitz rechnet nicht damit: „Spanien wird es schon noch einmal machen. Aber es ist alles sehr eng und spannend. Deutschland und Frankreich sind Kandidaten. Vielleicht mischt auch der ein oder andere Außenseiter mit.“ Jedenfalls können wir uns auf eine spannende Europameisterschaft freuen.

 

Jakob Faber

 

5. Das Revival der Dreierkette geht weiter

Ein Trend, der schon in den letzten Jahren verstärkt beobachtbar war, verfestigte sich in dieser Saison noch einmal: Immer mehr Trainer setzen auf eine Dreierkette. In der Serie A traten 17 von 20 Mannschaften mindestens einmal mit drei Innenverteidigern auf. Doch auch englische (Wigan) und spanische Teams (FC Barcelona) sowie die deutsche Nationalmannschaft (gegen die Ukraine) versuchten sich mit dieser Defensive.

 

6. Flexibilität ist Trumpf

Gerade beim Revival der Dreierkette wird ein weiterer taktischer Trend sichtbar: Flexibilität. Viele Trainer entscheiden sich nicht für eine Dreierkette oder eine Viererkette, sondern für beide. Je nach Gegner wird zwischen den beiden Formationen gewechselt. Die spezielle Vorbereitung auf den nächsten Kontrahenten wird also immer wichtiger. „Natürlich sollte schon die eigene Mannschaft im Mittelpunkt stehen. Aber im Top-Bereich musst du perfekt vorbereitet sein und dich auf die nächste Partie einstellen. Es geht darum, die eigene Stärken so einzubringen, dass man dem Gegner weh tut“, meint Teamchef-Co-Trainer Janeschitz.

So scheiterten die Bayern in dieser Saison letztlich auch an ihrer eigenen taktischen Starrheit. Dortmund besiegte die Münchner in allen drei Saisonspielen mit demselben Konzept. Währenddessen wusste beispielsweise Juventus mit einem fließenden Übergang zwischen Dreier- und Viererkette zu überzeugen.

 

Wie wirken sich die Trends auf die EURO aus?

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