"Selten geht einer auf dem Roten Teppich raus"

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Fredi Bobic war ein erfolgreicher Fußballer, u.a. Europameister 1996 und Bundesliga-Torschützenkönig. Mittlerweile hat der 43-Jährige Stollenschuhe gegen Anzug getauscht, kümmerte sich in Bulgarien bei Chernomorets Burgas sowie beim VfB Stuttgart um die sportliche Leitung. Seit der Trennung von den Schwaben ist Bobic ohne Klub, nutzt die Zeit aber, um sich intensiv weiterzubilden.

Heute Dienstag stattet der Laureus-Botschafter Wien einen Besuch ab und wird bei der Podiumsdiskussion der österreichischen Vereinigung der Fußballer (VdF) im Gespräch mit Ralf Muhr (Akademieleiter FAK), Reinhard Herovits (Vorstand Bundesliga), Steffen Hofmann, Ulf Baranowsky (GF VdV) und Fränky Schiemer zum Thema "Heute Fußballer, morgen arbeitslos?" (ab 18 Uhr im Live-Stream bei LAOLA1) seine Erfahrungen beisteuern.

Im Gespräch mit LAOLA1 gibt Bobic vorab Einblicke in seine eigene vereinslose Zeit als Spieler und Sportdirektor, erklärt, warum Jung-Stars heute oft der Respekt fehlt und warum Investoren im Fußball künftig Normalität sein werden.

LAOLA1: Herr Bobic, sie beehren Wien mit ihrer Anwesenheit. Wie kam es zum Kontakt mit der VdF?

Fredi Bobic: Oliver Prudlo und ich haben uns mehrere Male bei Hallenturnieren getroffen und uns näher kennengelernt, als Oliver in Stuttgart war und sich angesehen hat, wie beim VfB gearbeitet wird. Sein Engagement bei der VdF kann man nur unterstützen und daher komme ich seiner Einladung gerne nach.

LAOLA1: Sie waren am Ende ihrer Karriere selbst ein halbes Jahr lang vereinslos. Was war das damals für ein Gefühl?

Bobic: Das muss ich etwas relativieren. Ich wurde damals als arbeitslos hingestellt, in Wahrheit hatte ich aber am Ende meiner letzten Saison bei Hertha einen schweren Bandscheibenvorfall, ich konnte also ohnehin drei, vier Monate nicht spielen. Was mir dann aber zugute kam: Ich hatte meine Karriere und konnte mir für den Abschluss aussuchen, nach Japan oder Katar zu gehen, um noch einmal gut zu verdienen, aber ich wollte noch einmal in die Heimat, wo ich herkomme, und habe mich für Rijeka entschieden.

LAOLA1: Sie sind gelernter Einzelhandelskaufmann, wie wichtig war für Sie in jungen Jahren die Ausbildung neben dem Fußball?

Bobic: Ich habe meine mittlere Reife gemacht und dann eine Lehre. Es war anders als heute, wo du Akademien hast, die Jungs ihr Abitur nebenbei machen und mit 17 schon fast Profis sind. Früher gab es noch den traditionellen Weg. Meine Eltern meinten: Mach' die Lehre fertig, du weißt nie, was passiert. Als ich dann Fußballer geworden bin, war ich dankbar, dass ich diese Erfahrung gemacht hatte, die ganze Woche von 9 Uhr bis 18:30 Uhr zu arbeiten. Ich habe meinen Abschluss gemacht und dann noch ein Jahr in der Immobilienbranche gearbeitet, ehe ich meinen ersten Profi-Vertrag in der 2. Liga unterschrieben habe und ohne zweiten Job davon leben konnte. Es war nicht so viel Geld im Umlauf und das System ein ganz anderes. Heute gehst du von der Akademie nahtlos in den Profibereich über. Man muss aber auch sagen, viele junge Spieler machen die Schule mit Hängen und Würgen fertig, fallen dann mit 21, 22 Jahren aus dem System und kommen nur in unterklassigen Ligen unter.

1996 wurde Bobic Europameister

LAOLA1: Würden Sie sagen, dass der damalige Weg für die Charakterbildung besser war?

Bobic: Jose Mourinho hat es kürzlich in einem Interview trefflich zum Ausdruck gebracht: früher warst du froh, wenn du Profi geworden bist und es war dein Ziel, am Ende der Karriere reich zu sein. Heute willst du schon vor deinem ersten Spiel einen Top-Vertrag haben. Das spiegelt das schon ein wenig wider. Mir kommt auch vor, dass die Jungs heute mit 18, 19 schon als große Stars gesehen werden und das auch selbst glauben. Das kann gefährlich sein, denn am Ende des Tages schafft es nur eine Handvoll wirklich  an die Spitze.

LAOLA1: Felix Magath empfahl dem aufstrebenden Julian Draxler einst, sich auf den Fußball zu konzentrieren und dafür die Schule abzubrechen. Kann man so etwas verantworten?

Bobic: Das war natürlich sehr kontrovers. Wenn ein junger Spieler mit diesem Talent in die Bundesliga drängt, sind solche Aussagen schnell getroffen. Aber du kannst rasch durch Verletzungen eine schlechte Entwicklung nehmen, von daher war diese Aussage leichtfertig gewählt.

LAOLA1: Lebt man als Ex-Bundesliga-Spieler nach der Karriere vom Ersparten?

Bobic: Das hängt davon ab, wie seriös die Karriere geplant und gelebt wurde, welcher Berater seinen Teil dazu beiträgt. Es gibt viele seriöse Agenturen, die sich wirklich mit dem Großen und Ganzen um einen Spieler befassen, ohne diesen völlig aus der Verantwortung zu lassen. Denn letztlich ist es sein eigenes Leben. Zudem muss man auch sehen, dass in der Öffentlichkeit immer von den hohen Summen geredet wird, der Durchschnitt liegt natürlich deutlich darunter. Deshalb ist es eine klare Minderheit, die wirklich vom Ersparten leben kann. Vielmehr gibt es einen hohen Prozentsatz an Spielern, die nach der Karriere und ohne ordentliche Berufsausbildung in große wirtschaftliche Probleme rutschen.

LAOLA1: Aktuell lernen sie kennen, wie es ist, als Sportdirektor vereinslos zu sein. Was machen Sie eigentlich?

Bobic: Zunächst habe ich mir schon ein wenig Zeit für mich genommen. Die braucht man auch, wenn man insgesamt fünfeinhalb Jahre in diesem Job war. Diese Phase war zu dem Zeitpunkt vielleicht gar nicht schlecht, um durchzuschnaufen. Die Arbeit geht an die Substanz, das weiß ich auch von Kollegen, man verzweifelt manchmal schon. Ich wollte erst einmal auftanken, körperlich und geistig. In den letzten Monaten war ich dann wieder sehr viel unterwegs, habe mir die Arbeit und die Strukturen bei Klubs in England und Spanien angesehen. Es gab auch ein Angebot, allerdings hat das für mich nicht gepasst. Ich sitze nicht auf heißen Kohlen, bin mir aber sicher, früher oder später wird etwas kommen. Jetzt nutze ich die Zeit intensiv, um einen Schritt nach vorne zu machen, um die Erfahrungen und die Fehler, die ich gemacht habe, zu verarbeiten, auch in Gesprächen mit Freunden und Kollegen. Man lernt ja aus Fehlern.

LAOLA1: Welche Fehler haben Sie da bei sich ausgemacht?

Bobic: Ich habe mir einiges sicher zu sehr zur Brust genommen. Bei einem Traditionsklub wie dem VfB reden viele Leute mit, zeitweise stand ich aber auch alleine als Gesicht da, das kannst du kaum stemmen. Es gibt große Ansprüche, du musst aber gleichzeitig konsolidieren. Es waren viele Themen dabei, bei denen ich vielleicht auch nicht der Top-Fachmann war, aber es war eben kein anderer da. Da lernt man, dass man auch gute Leute um sich herum braucht, die gut zuarbeiten. Und natürlich braucht man auch immer ein wenig Glück im Sport. Wir hatten schöne Phasen, aber auch sehr schwere. Der Job bringt alles, deshalb bin ich auch nicht traurig. Man muss sich ja nicht öffentlich zu Boden schmeißen und sagen, es war alles falsch, was ich gemacht habe. Natürlich ist eine Trennung im ersten Moment immer negativ belastet; selten geht einer auf dem Roten Teppich raus. Aber man muss die Fehler, die man sich zugesteht, auch aufnehmen und versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen.

von-bis

Klub

1979-1980

VfR Bad Cannstatt (Jugend)

1980-1986

VfB Stuttgart (Jugend)

1986-1990

Stuttgarter Kickers (Jugend)

1992-1992

TSV Dietzingen

1992-1994

Stuttgarter Kickers

1994-1999

VfB Stuttgart

1999-2002

Borussia Dortmund

Jänner 2002-Sommer 2002

Bolton Wanderers (Leihe)

2002-2003

Hannover 96

2003-2005

Hertha BSC

Sommer 2005-Jänner 2006

vereinslos

Jänner 2006-Sommer2006

HNK Rijeka

LAOLA1: Ihr Abschied in Stuttgart war durchaus kurios, den Sportdirektor am Spieltag vor die Tür zu setzen, kommt doch selten vor.

Bobic: Da hat auch der eine oder andere versucht, sich bei den Medien zu profilieren. Das war keine schöne Geschichte, mir persönlich hat es aber weniger wehgetan, mir hat es mehr für den Verein wehgetan. Die Art und Weise war nicht optimal, das hätte man sicher mit mehr Stil anstellen können. Ich bin der Letzte, der sich querlegt, wenn alle denken, es geht besser. Dann müssen sie es halt auch beweisen.

LAOLA1: Kurios war zuletzt auch die mittlerweile rückgängig gemachte Rochade beim HSV, Sportdirektor Peter Knäbel zum Trainer zu machen. Würden Sie sich so einen Schritt zutrauen?

Bobic: Für mich wäre das nichts gewesen, aber ich habe im Gegensatz zu Peter Knäbel auch keinen Trainerschein. Für den äußeren Betrachter wirkt so etwas natürlich seltsam, aber das ist nicht das Entscheidende. Wenn man in der Entscheidung ist, wie in diesem Fall Dietmar Beiersdorfer, und man versucht, mit Thomas Tuchel einen Trainer für die Zukunft zu bekommen, dann braucht man eine Übergangslösung. Und den klassischen Feuerwehrmann, wie wir ihn in Stuttgart mit Huub Stevens geholt haben, gibt es ja kaum noch. Du bist mit der Planung vielleicht schon in der Zukunft, wenn es dann richtig eng wird, musst du aber reagieren. Strategisches Planen ist im Fußball ganz, ganz schwer, weil du vom wöchentlichen Ergebnis abhängig bist und am Ende des Tages weiß es ohnehin jeder besser.

von-bis

Klub

Funktion

März 2009-Juli 2010

Chernomorets Burgas

Geschäftsführer

Juli 2010-April 2013

VfB Stuttgart

Sportlicher Leiter

April 2013-September 2014

VfB Stuttgart

Sport-Vorstand 

Labbadia und Bobic gemeinsam beim VfB

LAOLA1: Sie kennen Bruno Labbadia gut, ist er in dieser Situation der richtige Mann für den HSV?

Bobic: Absolut. Das war ein sehr guter Schachzug. Bruno kann unheimlich mitreißen, kann einer Mannschaft auf schnelle Art und Weise Stabilität geben. Für mich war Hamburg nach den letzten Wochen der ganz klare Abstiegskandidat. Wie die gespielt haben, dachte ich, die holen nicht mehr viel. Jetzt mit Bruno haben sie wieder berechtigte Chancen. Für die Konkurrenz da unten war diese Entscheidung sicher nicht gut.

LAOLA1: Es zeigt sich seit Jahren, dass einige Traditionsklubs Probleme haben, während kleinere Klubs viel aus ihren Möglichkeiten machen. Warum haben diese Vereine es so schwer?

Bobic: Das ist in Österreich ja nicht anders, Klubs wie Austria und Rapid kennen das: Die Erwartungshaltung ist da größer. Mannschaften, die nicht die große Historie haben, tun sich leichter, weil sie nicht diese Ansprüche haben. Die Spieler kommen natürlich mit einem ganz anderen Gefühl zu einem kleinen Verein. Da denkt man: Wir spielen jetzt nur gegen den Abstieg, müssen alles aus der Mannschaft rausholen. Da werden Egoismen auch leichter hinten angestellt. Der Fußball hat sich in den letzten Jahren drastisch geändert. Es gibt Vereine, die gut wirtschaften, aber auch Vereine mit Investoren, Mäzenen, etc. Die sind von der Organisation her anders strukturiert, machen aber einen guten Job, das muss man akzeptieren. Bei Traditionsvereinen ist der Wasserkopf manchmal noch zu groß, da fehlt die Dynamik. Es ist schwierig, weil da viele Interessensgruppen mitreden. Dafür sind die Traditionsklubs aber auch sexyer.

LAOLA1: Wie sehen Sie Klubs a la RB Leipzig?

Bobic: Das ist die Entwicklung des Fußballs. Natürlich ist die Anfeindung groß, aber das war sie auch bei Hoffenheim und da kräht jetzt kaum noch ein Hahn danach. Früher oder später wird in Deutschland auch die 50+1-Regel fallen, in zwei, fünf oder zehn Jahren. Investoren werden auch in Deutschland vermehrt hineindrängen, der Fußball wird auch hier nicht autark bleiben. Die Angst, aber auch die Solidarität, etwa bei der Verteilung der Fernsehgelder, ist hier noch sehr groß, was grundsätzlich gut ist. Hier wird sich aber vieles ändern, um noch professioneller zu werden. RBL macht das gut, hat aber auch lange gebraucht, um in die 2. Liga zu kommen. Dass der Durchmarsch wohl nicht gelingt, ist für den Fußball im Osten eigentlich schade, weil die Menschen in der Region ausgehungert sind und nach der Bundesliga dürsten. Dort werden sie hinkommen, das ist klar. Sie haben das Potenzial, die Struktur und mit Ralf Rangnick einen Kopf, der schon bewiesen hat, dass er es kann. Von ihm halte ich persönlich und vor allem als Trainer enorm viel. Ich bin gespannt, ob er nicht doch selbst das Traineramt übernehmen wird, für mich wäre das logisch. Ich selbst habe zweimal unter ihm gespielt, er ist ein ausgezeichneter Coach und ein Fußballfachmann.

LAOLA1: Der Standort war mit Leipzig klug gewählt, wäre so ein Einstieg bei einem Traditionsklub überhaupt möglich gewesen?

Bobic: Da wäre das schwierig, weil viele Leute mitreden. Nicht alle Vereine sind AGs, GmbHs, etc. Es ist nicht überall so einfach, mit Geld reinzugehen, da gibt es viele Nebengeräusche. Dennoch wird es in Zukunft Normalität werden, weil sonst eben Vereine kommen, die von Investoren geführt werden und dann nach oben stoßen. Die Klubs, die sich selbst belügen und der Entwicklung verschließen, werden dann keinen Platz mehr haben und absteigen. Die Investition in Leipzig hat sich für Red Bull sehr gerechnet. Das Image war auch für Salzburg immer wichtig, aber das Problem ist, dass in Österreich die Liga einfach zu schwach ist. Deswegen schaffen sie es, trotz toller Mannschaft, auf internationalem Niveau nicht wirklich.

Bobic als Teil des magischen VfB-Dreiecks

LAOLA1: Ihre Ex-Klubs (Anm.: Stuttgart, BVB, Hannover, Hertha) erleben in der Bundesliga allesamt eine schwierige Saison. Mit wem fiebern sie eigentlich am meisten mit?

Bobic: Natürlich gucke ich sehr stark auf Stuttgart, ich bin dort aufgewachsen, das war mein Kindheitsverein, das wird immer so bleiben, egal wo ich mal bin. Das hat auch mit der Situation, wie sie war, nichts zu tun. Aber ich verfolge alle meine Ex-Klubs, etwa auch die Bolton Wanderers in der Championship und Rijeka. Was macht der Klub, wie entwickelt er sich, welche Spieler spielen dort. Die ehemaligen Vereine sind immer etwas Besonderes.

 

Das Gespräch führte Christoph Kristandl

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