"Eine tolle Lebenserfahrung"

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"Das Gesamtpaket USA war schon immer attraktiv"

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Griechenland, Deutschland, Spanien, nun die USA.

Bei den Seattle Sounders schreibt Andreas Ivanschitz ein neues Kapitel auf seiner fußballerischen "Weltreise".

Nach Verletzungspech zu Beginn des Engagements im Nordwesten der USA stellte sich der 31-Jährige seinen neuen Fans gleich bei seinem zweiten Einsatz mit einem Treffer vor.

In seiner neuen Wahlheimat ist Ivanschitz zudem mit einigen Eigenheiten konfrontiert, von denen er im großen LAOLA1-Interview berichtet. Auch die Teilnahme an der EURO hat der Burgenländer noch nicht abgeschrieben.


LAOLA1:
Du hast gleich in deinem ersten Spiel von Anfang an gegen Vancouver ein Tor erzielt. Stellt man sich so einen Einstand nach Maß vor?

Andreas Ivanschitz: Es ist natürlich immer wichtig, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Eine Woche nach meinem Wechsel habe ich mich leider am Oberschenkel verletzt und war außer Gefecht. Deswegen ist es umso schöner, dass ich nach einem Kurzeinsatz beim Debüt gleich in meinem ersten Einsatz von Beginn an ein Tor gemacht habe und wir einen ganz wichtigen Sieg eingefahren haben. Es war ein 3:0 auswärts beim Tabellenführer – das war ganz, ganz wichtig für mich persönlich, aber auch für die Mannschaft. Eine schöne Zugabe war, dass wir im Rahmen dieses Spiels den Cascadia-Cup, der zwischen Portland, Vancouver und uns ausgespielt wird, für uns entscheiden konnten.

Ivanschitz scorte in seinem ersten Spiel von Anfang an gegen Vancouver

LAOLA1: Bezüglich deiner Person hieß es schon mehrere Jahre, dass du irgendwann in deiner Karriere in den USA spielen möchtest. Nach deinem Wechsel zu Seattle hast du gemeint, dass die Zeit reif war. Was macht die Faszination für dich aus?

Ivanschitz: Ich finde einfach, dass es eine extrem interessante Liga mit einem ganz anderen Spielmodus als in Europa ist. Es gibt wirklich starke Mannschaften, es zieht immer wieder viele bekannte Namen nach Amerika. Die Leute, die hier gespielt haben, haben eigentlich alle geschwärmt, als ich mich bei ihnen erkundigt habe. Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich bestätigt wurde, weil bei uns im Verein sehr professionell gearbeitet wird. Wir haben außergewöhnlich gute Trainingsmöglichkeiten. Außerdem war ich immer schon Amerika-Fan, auch wenn ich noch nicht so oft im Urlaub hier war.

LAOLA1: Welche Rolle spielt die Komponente abseits des Fußballs, sprich die Chance in den USA zu leben?

Ivanschitz: Grundsätzlich ist es rein die sportliche Herausforderung. Ich glaube, dass sich in den letzten Jahren viel Positives getan hat, viele Vereine sich das eine oder andere aus Europa abschauen, einfach offener für neue Sachen sind. Also war es für mich vordergründig die rein sportliche Entscheidung, nach Griechenland, Deutschland und Spanien noch einmal etwas anderes mitzuerleben. Aber auch für meine Familie und meine Kinder ist es eine tolle Erfahrung hier. Das Gesamtpaket USA war für mich schon immer sehr attraktiv.

LAOLA1: Die Chance, die einem der Fußball bietet, dass man die Welt sehen und die Kinder verschiedene Sprachen lernen können, muss man nutzen.

Ivanschitz: Ganz genau. Es ist für uns alle ein schönes Erlebnis. Die Eindrücke aus den ersten Wochen sind sehr positiv. Die Familie ist bereits bei mir, die Kinder gehen zur Schule. Es spielt sich schön langsam alles ein. Ich denke, dass es für uns alle eine tolle Lebenserfahrung ist.

Die Sounders-Fans hoffen auf den Titel

LAOLA1: Wenn man sich alleine die Offensivabteilung mit dir, Obafemi Martins, Clint Dempsey und Nelson Valdez anschaut, haben die Sounders in der Offensive einiges an Potenzial. Was ist drinnen in dieser Saison?

Ivanschitz: Wir haben einen starken Kader in einem Umfeld, das jährlich das Ziel ausgibt, den Titel zu holen. Das ist natürlich sportlich ein sehr großer Anreiz. Wenn Spieler wie Obafemi Martins oder Clint Dempsey zu diesem Klub gehen, spricht das für die Gesamtsituation. Die beiden sind schon zwei, drei Saisonen hier, im Sommer sind Nelson Valdez und ich gekommen. Dazu haben wir noch Marco Pappa. Wir haben also einige Offensivkräfte mit Qualität. Deswegen ist es auch eine tolle Sache, in dieser sehr ambitionierten Mannschaft zu sein und um den Titel zu spielen.

LAOLA1: In Artikeln ist dich betreffend gerne einmal vom „Austrian Beckham“ die Rede, in Anlehnung an Dirk Nowitzki war auch der Spitzname „Austrian Wunderkind“ zu lesen. Das zeigt, dass man große Erwartungen in dich setzt, oder?

Ivanschitz (schmunzelt): Das sind Spitznamen und Ableitungen, die sich halt im Laufe der Jahre so entwickelt haben. Das mit Beckham stammt wahrscheinlich noch aus meiner Zeit in Athen, wo es viele solcher Schlagzeilen gab. Die haben das sehr gepusht, vielleicht wegen der Freistöße. Das sind positive Dinge, die man gerne so annimmt. Es ist immer schwierig, irgendwen zu vergleichen, aber wenn man mit solchen Namen verglichen wird, ist das natürlich eine große Ehre. Es ist immer gut, wenn man positive Presse hat und einen guten ersten Eindruck hinterlässt. Aber für mich gilt einfach, weiterhin Gas zu geben. Die Saison kommt jetzt in die heiße Endphase. Da es mir jetzt nach meiner Oberschenkelverletzung körperlich wieder gut geht, möchte ich natürlich mit der Mannschaft das Maximum aus den nächsten Spielen rausholen.

LAOLA1: Heiße Endphase ist ein gutes Stichwort. Es gibt im US-Sport und somit auch in der MLS ein paar Eigenheiten. Zum Beispiel wird der Titel nicht im Meisterschaftsmodus, sondern in Playoffs ausgespielt. Wie gefällt dir das?

Ivanschitz: Es ist aus europäischer Sicht natürlich ungewohnt, aber eine interessante, neue Situation. Es gibt den Supporters‘ Shield, der im Prinzip der normalen Tabelle wie in Europa üblich entspricht. Aber der richtig wichtige Titel des MLS-Cups wird dann erst in den Playoffs ausgespielt, für die sich die sechs besten Mannschaften aus Osten und Westen qualifizieren können. Ob NBA, NHL oder NFL, das ist in allen Sportarten üblich. Das ist einfach der amerikanische Weg, den die Leute auch lieben und schätzen. Und ich finde das auch gut. Natürlich war ich es in den letzten Jahren gewohnt, eine Meisterschaft ohne Playoffs zu haben, aber diese neue Situation ist eine Herausforderung, auf die ich mich freue.

Sounders und Seahawks teilen sich das CenturyLink Field

LAOLA1: Mit Seattle dürftest du zumindest nicht die schlechtere Stadt erwischt haben…

Ivanschitz: Seattle ist toll – eine Metropole, die am Wachsen ist. Man spürt außerdem die Sportbegeisterung in Seattle und das fasziniert mich. Das NFL-Team ist in den Heimspielen komplett ausverkauft. Wir haben seit Jahren den höchsten Zuschauerschnitt der MLS. Im Schnitt kommen über 40.000 Fans pro Heimspiel, bei den Topspielen 70.000. Auch im Alltag sieht man die Leute auf der Straße im Football-Trikot oder im Sounders-Jersey herumlaufen. Michael Gspurning hatte mir schon von der Soccer-Euphorie erzählt, also habe ich mir gesagt: Das ist wahrscheinlich ein perfektes Umfeld, um in den USA Fuß zu fassen.

LAOLA1: Hast du vor, dich auch auf die anderen US-Sportarten einzulassen? Die Seahawks spielen wie ihr im CenturyLink Field.

Ivanschitz: Ich habe schon in Europa das eine oder andere NFL-Match geschaut. Die NBA interessiert mich auch, aber da hat Seattle kein Team mehr. Das sind Sportarten, die ich verfolgt habe, und jetzt, wo ich die Spiele live im Stadion oder im TV sehen kann, wird das mit Sicherheit noch extremer werden. Es wäre cool, die Seahawks live im Stadion mitzuverfolgen. Die Seahawks sind ganz gut aufgestellt und im Stadion selbst ist es sicher noch einmal etwas anderes, vor allem bei uns zu Hause. Mal schauen, wie es sich mit unserem Spielplan vereinbaren lässt. Aber spätestens in unserer Winterpause, wenn die NFL immer noch auf Hochtouren läuft, sollte es klappen.

LAOLA1: Der Reiz der Playoffs besteht darin, dass jedes einzelne Spiel wirklich zählt.

Ivanschitz: Du kannst die ganze Saison dominieren, Erster sein und den Supporters‘ Shield, der auch eine schöne Auszeichnung ist, holen, aber am Ende des Tages kann genauso gut der Dritt- oder Viertplatzierte den MLS-Cup gewinnen. Das ist eine interessante Konstellation. Auch nach einer mittelmäßigen Saison kannst du mit einer guten Phase in den Playoffs immer noch den Titel holen.

LAOLA1: Wie geht es dir mit anderen Eigenheiten? Im US-Sport ist es beispielsweise üblich, dass die Medien nach dem Spiel in die Kabine kommen.

Ivanschitz: Das ist definitiv eine Besonderheit hier. Man muss sich nach dem Spiel sehr schnell duschen und fertig machen, denn 20 oder 25 Minuten nach Spielende wird die Tür geöffnet und die Reporter können reinkommen. Dann werden verpflichtend zwei bis drei Spieler ausgesucht und man steht noch so halbfertig in der Kabine und gibt Interviews. Das hat ein besonderes Flair…(lacht). Das habe ich so natürlich auch noch nicht gekannt, weil es bei uns in Europa undenkbar ist, dass Reporter die Kabine betreten. Das ist eine Geschichte, an die ich mich erst gewöhnen muss. Nach meinem ersten Tor hatte ich diese Situation. Also habe ich mich schnell geduscht und dann die Interviews gegeben. Sicherlich sollte die Kabine irgendwie Privatsphäre sein, aber als Spieler hier lernt man damit umzugehen.

LAOLA1: Wie geht es dir damit, dass aufgrund des Salary Caps die Gehälter offen und für jeden im Internet nachlesbar sind? Auch das wäre in Europa undenkbar.

Ivanschitz: Das ist eine gewisse Transparenz, die der US-Sport einfach hat. Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit. Wegen des Salary Caps geht es ohnehin nicht anders. Die Deals sind klar definiert. In Europa gibt es auch immer wieder Statistiken und Auflistungen, aber da weiß man es nicht so ganz genau.

LAOLA1: Der Fußball in den USA ist auf einem guten Weg. Michael Gspurning meinte im Sommer jedoch im LAOLA1-Interview, dass die Verhandlungen zwischen Liga und Spielern bezüglich Salary Cap in seinen Augen ein Rückschritt waren. Er hätte gedacht, dass für die Spieler mehr möglich sei. Die Gehälter sind relativ restriktiv. Glaubst du, dass man mehr Stars in die USA locken könnte, wenn man die strengen Regeln mit den Designated Playern lockern würde?

Ivanschitz: Ich glaube, dass das sehr hemmt. Man ist einfach in den Möglichkeiten eingeschränkt. Auf der einen Seite könnte man es besser in der Mannschaft aufteilen und dadurch die Breite des Kaders verbessern. Ich denke auch, dass die Besitzer bereit wären, mehr Geld zu investieren. Michael sagt das schon richtig. Ich glaube auch, dass mehr Spieler nach Amerika gehen würden, wenn es den Salary Cap nicht geben würde. Dann würde es für Topverdiener aus Europa noch interessanter werden. Auf der anderen Seite ist die Idee ja, dass jede Mannschaft zwar diese Designated Player hat, aber das Niveau der Liga ausgeglichen und fair bleibt. Der sportliche Grundgedanke, dass jede Mannschaft die gleichen Bedingungen hat, steht im Vordergrund.

LAOLA1: Dieses Parity-Prinzip funktioniert im US-Sport sehr gut, die Ligen sind oftmals sehr ausgeglichen. Und diesbezüglich muss man ja auch nur auf die MLS-Tabellen schauen, wo alles sehr eng beieinander ist.

Ivanschitz: Vor allem unsere Western Conference hat diese Saison extrem viele starke Teams, wenn man das mit dem Osten vergleicht. Da muss man schon einige Punkte holen, um sich einen Playoff-Platz zu sichern.

LAOLA1: Wie ist eigentlich die Vorarbeit von Michael Gspurning in Seattle zu bewerten? Ich vermute, man muss den Sounders-Fans nicht mehr erklären, wo Österreich ist.

Ivanschitz: Michael genießt hier einen sehr guten Ruf, weil er mit seiner offenen und positiven Art viele Leute begeistert hat. Ich kenne ihn ja persönlich und weiß ja, wie er ist. Abgesehen davon hat er auch sportlich Top-Leistungen gebracht. Ich habe mich mit dem Tormann-Trainer unterhalten, der immer noch von ihm schwärmt und mich immer wieder fragt, ob ich Kontakt mit ihm habe. Ich glaube, die beiden haben nach wie vor einen guten Draht zueinander. Michael hat sehr gute Werbung für den österreichischen Fußball gemacht. Vielleicht war es für mich dann auch einfacher, dass sie mich nehmen, weil er so gute Vorarbeit geleistet hat…(grinst).

LAOLA1: Dass du dich bei Gspurning über die Sounders erkundigt hast, liegt auf der Hand. Wen hast du sonst noch im Hinblick auf die MLS kontaktiert?

Ivanschitz: Ich hatte natürlich mit Andreas Herzog extrem viel Kontakt. Er kennt auch meinen Trainer Sigi Schmid sehr gut, weil der ihn damals zu den L.A. Galaxy geholt hat. Er hat mir sehr geholfen und viele interessante Informationen gegeben. Das war sehr wertvoll. Wir sind auch im ständigen Austausch. Wir haben uns logischerweise ausgemacht, dass wir uns irgendwann treffen, wenn er wegen des Nationalteams hier ist. Die Distanzen in den USA sind enorm, aber es wäre cool, wenn wir es irgendwann schaffen. Und natürlich hatte ich auch mit Emanuel Pogatetz Kontakt, der schon eine Zeit lang in Columbus spielt. Er hat geschwärmt. Es ist alles genauso eingetroffen, wie er sich das vorgestellt hat. Ähnlich wie bei mir ist es auch für ihn eine coole Möglichkeit, sportlich auf einem immer noch sehr interessanten Niveau zu spielen und privat eine Lebenserfahrung zu sammeln.

LAOLA1: Du hast Teamchef Marcel Koller vor deinem Wechsel persönlich über diesen Schritt informiert. Du stehst im Nationalteam auch auf der Abrufliste, was bedeutet, dass du definitiv im Blickfeld bist. Die EURO ist in deinem Hinterkopf also vermutlich sehr präsent, oder?

Ivanschitz: Sie ist auf jeden Fall präsent. Ich habe den Teamchef kurz vor meinem Wechsel natürlich informiert, dass ich diesen Weg gehen möchte, aber parallel weiterhin verfügbar bin. Wir bleiben in Kontakt. Mal schauen, in welche Richtung es sich entwickelt. Natürlich wäre es schön für mich, noch das eine oder andere Spiel zu machen. Ob es für ein großes Turnier reicht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Ich möchte einfach schauen, dass ich wieder richtig in Form komme. Die letzten Wochen und Monate waren aufgrund der Vertragssituation bei Levante und der Verletzung nach dem Wechsel zu den Sounders nicht ideal. Aber ich tue alles dafür, um dem Teamchef wieder gute Argumente zu liefern, und zwar auf dem Platz.

LAOLA1: Ist dein Plan eigentlich, die Karriere in den USA ausklingen zu lassen, oder möchtest du noch einmal nach Europa zurück, vielleicht sogar nach Österreich?

Ivanschitz: Das ist eine schwierige Frage! Ich habe auch noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Im Fußball geht alles sehr rasch. Darum gilt es für mich, hier Gas zu geben, Erfolg und Spaß zu haben und diese Erfahrung mitzunehmen. Wie der Weg dann weitergehen wird, kann ich nicht sagen. Mein Vertrag läuft zumindest bis Ende 2016 und dann gibt es noch Optionen für zwei weitere Jahre. Das lasse ich ganz entspannt auf mich zukommen und bin in alle Richtungen offen.

Das Gespräch führte Peter Altmann

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