Dragovic: "Es war schnell klar, dass ich in Kiev bleibe"

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"Die deutsche Sprache vermisse ich am meisten", erklärt Aleksandar Dragovic lachend.

Der 24-Jährige befindet sich in seiner dritten Saison mit dem ukrainischen Rekordmeister Dynamo Kiev und ist exzellent in die Saison gestartet - der Titelverteidiger führt die Tabelle nach zehn Spieltagen ungeschlagen an.

Zwar hat er sich Russisch-Kenntnisse angeeignet ("Wenn der Trainer spricht, verstehe ich alles"), doch die Lust, sich intensiver mit der Sprache vertraut zu machen, fehlt dem Innenverteidiger.

"Ich habe zwischendurch einen Kurs besucht, dann aber wieder aufgehört. Aufgrund der vielen Reiserei in der Champions League fehlt mir leider ein bisschen die Motivation", erklärt er gegenüber LAOLA1.

Es ist ohnehin fraglich, wie lange er noch in der Ukraine bleibt, denn zahlreichen Klubs aus den europäischen Topligen wird Interesse am ÖFB-Nationalspieler nachgesagt.

Im Interview spricht er über Angebote, die er im Sommer ablehnte, sein Vorbild und die bevorstehenden Aufgaben mit dem Nationalteam.

Dabei bezieht er klar Stellung zu teilweise abstrusen Erwartungen, die die rot-weiß-rote Auswahl im Zusammenhang mit der EURO 2016 in Frankreich betreffen.

LAOLA1: 2:0-Sieg bei Maccabi Tel Aviv, vier Punkte, Tabellenführer in einer Gruppe mit Chelsea und Porto. Darf man davon ausgehen, dass du zufrieden bist mit eurem Start in die CL-Gruppenphase?

Aleksandar Dragovic: Ja, wobei wir im ersten Spiel (2:2 gegen Porto, Anm.) mit etwas Glück auch gewinnen hätten können. Wir müssen aber zufrieden sein. In Tel Aviv waren Hitze und Luftfeuchtigkeit das größte Problem. Ich habe nach dem Spiel gesagt: ‚Da ich jetzt nicht gestorben bin, habe ich gute Chancen, noch lange zu leben.‘ Es war noch schlimmer als mit dem Nationalteam in Moskau. Insgesamt haben wir es gut gemeistert, denn in der Champions League ist jeder Gegner schwierig, wie BATE Borisov mit dem Sieg über die Roma oder Astana beim Unentschieden gegen Galatasaray gezeigt haben. Das Ziel ist, europäisch zu überwintern, unser Minimalziel ist daher Platz drei.

Dragovic: "Für mich ist Bayern München derzeit die beste Mannschaft Europas"

LAOLA1: Aktuell gelten Barca, Real und Bayern als das Nonplusultra, dahinter gibt es eine Lücke. Gehören für dich auch beispielsweise Arsenal und Manchester United, denen Interesse an dir nachgesagt wird, zu den absoluten Topteams?

Dragovic: Na, aber sicherlich, das sind alles Topklubs. Leider haben sich die genannten Vereine nicht gemeldet. Ich will mein Spiel weiterentwickeln und hart arbeiten, der Rest kommt von alleine.

LAOLA1: Gibt es einen Traumverein?

Dragovic: Nein, nicht wirklich. Ich will mich auch nicht festlegen.

LAOLA1: Du hast in einem „Kurier“-Interview Real Madrid als Ferrari des Fußballs bezeichnet.

Dragovic: Real sind natürlich die Königlichen, jeder würde gerne dort spielen. Fußball ist aber kein Wunschkonzert. Für mich ist aber Bayern München derzeit die beste Mannschaft Europas.

LAOLA1: Du wirst seit Jahren mit Lob überschüttet. Wie sehr schmeichelt diese Bauchpinselei einerseits? Andererseits: Muss man die Lobhudelei ausblenden, um sich weiterentwickeln zu können?

Dragovic: Ich bin ja schon ein paar Jahre im Geschäft und daran gewöhnt. Lob und Kritik gehören zum Fußball wie generell zum Leben. Ich weiß, wie ich damit umgehen muss und will meine Leistung am Platz bringen. Das gelingt mal besser und mal schlechter, aber auch wir Fußballer sind keine Roboter.

LAOLA1: Wo siehst du bei dir Nachholbedarf?

Dragovic: Überall und in jeder Hinsicht. Ich muss zum Beispiel torgefährlicher werden. Es liegt noch eine Menge Arbeit vor mir.

LAOLA1: Bist du der Typ Spieler, der auch mal eine Extraschicht einlegt, um sich zu verbessern?

Dragovic: Das bleibt geheim (lacht). Ich will mich nicht selbst als Musterschüler bezeichnen. Klar gibt es solche Tage, an denen man eine Extraschicht anhängt, aber nicht jeden Tag.

LAOLA1: Werder Bremen suspendierte kürzlich einen Spieler wegen eines zu fetten Baguettes. Bist du in dieser Hinsicht akribisch?

Dragovic: Ich muss es sein, weil der Verein auf die Ernährung schaut und wir täglich Gewichtskontrollen haben. Ich bin aber auch einer, der sagt, ein Spieler muss das essen, womit er sich wohl fühlt. Gefragt ist die Leistung am Platz. Eine gute Ernährung bedeutet noch keine gute Leistung.

LAOLA1: Gibt es einen Verteidiger, dem du nacheiferst?

Dragovic: In der Vergangenheit war das (Nemanja) Vidic. Zur Zeit ist (Raphael) Varane unangefochten der beste Innenverteidiger der Welt, weil er jung, dynamisch und spielerisch sehr, sehr gut ist.

LAOLA1: Das Nationalteam stellte kürzlich mit Rang elf in der Weltrangliste ein neues Allzeit-Hoch auf. Wie weit nach oben kann es für ein kleines Fußballland wie Österreich noch gehen?

Dragovic: Natürlich greifen wir die Top-10 an. Wir wollen jedes Spiel gewinnen, aber wir müssen am Boden bleiben. Dennoch: Wir sind eine junge, hungrige Mannschaft und haben sicher noch Potenzial nach oben. Wir sollten aber nicht daran denken, sondern müssen versuchen, einen Sieg nach dem anderen einzufahren. Der Rest kommt dann von ganz alleine.

LAOLA1: Die nächste Aufgabe stellt der kriselnde englische Meister dar. Welche Chancen rechnet ihr euch aus?

Dragovic: In der aktuellen Verfassung von Chelsea ist in Kiev sicher einiges möglich. Wir bleiben aber realistisch, denn Favorit sind ganz klar die Engländer. Das Stadion wird ausverkauft sein, die Zuschauer werden uns nach vorne peitschen, insofern wollen wir einen guten Tag erwischen.

LAOLA1: Für Dynamo läuft es auch national, nach zehn Spielen führt ihr ungeschlagen mit 28 Punkten die Tabelle an. Wäre alles andere als die Titelverteidigung eine Enttäuschung?

Dragovic: Natürlich ist der Titel das Ziel. Letzte Saison hatten wir keine Niederlage, auch jetzt sind wir gut gestartet. Es ist aber keine der namhaften Topligen, sodass die Gegner nicht so schwer zu bespielen sind wie in England oder Deutschland. Trotzdem haben wir eine sehr gute Truppe, dazu tolle Individualisten wie unseren besten Spieler, Andriy Yarmolenko. Wir harmonieren gut, das zeigt ja unsere gute Bilanz.

LAOLA1: Mit Shakhtar, das Rapid in der CL-Quali eliminierte, gibt es einen großen Gegenspieler, der aufgrund der Unruhen jedoch nicht in Donetsk spielen kann. Wie groß ist der Vorteil dadurch für euch?

Dragovic: Vielleicht ist es ein minimaler Vorteil. Den gefühlt 20 Brasilianern in ihrem Team ist es aber egal, ob sie in Donetsk oder Kiev spielen. Was das Leben an sich betrifft, haben sie sogar das große Los gezogen, weil sie in Kiev leben dürfen. Im Endeffekt spielen ja nicht die Fans, sondern wir Spieler. Man hat es letzte Woche gesehen in Tel Aviv. Dort waren die Fans überragend, am Ende des Tages hat es ihnen nicht geholfen. Zugegebenermaßen ist es aber sicher ein kleiner Vorteil für uns.

LAOLA1: Im Sommer hast du gemeint, sobald Angebote auf dem Tisch liegen, würdest du dich damit befassen. Wie viele musstest du dir schlussendlich anschauen?

Dragovic: Es gab zwei konkrete Angebote, die aber nicht dem entsprachen, was ich mir vorgestellt hatte. Ich habe aber schon in der Vergangenheit erwähnt, dass es Schlimmeres gibt, als mit Dynamo in der Champions League zu spielen. Die Europameisterschaft im nächsten Jahr ist eine gute Bühne, um mich zu beweisen, aber auch, um mich weiterzuentwickeln.

LAOLA1: Hängen deine Absagen mit dem Prestige der Vereine zusammen oder hatten sie finanzielle Beweggründe?

Dragovic: Es ging um das Gesamtpaket. Ich will zu einem Topklub, leider war keiner dabei. Für mich war daher schnell klar, dass ich in Kiev bleibe.

LAOLA1: Marcel Koller will von verfrühter Feierlaune nichts wissen, er fordert sechs Punkte gegen Montenegro und Liechtenstein. Braucht es diese Seriosität, um erfolgreich zu sein?

Dragovic: Unbedingt! Außerdem gehört es zum Respekt, den man der gegnerischen Mannschaft erweisen muss. Wir werden uns zu einhundert Prozent fokussieren, denn wir wollen a) ungeschlagen die Gruppenphase abschließen und b) so gut wie möglich in der Weltrangliste stehen im Hinblick auf die EM-Auslosung. Daher kann ich dem Teamchef nur zustimmen.

LAOLA1: Paul Scharner hat gegenüber „News“ das EM-Halbfinale als Ziel ausgegeben. Was betrachtest du als realistisch?

Dragovic: Bei Pauli wissen wir ja, dass er sich hohe Ziele setzt, das darf man nicht überbewerten. Sicher ist vieles möglich, aber man braucht auch Glück bei der Auslosung. Wir können ganz klar jeden Gegner schlagen, aber es gehört auch immer eine Portion Glück dazu. Lassen wir doch die Quali Revue passieren: Gegen Montenegro hätte es gut und gerne 1:1 ausgehen können, gegen Russland daheim genauso – wenn es dumm her geht, verlieren wir sogar. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.

LAOLA1: Ist Bodenständigkeit ein wichtiger Erfolgsbaustein?

Dragovic: Klar. Das Halbfinale als Ziel auszugeben, finde ich übertrieben. Es betrifft ja nicht nur Paul Scharner, sondern auch viele Journalisten: Da wird teilweise davon gesprochen, dass man vielleicht den Titel gewinnt. Ganz ehrlich, diese Leute haben ihren Beruf verfehlt. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Freuen wir uns doch, dass wir uns zum ersten Mal sportlich qualifiziert haben. Wir sollten erst mal spielen, den Rest wird man sehen.

LAOLA1: Die individuelle Klasse ist zweifellos enorm, jedoch auch in anderen Nationalteams vorhanden. Welche Bedeutung misst du daher dem Teamspirit bei?

Dragovic: Der ist ganz klar sehr hoch. Wir sind eine Mannschaft, die auch außerhalb des Platzes viel Spaß zusammen hat. Das ist sicher ein Faktor, der für uns spricht.

LAOLA1: Wie verbringst du deine Zeit, wenn du mal ein, zwei Tage frei hast?

Dragovic: Durch die Zusatzbelastung mit der Champions League habe ich die eigentlich nie. Wenn doch, dann versuche ich, nach Wien zu kommen, um meine Freunde zu treffen.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Christoph Nister

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