Wien hat die Uhr, Split die Zeit

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"Wer sich hier durchsetzt, den erschüttert nichts mehr"

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„Ich wollte mich verändern. Ich habe die Ausbildung bei Rapid genossen, wollte aber etwas Neues sehen, wollte weg aus Wien, weg aus Österreich, um selbstständig zu werden“, begründet David Domej den Schritt, den er vergangenen Sommer gemacht hat.

Dieser Schritt führte ihn rund 500 Kilometer in den Süden. Nach Split. Zu Hajduk, einem der traditionsreichsten Vereine des Balkans – zehnfacher jugoslawischer und achtfacher kroatischer Meister.

In der zweitgrößten Stadt Kroatiens ticken die Uhren ein wenig anders. Das hat der 19-Jährige, der die ÖFB-U19 als Kapitän zur erfolgreichen EM-Quali geführt hat, in Split aber noch auf sein Profi-debüt wartet, rasch festgestellt.

„In Split kriegt man eine harte Schale“

„Das Leben in Split ist stressfreier. Die Kaffeehäuser sind immer voll. In Österreich haben sie die Uhr, in Split haben sie die Zeit. Ich mag diese Atmosphäre, habe das im Blut, weil meine Mutter ursprünglich aus Split kommt“, sagt der Innenverteidiger, der im Sommer auch noch „zwei, drei andere Optionen“ gehabt hätte.

Wenn es um Hajduk geht, ist es mit der Gelassenheit aber schnell vorbei. Dann kommt das südländische Temperament der Dalmatiner zum Tragen: „So einen Fanatismus wie in dieser Stadt habe ich noch nie erlebt, es ist extrem. Die Menschen leben für den Fußball, auf jedem dritten Haus prangt ein Hajduk-Wappen.“

Hajduk hat mit rund 9.000 den höchsten Zuschauerschnitt Kroatiens

Der Druck auf die Hajduk-Kicker ist gewaltig: „Entweder man ist der Größte oder man ist der Schlechteste. Nach einem schlechten Spiel ist es besser, nicht außer Haus zu gehen. Die Fans sind beinhart. Als junger Spieler legt man sich dort eine richtig harte Schale zu. Wenn du dich dort durchgesetzt hast, kann dich in deiner weiteren Karriere nicht mehr viel erschüttern.“

„Platz vier wird nicht akzeptiert“

Aktuell ist die Lage des Traditionsklubs eher trist. Erzrivale Dinamo Zagreb ist auf dem Weg zum zehnten Titel in Folge, dahinter hat sich HNK Rijeka als Nummer zwei des Landes etabliert und auf dem dritten Rang steht Lok Zagreb, Dinamos Satelliten-Klub.

„Für uns ist der dritte Platz ein Muss. Der vierte Fall wird nicht akzeptiert“, weiß Domej. Deswegen gab es im Februar auch einen Wechsel auf der Trainerbank – Igor Tudor suchte das Weite und wurde durch Stanko Poklepovic ersetzt.

Der älteste Erstliga-Trainer Europas

Der Mann ist eine kroatische Trainerlegende. 1984 saß „Spaco“ zum ersten Mal auf Hajduks Betreuerbank, sein aktuelles ist bereits das vierte Engagement als Coach des Vereins. Zudem ist Poklepovic mit 76 Jahren der älteste Erstliga-Trainer Europas.

In der U19-Nationalmannschaft ist David Domej Kapitän

Warten auf die Chance

Mit Sandro Gotal, der im Sommer vom Wolfsberger AC kam, hat Domej einen Landsmann im Kader. „Ich verbringe jeden Tag mit ihm. Es war super, ihn vom ersten Tag an in der Mannschaft zu haben. Wir beide bringen ein bisschen den Wiener Schmäh nach Split. Er ist eben erst wieder von einer Verletzung an der Patellasehne fit geworden“, sagt der Abwehrspieler über Gotal, der bisher acht Tore erzielen konnte.

Der U19-Internationale selbst sitzt bei den Profis zwar oft auf der Bank, wartet aber noch auf seinen ersten Einsatz. Bei der zweiten Mannschaft, die in der dritten Liga spielt, ist er Stammkraft.

Doch der Wiener, der beim SCR ein einziges Mal in der Regionalliga Ost für die Amateure gespielt hat, ist zuversichtlich, dass es noch in dieser Saison mit dem Profi-Debüt klappt: „Ich warte auf meine Chance. Und ich werde sie auch bekommen. Im Winter war im Gespräch, ob sie einen neuen Innenverteidiger holen, doch die sportliche Leitung hat sich dagegen entschieden, weil sie auf mich zählen. Ich spüre die volle Unterstützung.“

„Die Hajduk-Schule ist weltweit angesehen“

In Split werden viele ganz junge Spieler eingesetzt, um sie dann schon bald für viel Geld verkaufen zu können. „Es kann in Kroatien sehr schnell gehen. Die Hajduk-Schule ist weltweit angesehen. Die kroatische Liga ist eine super Plattform, wenn du dort drei, vier gute Spiele machst, stehst du sofort in der Auslage“, weiß Domej.

Doch damit beschäftigt er sich vorerst noch nicht. Das nächste Ziel ist eben, erstmals bei den Profis ran zu dürfen. Spätestens dann hat sich der Wechsel wohl ausgezahlt.

„Ich habe es noch keine Sekunde bereut, nach Split gegangen zu sein. Ich bin wirklich zufrieden“, sagt der Innenverteidiger.

Harald Prantl

„Wenn ich mit 76 Jahren noch so beieinander bin, wäre ich überglücklich“, lacht Domej. Der ÖFB-Legionär ist positiv überrascht: „Viele haben gedacht, dass er bis Sommer interimistisch übernimmt, in Wahrheit aber der Co-Trainer alles macht. Aber so ist das nicht, er leitet die Trainings, hat alles fest im Griff. Man merkt ihm seine große Erfahrung an. Ihn kann nichts mehr erschüttern, der hat schon alles gesehen. Er ist genau der, den wir im Moment brauchen.“

Das übliche Chaos

Nur am Rande setzt sich Domej indes mit den Streitigkeiten zwischen Dinamo-Boss Zdravko Mamic (LAOLA1-Portrait), der heimliche Herrscher des kroatischen Fußballs, und seinem Klub auseinander: „Das ist ein ständiges Thema in Kroatien. Ich beschäftige mich aber nicht zu viel damit, sondern konzentriere mich auf den Fußball.“

Als die Lage im November neuerlich eskalierte, weil die Hajduk-Fasn bei einem Auswärtsspiel in Zagreb nicht ins Stadion durften und die Gäste daraufhin auf einen Antritt verzichteten, war der Teenager mit von der Partie (LAOLA1 hat über die Ereignisse berichtet).

„Wir waren in der Kabine und dann haben wir vom Vorstand die Anweisung bekommen, dass wir nicht spielen werden. Wir haben zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewusst, was los ist“, erinnert er sich.

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