Vom Gerichtssaal in die CL-Quali

Aufmacherbild
 

Pehlivans nächster Schritt zur "Schlüsselfigur"

Aufmacherbild
 

Für viele Menschen stellt das Ausbleiben des Gehalts ein gravierendes Problem dar.

Manch einem bietet sich aber gerade dadurch eine völlig neue Chance.

Für Yasin Pehlivan trifft zweifellos letzteres zu. „Ich hätte eigentlich noch drei Jahre Vertrag bei Gaziantepspor, habe aber seit Monaten kein Geld mehr bekommen. Ich habe ihnen einen Monat Zeit gegeben, dass sie mich bezahlen. Das ist nicht passiert, deshalb war ich kostenlos frei“, erklärt der ÖFB-Legionär im Gespräch mit LAOLA1.

Klub-Präsident im Gefängnis

Der Vertragsbruch, der eine Klage und wohl noch ein längeres juristisches Nachspiel nach sich zieht, rief allerdings einen neuen Werber auf den Plan.

„Mein ehemaliger Trainer, der nun bei Bursaspor ist, (Hikmet Karaman, Anm.) hat mich angerufen und gesagt, er will mich unbedingt haben“, erklärt Pehlivan den Wechsel innerhalb der türkischen Süper Lig. Für die nächsten drei Jahre ist die Millionenstadt im Nordwesten der Türkei seine neue Heimat.

Es ist wohl der Entfernung Gazianteps bedingt, dass über die Hintergründe des Transfers in Österreich bislang wenig bekannt wurde. Während des Trainingslagers seines Neo-Klubs in Seefeld bietet sich somit für den Mittelfeldspieler zugleich die Möglichkeit, Klarheit zu verschaffen.

„Die Situation betrifft die ganze Mannschaft. Der Präsident hat Probleme gehabt und war im letzten Jahr im Gefängnis. Seitdem gibt es Probleme mit den Zahlungen. Aber keine Ahnung, warum das so ist.“

„Er wird nicht zahlen“

Die ganze Mannschaft habe schon im Winter wegen ausbleibender Gehälter gestreikt und mit dem Training ausgesetzt, die Beschwichtigungen des Klub-Bosses blieben allerdings leere Versprechungen.

„Wir haben normal zu trainieren begonnen und schnell gemerkt, er wird nicht zahlen“, lamentiert Pehlivan, der als einziger Kaderspieler den Weg vor Gericht eingeschlagen hat.

Eine Entscheidung, die zumindest teilweise schon Früchte getragen hat. „Als ich sie im Sommer angeklagt habe, habe ich ein bisschen, aber nicht das ganze Geld bekommen.“

„Feuerwehrmann“ setzt auf Pehlivan

Kein Geld heißt jedoch nicht automatisch keine Perspektive. Ganz im Gegenteil. Für den plötzlich ablösefreien 17-fachen Nationalspieler meldeten sich zahlreiche Interessenten.

„Ich habe Alternativen gehabt, aber ich habe mit meinem Ex-Coach, einem super Trainer, bei Gaziantepspor Erfolg gehabt. Deshalb wollte ich das machen“, hält der 24-Jährige fest.

Angesprochener Coach gilt als Feuerwehrmann des türkischen Fußballs. Diese Rolle übte Karaman 2012 auch bei Pehlivans Ex-Klub aus, den er am letzten Tabellenplatz übernahm. Der rot-weiß-rote Export war da nach wochenlanger Nichtberücksichtigung gerade in die Mannschaft gerückt.

„Als ich nach Gaziantep kam und gesehen habe, dass Yasin nie gespielt hat, habe ich mich gewundert. Er ist österreichischer Nationalspieler und ich habe ihn schon bei Rapid beobachtet. Ich habe ihn nach dem Trainingslager sofort aufgestellt und er hat sehr gut gespielt. Wir hatten großen Erfolg und uns vom letzten auf den neunten Platz vorgearbeitet“, erinnert sich Karaman an die gemeinsame Zeit.

Hikmet Karaman schwingt seit Februar das Zepter bei Bursaspor

Bursaspor, der nächste Schritt

Dieser wird nun ein weiteres Kapitel hinzugefügt, in völlig anderem Umfeld. „Bursaspor ist vor drei Jahren Meister geworden. Seitdem zählen sie mit den Istanbuler Klubs zu den großen Mannschaften in der Türkei. Es ist ein Riesen-Name, sie bauen ein neues Stadion und die Medien erwarten sehr viel von Bursaspor“, weiß Pehlivan seinen neuen Arbeitgeber genau einzuschätzen.

„Es gibt ein eigenes TV-Team. Das Training wird zwei Stunden live verfolgt. Das ist schon eine ganz andere Umgebung als Gaziantepspor. Das ist ein Schritt nach vorne.“

Die Steigerung manifestiert sich auch in der Tabellensituation. Während sein ehemaliger Klub die Saison 2012/13 als Tabellenzehnter abschloss, landete Bursaspor als Vierter unmittelbar hinter den Istanbuler Top-Klubs.

Durch den Ausschluss von Fenerbahce und Besiktas aufgrund des Manipulationsskandals rücken die „Grünen Krokodile“ auf und dürfen um einen Platz in Europas Königsklasse kämpfen. „Jetzt geht es um die Champions-League-Quali. Die Fans sind verrückt, sie haben ganz große Erwartungen. Da ist der Druck natürlich sehr groß,“ freut sich Pehlivan, der zum Zeitpunkt des Wechsels noch auf Europa League eingestellt war.

Pehlivan ist „im besten Lernalter“

Damit der Einzug in die Gruppenphase, sowie das erklärte Ziel Meistertitel, erreicht werden können, will Bursaspor auch noch weitere Verstärkungen tätigen. Vier Legionäre sollen laut Karaman noch kommen. Einen Wunschspieler hat er aber schon.

„Auf seiner Position stand mit Maurice Edu ein amerikanischer Teamspieler. Wenn ich die beiden vergleiche, bringt Yasin die gleiche Leistung und hat den Vorteil des türkischen Ausweises. Deswegen habe ich ihn geholt.“

Der zum Großteil in Deutschland ausgebildete Übungsleiter kennt seinen Neuzugang genau: „Er ist sehr fleißig, sehr diszipliniert und mit 24 Jahren im besten Lernalter. Wenn der Gegner den Ball hat, steht er in der Defensive richtig.“

Ein kleiner Gündogan?

Schwächen sind ihm allerdings auch nicht verborgen. „Haben wir den Ball, muss er sich als Mittelfeldspieler aber mehr einschalten. Bei Bursaspor muss man immer nach vorne spielen, die Bälle richtig verteilen. In der Champions League ist das Defensivverhalten womöglich wichtiger, aber bei Ballgewinn musst du sofort umschalten“, analysiert der Glatzenträger und zieht einen Vergleich zur letzten Saison:

„Ilkay (Gündogan, Anm.) ist das beste Beispiel. Er ist eine Schlüsselfigur im Spiel von Borussia Dortmund und macht nur minimale Fehler. Wenn Yasin dort spielt, muss er ebenso die Bälle verteilen können. Wenn er weiter an sich arbeitet, kann er das auch verbessern.“

Um die Vorstellungen seines Trainers umzusetzen, kann Pehlivan, der sich erst von einer langwierigen Leistenverletzung erholt, dessen Geduld sicher sein: „Wir sind vorsichtig, lassen ihm noch Zeit.“

Weg zur eigenen „Schlüsselfigur“

Auch der langjährige Rapidler, der in der aktuellen Situation in Hütteldorf „Mitleid mit den Fans“ zeigt, bleibt gelassen und setzt sich zunächst die Stammelf als erstes Ziel. Angesichts der Konkurrenzsituation kein einfaches Unterfangen:

„Auf meiner Position sind wir sehr stark besetzt. Belluschi (Fernando, Anm.) etwa kommt vom FC Porto und war damals, als ich bei Rapid gespielt habe, mein Gegenspieler. Batalla (Pablo, Anm.) ist ein Riesenspieler in der Türkei, der beste auf seiner Position. Und noch vier Türken, die um den Platz kämpfen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass ich dort spielen werde.“

Karamans abschließende Worte dürften diesen Glauben bestätigen: „Yasin wird meine Schlüsselfigur im Team werden.“

Christoph Nister/Christian Eberle

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen