"Man muss sich auch gegen die Stars durchsetzen"

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Andere Länder, andere Sitten.

Vor einem halben Jahr zog Veli Kavlak aus, um sein Glück bei Besiktas Istanbul zu suchen.

Trotz der Dichte an Superstars hat sich der 23-jährige Wiener beim türkischen Großklub mittlerweile ins Rampenlicht gespielt. 16 Einsätze in der Liga und sieben in der Europa League sprechen eine deutliche Sprache.

Quaresma, Simao, Almeida, Kavlak - zur Zeit könnte es für den türkischstämmigen Legionär nicht besser laufen. Trotzdem könnte ein falscher Schritt alles bisher Erreichte zunichte machen.

"Wenn man einmal eine mäßige Leistung bringt, wird man hier auseinander genommen", weiß der Mittelfeldspieler aus Erfahrung.

Im großen LAOLA1-Interview zieht Kavlak erstmals Bilanz und verrät, was ihn an Istanbul begeistert und warum Pacults harte Schule Früchte trägt.

LAOLA1: Veli, du bist mittlerweile schon wieder ein halbes Jahr bei Besiktas. Wie fällt deine Bilanz aus?

Veli Kavlak: Die Bilanz fällt positiv aus. Ich komme mittlerweile oft zum Einsatz, habe schon viele Spiele von Beginn an gespielt und meine Position bei Besiktas ist das zentrale Mittelfeld. Ich bin zufrieden, wie es gerade läuft. Wir sind mitten in der Saison, haben alle drei Tage ein Spiel und nur fünf Tage Winterpause gehabt, wo ich in Wien war. Das ist schon ziemlich anstrengend.

LAOLA1: Wie groß sind im Ausland die Unterschiede zu dem, was du bisher kanntest?

Kavlak: Es ist schon eine andere Welt und überhaupt nicht zu vergleichen. Bei Rapid war ich noch skeptisch, als Spieler, die ins Ausland gewechselt sind, von so extremen Unterschieden gesprochen haben. Aber es ist wirklich so – hier wird Fußball gelebt. Von der Professionalität her ist das überhaupt nicht zu vergleichen. Die Qualität und der Konkurrenzkampf sind riesig. Hier merkt man jede Sekunde, dass man bei einem Riesenklub ist. Hier geht es ordentlich zur Sache. Ich bin froh, diese Erfahrungen bei so einem Klub machen zu dürfen.

LAOLA1: Besonders Euphorie und Hingabe haben im türkischen Fußball einen besonderen Stellenwert. Wie gehst du mit dem Druck um?

Kavlak: Die Euphorie ist enorm und der Druck ist um ein Vielfaches größer als in Österreich. Wenn man einmal eine mäßige Leistung bringt, wird man hier auseinander genommen. Diese Erfahrung musste ich auch machen. Bei meinem Startelf-Debüt musste ich mir schon einiges anhören. Wöchentlich diskutieren Experten auf ca. 15 Kanälen nur über das Spiel und nehmen sich wirklich kein Blatt vor den Mund. Da geht es schon ganz anders zu, mit dieser Kritik muss man umgehen können.

LAOLA1: Wie schwer war es, als belächelter Österreicher Fuß zu fassen?

Kavlak: Als Österreicher wird man hier anfangs überhaupt nicht ernst genommen, hier weht ein ganz anderer Wind. Das war schon sehr schwer für uns. Bei der Ankunft wurde ich gefragt, ob Fußball in Österreich mit der Hand gespielt wird. Nachdem sie aber gesehen haben, dass wir mithalten können, hat das aufgehört. Ich muss auch erwähnen, dass wir unter Peter Pacult einiges erlebt haben und er uns gewarnt hat, dass es woanders noch mehr zur Sache geht. Das war irgendwie die perfekte Schule fürs Ausland.

LAOLA1: Du hast in letzter Zeit viele Einsätze verzeichnet, auch von Beginn an.

Kavlak: Hier herrscht Woche für Woche ein irrer Konkurrenzkampf. Wir spielen mit einem Sechser und zwei offensiveren Mittelfeldspielern, um diese drei Positionen kämpfen sieben Spieler, u.a. ein portugiesischer Nationalspieler, ein Brasilianer, Fabian Ernst usw. Hier muss man jeden Tag Gas geben, sonst ist man schnell weg. Mäßige Leistungen werden nicht toleriert. Die Erwartungshaltung ist hier ganz anders.

LAOLA1: Inwieweit haben dir die türkischen Wurzeln bei der Eingewöhnung weitergeholfen?

Kavlak: Es hat schon geholfen, da es ein Mentalitätsunterschied ist, aber diese Phase hab ich überbrückt. Am Anfang ist man auf sich allein gestellt. Ich war mit der Wohnungssuche beschäftigt, wir waren auf Trainingslager und ich hatte kaum Zeit nachzudenken. Als das erledigt war, habe ich mir schon gedacht: Und was mach ich jetzt? Aber es ist eh nur wichtig, sich auf Fußball zu konzentrieren. Es wird einem hier alles zur Verfügung gestellt. Wir haben ein tip-top Trainingszentrum, jeder Spieler hat ein eigenes Zimmer und wir werden bekocht. Hier wird alles für den Erfolg zur Verfügung gestellt.

LAOLA1: Wie ist es mit Weltstars wie Quaresma, Simao oder Almeida auf dem Platz zu stehen?

Kavlak: Am Anfang war es schon etwas ganz Besonderes. Guti war jahrelang bei Real, Quaresma bei Inter, Chelsea und Barcelona, dazu noch Simao. Das sind alles unglaublich gute Typen, mit denen es Spaß macht, Fußball zu spielen. Auch mit Manuel Fernandes – es ist ein Wahnsinn, was der mit dem Ball macht. Es ist wichtig, zu versuchen, sich gegen diese Spieler durchzusetzen. Man muss auch die Mentalität kennenlernen, vor allem von den Portugiesen.

LAOLA1: Wirst du durch das Training mit Quaresma in Zukunft auch zum Trickser?

Kavlak: Wenn ich nachmachen würde, was Quaresma mit dem Ball macht, würde ich mir alle Knochen brechen, da wäre ich oft verletzt. Er ist schon ein unglaublicher Fußballer. Wenn der einen guten Tag hat, dann kannst du als Gegenspieler nur beten. Als ich noch mit Rapid gegen Besiktas gespielt habe, war er 25 Minuten unglaublich, bis er leider verletzt ausgewechselt wurde. Die Spieler hier haben schon Wahnsinns-Qualität.

LAOLA1: Siehst du es als Bestätigung, in diesem Star-Ensemble deinen Platz gefunden zu haben?

Kavlak: Ich habe mir am Anfang schon gedacht, dass es hier ganz heftig wird, aber man muss im Training Gas geben, auf sich schauen und die Chancen abwarten. Natürlich wird man anders gesehen als ein Portugiese, Brasilianer oder Deutscher. Mit dem muss man aber leben, da muss man durch. Geschafft habe ich es noch lange nicht, man muss immer auf der Hut sein.

LAOLA1: Mit Ekrem Dag, Tanju Kayhan und dir baut Besiktas auf ein ÖFB-Trio. Nicht bei allen läuft es zur Zeit so gut.

Kavlak: Tanju hat auf seiner Position einen türkischen Nationalspieler vor sich und auf der anderen Seite Roberto Hilbert. Wir, die Deutschen und die Tschechen sind die disziplinierten Kämpfer und Läufer. Dann kommt der Mix aus Portugal, Brasilien und anderen Ländern, die technisch unglaublich versiert sind.

LAOLA1: Nach einem Tor in der Liga hast du auch im Cup getroffen. Entwickelst du langsam einen Torriecher?

Kavlak: Ich versuche bei jedem Angriff nach vor zu kommen und auch in den Strafraum einzudringen. Es ist kraftaufwendig, aber da ergeben sich schon Chancen, die ich versuche, zu nützen. Bei meinem Tor im Cup habe ich erstmals mit dem Kopf zugeschlagen.

LAOLA1: Die Saison hat chaotisch begonnen, die Nachwirkungen des Wettskandals sind noch allgegenwärtig. Wie sehr hat dich diese Causa verunsichert?

Kavlak: Es war ein Schock für uns, als der Trainer, der uns geholt hat, zum Verhör und ins Gefängnis musste und ein neuer, portugiesischer Coach kam. Das hat mich schon nachdenklich gemacht, aber zum Glück läuft es jetzt sehr gut. Die Liga hat später begonnen, im Winter wird durchgespielt und im Frühjahr warten die Playoffs. Es war eine ungute Situation für uns Spieler.

LAOLA1: Was ist in dieser Saison für Besiktas noch möglich?

Kavlak: Wir wollen auf jeden Fall die Playoffs erreichen, wo die besten Vier jeweils zwei Mal gegeneinander spielen. Wir wollen Meister werden und uns für die CL qualifizieren. In der Europa League haben wir Braga vor uns. Auch im Cup sind wir noch dabei. Zu Beginn wurde uns eingeimpft: Ein zweiter Platz ist hier kein Erfolg, hier muss man Meister werden. Beim Triple tragen sie uns hier auf Händen, da würden sich Sachen abspielen, die ich noch nie erlebt habe. Mir geht es darum, im Training und in den Spielen immer meine Leistung abzurufen und verletzungsfrei zu bleiben. Das hat mir bei Rapid ja oft Probleme gemacht.

LAOLA1: Wie sehr hast du dich mit der Stadt Istanbul angefreundet?

Kavlak: Istanbul ist eine verrückte Stadt. Hier ist so viel Verkehr, das ist schon ungewohnt. Hier brauchst du zu gewissen Zeiten gar nicht über die Bosporus-Brücke fahren. Es ist sehr chaotisch. Wenn Samstag oder Sonntag ist, kriegst du das nicht mit. Hier ist immer alles offen und immer was los.

LAOLA1: Was war das bisher eindrucksvollste Erlebnis in Istanbul?

Kavlak: Die Atmosphäre zu Hause gegen Dynamo Kiew war wirklich unglaublich. 40.000 haben den Gegner ausgepfiffen, das hat in den Ohren gekitzelt. Auch der Gäste-Trainer hat nach dem Spiel gesagt, dass er so etwas noch nie in seinem Leben erlebt hat. Wir haben 1:0 gewonnen, wo wir in der letzten Minute drei Mal auf der Linie gerettet haben, einmal ich mit meinem Gesicht. Da war die Hölle los, das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.


Das Gespräch führte Alexander Karper

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