Als der KGB mitspielte...

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Als Dynamo Moskau Mitte August einen neuen Präsidenten bekam, war die Überraschung ob dessen Vergangenheit nicht groß.

Gennadi Solowjow war einst Funktionär des russischen Geheimdienstes KGB.

Angesichts der Geschichte des neuen Arbeitgebers von Jakob Jantscher (die Gründe für seinen Wechsel) reißt das niemanden vom Hocker.

Denn der elffache Sowjetmeister war einst als KGB-Klub bekannt, unterstand praktisch dem Geheimdienst.

Theorie und Praxis

Dabei wollten die kommunistischen Theoretiker anfangs gar nichts vom runden Leder wissen. Der Fußball war als bourgeois und antirevolutionär gebrandmarkt, als Werkzeug der herrschenden Klasse, die Arbeiterklasse auseinander zu dividieren.

In der Praxis nahmen sich die Bolschewiki dem Sport dann aber doch an, zu viel Popularität hätten sie eingebüßt, wäre der Fußball verboten worden.

Und so wurden Mitte der 1920er Jahre die Moskauer Vereine aufgeteilt. Lokomotiv gehörte dem Eisenbahn-Ministerium, Torpedo den Autobauern, ZSKA der Roten Armee und Dynamo eben der Geheimpolizei.

Ausnahme Spartak

Einzig Spartak folgte nicht diesen Gebräuchen. Der Klub wurde von Nikolai Starostin, einem früheren Fußball- und Eishockey-Teamspieler, mitsamt drei seiner Brüder geführt.

De facto waren Spartaks Heimspiele ein Sammelbecken für Oppositionelle. „Daran besteht kein Zweifel. Das Stadion war der einzige Ort, an dem du schreien, lachen und weinen, also du selbst sein konntest“, berichtete Jim Riordan, ein Engländer, der in den 1960er Jahren für Spartak kickte.

Beria gegen Starostin

Das war vor allem Lawrenti Beria, ab 1938 Chef des Geheimdienstes und früher selbst Amateur-Kicker, ein Dorn im Auge. Zudem hatte er mit Starostin auch noch ein privates Hühnchen zu rupfen, nachdem ihm dieser öffentlich vorgeworfen hatte, einst ein schmutziger Spieler gewesen zu sein.

Fortan unternahm Beria größte Anstrengungen, Spartak vom Erfolg abzuhalten. Das führte etwa soweit, dass er Dynamos Niederlage im Cup-Halbfinale 1939 für ungültig erklärte und das Spiel wiederholen ließ.

Doch Spartaks Team ließ sich von diesem Wink mit dem Zaunpfahl nicht einschüchtern und gewann auch das Wiederholungsspiel. Starostin wollte sich später daran erinnern, dass Beria nach dem Schlusspfiff in seiner Rage auf der Ehrentribüne mit Stühlen um sich geworfen hatte.

Die Rache des KGB-Chefs

Die Rache des KGB-Chefs sollte nicht lange auf sich warten lassen. Im März 1942, als die Sowjetunion von Hitler-Deutschland bedroht wurde, nahm der Geheimdienst die Starostin-Brüder und einige Spartak-Kicker fest und verurteilte sie zu zehn Jahren Gulag, wie die Arbeitslager genannt wurden.

Schon bald sollte auch Beria nichts mehr mit dem Fußball zu tun haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von Joseph Stalin zum Verantwortlichen für den Bau einer Atombombe gemacht.

Dynamo blieb eine äußerst erfolgreiche Mannschaft und wurde alleine in den 1950er Jahren vier Mal Meister.

Der Glanz ist verflogen

Der Glanz von einst ist jedoch verflogen. 1976 wurde zum bisher letzten Mal die Meisterschaft gewonnen, der letzte Cupsieg datiert 1995, ist also auch schon eine Weile her.

Und auch die Beliebtheit bei den Fans hält sich in überschaubaren Grenzen. Denn Dynamos Vergangenheit ist noch lange nicht vergessen.


Harald Prantl

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