Italiens Antithese

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Er lebt in dem Land, in dem in jedem fünften Satz, der Calcio enthält, auch Catenaccio gesagt wird.

In dem Land, in dem man zuerst versucht, Tore zu verhindern, ehe man probiert, selbst welche zu erzielen.

In dem Land, in dem ein 0:0 schon in Ordnung ist, weil es beweist, dass die Defensivreihen gut sortiert waren.

Doch Zdenek Zeman ist anders. Er ist die Antithese zum klassischen italienischen Trainer. Er ist Spektakel. Er ist Offensive. Er ist Streitpunkt. Er ist Kult.

Die Torreigen der Delfine

Und er ist zurück in der Serie A. Am Wochenende hat der 65-Jährige mit Delfino Pescara 1936 den Aufstieg geschafft. Erstmals seit 19 Jahren ist der Klub aus den Abruzzen wieder in der höchsten Liga.

Die Art und Weise der Rückkehr war spektakulär. 89 Tore haben die „Delfini“ in den bisherigen 41 Partien erzielt. Rang zwei in dieser Wertung belegt Reggina mit 63 Treffern. Im Durchschnitt fallen bei Pescara-Spielen 3,51 Tore, genau ein Treffer mehr als der Liga-Schnitt.

Aber so ist Zeman. Das Spektakel steht an erster Stelle. „Attackieren ist positiv und schwieriger, als einfach zu verteidigen und zu zerstören“, lautet das Credo des gebürtigen Tschechen, der seit seiner Jugend in Italien lebt.

Aus dem Besuch wurde der Verbleib

Dass es überhaupt soweit kam, hat mit dem Prager Frühling 1968 und einigen Zufällen zu tun. Als am 21. August eine halbe Million Soldaten der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei einmarschierten, um Alexander Dubceks Reformbemühungen Einhalt zu gebieten, weilte Zeman auf Sizilien.

Als er dorthin reiste, konnte er nicht ahnen, dass es in seiner Heimat zu einer militärischen Intervention kommen würde. Es brach lediglich auf, um seinen Onkel Cestmir Vycpalek zu besuchen. Schon oft war er bei dem ehemaligen Fußballer (u.a. Slavia Prag, Juventus und Palermo), der sich nun in Italien als Trainer verdingte. Doch diesmal blieb Zeman.

Universität und Coverciano

In Prag hatte er bei der Slavia gekickt und auch Volleyball und Handball gespielt. In seiner neuen Heimat beschäftigte sich der Tscheche dann mit den wissenschaftlichen Aspekten seiner Passion. Er studierte in Palermo Sport und schloss mit Auszeichnung ab. Seine Dissertation hatte Sportmedizin zum Thema. Ein Gebiet, mit dem er noch unangenehme Erfahrungen machen sollte.

So spielte Pescara 2011/12

Immer noch hetzen die Außenspieler der Vierer-Abwehrkette die Linie auf und ab. Immer noch steht die Defensivreihe außergewöhnlich hoch und hofft auf das Zuschnappen der Abseitsfalle.

Immer noch agieren die drei zentralen Mittelfeldspieler überaus kompakt und kombinieren sich mit ihrem Dreiecksspiel nach vorne. Immer noch wird schon sehr früh großer Druck auf den Gegner in Ballbesitz ausgeübt. Immer noch stellen die Innenverteidiger die einzige defensive Absicherung dar.

Zemans Ausrichtung wird oft mit einem Seiltänzer ohne doppelten Boden verglichen. Tatsächlich geht seine Spielweise oft in die Hose, weil die Gegner vor allem über die Flügel viel Platz zum Kontern finden.

Doch dem Coach ist das egal. Er will einfach ein Tor mehr schießen, anstatt eines weniger zu kassieren. Die Zahlen sprechen für sich. Acht Saisonen hat der heute 65-Jährige von Anfang bis Ende in der Serie A gecoacht. Vier Mal erzielte seine Mannschaft die meisten Tore, zwei Mal die zweitmeisten.

Treppenläufe und Waldwege

Die Tifosi lieben ihn dafür. Denn auch in einem derart von Taktik geprägten Land wie Italien sehen sie nichts lieber als Tore. Auch seine Spieler lieben ihn dafür. Die meisten zumindest.

Denn bei einigen Vereinen konnte „Il Boemo“ („der Böhme“) keine Erfolge feiern, scheiterte vielmehr kläglich. Das mag auch daran liegen, dass er seine Spieler nicht immer erreicht. Denn seine Methoden sind mitunter umstritten.

Damit seine Schützlinge das überaus kräfteraubende Spiel praktizieren können, werden sie im Training geschunden. Elendslange Ausdauereinheiten stehen an der Tagesordnung. Da werden Tribünen-Treppen und Waldwege für Spieler zu Orten des Grauens.

"Zemanlandia" in Foggia

Doch wer diese Torturen über sich ergehen ließ und Zeman vertraute, konnte Unglaubliches erreichen. Davon singen sie in Foggia noch heute Lieder. In der 150.000-Einwohner-Stadt in Apulien wurde Zeman zu jenem Kult-Trainer, der er heute in ganz Italien ist.

Doch vorerst galt es, die Trainerausbildung zu machen. 1979 erhielt er im Alter von 32 Jahren seine Lizenz, nachdem er das berühmte Coverciano, eine Fußballschule in Florenz, besucht hatte. Einer seiner Klassenkameraden war Arrigo Sacchi. Das Duo verband ihr Hang zum offensiven Spiel.

Raumdeckung anno 1983

Nachdem Zeman vier Jahre lang im Nachwuchs von Palermo gearbeitet hatte – ein Job, dem er seinen Onkel verdankte –, durfte er 1983 erstmals Erwachsene trainieren. 1983 übernahm er Licata, ein Team in der Serie C2. Er wurde auf Anhieb Meister.

Ein Titel, der für Aufsehen sorgte. Nicht nur, weil im Team fast ausschließlich Eigenbauspielern standen, sondern auch, weil der Jungtrainer eine erstaunliche taktische Neuerung einführte.

Während seine Gegner noch mit dem klassischen Libero und zwei Manndeckern agierten, schickte Zeman Licata mit einer 4-3-3-Formation aufs Feld. Raumdeckung in der Abwehr, schnelles Umschalten von Defensive auf Offensive, stürmende Außenverteidiger, kurze Pässe und atemberaubendes Pressing. Nur zur nochmaligen Verdeutlichung: Das war im Jahr 1983.

4-3-3 – heute wie damals

Die Grundzüge seines Systems haben sich bis heute nicht geändert.

Signori: Via Foggia ins Nationalteam

1989 verpflichtete ihn Präsident Pasquale Casillo, nachdem der Klub den Aufstieg in die Serie B geschafft hatte. Nur drei Jahre zuvor hatte er Zeman vorzeitig entlassen, weil durchgesickert war, dass er im Sommer sowieso zu Parma gehen würde.

Diesmal blieb der Tscheche, der zu diesem Zeitpunkt bereits die italienische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, aber fünf Jahre lang. Diese Ära wurde als „Foggia dei Miracoli“ („Wunder von Foggia“) oder schlicht „Zemanlandia“ bekannt.

Die Truppe, in der zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannte Spieler standen, schaffte in ihrer zweiten Saison den Aufstieg in die Serie A und dort drei Mal ziemlich souverän den Klassenerhalt. Jahre später sind viele dieser Kicker große Namen: Giuseppe Signori, Francesco Baiano, Roberto Rambaudi, Luigi di Biagio, Igor Shalimov, Jose Antonio Chamot und Dan Petrescu.

Dass Foggia auf Teufel komm‘ raus stürmte, muss wohl nicht mehr ausgiebig beschrieben werden.

Wenn der wortkarge Kettenraucher spricht

Doch auch Zemans Begabung, junge Talente zu erkennen und zu entwickeln sei erwähnt. So kann er sich rühmen, Alessandro Nesta bei Lazio und Francesco Totti bei der Roma zum Durchbruch verholfen zu haben.

Doch es gibt nicht nur den Zdenek Zeman auf dem Rasen, sondern auch den abseits. Da gibt sich der Kettenraucher zwar meistens wortkarg, wenn er dann aber doch etwas sagt, nimmt er kein Blatt vor den Mund. So auch im Juli 1998, als er Juventus Turin, im Speziellen Alessandro del Piero und Gianluca Vialli, des Dopings beschuldigte. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an seine sportmedizinische Ausbildung.

Schon damals war Luciano Moggi Juve-Manager und ein mächtiger Mann im italienischen Fußball. Wer es sich mit ihm verscherzte, hatte im Establishment keine Freunde mehr. So ist es auch zu erklären, dass es bis 2004 dauerte, als Zeman wieder von einem Serie-A-Klub unter Vertrag genommen wurde.

Nicht weiter verwunderlich, dass US Lecce 2004/05 unter seiner Regie den attraktivsten Fußball der Liga bot. Vor allem die beiden Angreifer Valeri Bojinov und Mirko Vucinic begeisterten. Danach verschwand Zeman aber wieder in der Versenkung, es folgten einige Kurzzeit-Engagements bei diversen Klubs.

Die Rückkehr der Antithese

Jetzt ist er aber zurück. Mit einer Pescara-Mannschaft, die den klassischen Zeman-Fußball spielt. Druckvolles Pressing, extrem offensive Ausrichtung, anfällig für Konter. So, wie der Tscheche seit nun schon fast 30 Jahren spielen lässt. Mit seinem 4-3-3, das er nur in Nuancen verändert hat.

Die Stars der Truppe sind aufstrebende Talente, die in den kommenden Jahren wohl zu Hochkarätern heranwachsen werden. Etwa Mittelstürmer Ciro Immobile (22), der in 36 Spielen 28 Mal getroffen hat. Oder Flügelstürmer Lorenzo Insigne (20), der auch schon 18 Tore verbuchen konnte. Und Marco Verratti (19), der im Mittelfeld die Fäden zieht und als neuer Andrea Pirlo gefeiert wird.

Catenaccio ist für sie alle ein Fremdwort. Zdenek Zeman hat es sie nie gelehrt. Und trotzdem ist die lebende Antithese zurück in der Serie A, um erneut den Beweis anzutreten, dass man auch in Italien mit bedingungsloser Offensive reüssieren kann.


Harald Prantl

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