Ein Klub im Wahlkampf

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Ein Klub im Wahlkampf

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„Wenn Silvio Berlusconi zurück an die Macht kommt, gebt dem FC Barcelona die Schuld dafür.“

So die Reaktion mancher italienischer Journalisten auf den 2:0-Sieg des AC Milan im Hinspiel der Champions League.

Diese Aussage ist ernster gemeint, als sie auf den ersten Blick scheinen mag. Denn tatsächlich hat Berlusconi im Rennen um die Vormacht im italienischen Parlament einmal mehr einen mächtigen Wahlhelfer – seinen Klub.

So dauerte es freilich nicht lange, ehe sich der 76-Jährige nach dem Abpfiff vor diverse Kameras stellte, um auch wirklich jeden daran zu erinnern, wer hinter diesem überraschenden Erfolg steht.

Calcio und Politik – der Meister des Spiels

Ob er nun die Champions League oder die Wahl gewinnen wolle? „Beides“, grinste Berlusconi. Wenige Stunden vor der Wahl am Sonntag (24. Februar) nutzt der Medienzar und Politiker den Fußball wieder einmal perfekt, um sein Profil als Gewinner zu schärfen.

Kein anderer versteht es besser, in jenem Land, im dem höchstens die „Mamma“ über dem „Calcio“ steht, das Spiel mit dem runden Leder für seine politischen Ambitionen zu verwenden.

Ob Transfers, Metaphorik im politischen Diskurs oder das Aufpolieren des Images – Berlusconi ist ein Meister dieses Spiels.

Ein abgelehntes und ein willkommenes Angebot

Kein Wunder, betreibt er es doch schon seit Jahrzehnten. Am 20. Februar 1986 wurde der Mailänder Haupteigentümer des AC Milan.

Es war nicht sein erster Versuch, sich einen Fußball-Klub unter den Nagel zu reißen. Einige Jahre vorher hatte er – das bestätigten mittlerweile einige namhafte Funktionäre – ein Angebot für Inter abgegeben. Doch die „Nerazzurri“, die er in seiner Jugend unterstützt haben soll, ließen ihn abblitzen.

Anders der Stadtrivale in Rot-Schwarz. Einst eine große Nummer, musste der Verein in den 1980er Jahren zwei Mal eine Saison in der Serie B verbringen und befand sich in argen finanziellen Problemen. Giuseppe Farina, der damalige Klub-Boss, war in einen Bestechungsskandal verwickelt und hatte es eilig, sich nach Südafrika abzusetzen, weshalb ihm Berlusconis Angebot gerade recht kam.

Aus dem Mittelmaß zum Weltklub

Der neue Milan-Präsident machte aus dem Verein, der endgültig in die sportliche Bedeutungslosigkeit abzurutschen drohte, einen der größten Klubs des Weltfußballs.

Doch es war nicht nur so, dass er die „Rossoneri“ zu unzähligen Titeln führte, er transformierte sie gleichzeitig zum Aushängeschild seiner Philosophie.

Nur zu gerne lässt sich Berlusconi von den Milan-Fans feiern

Demnach war es für den Quereinsteiger 1994 ein leichtes Spiel, seine Botschaft unter das politikverdrossene Volk zu bringen. Und dank seines geschickten Umgangs mit Fußball-Metaphern war diese auch für jedermann verständlich.

„Ich betrete das Feld“, verlautbarte Berlusconi bei seinem Einstieg in die Politik. Die Qualifikationen seines politischen Konkurrenten Luigi Spaventa tat er indes mit einer lapidaren Frage ab: „Dieser Spaventa, wie viele Meistercup-Siege hat er geholt?“

Forza Italia – der große Triumph

Das Paradebeispiel für Fußball-Ausdrücke auf dem politischen Parkett war jedoch der Name seiner Partei: Forza Italia! Der Schlachtruf schlechthin. Angesichts der bevorstehenden Weltmeisterschaften in den USA diskutierten Oppositionelle tatsächlich darüber, wie man den die „Squadra azzurra“ bei Länderspielen künftig anfeuern könnte.

Und der – immer noch – reichste Italiener? Der lachte sich ob seines Coups ins Fäustchen und nannte seine Wahlkampfhelfer fortan „Squadra azzurra“.

Der aufwändige Wahlkampf sollte sich bezahlt machen. Gerade einmal zwei Monate nach der Gründung der Partei feierte „Forza Italia“ einen unglaublichen Erfolg und Berlusconi wurde überraschend Premierminister.

Kurz darauf demontierte der AC Milan im Finale der Champions League den FC Barcelona mit 4:0 und streute den dritten Meistertitel in Folge drüber. Berlusconi war der große Gewinner. Trotz der Skandale, die damals schon ihren Weg in die – nicht von ihm gesteuerten – Medien fanden.

„Der AC Milan kommt als am besten bekanntes Markenzeichen Italiens im Ausland gleich hinter der Mafia und der Pizza“, frohlockte er.

Das große Kunststück

Seine Anwesenheit während der Triumphe war jedoch nicht das große Kunststück, das der „Cavaliere“ vollbrachte. Es war seine Gabe, in den Momenten der Niederlage stets einen Schuldigen zu finden und seine Weste weiß zu halten.

Denn als er am 26. Jänner 1994 seinen Einstieg in die Politik erklärte, hatte er sich nicht zuletzt dank seiner Arbeit beim AC Milan einen bestimmten Ruf erworben.

Berlusconi stand dem „alten Italien“ gegenüber. In einer Zeit, in der die herrschende Politikerklasse von unzähligen Korruptionsskandalen gebeutelt war und mehr und mehr das Vertrauen der Bevölkerung verlor, war das der große Trumpf des Geschäftsmannes.

Mit Sacchi zum Gewinner-Image

„Der Fußball ist eine Metapher für das Leben. Durch Milans Erfolg haben die Menschen verstanden, dass meine Philosophie eine Gewinner-Philosophie ist“, sagte er damals.

Tatsächlich hatte er den Klub seit seiner Übernahme ordentlich umgekrempelt. 1987 setzte Berlusconi Arrigo Sacchi auf die Trainerbank. Der Nobody war ein Verfechter des offensiven Spiels und damit ein Außenseiter in der defensiv orientierten Serie A.

Doch Sacchi war überaus erfolgreich. Nicht zuletzt aufgrund des gefeierten holländischen Trios bestehend aus Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard gewann Milan zwischen 1988 und 1993 zehn Titel (3x Meister, 2x Europacup der Landesmeister, 2x Weltpokal, 2x UEFA-Supercup und 1x die italienische Supercoppa).

Kurzum: Berlusconi hatte die „Rossoneri“ mit seinen Investitionen binnen weniger Jahre vom nationalen Mitläufer zum aufregendsten Klub der Welt gemacht. Und er ließ keine Möglichkeit aus, um in der Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass das alleine sein Verdienst war.

„Ich betrete das Feld“

Das fiel ihm auch nicht sonderlich schwer, hatte er zu diesem Zeitpunkt mit „Fininvest“, beziehungsweise „Mediaset“, doch ein Medien-Imperium aufgebaut, in dem er omnipräsent war.

Tochter Barbara Berlusconi sitzt mittlerweile im Vorstand

Tausende pilgerten zum ersten Auswärtsspiel ins San Siro und hatten in Anspiel auf Berlusconis letzte Haartransplantationen, nach denen sich der Regierungschef im Piratenlook gezeigt hatte, fast alle Kopftücher auf. Der Politiker sah es nicht, zum ersten Mal in der laufenden Saison pfiff er auf einen Besuch bei seinen „Rossoneri“.

Doch das sind für den Unternehmer nur kurzfristige Probleme und die Livorno-Fans sowieso nicht seine politische Zielgruppe. Vielmehr beschäftigt Berlusconi, wie er die unzähligen Milan-Tifosi auch politisch auf seine Seite ziehen kann.

Kaka und die Stimmzettel

Im Sommer 2011 etwa wagte er einen wenig subtilen Versuch. Jedes italienische Vereinsmitglied bekam einen Brief, in dem es gebeten wurde, seiner nunmehrigen Partei „Popolo della Liberta“ seine Stimme zu geben.

Berlusconi weiß aber, dass es einen weitaus effektiveren Weg gibt, um sich die Gunst der Milan-Fans zu sichern – Transfers von namhaften Spielern. Das musste er auf die unsanfte Tour lernen. Als er im Rahmen der Europa-Wahlen 2009 drohte, Fan-Liebling Kaka zu verkaufen, waren in Mailand 4.000 Stimmzettel mit Berlusconi-Schmähungen versehen.

Den gegenteiligen Effekt hatte die zweimalige Leihzeit von David Beckham in Italien. Und manchmal sind es auch die Transfers, die nicht über die Bühne gehen, die ein paar Tausend Stimmen ausmachen. 2011 griff der Milan-Ehrenpräsident seinem Parteifreund Gianni Lettieri bei der Wahl in Neapel unter die Arme, indem er verlautbarte, Napoli-Star Marek Hamsik nicht zum AC Milan lotsen zu wollen.

Das Kalkül hinter dem Balotelli-Transfer

Entsprechend schlecht kam dann auch der vergangene Sommer an. Die Transfers von Zlatan Ibrahimovic und Thiago Silva zu Paris St. Germain hätten Berlusconi laut Umfragen mindestens eine halbe Million Stimmen gekostet, wäre im Herbst gewählt worden.

Mal war es der Trainer, der nicht die richtigen Spieler aufgestellt hatte, mal war es sein Statthalter Adriano Galliani, der einen falschen Transfer getätigt hatte, mal war es einer der hochbezahlten Profis, der seinem Beruf nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit nachging. Und oft waren es einfach die Schiedsrichter – in Italien nur ein allzu leichtes Ziel.

Einmischung an der Tagesordnung

Sobald aber wieder gefeiert wurde, war Berlusconi da. „Niemand spricht über Berlusconis Milan, aber alle über das von Sacchi, Zaccheroni oder Ancelotti. Ich bin derjenige, der in den letzten 18 Jahren die Aufstellung gemacht hat“, sagte der Klub-Boss anlässlich der Meisterschaft 2004.

Massimiliano Allegri, der aktuelle Milan-Coach, erklärt: „Er ruft mich ein bis zwei Mal in der Woche an. Er fragt mich, welche Formationen ich verwenden will und teilt mir seine Ideen mit.“ Nicht nur einmal hat Berlusconi mit dem Brustton voller Überzeugung behauptet, problemlos selbst die Teams, die er bezahlt, auch trainieren zu können.

Vor wichtigen Spielen fährt der 76-Jährige gerne einmal mit dem Teambus mit und regelmäßige Besuche im Milanello, dem Trainingszentrum des Klubs, gehören ebenso dazu wie freilich seine Anwesenheit bei Spielen des Teams.

Die Kopftücher aus Livorno

Damit er solche verpasst, muss schon Außergewöhnliches passieren. Etwa 2002, als AS Livorno zurück in die Serie A kam. „Silvio wir kommen!“, steht seit diesem Sommer am Bahnhof der Stadt, in der nicht nur die kommunistische Partei gegründet wurde, sondern deren Fans immer noch als linksextrem gelten.

Dessen war sich der skandalgebeutelte Politiker freilich bewusst, als er im Dezember – wo anders, als vor dem Trainingszentrum seines AC Milan – mit dem Entschluss, erneut anzutreten, aufhorchen ließ.

Die Milan-Fans mussten versöhnt werden. Also wurde Ende Jänner Mario Balotelli von Manchester City verpflichtet. Wenngleich der 76-Jährige stets betonte, es sei eine rein sportliche Entscheidung gewesen, so ist das politische Kalkül dahinter doch augenscheinlich.

Fast 400.000 zusätzliche Stimmen

Seine Tochter Barbara, mittlerweile im Vorstand des AC Milan, meinte kurz darauf: „Wir haben ihn geholt, weil er bei der Europameisterschaft Deutschland zum Weinen gebracht hat. So wie Mario Monti (Anm. der bisherige Regierungschef) Italien zum Weinen gebracht hat.“

„Brot und Spiele“, kommentierte Gabriele Albertini, einst Parteifreund, nun Rivale, das Geschehen. „Das Brot sind die Witze und die Propaganda, und die Spiele sind das Stadion. Im alten Rom gab es die Gladiatoren, nun gibt es Fußballer.“

Es wird damit gerechnet, dass der Balotelli-Transfer dem Milan-Eigentümer insgesamt fast 400.000 Stimmen mehr einbringt, alleine in der heiß umkämpften Lombardei sollen es rund 200.000 zusätzliche Wähler sein.

27 Jahre, 27 Titel

Warum der dreimalige Premierminister trotz seiner unzähligen Wahlversprechen, die nicht gehalten wurden und seiner Skandale, die vielfältiger nicht sein könnten, überhaupt noch gewählt wird, beschäftigt aktuell vor allem außerhalb Italiens viele.

Das Phänomen Berlusconi ist schwer zu erklären. Fakt ist aber, sein Engagement im Fußball, das nun schon 27 Jahre andauert, spielt eine gewisse Rolle.

Seit seinem Einstieg beim AC Milan hat der Geschäftsmann acht Meisterschaften, fünf Landesmeister-Cup bzw. Champions-League-Triumphe und 14 weitere Titel gefeiert.

Sieg über Barca als Sahnehäubchen

Berlusconi, der das offizielle Amt des Klub-Bosses wegen diverser Regelungen zwischendurch immer wieder mal zurücklegen musste, sagt es so: „Ich bin der erfolgreichste Präsident in der Fußball-Geschichte.“

Darüber lässt sich streiten. Unbestritten ist aber, dass der – abgesehen von einer Cup-Niederlage gegen Juventus nach Verlängerung – 2013 noch ungeschlagene AC Milan dank seines derzeitigen Erfolgslaufs ein toller Wahlhelfer war. Und der Sieg gegen den großen FC Barcelona war das Sahnehäubchen.

So mancher Italiener wird an den immer strahlenden Milan-Boss Berlusconi denken, wenn er am Sonntag sein Kreuz macht.


Harald Prantl

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