Lazios Sozialarbeiter

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Lazios Sozialarbeiter

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„Für mich ist er ein Genie“, sagte Senad Lulic, als Vladimir Petkovic Anfang Juni zum neuen Lazio-Trainer bestellt wurde.

Mit seiner Meinung stand der Kicker ziemlich alleine da.

Große Skepsis

Der Rest Roms fragte sich, was der 49-Jährige in der Serie A zu suchen hatte. Denn die Vita des in Sarajevo geborenen Coaches liest sich alles andere als beeindruckend. Zwei Vizemeistertitel und zwei Cup-Finaleinzüge in der Schweiz waren die einzigen nennenswerten Erfolge, die er vorzuweisen hatte.

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Zudem war Petkovic erst im Jänner 2012 nach nur einem halben Jahr beim türkischen Klub Samsunspor entlassen worden und verdingte sich seitdem beim FC Sion.

„Wir haben ihn aufgrund anderer Qualitäten ausgewählt. Er ist ein Polyglott“, verteidigte Lazio-Boss Claudio Lotito seine scharf kritisierte Entscheidung.

„Ich glaube, Fußballer sollten nicht nur als Fußballer gesehen werden, sondern auch als Menschen, die man spirituell pflegen muss. Aus diesem Grund habe ich mich für Petkovic entschieden. Man sollte einen Trainer nicht nur an Resultaten bewerten. Die hängen von einer langen Liste an Dingen ab“, so Lotito.

Der Sozialarbeiter

Rückblick in die Zeit von Mai 2003 bis August 2008:

Vladimir Petkovic ist in dieser Zeit Cheftrainer in der Schweiz – zuerst beim AC Malcantone, dann beim FC Lugano und schließlich fast drei Jahre beim AC Bellinzona.

Bei all diesen Klubs beginnen die Trainingseinheiten ungewöhnlich spät, nämlich erst um 17 Uhr. Der Coach hat nämlich einen Job, dem er ab 8 Uhr in der Früh nachgeht. Petkovic arbeitet hauptberuflich bei der Caritas. Er betreut eine Gruppe von zehn bis 15 arbeitslosen jungen Männern.

Erst als der Kroate mit Schweizer Pass im August 2008 Trainer der Young Boys Bern wird, gibt er diese Tätigkeit auf.

Ein toller Start

Drei Siege zum Auftakt, der beste Saisonstart seit 1974! Plötzlich interessierte sich niemand mehr für die bisherige Erfolgsbilanz des Trainers.

Wenngleich es zuletzt leicht abwärts ging, steht Lazio immer noch auf einem guten fünften Rang und hat nur vier Punkte Rückstand auf einen CL-Qualiplatz.

Respekt von allen Seiten

„Ich bin von ihm wirklich beeindruckt. Er hat den italienischen Fußball sofort verstanden und ist wirklich smart“, zollte Milan-Coach Massimiliano Allegri seinem Kollegen erst unlängst Respekt.

Auch Fiorentina-Trainer Vincenzo Montella hat nur Lob für Petkovic übrig: „Er ist eine ausgeglichene Persönlichkeit, arbeitet gut und hat sich in der Serie A super zurechtgefunden. Außerdem hat er einige tolle Ideen und auch Charisma.“

Tatsächlich hatte der Lazio-Trainer in der taktisch wohl schwierigsten Liga der Welt keinerlei Anpassungsprobleme.

Überall gleich

Doch das ist eben Petkovic. Ob als Sozialarbeiter bei der Caritas, bei kleinen Schweizer Klubs oder in der großen Serie A. Für ihn macht das alles eigentlich keinen großen Unterschied:

„Es geht im Leben immer wieder um dieselben Dinge, ob bei einem Versicherungsjob oder beim Fußball: Ich versuche in allen Lebenslagen, auch in der Familie, den Dialog zu suchen. Ergänzt durch die Punkte Teamwork, Vertrauen, Toleranz und Motivation. Dabei gilt es, immer wieder klare Grenzen zu setzen – innerhalb dieses Spektrums sollen sich Menschen entwickeln können.“


Harald Prantl

Die Lehren

Zurück ins Jahr 2012:

„Dies hat mich persönlich sehr bereichert, insbesondere im Hinblick auf die Führung von Gruppen und in Fragen der Konfliktlösung. Und diese Erfahrungen erwiesen sich wiederum als äußerst nützlich für meine Arbeit als Trainer. Denn Fussball ist nicht nur eine physische Aktivität. Es braucht auch eine adäquate mentale Vorbereitung“, sagt Petkovic über seine Zeit bei der Caritas.

Der Trainer weiter: „Das hat mir erlaubt, die unterschiedlichsten Personen kennenzulernen und zu verstehen, dass man die jeweilige Sprache dem Gegenüber anpassen muss.“ Petkovic, der Polyglott. Er spricht nicht nur sechs Fremdsprachen, er kann seine Sprache seinem Gegenüber auch anpassen. Der Ton macht die Musik. Auch im Fußball.

Lotitos Überzeugung

Als Lotito Petkovic im Mai zum ersten Mal traf, soll er sofort hin und weg gewesen sein. Es waren die für einen Fußball-Trainer ungewöhnlichen Lebenserfahrungen und die daraus gezogenen Lehren, die den Lazio-Boss so sehr begeisterten.

All das ist einem Fan, der sich die Vita des neuen Coaches ansieht, natürlich nur schwer zu vermitteln. Doch Lotito musste das auch gar nicht. Er musste nur die erste Kritik aussitzen und Petkovic seine Arbeit machen lassen.

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