"Ein Anstoß, das Ganze mit anderen Augen zu sehen"

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Oft gerät in Vergessenheit, dass Österreich einen Legionär besitzt, der sich mittlerweile das sechste Jahr in einer der größten Ligen der Welt behauptet, der Serie A.

Nach neun Monaten Leidenszeit aufgrund eines Kreuzbandrisses greift György Garics beim FC Bologna wieder an, auch wenn sich dadurch seine Sicht der Dinge verändert hat.

Obwohl sich der 27-jährige Außenverteidiger in Italien einen guten Ruf erarbeitet hat, ist er noch nicht am Ziel seiner Träume angelangt. Internationale Erfolge und eine WM stehen auf der To-do-Liste ganz oben, außer Italien kommt für ihn aber nur noch ein Land in Frage, jenes des Welt- und Europameisters.

Wie Garics nach der Verletzungspause denkt, wie sehr er an Italien hängt und welche Ziele er in naher Zukunft verfolgt, verrät er im großen LAOLA1-Interview.

LAOLA1: Du hast eine lange Leidenszeit hinter dir. Wie schwer war es für dich, damit umzugehen?

György Garics: Es war sehr lange und hart, zum Glück ist es vorbei. Ich bin sehr froh, dass ich wieder das machen kann, was ich am besten drauf habe, schon eine Ewigkeit mache und  was mir am meisten Spaß bereitet. Es ist wieder schön, zur Normalität zurückzukehren.

LAOLA1: Wie ernüchternd war es, neun Monate nicht seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen zu können?

Garics: Es war für mich eine neue Situation, da ich noch kaum Verletzungen hatte. Es hat mir sicherlich geholfen, mehr Geduld zu haben. Man braucht jeden Tag den Willen, Kraft und Energie, um zu schuften. Man weiß, dass mehrere Monate auf einen zukommen. Es ist nicht einfach, das zu akzeptieren. Ich hoffe, dass das Kapitel für meine Karriere abgehakt ist. Wenn ich damit davonkommen könnte, würde ich alles unterschreiben. Natürlich gibt es keine Garantie dafür. Ich komme erst ins beste Fußballeralter und will noch einige Träume realisieren.

LAOLA1: Hat die lange Pause in dir irgendetwas verändert? Nimmst du die Momente auf dem Platz anders wahr?

Garics: Es war ein Anstoß, das Ganze mit anderen Augen zu sehen. Schlussendlich ist es ein Spiel, wo elf Leute einem Ball nachrennen und versuchen, diesen ins Tor zu bringen. Das vergisst man oft, durch den tagtäglichen Leistungsdruck. Es geht für jeden einzelnen und den Verein um viel Geld, Prestige, Image und Titel. Dadurch verliert das Spiel das Schöne an sich. So denke ich, nachdem ich neun Monate Tag für Tag sechs, sieben Stunden gearbeitet habe. Wofür? Damit ich wieder gerade rennen kann.

LAOLA1: Gegen Chievo durftest du dein Comeback feiern. Welche Last ist dir von den Schultern gefallen?

Garics: Das war sehr komisch, aber ich war sehr glücklich. Es war fast wie in meinem ersten Spiel, das ich als Profi für Rapid bestritten habe. Ich habe es genossen, wieder die Luft im Stadion zu inhalieren. Alles, was mir in den letzten neun Monaten verboten war. Es war ein einzigartiges Gefühl. Dass wir gewonnen haben, ich meine Leistung gebracht habe, der Trainer damit zufrieden war – was Schöneres kann man sich nicht wünschen.

LAOLA1: Wie schwierig schätzt du den Kampf um einen Stammplatz ein?

Garics: Das ist für mich nichts Neues. Ich fange wieder dort an, wie normalerweise zum Anfang der Saison. Es ist eine glückliche Geschichte für mich, dass wir wieder einen neuen Trainer haben und ich bei seinem dritten Spiel schon wieder auf dem Feld stand. Konkurrenzkampf gibt es stetig – Tag für Tag, Woche für Woche. Das bereitet mir keine Kopfschmerzen. Wenn ich körperlich wieder auf meinem Level bin, messe ich mich gerne mit jedem. Ich weiß, was ich kann und was ich wert bin. Ich denke, dass das auch der Verein und der neue Trainer, der eine sehr positive Meinung von mir hat, weiß. Nach einer Verletzung hat man am Anfang noch einen kleinen Bonus, aber nach dem ersten Spiel ist der weg.

LAOLA1: Für Bologna ging es zuletzt wieder aufwärts. Bleibt der „Klassenerhalt“ trotz allem das erklärte Ziel?

Garics: Man hat gesehen, wie schnell man im Abstiegskampf verwickelt sein kann. Wir haben in vier Spielen unter dem neuen Trainer drei gewonnen, so schnell kann man aber auch wieder draußen sein. Deswegen hoffe ich, dass wir auf die 40 Punkte kommen, die in Italien fast eine Garantie dafür sind, den Klassenerhalt zu schaffen.

LAOLA1: Der italienische Fußball ist schnelllebig. Es hätte auch in die andere Richtung gehen können.

Garics: Ich war eigentlich immer sehr von meinen Qualitäten überzeugt und habe auch anfangs immer betont, das sich den Schritt wagen musste, um festzustellen, ob das wirklich in mir drin steckt, was ich denke. Dass ich jetzt mein sechstes Jahr in Italien begonnen habe, zeigt, dass ich Recht hatte. Ich bin natürlich sehr glücklich darüber, weil es nicht einfach und nicht alltäglich ist, dass ein Ausländer so viel Zeit in Italien verbringen kann.

LAOLA1: Mit 27 Jahren bis du schon viel herumgekommen. Gibst du dich damit zufrieden?

Garics: Nein. Natürlich will ich noch zu einem größeren Verein, um auch CL oder EL zu spielen. Die WM ist ein Ziel, was das Nationalteam betrifft. Es soll immer einen Schritt nach vorne gehen. Ein weitsichtiges Ziel wäre, auf 300 Einsätze in der Serie A zu kommen. Dafür muss ich noch schuften.

LAOLA1: Kommt es für dich überhaupt noch in Frage, Italien den Rücken zu kehren?

Garics: Es gibt fußballerisch nur mehr ein Land, das mich reizen würde: Spanien! Aber erst nachdem ich 30 Jahre alt bin. Die nächsten 3 Jahre will ich auf jeden Fall noch in Italien spielen. Das heißt aber nicht, dass ich unbedingt weg muss. Wenn ich hier bleibe, bin ich mehr als zufrieden, dann brauche ich mich auch nicht beschweren. Das war immer mein Traum, den ich mir erfüllt habe. Für mich bleibt die Serie A die schwierigste Liga. Ich sehe oft Spieler kommen, die genau so schnell wieder weg sind. Hier ist es sehr schwer, Fuß zu fassen.

LAOLA1: Gegenspieler wie Sneijder, Ibrahimovic und Co. gehören zu deinem Alltag. Sind diese Duelle für dich noch etwas Besonderes?

Garics: Vor einigen Jahren habe ich sie noch im TV bewundert, heutzutage spiele ich gegen sie. Das ist immer eine Ehre und ich genieße es, vor allem, wenn ich gegen sie gute Leistungen bringe. In diesen Genuss kommen nicht viele.

LAOLA1: Momentan liegt Bologna sogar vor Inter. Haben sich die Verhältnisse verschoben?

Garics: Es gefällt sicher jedem, aber ich fürchte, dass es nicht so bleiben wird. Zur Zeit schaut man gerne auf die Tabelle. Man sieht, dass die Kleinen auch die Großen schlagen können. Mit drei Punkten kann man sieben, acht Plätze gut machen. Ich glaube, dass der AC Milan am Ende der Saison ganz oben stehen wird. Ich drücke ihm die Daumen


Das Gespräch führte Alexander Karper

LAOLA1: Ist Bologna in einem Entwicklungsprozess, in dem noch nicht mehr drin ist?

Garics: Ich denke schon, dass die Mannschaft Qualitäten hat. Wir haben gegen Atalanta gewonnen, das ohne die Punkteabzüge Zweiter oder Dritter wäre. Wir haben in Chievo gewonnen, das bis dahin noch nicht verloren hatte. Das spricht schon für uns und gibt Selbstvertrauen. Wir sind sehr zuversichtlich, was die Zukunft betrifft, weil wir jetzt einen Trainer haben, der, ohne dem Vorgänger etwas abzusprechen, eine ganz klare Linie vorgibt, weiß, was er will und von jedem sehr viel Einsatz und Willen fordert. Er macht einen sehr positiven Eindruck, seine Handschrift erkennt man schon langsam.

LAOLA1: Die großen Erfolge des Vereins liegen schon lange zurück. Was macht diesen Klub aus?

Garics: Bologna ist eine sehr wichtige Stadt in Italien, auch aufgrund der sportlichen Erfolge, die vor langer Zeit erzielt wurden. Es wird viel verlangt. Die Tifosi hier verdienen sich, das zumindest positive Erfolge erzielt werden. Nicht so wie letztes Jahr, als der Konkurs drohte und der Verein kein Geld und riesige Schuldenberge hatte. Man hat nicht einmal gewusst, ob es den Verein im Jänner noch geben wird. Das hat die Stadt nicht verdient.

LAOLA1: Steht der Verein mittlerweile wieder auf sicheren Beinen?

Garics: Momentan ist wieder Sicherheit vorhanden. Man muss dem neuen Präsidenten und den Investoren danken. Die Schulden wurden in einem Jahr von 40 auf 15 Millionen Euro reduziert. Mittlerweile werden die Gehälter pünktlich bezahlt. Es hat sich alles stabilisiert, auch durch die Leistungen, die wir dann letztes Jahr erbracht haben.

LAOLA1: Du bist mittlerweile das 6. Jahr in Italien. Hättest du dir je gedacht, dir dort so einen guten Ruf zu erarbeiten?

Garics: Zum Glück kann ich mich nicht beschweren. Es war erst wieder gegen Atalanta so, dass ich vor den gegnerischen Fans zum Aufwärmen geschickt wurde. Ich habe Sprechchöre und Riesenapplaus bekommen, was mir eine Gänsehaut beschert hat. Früher war es so, wenn ich nach Neapel zurückgekommen bin. Das ist etwas Schönes und zeigt die Anerkennung der Leute, dass ich dort meine Leistungen gebracht habe.

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