Detailversessener Taktik-Fuchs

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Ein detailversessener Taktik-Fuchs

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„Es hat den Anschein, als hätte er auch das Rad erfunden“, ätzte ein italienischer Journalist.

Er spielt auf die euphorischen Schlagzeilen nach der Bestellung Andrea Stramaccionis als neuen Inter-Trainer an.

„Der Mou der Jungen“, titelte die „Gazzetta dello Sport“. Anderswo wurde er als „der italienische Villas-Boas“ bezeichnet. Dabei saß der 36-Jährige bisher noch bei keinem einzigen Profi-Spiel auf der Bank.

„Die Medienlandschaft in Italien ist extrem. An einem Tag ist man super, dann verliert man ein Spiel und ist sofort der Buhmann. Man darf solche Vergleiche nicht überbewerten“, findet Lukas Spendlhofer.

"Lichtjahre entfernt von Mourinho"

Der ÖFB-Legionär kennt den neuen Coach der „Nerazzurri“ nur zu gut, kickte er doch seit Saisonbeginn unter ihm für die Primavera der Mailänder.

Stramaccioni selbst kann mit den Vergleichen ebensowenig anfangen: „Ich fühle mich Lichtjahre entfernt von Mourinho. Ich sehen keine Verbindung zwischen dem, was er hier getan hat, und dem, was ich hier vorhabe.“

Was er vorhat, liegt für Spendlhofer auf der Hand: „Er wird versuchen, zu retten, was noch zu retten ist.“ Denn der 18-fache Meister hat bisher eine Katastrophen-Saison hingelegt. In der Tabelle liegt der Traditionsverein nur auf dem achten Rang, hat bereits sieben Punkte Rückstand auf einen internationalen Startplatz.

„Es wäre eine Tragödie, wenn Inter kommende Saison nicht international spielen würde. Dann wird Moratti wohl ein paar Konsequenzen ziehen“, weiß der U19-Nationalspieler.

Moratti ist begeistert

Der Inter-Boss hält jedenfalls große Stücke auf seinen neuen Trainer. Bezeichnend, dass er auf einen Besuch des Meisterschaftsspiels gegen Juventus verzichtete, um sich in England das Finale der „NexGen Series“ (Nachwuchs-Champions-League) anzusehen. Inter bezwang Ajax im Elfmeterschießen.

Wenige Tage darauf wurde die Trennung von Claudio Ranieri vollzogen, Erfolgscoach Stramaccioni hochgezogen. Es ist der erste Profi-Job des jungen Trainers, der im Sommer die Chance ausschlug, die italienische U17 zu trainieren, und von der U19 der AS Roma in den Mailänder Nachwuchs wechselte.

"Eine komplett andere Welt"

„In Bezug auf die Raumgröße, ist der Unterschied zwischen der Kabine der Profis und jener der Primavera nur sehr klein“, scherzte er bei seiner Antritts-Pressekonferenz. „Aber im Ernst: Es ist eine komplett andere Welt. Die Kampfmannschaft ist für gewöhnlich um Lichtjahre weiter.“

Lukas Spendlhofer schwärmt von Stramaccioni

Spendlhofer bestätigt das: „Er geht sehr genau ins Detail. Er studiert den Gegner und kennt ihn dann in- und auswendig. Er analysiert das sehr gut und stellt uns immer super ein. Man kann sagen, dass er ein echter Taktik-Fuchs ist.“

„Er hat eine eigene Philosophie. Die ist zum Teil zwar schon italienisch, aber er legt auch großen Wert aufs Spielerische. Seine Mannschaft steht nicht nur hinten drinnen“, so der Youngster weiter.

"Er ist kein Zauberer"

Jede Menge Vorschusslorbeeren also. Darauf ausruhen kann sich der neue „Mister“ der Mailänder aber nicht. „Der Druck auf ihn wird riesengroß sein. Dessen ist er sich aber sicher bewusst“, sagt Spendlhofer.

Auch Sacchi dämpft die Erwartungen ein wenig: „Er ist kein Zauberer. Er braucht eine Umgebung, in der er in Ruhe arbeiten kann.“

Ein Mann mit Zukunft?

Doch dazu braucht es Ergebnisse. Vor allem in Italien, vor allem in Mailand. Ist der 36-Jährige erfolgreich, ist gut möglich, dass er über den Sommer hinaus bleiben darf.

Klub-Boss Moratti hat bereits angekündigt: „Wenn er einen guten Job macht, warum sollten wir ihn nicht behalten?“

Der ÖFB-Youngster meint: „Ich traue ihm eine große Zukunft zu.“ Dieser Meinung sind in Italien viele. Vielleicht sogar zu viele. Denn die Erwartungshaltung ist riesig. Gewiss hat Stramaccioni das Zeug, sie auch zu erfüllen. Aber bekommt er auch die nötige Zeit?


Harald Prantl

Stramaccioni verrät auch, was er den Inter-Stars bei der ersten Besprechung gesagt hat: „Dass ich immer ehrlich und ich selbst bin. Dass es mich mit Stolz erfüllt, so fantastische Spieler trainieren zu dürfen. Bis Montag durfte ich sie nur vom Zaun aus bewundern, jetzt sind sie meine fantastischen Spieler.“

Ein gesprächiger Kumpeltyp

Worauf sich Sneijder und Co. einstellen können, weiß Spendlhofer: „Es ist ein Kumpel-Typ. Natürlich legt er Wert auf respektvollen Umgang mit ihm, Späße macht man mit ihm keine. Aber man kann alles von ihm haben. Man kann mit ihm über alles reden, wenn man irgendwelche Probleme hat. Er legt viel Wert auf Gespräche mit Spielern.“

Dass der Coach, der seine Spielerkarriere bei Bologna wegen einer schweren Knieverletzung schon sehr früh beenden musste, ein Experte in Sachen Teambuilding ist, hat der 18-Jährige erlebt: „Er hat bei der Primavera aus vielen Einzelkönnern eine Einheit geformt.“

"Er hat eine eigene Philosophie"

In Sachen Spielsystem sei der Römer sehr flexibel, so der Niederösterreicher. Trainer-Legende Arrigo Sacchi beschreibt den Jung-Trainer als „interessanten Typen, der sehr gut vorbereitet ist“.

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