Stunden des Chaos

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„Ein schwarzer Tag für den italienischen Fußball.“

Nicht nur einmal waren diese Worten am vergangenen Abend zu vernehmen.

Wieder einmal. Die „schwarzen Tage für den italienischen Fußball“ aus den vergangenen Jahren sind in Summe mittlerweile Monate.

Am Ende des Abends stand ein 3:1-Finalsieg des SSC Napoli gegen die AC Fiorentina im Römer Olympiastadion. Für die Süditaliener war es der fünfte Triumph in der Coppa Italia (Spielbericht).

Doch wie so oft war das Ergebnis, ja der Fußball überhaupt, Nebensache.

LAOLA1 fasst die Geschehnisse und Erkenntnisse eines chaotischen Abends zusammen:

  • 260 Busse waren aus Florenz aufgebrochen, um die „Viola“ zu unterstützen – insgesamt war von 30.000 Tifosi aus der Toskana die Rede. Die Anzahl der Napoli-Anhänger soll nicht geringer gewesen sein. Zwei Fangruppen, die nicht unbedingt für ihre außerordentliche Friedfertigkeit bekannt sind, reisten also in beachtlicher Zahl in die Hauptstadt. Dort sind mit der AS Roma und Lazio (die Lazio-Fans dürften diesmal in keiner Weise beteiligt gewesen sein) zwei Vereine angesiedelt, deren Anhängerschaft nicht minder berüchtigt ist. Diese Konstellation verwandelte die „ewige Stadt“ in ein Pulverfass, das fast unmöglich zu kontrollieren war.
  • Wie zu erwarten war, kam es an mehreren Stellen der Stadt zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen verschiedenen Fangruppe sowie zwischen Fans und Polizei. Medienberichten zufolge wurde außerdem zumindest ein Bus aus Neapel von Fiorentina-Fans attackiert. Auch bei der Raststation „Badia al Pino Ovest“ in der Nähe von Arezzo soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein. Dieser Rastplatz hatte im November 2007 traurige Berühmtheit erlangt, als Lazio-Fan Gabriele Sandri an dieser Stelle von einem Polizisten erschossen wurde.
  • Zum heftigsten Zwischenfall kam es am Tor di Quinto, rund zehn Autominuten vom Olympiastadion entfernt. Was dort genau geschah, ist noch unklar. Offenbar kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Napoli-Fans und zumindest einem Roma-Ultra. Daniele de Santis ist eine bekannte Figur unter den Roma-Anhängern, mittlerweile 48 Jahre alt und mit engen Kontakten zur rechtsextremen Szene in der Hauptstadt. De Santis, der in der Roma-Kurve als „Gastone“ bekannt ist, betreibt dort einen Kiosk. Wie genau es zur Eskalation kam, ist unklar. Diverse Italienische Medien berichten, dass de Santis am Höhepunkt der Auseinandersetzung sechs Schüsse mit einer Pistole abgegeben haben dürfte. Drei Napoli-Fans wurden getroffen, zwei am Arm, dem 31-jährigen Ciro Esposito wurde in die Brust geschossen, das Projektil steckt in der Wirbelsäule, er soll in Lebensgefahr schweben. De Santis, der anschließend von Napoli-Fans schwer verletzt wurde (u.a. gebrochene Kniescheibe), wurde wegen versuchten Mordes festgenommen, für ihn gilt die Unschuldsvermutung, er bestreitet die Vorwürfe. Der Roma-Ultra spielte übrigens 2004 beim „Derby des toten Kindes“ eine maßgebliche Rolle. Damals lancierten Fans von Roma und Lazio im Stadion das Gerücht, dass ein Kind von der Polizei überfahren worden sei und provozierten einen Spielabbruch. Im Nachhinein sollte sich herausstellen, dass es sich lediglich um eine Machtdemonstration der Fangruppen gehandelt hatte. De Santis war damals einer der führenden Capos in der Roma-Kurve.
  • Im Stadion sprach sich der Zwischenfall schnell herum. Die Napoli-Fans beharrten darauf, dass das Spiel nicht angepfiffen werden würde, sollte der in die Brust getroffene Fans tot sein. Es folgten hektische Verhandlungen am Spielfeld und auf den Tribünen. Napoli-Kapitän Marek Hamsik sprach schließlich mit den führenden Köpfen der Napoli-Fans, um ihnen zu versichern, dass Esposito am Leben sei. Jener Mann, der das Gespräch mit dem slowakischen Profi führte und letztendlich das Okay für den Anpfiff gab, war Gennaro di Tommaso. Der Capo der Ultras-Gruppierung „Mastiffs“ ist der Sohn eines wichtigen Mannes im Camorra-Clan. Dass er just in jener Woche, in der sich der SSC Napoli über einen englischen Pressebericht, in dem – eher scherzhaft – auf die Mafia-Verbindungen des Vereins angespielt wurde, mokierte, eine so wichtige Rolle spielt, fällt in die Kategorie Ironie.
  • Während der Unterredung Hamsiks mit di Tommaso warfen Napoli-Fans pyrotechnische Gegenstände auf die Laufbahn des Stadions, vermutlich, um so zu untermauern, dass die Partie ohne ihre Zustimmung nicht angepfiffen werden könnte. Ein Feuerwehrmann wurde dabei leicht verletzt. Letztlich gab es das Okay der Napoli-Tifosi, allerdings hatten sich diese mit den Fiorentina-Ultras darauf verständigt, dass das Spiel ohne Anfeuerungsrufe stattfinden würde. Die Partie wurde mit 45 Minuten Verspätung angepfiffen.
  • Dass es beim – feierlichen – Platzsturm der Napoli-Fans nach dem Schlusspfiff nicht zu einer weiteren Eskalation kam, ist nicht zuletzt der besonnenen Fiorentina-Kurve zu verdanken. Die Anhänger aus der Toskana ließen sich nicht von jenen Napoli-Ultras vor ihrem Sektor provozieren, wenngleich es diese sehr engagiert versuchten.

Was konkret im Vorfeld des Spiels passiert ist, wird sich wohl erst in den kommenden Tagen bzw. Wochen herausstellen. Fest steht nur, dass es abermals „ein schwarzer Tag für den italienischen Fußball“ war.

Harald Prantl

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