Was war neu unter Klopp?

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Neue Ansätze und alte Schwächen

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Der Hype um Jürgen Klopp nahm auch bei seinem Debüt für den FC Liverpool an der Seitenlinie kein Ende. Beim torlosen Remis an der White Hart Lane waren alle Augen und Kameras auf den Neuankömmling in der Premier League gerichtet.

"Schade, dass der übertragende Sender BT Sport seine Klopp-Dokumentation mit Live-Bildern vom Fußball unterbrechen muss", ließ ein Zuschauer süffisant via Twitter ausrichten.

Auch Tottenham-Coach Mauricio Pochettino war es nicht ganz geheuer, dass die Präsenz seines Kollegen auch noch die Pressekonferenz überstrahlte. "Dann hören wir uns mal an, was er zu sagen hat", meinte der Argentinier leicht genervt, ehe er Klopp das Rampenlicht überließ.

Geteilte Meinungen

Der Umgarnte selbst meinte nur, er "hoffe, dass sich alle beruhigen". Mit seinem ersten Spiel zeigte er sich grundsätzlich zufrieden. Zwar "wäre alles besser, wenn wir schon sechs Wochen zusammenarbeiten würden und Liverpool müsse auch besser spielen", Klopp beruhigte aber und versicherte, dass sein Team das auch könne.

Das berühmte Gelbe vom Ei war der Auftritt der "Reds" noch nicht, erste Ansätze des Klopp-typischen Spiels waren aber schon zu erkennen. Was man davon halten sollte, da waren sich die Medien nicht so recht einig, die Meinungen gingen auseinander. 

Von der Erkenntnis, Liverpool sei auch unter Klopp "Lichtjahre davon entfernt, ein ernsthafter Konkurrent zu sein" (Telegraph), bis zu "reichlich Anlass zu Optimismus" (Sky Sports) war alles dabei.

Das erste Liverpool-Spiel unter Klopp offenbarte eine klare Abgrenzung zum Stil unter Rodgers, legte aber auch die gundsätzlichen Probleme dar, die der neue Trainer in drei Tagen Trainingsarbeit nicht abstellen konnte.

Das war (nicht) neu unter Klopp:

Personal

Die lange Verletztenliste der "Reds" ließ Klopp relativ wenig Spielraum. So fehlten etwa Kapitän Jordan Henderson, Dejan Lovren, Jon Flanagan und Joe Gomez. Einzige echte Neuerung war die Hereinnahme von Divock Origi, der in dieser Saison zuvor erst 16 PL-Minuten absolvierte. Ob der Ausfälle von Roberto Firmino, Christian Benteke und Danny Ings sowie der Vorsicht, die Klopp noch bei Sturridge walten ließ, blieb der junge Belgier allerdings als einzige Sturmspitze über. Dennoch darf er sich Hoffnungen auf weitere Einsätze machen, zum einen weil er mit seinem Lattenköpfler beinahe den ersten Treffer der Ära Klopp erzielt hätte, zum anderen weil sich der Coach bereits als Fan Origis outete: "Ich wollte ihn nach Dortmund holen, aber dann hat ihn Liverpool gekauft."

Formation

Die Abkehr von der Dreierabwehr, die unter Vorgänger Brendan Rodgers praktiziert wurde, war erwartet worden. Überraschender kam jedoch, wie Klopp seine Elf auf dem Platz positionierte. Liverpool spielte kein klassisches 4-2-3-1 bzw. 4-1-4-1 wie man es aus Dortmunder Zeiten kannte, sondern ein deutlich mehr auf zentrale Kompaktheit ausgerichtetes 4-3-2-1, gerne auch als Tannenbaum-System bezeichnet. Für die Breite im Spiel sorgten eigentlich nur die beiden Außenverteidiger, der Rest konzentrierte sich darauf, die Räume zwischen sich klein zu halten, um bei Ballverlust im dichten Verbund auf Balljagd gehen zu können.

Schlagzeilen zum Klopp-Debüt

Spielanlage

Klopp kündigte schon bei seiner Präsentation an, sein Team solle natürlich anders auftreten. Das erhofften sich die Fans und Klopp enttäuschte sie nicht. Das auf Ballbsitz und zahlreiche Querpässe ausgelegte Spiel unter Rodgers war gegen Tottenham Geschichte. Überfallsartig starteten die Reds in die Partie und hatten dadurch in den ersten 20 Minuten Oberwasser. Klopp präsentierte der Premier League sein Gegenpressing. Ein Begriff, den die Engländer im Übrigen als Lehnwort übernommen haben. Danach stellte sich Pochettinos Spurs, selbst praktizierende Presser, darauf ein und übernahmen das Kommando. In Halbzeit zwei neutralisierten sich die ähnlichen Spielanlagen weitestgehend, was in einem wenig attraktiven Mittelfeldgeplänkel endete.

Anerkennend notiert wurde, dass Klopp seinen Spielern in drei Tagen offensichtlich bereits einbläuen konnte, wie wichtig die Laufarbeit unter ihm ist. Liverpool machte im Vergleich zum vorangegangenen Merseyside-Derby bei Everton fast zehn Kilometer mehr und verbuchte sowohl bei gelaufenen Kilometern (116) als auch absolvierten Sprints (614) einen deutlichen Saisonrekord. Noch bemerkenswerter: Die Reds waren das erste Team, das in dieser Spielzeit mehr lief als Tottenham. Die Spurs hatten alleine in den zwei davor bestrittenen Matches gegen Manchester City und Swansea zusammen einen Überschuss von gut 19 Kilometern aufgewiesen.

Kreativität

Viel Aufwand und wenig Ertrag. In puncto Kreieren von Torchancen blieben die Reds ähnlich blass wie unter Rodgers, erneut wussten sie nicht so recht, was sie tun sollten, wenn sie das Spielgerät in ihren Reihen hatten. Das mag zum einen an der abseits von Coutinho überschaubaren kreativen Qualität gelegen haben, womöglich aber auch an der fehlenden Ruhe. Seine Spieler hätten am Strafraum "mit zu hohem Puls, zu hektisch" agiert, analysierte Klopp. Hier hat man noch Aufholbedarf, das Einstudieren offensiver Abläufe benötigt erfahrungsgemäß aber eben seine Zeit.

Spieler im Fokus

Zufall? Einfach ein guter Tag? Vielleicht. Einige Spieler präsentierten sich gegen Tottenham aber besser als zuletzt. Der unermüdliche James Milner (Klopp: Der komplette Fußballer. Der perfekte Profi. Eine Maschine.") überzeugte im Mittelfeld ebenso wie Adam Lallana ("Ich weiß nicht wie viele solche Spiele ihr schon von Adam gesehen habt. Ich kenne ihn seit seiner Zeit bei Southampton und ich weiß, er kann noch 20 bis 30 Prozent mehr."). Mamadou Sakho, in der Innenverteidigung stets für einen Bock gut, agierte diesmal souverän, gewann die meisten Zweikämpfe auf dem Platz und brachte 42 seiner 47 Pässe an den Mitspieler (nur Lucas war in dieser Wertung besser). Ein Schlüssel zum ersten Zu-Null-Spiel der Reds seit acht Partien. Vor allem aber die Entscheidung, Emre Can von der Abwehr ins Mittelfeld vorzuziehen, wurde vielfach gelobt. Einen starken Eindruck hinteließ auch Keeper Mignolet, der bisher oftmals keinen leichten Stand hatte. Vielleicht gebürt Klopp dabei schon ein kleiner Anteil.

Mentalität

"Man merkt wie enthusiastisch und ambitioniert er ist. An der Seitenlinie sieht man das und es überträgt sich auf die Spieler", sagte der Schlussmann über seinen neuen Coach. "Er ist sehr positiv und verlangt von jedem Vollgas, so wie er es gibt. Er spricht mit jedem und gibt den Leuten Selbstvertrauen."

Milner bestätigte: "Klopp bringt seine Message rüber. Wir haben ihn nicht gesehen, weil wir auf das Spiel konzentriert waren, aber wir haben ihn gehört. Das ist wichtig wie ein 12. Mann. Wenn er diese Energie in den letzten zehn Minuten auf uns übertragen kann, wenn wir müde sind, dann ist das gut."

Gegner Laufleistung Sprints
Stoke (A) 105,5 km 389
Bournemouth (H) 108,8 km 475
Arsenal (A) 110,5 km 584
West Ham (H) 104,6 km 434
Manchester United (A) 109,2 km 484
Norwich (H) 111,9 km 513
Aston Villa (H) 105,9 km 457
Everton (A) 106,5 km 458
Tottenham (A) 116,0 km 614

"Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut", meinte der Routinier weiter nahm damit Druck von seinem Trainer. Es werde einige Monate dauern, bis das Team seinen Stil zufriedenstellend umsetzen wird, prognostizierte Milner.

Klopp hat noch viel Arbeit vor sich, was er in den wenigen Tagen mit der Mannschaft geändert hat, war aber ein erster Schritt. Den nächsten kann man vielleicht schon am Donnerstag beobachten, wenn er bei Liverpools EL-Spiel gegen Rubin Kazan erstmals in Anfield auf der Bank sitzt.

Potenzial sieht Klopp jedenfalls genug in seiner Truppe und er wird auch nach dem ersten Match unter seiner Leitung nicht müde das zu betonen: "Wir brauchen keinen Zauberstaub über die Spieler streuen und sagen: 'Jetzt könnt ihr Fußballspielen'. Sie wissen schon, wie man spielt."

 

Christoph Kristandl

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