"Die vielen Pässe sind unser Haupt-Merkmal"

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Am Samstag vor einer Woche erzielte Andrea Orlandi das schnellste Tor in der Premier League seit sechs Jahren.

Der Mittelfeldspieler von Swansea City traf bereits nach 23 Sekunden, erreichte mit seinem Team aber dennoch nur ein 4:4 gegen Fix-Absteiger Wolverhampton.

Nichtsdestoweniger war die Freude beim walisischen Verein ungetrübt. Seit dem 34. Spieltag ist es Gewissheit: auch in der Saison 2012/13 wird der Aufsteiger Teil des englischen Fußball-Oberhauses sein.

„Das war von Beginn an unser Ziel und es ist umso schöner, das vorzeitig erreicht zu haben“, erklärt Orlandi, seit 2007 bei den „Swans“ unter Vertrag, im Gespräch mit LAOLA1.

Der 27-jährige Katalane, der über Deportivo Alaves und die B-Mannschaft des FC Barcelona den Weg nach Wales gefunden hat, spricht über die Bedeutung des Old Trafford, den prägnanten Spiel-Stil seines Teams und seinen ehemaligen Weg-Gefährten Besian Idrizaj.

LAOLA1: Gratulation zum Klassenerhalt in eurer ersten Premier-League-Saison.

Andrea Orlandi: Danke. Es ist schade, dass wir kurz vor Saisonende diese Unserie mit fünf Niederlagen in Folge erleben mussten. Ansonsten wäre ein Platz unter den ersten Acht durchaus drin gewesen. Aber im Gesamten betrachtet können wir nur positiv zurückblicken.

LAOLA1: Für dich persönlich lief es indes nicht gerade nach Plan.

Orlandi: Auf persönlicher Ebene war es eher ein enttäuschendes Jahr. Ich habe nur drei Mal in der Liga und zwei Mal im Cup gespielt. Ich war lange Zeit verletzt und wenn ich es nicht war, habe ich nicht die Chancen bekommen, die ich verdient hätte. Auch am vergangenen Wochenende musste ich nach meinem Tor und dem Assist wegen Waden-Problemen in der Kabine bleiben. Es läuft einfach alles verkehrt in dieser Saison.

Der Mastermind Swanseas: Brendan Rodgers

LAOLA1: Mit diesen beiden Trainern, die du ansprichst, ist Swansea in nur drei Jahren von der League One in die Premier League aufgestiegen. Wie ist euch das gelungen?

Orlandi: Der Aufstieg aus der League One in die Championship war deutlich und auch verdient, da wir den anderen Teams überlegen waren. Die Championship ist ein überaus harter Wettbewerb mit vielen Spielen und vielen ausgeglichenen Teams. Wir haben von Beginn an versucht, nach unserem Stil im 4-3-3 zu spielen und mit viel Ballbesitz von hinten das Spiel zu machen. Wir blieben unserem Stil treu, wie auch die Spieler dem Verein. Ich glaube, deshalb schafften wir den Aufstieg in die Premier League. Wir sind ein richtiges Team ohne Gruppenbildungen, alle sind gleich, es gibt keine Stars oder Persönlichkeiten, die über dem Rest stehen wollen. Wir respektieren uns und glauben aneinander.

LAOLA1: Mittlerweile sind von deinen Team-Kollegen aber doch schon einigen mehr aufgefallen. Leon Britton und Joe Allen etwa scheinen hinter Xavi und Andres Iniesta unter den Spielern auf, die europaweit die meisten Pässe geben.

Orlandi: Das ist unser Haupt-Merkmal - viele Pässe zu spielen und so versuchen, Löcher in die Defensive des Gegners zu reißen, um dann entscheidend vorzustoßen. Leon und Joe sind einfach sehr gut darin. Sie haben sich unheimlich weiterentwickelt in diesem Jahr. Joe ist zudem noch sehr jung und hat eine brillante Zukunft vor sich.

LAOLA1: Die Mannschaft sorgt allerdings für Furore. Das für England eher untypische Spiel mit enorm viel Ballbesitz (pro Spiel durchschnittlich 58 %, hinter Arsenal zweitbester Wert) hat euch unter anderem den Spitznamen „Swans-alona“ eingebracht.

Orlandi: Wir versuchen, der Philosophie des FC Barcelona zu folgen. Wir spielen den Ball von hinten heraus, bewegen uns sehr viel, um den nächsten Pass zu ermöglichen, und versuchen mit wenigen Kontakten sofort weiterzuspielen. So wird das Spiel schnell gemacht, was ideal für Spieler wie Sinclair, Dyer, Routledge oder Graham ist. Wir trainieren sehr viel auf reduziertem Raum, um flüssiger zu kombinieren und alle müssen am Spiel teilnehmen, inklusive dem Torhüter.

LAOLA1: Also ist all das ein großer Verdienst von Trainer Brendan Rodgers?

Orlandi: Unser Trainer ist von Barcas Fußball begeistert und versucht, uns dieses System zu injizieren. Ihm gefällt, wie die Spanier spielen, weil er ihr Talent und ihre taktische Disziplin schätzt. Er spricht auch Spanisch und philosophiert mit mir oder Angel Rangel über die Partien aus La Liga. Er weiß ganz genau, wie man diese Art von Fußball praktiziert und hat die Arbeit von Roberto Martinez und Paulo Sousa fortgesetzt und auf ein neues Level gehoben.

LAOLA1: Worin unterscheidet sich für dich der Fußball in England von dem Resteuropas?

Orlandi: Der englische Fußball ist sehr körperbetont und die Teams versuchen den Ball so schnell wie möglich in den Strafraum des Gegners zu bekommen. Es ist ein sehr direkter Fußball. Die Mehrheit der Mannschaften praktiziert ein 4-4-2-System, versucht über die Flanken Druck zu erzeugen und wartet auf den zweiten Ball. Der englische Fußball ist im Vergleich zum spanischen taktisch und technisch wenig ausgeprägt – ich spreche hier über die Mehrheit der Teams, ausgenommen der fünf, sechs „Großen“ und ein paar weiteren. Aber das Tempo ist brutal hoch und lässt kaum Zeit zu verschnaufen.

LAOLA1: Zum Abschluss noch eine Frage zu Besian Idrizaj, mit dem du gemeinsam gespielt hast. Wie ist er dir in Erinnerung geblieben?

Orlandi: Er hat mich immer „Brate“ – Bruder auf kosovarisch – genannt. Als Spieler hatte er ein enormes Potential, unglaublich viel Talent, einen guten Schuss und guten Körper. In Liverpool hat Rafa Benitez nicht an ihn geglaubt, vielleicht weil man Besian verstehen und Geduld mit ihm haben musste. Manchmal konnte man den Eindruck bekommen, er sei ein Junge mit schlechten Angewohnheiten, aber das war nicht so. Paulo Sousa hat das verstanden und sein Potential erkannt. Und auch wir Spieler haben es gesehen. Er wäre ein großartiger Fußballer geworden, als Mensch war er es schon. Es hat uns alle hart getroffen, aber er wird immer mit uns sein.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Christian Eberle

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