Der "alte Bastard" im Tottenham-Tor

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Als kleiner Junge in Cleveland, Ohio, war es in den 1980er Jahren nicht einfach, in Sachen Fußball auf dem Laufenden zu bleiben.

Heute würde Brad Friedel einfach das Internet anwerfen und ihn eine Informationsflut über das Spiel mit dem runden Leder überkommen.

Doch damals war der Briefkasten das Tor zur Welt. Einmal im Monat kam der Briefträger mit „Soccer Digest“ an. Darin standen die Berichte von Spielen, die in Europa vor rund zwei Monaten über die Bühne gegangen waren.

Der ausgeflippte Pfaff

Hin und wieder hatte der fußballverrückte Junge aber Glück und im TV wurde ein Spiel gezeigt. Entweder der FC Bayern oder Liverpool flimmerten über den Schirm.

Da lag es auf der Hand, wen er zu seinem Vorbild auserkor. Jean-Marie Pfaff hatte es Friedel angetan. „Er hat ein gelbes Dress getragen. Er war übergeschnappt. Er war derjenige, der ich sein wollte. Wenn ich einen Ball gehalten habe, habe ich gesagt: ‚Ich bin Pfaff!‘“

Heute weiß er es genau. „Ich habe ihn ein paar Mal getroffen. Er ist ein netter Kerl, aber er ist verrückt. Wir könnten nicht unterschiedlicher sein“, sagt der US-Amerikaner. Er selbst ist nicht verrückt. Bis auf den Umstand vielleicht, dass er sich im Alter von 41 Jahren immer noch den Stürmern der Premier League entgegen wirft.

Der "alte Bastard" macht Yoga

Denn der 82-fache Internationale steht nach wie vor im Tor. Erst am Wochenende durfte der Ende August verpflichtete französische Teamtormann Hugo Lloris erstmals in der Premier League das Gehäuse hüten. Somit riss Friedels Serie von 310 Liga-Spielen in Folge.

„Du kannst es ruhig sagen: Ich bin ein alter Bastard“, lachte er vor einiger Zeit im Interview mit einer englischen Tageszeitung. Jene Defizite, die sein Alter mit sich bringt, gleicht er mit Routine aus: „Wahrscheinlich gewinne ich keinen Sprint mehr gegen Wayne Rooney. Aber ich erkenne Situationen schneller und weiß, was ich zu tun habe.“

Der Oldie weiß auch, was er abseits der täglichen Trainings zu tun hat, um fit zu bleiben: Er praktiziert Yoga. „Das mache ich, seit ich 31 oder 32 bin. Ich habe begonnen, die Strapazen zu spüren. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mit Yoga begonnen. Ich hatte das Gefühl, das tun zu müssen, um meine Karriere zu prolongieren. Und ich denke, es hat funktioniert.“

1990 hatte Friedel noch Haare

Der Sprung nach Europa gestaltete sich schließlich schwierig. Nachdem Nottingham Forest und Newcastle United keine Arbeitsbewilligung erwirken konnten, heuerte Friedel 1995 bei Bröndby Kopenhagen an. Wenig später scheiterte auch ein Engagement bei Sunderland an den Behörden.

Irres Istanbul

Also ging es im Sommer 1996 ab nach Istanbul. Ein heißes Pflaster. Vor allem für einen Goalie, der zuvor nur die fußballdesinteressierten USA und das beschauliche Kopenhagen kennengelernt hat.

„Es war irre in Istanbul! Ich habe noch nie eine Atmosphäre wie im Ali Sami Yen erlebt. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu den Fans, aber wenn du verloren hast, auch wenn es nicht dein Fehler war, haben sie dich wie Dreck behandelt“, erinnert sich der zweifache Familienvater zurück.

Zwei Anekdoten aus dieser Zeit erzählt er besonders gerne: „Einmal haben wir das Derby verloren und die Fans haben versucht, den Bus umzukippen. Sie waren genug, um es auch zu schaffen, das Ding hat schon richtig gewankt. Dann ist aber die Polizei mit Schlagstöcken und Schildern gekommen.“

Ein verpasster Flug ebnet die Karriere

Dass es überhaupt zu seiner Karriere als Profi-Fußballer gekommen ist, war reiner Zufall. Dean Wurzberger, Co-Trainer des Fußballteams der UCLA, verpasste seinen Rückflug nach Los Angeles und sah sich kurzerhand ein Fußballspiel der Bay High School in Lakewood, Ohio, an.

Im Tor stand ein glänzend parierender Friedel. „Da ist ein Tormann, den wir verpasst haben. Den musst du dir ansehen“, rief Wurzberger seinen Chefcoach Sigi Schmid an. „Hätte er diesen Flieger nicht verpasst, wäre ich niemals hier“, ist dem Goalie bewusst.

„Klar, ich wäre trotzdem aufs College gegangen. Ich hatte Angebote für Stipendien im Tennis und im Basketball. Aber ich wäre nie Profi-Basketballer geworden. Und ins Tennis hätte ich viel investieren müssen, aber ich habe diesen Sport nicht geliebt.“

„Verrückt war auch, als ich nach einem gewonnenen Derby gegen Fenerbahce nach Hause gekommen bin. Die Fenster meines Apartments waren eingeschlagen. Am Boden sind Ziegelsteine in den Fenerbahce-Farben gelegen.“ Nach einer Saison suchte er das Weite, kehrte in die USA zur Columbus Crew zurück.

442 Spiele in England

Zu Weihnachten 1997 klappte es dann endlich mit dem lange ersehnten Vertrag in der Premier League. Liverpool sicherte sich Friedels Dienste und der Tormann bekam auch seine Arbeitserlaubnis.

Es folgten die Blackburn Rovers, Aston Villa und eben Tottenham. Insgesamt hat der Oldie nun schon 442 Spiele in Englands höchster Liga bestritten.

Und die Zahl der Erwähnungen in „Soccer Digest“ ist wesentlich größer, als es sich der kleine Junge, der unbedingt wie Jean-Marie Pfaff sein wollte, jemals zu erträumen gewagt hatte.


Harald Prantl

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