"Dzeko wie ein großer Bruder"

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"Vieira nimmt mich oft als Vorbild her"

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Sinan Bytyqi ist euphorisch. Wenn der 19-Jährige spricht, tut er das mit Armen und Beinen. Seine Augen sind weit aufgerissen.

„Unglaublich“, sagt der ÖFB-Nachwuchsteamspieler im LAOLA1-Interview immer wieder, wenn er von seinen Erfahrungen bei Manchester City erzählt.

Während des Gesprächs bekommt man ein Gefühl dafür, warum sie den jungen Mann bei den „Citizens“ so sehr schätzen. Er ist kein abgehobener Jung-Profi, der ein wenig zu cool und abgeklärt seine Standard-Floskeln drischt. Bytyqi ist mit dem Herzen dabei – auf dem Feld und abseits.

„Er hat das Potenzial für höhere Aufgaben“, sagt sein Trainer in der Man City Reserve. Und das ist nicht irgendwer, sondern Patrick Vieira – französischer Welt- und Europameister.

Bytyqi, der in einem Testspiel auch schon für die Profis gekickt hat, will es in der Premier League schaffen. Dafür tut er mehr als seine Kollegen. Dafür tut er sogar so viel, dass ihm Vieira manchmal Geldstrafen androhen muss, um ihn zu bremsen.

„Auf dem Platz musst du zeigen, dass du der Richtige bist, und nicht dein Konkurrent“, sagt der Offensivspieler, dessen Vertrag im Sommer 2015 ausläuft, der aber aller Voraussicht nach einen neuen Kontrakt bei dem Klub, für den er seit 2012 spielt, unterschrieben wird.

Außerdem erzählt er von abgehobenen Jung-Profis, verrückten Engländern, die ihn auf der Straße ansprechen, und seinem „großen Bruder“ Edin Dzeko.

LAOLA1: Ihr spielt im U19-Nationalteam Pressing und legt viel Wert auf schnelles Umschalten. Ist das ein Stil, der dir liegt?

Sinan Bytyqi: Ich spiele eine sehr offensive Rolle, fast schon zweite Spitze. Da kommen meine Stärken zur Geltung und ich schieße viele Tore.

LAOLA1: Ist das dem, was du bei Manchester City spielst, ähnlich?

Bytyqi: Das ist das genaue Gegenteil! Dort spielen wir mehr, gehen auf Ballbesitz und lassen den Ball immer am Boden. Wir wollen die Gegner fertig machen, sie laufen lassen.

LAOLA1: Die Premier League ist das Maß aller Dinge. Wie ist die Ausbildung dort?

Bytyqi: Es dreht sich alles nur um Fußball. Es ist eine ganz andere Welt als in Österreich. In Österreich habe ich in der Jugend vielleicht 20 Spiele im Jahr gemacht, in England sind es 54 Partien. Es ist wichtig, viele Spiele zu bekommen, um sich zu entwickeln. Zum Schluss der ersten Saison habe ich dann aber natürlich schon gemerkt, dass mir die Kraft gefehlt hat. Da ist Urlaub wichtig.

LAOLA1: Wie war es für dich, in diese neue Welt einzutauchen?

Bytyqi: Das erste Jahr war ziemlich schwer. Neue Sprache, komplett anderer Fußball, du musst erst Freunde finden. Ich spiele dort mit den besten Jugendspielern der Welt – Portugiesen, Franzosen, Spanier, die besten Engländer. Ich lerne jeden Tag etwas dazu. Im zweiten Jahr hat sich alles komplett geändert. Kein anderer aus meiner Mannschaft hat so viele Spiele gemacht wie ich. Mir bedeutet es sehr viel, dass der Trainer auf mich zählt.

"Ich mache einfach mehr als die Franzosen oder Portugiesen"

LAOLA1: Wie ist das Konkurrenzdenken innerhalb der Mannschaft?

Bytyqi: Du musst jeden Tag etwas tun, um besser zu werden als ein anderer. Du musst beweisen, dass du es mehr verdienst, zu spielen. Nach dem Training gibt es aber natürlich Freunde, wir haben Spaß in der Kabine. Auf dem Platz musst du aber zeigen, dass du es bist, und nicht er.

LAOLA1: Du kommst aus Österreich und hast kosovo-albanische Wurzeln. Beides sind keine großen Fußballnationen. Wird man da anfangs in England belächelt?

Bytyqi: Ich habe mir gedacht, ich mache einfach mehr als die Franzosen oder Portugiesen, ich werde einfach besser als die. Das denke ich mir jeden Tag.

LAOLA1: Dir wird nachgesagt, dass du der Erste bist, der den Platz betritt, und der Letzte, der ihn verlässt.

Bytyqi: Das stimmt. Wenn das Training um 11 Uhr beginnt, bin ich eine halbe Stunde früher draußen. Nach dem Training bleibe ich weiter am Platz. Es ist schon passiert, dass mir der Trainer nach Ende der Einheit gesagt hat: „Sinan, du berührst keinen Ball mehr. Wenn doch, musst du zahlen.“

LAOLA1: Und wieviel hast du schon gezahlt?

Bytyqi: (lacht) Viel.

LAOLA1: Innerhalb einer Mannschaft wird den Strebern meistens Argwohn entgegengebracht.

Bytyqi: Der Trainer nimmt mich oft als Vorbild her. Meine Kollegen schauen sich dann auch an, was ich mache und warum ich mehr Spiele mache. Am Anfang bin ich alleine früher auf den Platz gegangen, mittlerweile kommen drei, vier meiner Kollegen mit.

LAOLA1: Bist du ein Leader-Typ?

Bytyqi: Ich will nicht verlieren. Wenn ich ein Trainingsspiel verliere, bin ich nicht ansprechbar.

LAOLA1: Hast du dir schon einen englischen Slang zugelegt?

Bytyqi: In den ersten paar Monaten habe ich überhaupt nichts verstanden. Ich hatte eigentlich gedacht, ich könnte gut Englisch (lacht). Wenn ich mich mittlerweile aber sprechen höre, ist das ein klassischer Manchester-Akzent.

LAOLA1: Dein Trainer ist Patrick Vieira. Wie ist er so?

Bytyqi: Ein unglaublicher Typ. Im ersten Jahr war ein Italiener (Anm. Attilio Lombardo) unser Trainer. Da sind wir nicht als Mannschaft aufgetreten, haben nicht viel erreicht. Vieira hat alles verändert. Wir hätten vier Titel gewinnen müssen, waren überall vorne dabei, sind in der Liga Vierter geworden. Auf der einen Seite ist er dein bester Freund, auf der anderen Seite ist er der strenge Trainer. Man kann alles von ihm haben.

LAOLA1: Es gibt diese berühmte Szene aus seiner Zeit als Arsenal-Profi, als er im Kabinengang vor dem Spiel gegen Manchester United mit Roy Keane aneinandergeraten ist. Wie ist es, wenn er jetzt in der Kabine zum Schreien beginnt?

Bytyqi: Man hat einfach riesengroßen Respekt vor ihm. Was er in seiner Karriere erreicht hat, wünscht man sich als junger Spieler. Wenn er etwas sagt, hören alle zu. Wir können jede Minute etwas von ihm lernen. Es gibt nichts Besseres, als so einen Trainer zu haben.

"Wenn ich zurückdenke, merke ich, wie extrem ich mich entwickelt habe"

LAOLA1: Die Gefahr, eine zu breite Brust zu kriegen, ist als Nachwuchsspieler eines großen englischen Klubs sicher groß.

Bytyqi: Ich habe schon viele Spieler gesehen, die im Nachwuchs viel erreicht haben und den Durchbruch nicht geschafft haben. Wahrscheinlich auch deswegen. Bei mir ist das anders. Ich mache einfach mein Ding und lasse mich nicht ablenken.

LAOLA1: Wieviel Geduld braucht man, um bei einem Klub wie Manchester City den Durchbruch zu schaffen?

Bytyqi: Sehr, sehr viel. Da spielen die Besten der Welt. Mein Ziel ist es aber, den Durchbruch zu schaffen.

LAOLA1: Der logische nächste Schritt wäre, dass dich der Verein für ein Jahr in die Championship verleiht. Ist das schon ein Thema?

Bytyqi: Der Trainer hat zu mir gesagt, dass ich im nächsten halben Jahr noch mehr bei den Profis bin. Durch meine Leistungen wird sich dann ergeben, wie es weitergeht.

LAOLA1: Es ist vermutlich schwierig, nicht irgendwann das Gefühl zu kriegen, auf der Stelle zu treten.

Bytyqi: Irgendwann kommt die harte Arbeit zurück. Wenn ich zurückdenke, merke ich, wie extrem ich mich entwickelt habe. Im U16-Nationalteam habe ich nie gespielt, mittlerweile bin ich Stammspieler.

LAOLA1: Einen Twitter-Account hast du auch schon. Wie es sich für einen Kicker in England gehört.

Bytyqi: Ich habe vor, dort mehr zu schreiben. Viele Leute wollen wissen, wie das Leben bei Manchester City so aussieht. Dafür sind Twitter, Facebook und Instagram gute Möglichkeiten.

LAOLA1: Bleibt bei all dem Konkurrenzkampf innerhalb der Truppe noch Platz für Teamgeist?

Bytyqi: Der Trainer verlangt von uns, dass wir eine Mannschaft sind. Wenn ich vor dem Tor stehe und einen besser postierten Mitspieler sehe, spiele ich ab. Ich freue mich über einen Assist genauso wie über ein Tor. Am Ende zählt, dass wir gewinnen.

LAOLA1: Du hast auch schon ein paar Mal bei den Profis trainiert. Wie war das? Wie wirst du von diesen Stars wahrgenommen?

Bytyqi: Als ich zum ersten Mal nach England gekommen bin und auf mein Trainingszeug gewartet habe, ist Sergio Aguero von sich aus zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob alles passt. Wenn ich jetzt in die Kabine der Profis gehe, kommen sie sofort auf mich zu. Am besten verstehe ich mich mit Edin Dzeko. Er spricht Deutsch und wir sind beide vom Balkan. Ich war auch schon bei ihm daheim, wir gehen essen und spielen Billard. Er ist wie ein großer Bruder für mich. Die Qualität im Training ist eine ganz andere. Man lernt von Minute zu Minute.

LAOLA1: Wirst du in Manchester auf der Straße erkannt?

Bytyqi: Die Leute dort sind verrückt. Die haben das Wappen des Klubs auf der Schulter oder auf der Brust tätowiert. Ich werde immer wieder in der Öffentlichkeit angesprochen. Bei den Nachwuchsspielen kommen bis zu 7.000 Zuseher.

LAOLA1: Ist es dir unangenehm, wenn du angesprochen wirst, oder taugt dir das?

Bytyqi: Am Anfang ist es mir immer ein bisschen unangenehm. Aber wenn ich dann ins Plaudern komme, ist es ganz locker.

LAOLA1: Viele Fußballer sind da schon ins Fettnäpfchen getreten. Gibt es da von Seiten des Vereins Vorschriften?

Bytyqi: Als wir im Trainingslager waren, wurde uns gesagt, was nicht gut rüberkommt. Bilder vom Fortgehen oder vom Einkaufen, das ist nicht gut. Ich passe schon auf, was ich poste. Mir ist es auch einmal passiert, dass ich gepostet habe, was ich mir gekauft habe. Aber das kommt nicht gut rüber. Es gibt Menschen, die viel weniger haben.

LAOLA1: Es ist wohl schwierig, demütig zu bleiben, wenn man in so einer Fußball-Wunderwelt lebt.

Bytyqi: Ja, schon. Aber man muss einen klaren Kopf bewahren. Im Endeffekt liegt es an einem selbst.

LAOLA1: Spürst du Neid?

Bytyqi: Ich habe auf Facebook schon viele Kommentare gelesen, die nicht unbedingt positiv waren. Aber ich mache das ja für mich, nicht für jemand anderen. Ich kenne meine wahren Freunde, was die anderen denken, ist mir egal.

LAOLA1: Was ist dein Traum?

Bytyqi: Ich will es bei Manchester City schaffen. Und mein großes Ziel ist es, einmal die Champions League zu gewinnen. Das ist mein allergrößter Wunsch.

Das Gespräch führten Harald Prantl und Kevin Bell

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