"Es kommt einem alles viel schneller vor"

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Neues Land, neue Liga, neuer Verein, viele verschiedene Nationalitäten.

Nach sieben Jahren im gewohnten Umfeld bei Werder Bremen muss sich Sebastian Prödl beim FC Watford auf eine neue Situation einstellen.

Die ersten Gehversuche in der Premier League sind absolviert, der Steirer hat sich auf Anhieb einen Stammplatz in der Innenverteidigung gesichert.

Im LAOLA1-Interview berichtet der 28-Jährige über seine ersten Wochen beim Aufsteiger, der eine Generalüberholung des Kaders hinter sich hat, seine gewissenhafte Vorbereitung auf das Abenteuer Premier League und die Schiedsrichter als positive Überraschung.

LAOLA1: Wie zufrieden bist du mit deinen ersten Gehversuchen in der Premier League?

Sebastian Prödl: Ich persönlich bin zufrieden mit meiner Leistung. Bei Everton sind wir knapp an einer Überraschung vorbeigeschrammt. Die wäre verdient gewesen, weil wir uns clever angestellt haben. Gegen West Bromwich und Southampton haben wir einfach nicht den Schlüssel zum Torerfolg gefunden, sind aber defensiv sehr solide gestanden. Deswegen kann man mit den drei  Spielen zufrieden sein, mit der Punktausbeute jedoch nicht ganz, weil wir für unsere Leistungen mit drei Punkten nicht ganz belohnt worden sind.

LAOLA1: Inwiefern hast du bereits eine Leaderrolle eingenommen?

Prödl: Schwer zu sagen. In einer Mannschaft, die sich finden muss und verbessert dastehen will, werden die Rollen erst verteilt. Aber ich fühle mich wohl in der Mannschaft und in der Innenverteidigung. Sagen wir einmal so: Ich bin angekommen. Ob Romelu Lukaku von Everton, Graziano Pelle von Southampton oder Saido Berahino von West Bromwich, der jetzt zu Tottenham wechseln soll – das sind anerkannte Spieler, die wir im Verbund eigentlich ganz gut im Griff hatten. Die Premier League taugt mir. Es ist lässig.

Die Bewährungsprobe beim Premier-League-Debüt hieß für Prödl Romelu Lukaku

LAOLA1: Du warst schon vor deinem Wechsel Premier-League-Fan, hast im Fußball bereits viel erlebt, Gibt es trotzdem irgendetwas, das dich in der Premier League überrascht hat, womit du nicht gerechnet hast?

Prödl: Schwer zu sagen nach so wenigen Spielen. Aber es ist schon einiges anders. Wir trainieren während der Saison einmal am Tag, in Deutschland waren es oft zwei Mal. Dafür werden die Trainingseinheiten länger ausgeschlachtet. Man verbindet eigentlich zwei Trainingseinheiten in eine, du bist länger am Trainingsgelände, verfolgst mehr Aufgaben. Die Atmosphäre ist anders als in Deutschland. Dort wird ein ganzes Spiel lang durchgesungen, hier wird jede Aktion honoriert – auch ein Tackling oder Kopfballduell. Es kann aber auch sein, dass es einmal zwei Minuten still ist, wenn das Spiel nur dahinplätschert, was jedoch selten der Fall ist. Die Schiedsrichter muss ich richtig loben, die sind hervorragend. Sie lassen sehr viel weiterlaufen, versuchen immer einen Spielfluss aufrecht zu erhalten. Es kommt vor, dass es in den ersten 20 Minuten gar keine Unterbrechung gibt. Es fühlt sich so an: Einmal kurz 45 Minuten lang die Luft anhalten, dann kannst du kurz durchpusten, und weiter geht’s. Ich kann nicht sagen, ob es viel schneller ist, aber es kommt einem alles viel schneller vor. Hier lamentiert keiner lange, keiner liegt lange am Boden rum. Nach einem Foul wird aufgestanden und ruckzuck geht es weiter. Irgendwie gibt es nie eine Pause.

LAOLA1: Von der hohen Intensität haben schon viele Spieler, die in die Premier League gewechselt sind, berichtet. Macht dieses Tempo den Reiz aus?

Prödl: Natürlich. Ich habe die Liga schon ewig lange verfolgt und es hat mir immer getaugt. In diese Richtung möchte ich mich selber jetzt noch einmal entwickeln. In Deutschland bin ich durch eine sehr harte, aber wertvolle Schule gegangen. Ich hatte dort traumhafte Jahre. Aber ich wollte raus aus der Komfortzone und noch einmal etwas anderes erleben. Da bin ich jetzt. Und ich bin gerade dabei, dass ich mich anpasse und noch einiges dazulerne. Obwohl ich mich inzwischen im besten Fußballer-Alter befinde, denke ich trotzdem, dass noch einiges Potenzial in mir schlummert. Ich hoffe, dass diese Liga, dieser Verein und diese Mannschaft mir ermöglichen, dieses freizusetzen, und dass ich es vor allem selbst realisiere, das gehört natürlich auch dazu. Die Gegebenheiten dafür sind vorhanden.

LAOLA1: Johnny Ertl hat im LAOLA1-Interview gemeint, dass ihr euch bereits getroffen habt. Welche Tipps hat er dir mit auf den Weg gegeben?

Prödl: Einige! Ob Schiedsrichter oder Zweikampfführung – ich habe mir einige Tipps eingeholt. Mit Johnny habe ich mich vor dem Saison-Start getroffen, ebenso mit Per Mertesacker, mit Paul Scharner habe ich telefoniert. Die Informationen haben auch geholfen und gefruchtet. Als Beispiel haben mir Johnny und Pauli gesagt, dass man ruhig in einer härteren Art und Weise mit den Schiedsrichtern reden kann, je nachdem wie es das Spiel hergibt. Sie sind nicht so schnell beleidigt wie anderswo. Das ist schon mal ein krasser Unterschied. Er ist keine Person auf dem Feld, die quasi einer deiner Gegner ist. In England ist der Schiedsrichter eine Kommunikationsfigur. Das machen sie sehr gut, und das wird auch honoriert. Dass man nach dem Spiel sagt „Der Schiri ist schuld“, gibt es nicht. Das sind so Kleinigkeiten. Das hätte ich im Vorhinein auch nicht gedacht. Der Schiri hat mich gleich in meinem ersten Spiel mit dem Vornamen angesprochen, obwohl ich ihn gar nicht gekannt habe, und ich weiß auch nicht, ob er mich kennt. Aber du kommunizierst eben gleich mit dem Schiri. Auf einer Position wie in der Innenverteidigung, wo du viele Zweikämpfe hast, drohen viele strittige Entscheidungen. Ist es ein Foul? Ist es kein Foul? Ist es eine Gelbe Karte? Das verlangt dem Schiedsrichter Fingerspitzengefühl ab. Man toleriert Entscheidungen eher, wenn der Schiedsrichter in einer Art und Weise mit dir kommuniziert, wie du es willst. Das finde ich gut.

LAOLA1: Du bist einer von relativ vielen Neuzugängen beim FC Watford. Wie schnell geht es, dass sich eine Mannschaft mit so vielen neuen Spielern beziehungsweise mit Akteuren aus so vielen verschiedenen Ländern findet?

Prödl: Es ist natürlich nicht selbstverständlich, dass es bei 14 Neuzugängen auf Anhieb funktioniert. Wir sind auch lange noch nicht da, wo wir vom Spielerischen her hinwollen. Aber wir befinden uns auf einem guten Weg, haben einen vernünftigen Start hingelegt und hoffen, dass jetzt auch noch die Punkte kommen. Aber es stimmt schon, es ist nicht so einfach: Viele neue Spieler, ein neuer Trainer – das muss sich alles erst finden. Fürs Erste haben wir es ganz gut gelöst, aber ich hoffe, dass wir uns in den nächsten Wochen weiterentwickeln und sich die Spieler, die erst zum Schluss dazugekommen sind, sehr gut einfügen. Die Nationalität ist bei uns im Fußball völlig wurscht. Man sagt immer, es ist schwierig, wenn wie bei uns Profis aus 22 Ländern zusammenspielen. Für uns macht das keinen Unterschied. Englisch ist die Arbeitssprache. Wenn nicht, gibt es genügend Spieler, die Italienisch oder Spanisch sprechen. Mit Valon Behrami, Jose Holebas oder Almen Abdi gibt es auch ein paar, die Deutsch sprechen. Natürlich ist es multikulturell, aber keine Barriere und kein Problem.

LAOLA1: Aufsteiger versuchen oft, ihr Gerüst zu halten und punktuell zu ergänzen. In Watford wurde alles geändert. Unterstreicht dies, dass das Leistungsniveau in der Premier League so hoch ist, dass man an allen Stellschrauben drehen und Personal dazuholen muss?

Prödl: Oberste Priorität ist, in der Premier League zu bleiben. Ich glaube, dass die Verantwortlichen sehr genau wissen, was sie machen, wenn sie den Kader neu aufstellen. Wenn du drinnen bleibst, gibt es nächstes Jahr das große Geld aus den neu verhandelten TV-Rechten. Schaffst du es in der Liga zu bleiben, kannst du danach die Weichen für die nächsten Jahre in der Premier League stellen. Die erste Saison ist also diesmal besonders wichtig. Es wird schwer genug, das haben wir schon gesehen. Aber wir haben auch gesehen, dass wir das Potenzial haben, gegen jeden Gegner mitzuspielen. Wenn etwa eine Mannschaft wie West Bromwich zu einem Aufsteiger kommt und so spielt, als würden sie gegen ManCity spielen und sich nur hinten reinstellt, spricht das für den Respekt, der uns schon entgegengebracht wird. Noch ist es früh in der Saison, so viel kann man sich noch nicht zusammenreimen. Aber ich denke schon, dass wir die Qualität haben, um in der Liga zu bleiben und darüber hinaus eine gute Rolle zu spielen.

LAOLA1: Was sind die Visionen von Trainer Quique Flores? Welche Spielweise stellt er sich längerfristig vor?

Prödl: Er verbindet es ganz gut, der englischen Liga Respekt entgegenzubringen, und unseren eigenen Spielstil einzubringen. Sprich: Er weiß über die Gefahren der englischen Liga Bescheid, dass sehr schnelles Umschaltspiel und sehr körperbetontes Spiel gefragt sind, dass viel über Standardsituationen geht, dass viel über Stürmer kommt, die den Ball abblocken und ablegen, mit zweiten Bälle operiert wird. Darauf geht er sehr spezifisch ein, aber verbindet es genauso mit spanischem Touch, dass wir Ballbesitz haben, unsere Torchancen durch Kombinationen herausspielen und nicht durch typisch englischen Spielstil mit langen Bällen. Damit operieren wir natürlich gezielt und auf den Gegner abgestimmt. Ich glaube, wir haben einen ganz guten Mix. Die letzten Jahre zeigen auch, dass vermehrt Trainer in der Premier League engagiert sind, die das forcieren wollen. Vorreiter-Mannschaften wie Southampton oder Swansea sind mit internationalerem und atypischem englischen Spielstil erfolgreich. Das sind gute Vorbilder für uns.

LAOLA1: Einflüsse von außen sind oftmals nichts Schlechtes. Bisweilen entsteht der Eindruck, dass sich englische Traditionalisten schwer damit tun. Ist es bei einem Verein, der von einer italienischen Familie geführt wird, einfacher, Einflüsse von außen durchzusetzen?

Prödl: Ich glaube schon. Der Chairman oder der Sportdirektor sind schon auch Engländer. Die Besitzer-Familie ist aus Italien, die haben natürlich sehr viel Einfluss. Aber es gibt genügend englische Verantwortliche, die große Erfahrung mit dem englischen Fußball mitbringen – und das brauchst du auch, sonst kannst du hier nicht bestehen. Trotzdem, und das zeigt auch die Transferpolitik, ist ein sehr großer internationaler Einfluss vorhanden.

LAOLA1: Du sagst, du hast dich bei mehreren Leuten erkundigt. Wie wichtig ist dir eine gewissenhafte Vorbereitung auf eine neue Aufgabe? Vermutlich macht dies nicht jeder. Es wird auch Spieler geben, die solch einen Ligen-Wechsel eher unbedarft angehen und schauen, was auf sie zukommt.

Prödl: Auf alle Fälle habe ich meine eigenen Ziele, die ich verfolge. Aber man kann sich von anderen Leuten, die hier jede Menge Erfahrung gesammelt haben, etwas abschauen beziehungsweise Tipps einholen. Bevor ich die Entscheidung getroffen habe, habe ich mich mit Per Mertesacker kurzgeschlossen, ob die Liga zu mir passt. Er hat mit mir zusammengespielt und kennt meinen Spielstil. Welche Gefahren lauern? Wie bereitet man sich auf eine Saison vor, wenn man im Winter keine Verschnaufpause hat? Das sind einfach so kleine Hilfestellungen, und ich hoffe, dass ich die ganz wertvoll nützen kann. So bin ich einfach. Ich bin da schon gewissenhaft.

LAOLA1: Es gibt auch ein Leben abseits des Platzes. Johnny Ertl hat diesbezüglich berichtet, dass auch hier die Kleinigkeiten den Unterschied machen, sei es bei der Wohnungssuche oder die Umstellung vom Schulenglisch auf die Kommunikation mit Native Speakern.

Prödl: Man glaubt gar nicht, wie viele englische Dialekte man nicht versteht. Es ist unglaublich. Wenn du einem Menschen aus Manchester oder Liverpool zuhörst, der schnell redet, hast du keine Chance, ihn zu verstehen. Da musst du dich schon sehr konzentrieren. Ich habe auch mein komplettes Fernseh- und Serien-Programm auf Englisch umgestellt, um eben besser reinzukommen. Ich kann mich unterhalten, kein Problem. Aber wie du sagst: Vom Schulenglisch zum Native Speaker ist es ein sehr weiter Weg. Das merkt man am Anfang schon. Aber gut, dass ich mein Schulenglisch habe, so komme ich über die Runden, kann kommunizieren. Ich bin das auch von Anfang an offensiv angegangen und habe mir sämtliche Wörter für die Kommunikation auf dem Platz sagen lassen. Das hilft ganz gut, die Kommunikation auf dem Platz ist überhaupt kein Problem. Wenn ich mich jedoch mit einem Engländer schneller unterhalten will, muss ich schon noch dazulernen. Aber es gibt viele Sachen. Die Engländer sehen sich schon als Europäer, aber viele Details sind anders. Egal ob die Autoanzeigen in Meilen, Square Feet statt Quadratmetern, der Pfund statt dem Euro oder dass ich hier nicht 1,94 Meter, sondern 6 Feet und 5 Inches groß bin, man muss sich eben umstellen. Aber manchmal kommt es einem so vor, sie machen es absichtlich, dass sie komplett anders sind als die anderen (lacht).

LAOLA1: Während der Vorbereitung wird vermutlich nicht viel Zeit geblieben sein, um London zu erkunden. Wie gut kennst du dich in dieser Metropole bereits aus?

Prödl: Wir hatten schon freie Tage, die ich jedoch für Regeneration oder Wohnungssuche genutzt habe. Unser Trainingsgelände liegt außerhalb, das ist bei den meisten Vereinen so. Ab und zu war ich schon drinnen und durch die Wohnungssuche kenne ich mich schon relativ gut aus. Orientierungsmäßig bin ich nie so schlecht drauf, egal in welcher Stadt ich bin. Von dem her ist es trotz Großstadt kein Problem, mich zurechtzufinden. Der Verkehr ist manchmal nervig, aber nachdem ich noch nicht so oft drinnen war und auch nicht zu den Stoßzeiten reingefahren bin, hat es sich noch nicht als Problem dargestellt.


Das Gespräch führte Peter Altmann

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