Prödl: "Wir wollen ein moderner Aufsteiger sein"

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Bogenschießen als Tapetenwechsel.

Statt Arbeit am Trainingsplatz in Stegersbach stand für die ÖFB-Kicker am Mittwochvormittag ein Ausflug in die Steiermark zur Riegersburg auf dem Programm.

Für Sebastian Prödl eine Reise in die oststeirische Heimat, er stammt aus dem unweit entfernten Kirchberg an der Raab.

Während er sein Talent mit Pfeil und Bogen durchaus selbstkritisch bewertet, stellt sich natürlich die Frage, ob er mit seinem Wechsel zum FC Watford ins Schwarze getroffen hat.

„Das wird man erst im Nachhinein sehen, aber ich bin auf alle Fälle froh über meine Entscheidung und dass ich die Chance habe, in die Premier League zu wechseln. Ich habe schon vor einigen Wochen angekündigt, dass ich Werder Bremen verlasse, um eine Kulturveränderung wahrzunehmen. Die Premier League war ein großes Ziel von mir und ist immer schon in meinem Kopf herumgeschwirrt. Jetzt bekomme ich die Möglichkeit, das mit dem FC Watford zu realisieren“, begründet der Innenverteidiger seine Entscheidung für die „Hornets“.

„Mein Bauch hat sofort zugesagt“

Während Prödl England schon lange im Kopf hatte, hat letztlich ein anderes Körperteil mitentschieden, dass der Premier-League-Aufsteiger den Zuschlag bekam: „Ich war zwei Mal in London vor Ort und habe mir ein Bild vom Trainingsgelände, vom Stadion und den Personen gemacht. Mein Bauch hat sofort zugesagt.“

Noch im Juni feiert der Steirer seinen 28. Geburtstag. Möglicherweise war dieser Transfer seine letzte Gelegenheit, sich den Traum vom Insel-Kick zu erfüllen.

„Mit der Erfahrung in der Premier League glaube ich einfach, dass ich nach meiner Karriere sehr zufrieden sein werde, da ich in meiner Laufbahn einfach alles versucht habe. Ich bin in Bremen natürlich sehr glücklich gewesen. Im Nachhinein bin ich aber auch froh, aus dem gewohnten Wohnzimmer rauszukommen und neue Erfahrungen zu machen. Ich muss natürlich nicht ganz bei null anfangen, aber mich neu beweisen. Ich denke, dass die Premier League die beste Liga der Welt ist und ich freue mich riesig, ein Teil davon zu sein.“

„In der Premier League warten andere Stürmer als in Deutschland“

Die Premier League ist zudem die finanzstärkste Liga der Welt. Durch den neuen TV-Vertrag fließt noch mehr Geld als in der Vergangenheit.

Dazu kommt die Anziehungskraft, die das Mutterland des Fußballs ausübt: „Alleine die Aufmerksamkeit, die in England herrscht. Als ich vor Ort war, habe ich gemerkt, dass der Fußball wie eine Religion ist. Jedes Spiel wird live in 120 Länder übertragen. Man merkt schon das große Interesse dort.“

Prödl versichert, sich bestmöglich vorbereiten zu wollen, und dass man auch mit 28 Jahren noch genügend dazulernen könne:

„Man muss sich in allen Belangen verbessern. Die Sprache wird hoffentlich nicht die ganz große Barriere, aber bei der Physis gibt es immer Ausbaufähigkeit, denn in der Premier League warten auch andere Stürmer als in der deutschen Liga, es geht schneller hin und her.“

Southampton als Vorbild

Wobei in den Plänen des FC Watford das Klischee des Kick and Rush keine große Rolle spielt. Der Verein ist im Besitz der Familie Pozzo, der auch Udinese gehört. Prödl wurde in der Vergangenheit auch immer wieder mit dem Serie-A-Verein in Verbindung gebracht.

Wer Prödl kennt, weiß jedoch, dass er keine Schnellschüsse auf emotionaler Ebene trifft, sondern sich solche Entschlüsse genau überlegt. Dafür holte er selbstredend Entscheidungshilfen ein, erkundigte sich etwa bei anderen Österreichern mit Premier-League-Erfahrung:

„Ich habe ein paar Tage vor der Entscheidung mit Marko Arnautovic telefoniert und mich bei ihm als Insider natürlich über die englische Liga erkundigt. Er hat mir gut zugesprochen und gemeint, es ist etwas für meinen Spielstil. Ich habe auch mit Stefan Maierhofer kommuniziert, da er mit Millwall letztes Jahr gegen Watford gespielt hat. Er hat auch nur Gutes gesagt.“

„Freue mich auf die Duelle mit den anderen Österreichern“

Neben Arnautovic bei Stoke und Prödl wird die Premier League ab der kommenden Saison wohl noch mehr im Fokus der österreichischen Fußball-Öffentlichkeit stehen. Mit Kevin Wimmer hat ein weiterer Teamspieler den Sprung auf die Insel gewagt und bekanntlich bei Tottenham angeheuert. ÖFB-Kapitän Christian Fuchs könnte früher als später der nächste sein, er führt derzeit Vertragsverhandlungen und weilt nicht beim Nationalteam. Die Zukunft von Andreas Weimann bei Aston Villa steht indes in den Sternen, Championship-Verein Derby County signalisiert jedoch Interesse.

Nichtsdestotrotz wird es das eine oder andere rot-weiß-rote Kräftemessen in der Premier League geben. „Ich freue mich natürlich auf die Duelle mit den anderen Österreichern“, betont Prödl.

Die Visionen seiner neuen Bosse haben den 49-fachen Internationalen voll überzeugt: „Die Eigentümer haben mir ein sehr gutes Gefühl vermittelt. Wir wollen ein moderner Aufsteiger sein. Sie wollen nicht den Fehler machen, der vielleicht in den letzten Jahren anderen Aufsteigern passiert ist, dass sie an den Erfolg in der Championship anknüpfen wollten, sondern sie versuchen etwas Neues zu generieren. Die Familie Pozzo hat ja schon mit Udine gezeigt, dass sie dazu in der Lage ist. Ich glaube schon, dass da für die eine oder andere Überraschung gesorgt werden kann, aber natürlich wird es im ersten Jahr darauf ankommen, die Liga zu halten.“

Der Vertrag von Prödl läuft über fünf Jahre. Auch wenn in der ersten Saison möglicherweise Abstiegskampf angesagt sein wird, besteht Hoffnung, mit der Zeit in der Hackordnung der Premier League ein wenig weiter nach oben zu klettern.

Positive Beispiele, an denen man sich orientieren kann, gibt es durchaus: „Southampton hat nach dem Aufstieg modernen Fußball gespielt, oder auch Leicester City, die vor einem Jahr aufgestiegen und in der Liga geblieben sind, vor ein paar Jahren auch Swansea. Es geht darum, dass man sich weiterentwickelt und nicht so spielt wie in der Championship, obwohl Watford dort eine richtig gute Leistung gezeigt hat. Ich glaube, die Familie Pozzo wird das auch in Watford hinkriegen. Die Art und Weise, wie sie mit Spielern umgehen, wie sie diesen Verein sehr familiär sehen, gibt einem ein gutes Gefühl, dass man sich weiterentwickeln will. Das macht einfach Hoffnung.“

Helden und Versager

Vor dem England-Abenteuer steht jedoch jenes mit dem ÖFB-Team in Russland an. Noch sind es eineinhalb Wochen bis zum Spiel, weshalb der Fokus derzeit eher auf dem Teambulding als auf taktischen Einheiten liegt – vor allem weil bis dato erst 14 Spieler ins Camp eingerückt sind.

So bleibt auch genügend Zeit für spaßige Aktivitäten wie Bogenschießen. „Es war sehr lustig. Man muss sagen, es gibt einige Talente, von denen man es nicht geglaubt hätte, dafür aber auch einige Favoriten, wo man gedacht hätte, da passt die Körperspannung. Aber man kann sagen, dass sie eigentlich versagt haben“, grinst Prödl.

Namen will der Verteidiger weder bei Helden noch Versagern nennen, er selbst geht allerdings offenbar nicht als „Robin Hood“ durch: „Ich kann nur über mich selbst sprechen, ich war überhaupt kein Talent.“

Peter Altmann

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