Sechs Gründe für die Chelsea-Krise

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"The Special One" gegen "The Normal One".

Jose Mourinho gegen Jürgen Klopp

Unterschiedlicher könnten die Ausgangslagen nicht sein. Der eine gerade dabei, bei Liverpool ein neues Kapitel aufzuschlagen, der andere am Scheideweg bei jenem Klub, bei dem er erst im Sommer einen neuen Vierjahres-Vertrag unterschrieb.

Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, da bezeichnete sich der Portugiese nach seiner Chelsea-Rückkehr selbst als "The Happy One". Das war ein Mal. Mittlerweile wirkt er wie "The Unhappy One".

Nur Platz 15 in der Tabelle, im League Cup gerade an Stoke gescheitert. Chelsea steckt in der Krise, der Trainer ist angezählt und die Nerven liegen blank.

Was sind die Gründe für den Negativ-Lauf? Ist es der Fluch von Ex-Teamärztin Eva Carneiro? Oder kassieren die "Blues" einfach nur zu viele Tore? Sechs Gründe:

 

Kreativität

Die Namen derer, die für Blues-Treffer sorgen sollen, liest sich stark. Nicht nur nominell, denn es sind dieselben, die in der Vorsaison bewiesen haben, wozu sie fähig sind. Mourinhos Teams standen zwar nie für das große Offensivspektakel, auf dem Weg zum Meistertitel boten Diego Costa, Eden Hazard und Co. aber feinen Fußball und genügend Tore. 2014/15 hielt man am Ende bei einer Tordifferenz von +41 (73:32). Nach den bisherigen zehn Partien der laufenden Spielzeit hält man bei -4, mit 15 Treffern war man etwa deutlich weniger oft erfolgreich als West Ham (22) oder Leicester (20). Die unumschränkte Sturmspitze Costa traf bislang erst zwei Mal.

Viel erschreckender als die nackten Zahlen ist aber das Spiel der Blues, dass jegliche Kreativität vermissen lässt. Hazard, zurecht zum besten Premier-League-Spieler der Saison gwählt, scheint über den Sommer das Fußballspielen verlernt zu haben. Dem Belgier fehlen die Ideen und mittlerweile auch das Selbstvertrauen, die Rolle als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff erfüllt er aktuell nicht. Insgesamt bitter, den mit ihm steht und fällt das Offensivspiel von Chelsea.

Auch Cesc Fabregas, der sich in der Vorsaison glänzend mit Hazard ergänzte, steht neben sich. Oscar, ohnehin ein Mann mit oft schwankenden Leistungen, kämpfte zweitweise mit einer Knieverletzung und kam noch nicht in Tritt, spielte daher bisher nur eine Nebenrolle. Willian kann zumindest mit seinen Standards für Torgefahr sorgen.

In puncto Torgefahr ist man nur noch Mittelmaß: Im Durchschnitt finden pro Spiel 4,2 Schüsse von Chelsea den Weg aufs Tor (Platz 11). In der Vorsaison belegte man in dieser Statistik mit 5,5 Schüssen noch Rang 3.

 

Verteidigung

Einst galt Mourinho als Meister der Defensiv-Kunst. Man erinnere sich an die Mauer seiner Inter-Mannschaft, die Barca im Champions-League-Halbfinale 2010 scheitern ließ. Doch vom Glanz der Vergangenheit ist einiges verblasst. 19 Tore kassierte Chelsea heuer bereits. Nur Norwich, Bournemouth und Newcastle haben noch mehr Gegentreffer hinnehmen müssen. Es fehlt an Kompaktheit und Organisation. Jene Eigenschaften, die Chelsea unter Mourinho stets auszeichneten.

Dazu sind wichtige Leistungsträger außer Form. Branislav Ivanovic, letzte Saison noch einer der Garanten für den Meistertitel, präsentierte sich bis zu seiner in der Länderspielpause erlittenen Verletzung als Unsicherheitsfaktor. Dem bald 35-jährigen John Terry merkt man langsam das Alter an. In der letzten Spielzeit absolvierte der Kapitän noch jede einzelne Premier-League-Minute. Heuer setzte ihn Mourinho leistungsbedingt schon zwei Mal auf die Bank. Nicht umsonst machen aktuell gerade Wechselgerüchte die Runde. Sein Vertrag bei den „Blues“ läuft im Sommer aus.

Für die schlechte Mannschaftsleistung am entscheidendsten ist aber wohl die Unform von Nemanja Matic. Nach seiner Rückkehr von Benfica im Jänner 2014 etablierte sich der Serbe schnell als defensiver Rückhalt der Offensive. Vor einem Jahr bezeichnete ihn Mourinho einmal als „Monster“, doch mittlerweile hat das Biest seine Krallen verloren. „Selbstvertrauen ist entscheidend. Gegen Aston Villa hat er einen Fehlpass gespielt. Seine erste Reaktion war, resignierend abzuwinken. Wenn du Selbstvertrauen hast, zeigst du keine Enttäuschung“, so der Coach über seinen Sechser. 

 

Transfers

Cesc Fabregas und Diego Costa hießen die Neuzugänge im letzten Sommer. Sie schlugen ein wie ein Blitz. Der Stürmer hielt zur selben Zeit vor einem Jahr bei neun Toren, sein Mittelfeld-Partner bei acht Assists. Und heuer? Namen wie Paul Pogba, Edinson Cavani oder Evertons John Stones standen auf Mourinhos Transferliste. Bekommen hat er keinen einzigen davon. Als Trostpreis schnappte man Manchester United Pedro vor der Nase weg. Der ehemalige Barca-Flügelstürmer bringt solide Leistungen, konnte mit einem Tor und zwei Assists (allesamt in den ersten beiden Spielen) aber noch nicht vollends überzeugen. Ein riesengroßer Unterschied zu den Verstärkungen der Vorsaison.

Abgesehen von Pedro holten die „Blues“ mit Cech-Ersatz Asmir Begovic, Leih-Stürmer Falcao, Talent Kenedy und Augsburg-Linksverteidiger Abdul Rahman Baba keinen Kracher. In der Transferphase wurde mit Everton bis zum Schluss um Innenverteidiger John Stones gefeilscht, doch die „Toffees“ wollten den 21-Jährigen partout nicht hergeben - Angebote in Höhe über 40 Millionen Euro zum Trotz. Gerade der junge Nationalspieler hätte der Defensive in ihrer aktuellen Situation Sicherheit verleihen können. Stattdessen holten die Londoner am letzten Transfertag den 26-jährigen Senegalesen Papy Djilobodji um 3,5 Mio. Euro von Nantes. Einen Spieler, den Mourinho vor dem Wechsel gar nicht gekannt haben soll.

Zu allem Überfluss musste der 52-Jährige mit Petr Cech auch noch eine Vereinslegende ziehen lassen. Schlimm genug, ließ Roman Abramovich den Goalie auch noch gegen Mourinhos Willen zu Erzfeind Arsene Wenger abwandern. Vor dieser Saison war das Transferfenster stets eine Stärke von Chelsea. Heuer könnten sich die Versäumnisse des Sommers noch teuer bezahlt machen. 

 

Mourinho

Liebe oder Hass, viel dazwischen gibt es bei Mourinho nicht. Und doch hegen selbst Anhänger des "Special One" langsam Zweifel. Seine Ecken und Kanten machen ihn ebenso beliebt (oder eben verhasst) wie seine unzähligen Titel. Aber das amüsante Medien-Geplänkel, die regelmäßige Schiri-Schelte sowie die demonstrative Selbsthuldiung werden immer mehr zu einer bizarren, wirren Flucht in eine jenseitige Parallelwelt, die nur Mourinho selbst wahrzunehmen scheint. In dieser sieht sich der Portugiese etwa nach einer glatten Niederlage gegen Southampton um einen Elfmeter betrogen oder schmiedet neue Verschwörungstheorien. Er überschreitet die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, gleitet bisweilen ins Peinliche ab.

Der eine oder andere wird sich denken: Das kommt mir doch bekannt vor. Nicht zu Unrecht, denn das Chaos im dritten Jahr von Mourinhos Amtszeiten hat Tradition. Bei Real Madrid artete eben dieses zu einem Machtkampf samt Kleinkrieg gegen Iker Casillas und weitere Spieler aus. Auch bei seinem ersten Engagement an der Bridge war nach zwei Saisonen die Magie verflogen. "Zwei Jahre lang waren wir eine Gruppe von Freunden, haben zusammen gegessen, uns gemeinsam betrunken, haben zusammen trainiert und gewonnen", schildert der damalige Blues-Spieler Claude Makelele in seiner Biographie. "Zwischen 2004 und 2006 war die Solidarität einmalig. 2006/07 rückte er sehr früh einen Schritt von seinen Spielern ab. Damals wurde das Zuammengehörigkeitsgefühl, das uns vereint hat, verletzt. Während seiner dritten Saison war ich fassungslos zu sehen, wie er den Wert seiner Spieler verloren und all den Verdienst für sich beansprucht hat", erinnert sich der Franzose, der meint, Mourinho könne es nicht ertragen, wenn ein Spieler mehr im Rampenlicht stünde als er selbst. Für ihn seien seine Methoden der Grund für den Erfolg, niemals die Individualisten.

Drei Saisonen waren bislang bei jedem Klub das Limit für Chefcoach Mourinho. Wie schon Bela Guttmann, mit dem Mou oft verglichen wird, zu sagen pflegte: "Das dritte Jahr ist fatal!"

 

Unruhe

Auf die Tribüne verwiesen oder gesperrt zu werden mag als Kavaliersdelikt gelten, aber dass sich Mourinho ausgerechnet jetzt, wo ihn die Mannschaft am meisten braucht, ständig selbst aus dem Spiel nimmt, ist unverantwortlich. Zumal er die Unruhe auch auf andere überträgt.

Bei der letzten PL-Pleite gegen West Ham verabschiedete sich schon vor der Pause Nemanja Matic mit Gelb-Rot. Mourinho selbst erlebte die zweite Halbzeit von der Tribüne aus, nachdem er im Kabinengang mit dem Schiedsrichter verbal aneinander geraten war und auch sein Assistent Silvino Louro wurde von der Bank verwiesen.

Unruhe brachte auch Diego Costas Auftritt beim Sieg gegen Arsenal, der - selbst für die Verhältnisse des Spaniers - in die Kategorie unfair und schmutzig fiel. Mourinho geht als schlechtes Beispiel voran anstatt seine Spieler unter Kontrolle zu halten.

Die Spitze des Unruhe-Eisbergs bildet aber die Auseinandersetzung mit Eva Carneiro. Die von Mourinho nach einem übereilten Lauf aufs Spielfeld am 1. Spieltag verbannte Team-Ärztin ist immer noch Dauerthema und will nun gerichtlich gegen den Klub vorgehen. Ein Schelm, wer denkt, die Krise hinge mit Mourinhos Karma zusammen oder es gäbe gar einen Carneiro-Fluch.

 

Einstellung

Zwar bekunden die Spieler bereitwillig, Mourinho sei der beste Trainer der Welt und man würde hinter ihm stehen, allein es fehlt einem der Glaube, wenn man die Auftritte der Mannschaft sieht. Der Begriff der Meuterei in Teilen des Teams hält sich beständig, auch wenn Mourinho dies von der Hand weist.

Einige Experten glauben auch einen Grund für den Katastrophen-Start in die Saison bereits in der Vorbereitung gefunden zu haben. Als Belohnung für den Meistertitel gab Mourinho eine Woche Extra-Urlaub aus. Nicht nur, dass Chelsea damit im Vergleich zur Konkurrenz schon vor dem ersten Spiel hinterherhinkte, nicht alle Spieler wussten damit richtig umzugehen, was Diego Costa unter Beweis stellte, als er mit einigen Kilos zu viel auf den Rippen den Dienst in London antrat.

Wie weit es mit der Loyalität Hazards zu den Blues steht, stand zuletzt in Frage, als sich der Belgier einen Social-Media-Fauxpas leistete und einen Instagram-Beitrag likte, der ihn mit Real Madrid in Verbindung brachte.

 

Jakob Faber / Christoph Kristandl

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