"Ich habe noch nichts erreicht"

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"Alle drehen komplett durch!"

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„Ich will es auf jeden Fall hier schaffen“, sagt Kevin Friesenbichler.

Der 18-Jährige ist auf einem guten Weg.

Nach 15 Toren in 13 Spielen für die U19 des FC Bayern wurde der Stürmer befördert. Künftig soll er seine Qualitäten bei den Amateuren der Münchner unter Beweis stellen.

Im Interview mit LAOLA1 spricht der Steirer über das Verhältnis zu seinem Vater Bruno, seine untypischen Verletzungen, seinen Schul-Abbruch, Playstation-Abende mit David Alaba und den Hype um Pep Guardiola.

LAOLA1: Du bist im Winter bei den Bayern befördert worden. Was heißt das in der Praxis für dich?

Kevin Friesenbichler: Bisher habe ich bei der U19 trainiert und gespielt. Ein bis zwei Mal in der Woche durfte ich bei den Profis mittrainieren. Jetzt ändert sich, dass ich unter der Woche bei den Amateuren bin, also im Männerfußball bestehen muss. Das heißt: Viel zweikampfbetonter, körperlich und läuferisch stärker. Ich werde mich relativ schnell umstellen müssen. Das ist gar kein Vergleich zum Training der U19.

LAOLA1: Du musst also Kraft zulegen?

Friesenbichler: So ist es. Im Gegensatz zur U19 kommen gestandene Kicker, die mit ihrem Körper spielen können, daher. Ich habe zwar gewusst, dass es härter zugehen wird, aber wenn du einmal dort bist, bist du trotzdem überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass der Unterschied so arg ist.

LAOLA1: Wobei du dir mit deinem Körper wahrscheinlich leichter tust, als ein schmächtiger Filigrantechniker, oder?

Friesenbichler: Ja. Ich denke, dass ich einen relativ guten Körper habe. Nichtsdestoweniger muss ich noch viel daran arbeiten. Ich habe das etwa im Testspiel gegen die Hertha gemerkt: Wenn Maik Franz daher kommt, schaut das schon ein bisschen anders aus.

LAOLA1: Gehen wir mal ein paar Jahre zurück: Wie war dein Werdegang vor den Bayern?

Friesenbichler: Ich habe mit der Sporthauptschule Weiz die Schülerliga gewonnen – mit Admira-Goalie Andreas Leitner und Marcel Sabitzer. Dann ist die Anfrage von der Austria gekommen. Wenn du als 13-Jähriger so ein Angebot bekommst, denkst du eigentlich gar nicht lange nach, sondern machst es einfach. Das erste halbe Jahr in der Stronach-Akademie ist sehr gut verlaufen, aber dann ist die Akademie wegen des Ausstiegs von Frank Stronach beim FAK den Bach runter gegangen. Anschließend habe ich mich für die Admira entschieden, weil ich dort gute Perspektiven hatte, zu den Profis zu kommen. So war es dann auch, ich habe bald bei den Amateuren debütiert.

LAOLA1: Genau! Du hast ja damals die Anfänge von Didi Kühbauer als Trainer hautnah miterlebt.

Friesenbichler: So ist es. Aktuell läuft es bei der Admira zwar nicht gut, aber ich denke, dass das nur eine kurze Phase sein wird. Ich kenne ihn als guten Trainer, der mir sehr viel weitergeholfen hat.

LAOLA1: Das sind ja alles eher fußball-untypische Verletzungen.

Friesenbichler: Komisch, ja. Mein Vater hatte zehn Schienbeinbrüche. Das kann passieren. Okay, zehn können nicht passieren, aber einer (lacht). Irgendwas läuft bei mir schief. Aber ich bin froh, dass es im Grunde genommen kleine Verletzungen waren, mit denen ich leben kann. Besser, als ich habe mit einer Fußverletzung ein Leben lang Probleme.

LAOLA1: Wobei: Wenn man zum ersten Mal hört, dass man einen Wirbelbruch hat...

Friesenbichler: Das war schon schlimm. Ich musste zwar lange Pause machen, aber es war nicht die „Über-Verletzung“. Ich musste zehn Wochen lang eine Schiene tragen und habe danach das Aufbautraining gemacht. Es ging relativ schnell.

LAOLA1: Zurück zu deinem Werdegang: Wenn man schon so früh alleine aus Weiz ins Internat nach Hollabrunn übersiedelt, ist es dann auch keine große Sache mehr, mit 16 Jahren ohne Familie nach München zu übersiedeln?

Friesenbichler: Ich war es gewohnt, nicht zu Hause zu sein. Aber natürlich war es schwer. Als ich noch in Österreich gespielt habe, war ich jedes Wochenende daheim bei meinen Eltern. In München ist das nicht mehr gegangen. Aber ich habe mich gut darauf eingestellt, viel mit ihnen telefoniert und meine Mutter war öfter zu Besuch.

LAOLA1: Wenn du dir deine Altersgenossen ansiehst, die keine Fußballer sind, merkst du dann, dass du schon wesentlich selbstständiger bist?

Friesenbichler: Selbstständiger würde ich nicht unbedingt sagen, aber ich führe ein komplett anderes Leben. Sie sind auf die Schule oder die Uni fokussiert, für uns gibt es nur Fußball, Fußball, Fußball. Wir hatten im Trainingslager nur ein einziges Mal Ausgang. Wenn die mit der Schule irgendwo hinfahren, gehen sie jeden Tag weg. Aber ích habe mir das schon selber ausgesucht, ich habe gewusst, was auf mich zukommt. Und ich bin sehr froh, diese Entscheidung getroffen zu haben.

LAOLA1: Apropos Schule: Du hast ja abgebrochen. Warum?

Friesenbichler: Ich habe bei der Admira drei Jahre lang das Oberstufen-Realgymnasium gemacht. Nach meinem Wechsel nach München wollte ich das mit einem Fernstudium weitermachen, aber das geht nicht. Die Bayern hätten mir dabei zwar geholfen, aber wenn du von 15-17 Uhr dasitzt und lernst: Was glaubst du, kommt da raus? Wie willst du dir selbst Französisch beibringen? Wenn der Wille da ist, geht es schon. Aber ich habe es ein Jahr immer ein bisschen nebenbei gemacht. Werner Kern, unser Jugendleiter, hat dann gesagt, dass ich das lassen soll, weil es ein zusätzlicher Druck ist und ich mich auf den Fußball konzentrieren soll. Seit ich die Schule nicht mehr mache, läuft es fußballerisch auch wirklich gut.

LAOLA1: Ist das für die Bayern überhaupt kein Problem, wenn ihr die Schule abbrecht?

Friesenbichler: Nein, so ist es nicht. Eigentlich muss man eine Schule machen, sie legen auch großen Wert darauf. Aber sie sehen auch, dass es einen Spieler zusätzlich belastet, wenn er sich schwer tut. Bei David Alaba war es auch so. Sie haben gesagt: Konzentriere dich lieber auf deine Fußball-Karriere, danach kannst du immer noch etwas machen.

LAOLA1: Hat man dann nicht Bedenken, wenn man sich gröber verletzt?

Friesenbichler: Die habe ich überhaupt nicht. Mein Vater hatte eben zahlreiche Schienbeinbrüche und trotzdem neun Jahre lang Profi-Fußball gespielt. Wenn man etwas will, kann man immer wieder zurückkommen. Wer im Kopf gut ist, kann sehr viel erreichen.

LAOLA1: Wie?

Friesenbichler: Er hat mir die Ruhe vor dem Tor eingepflanzt. Auch emotional ist er ein sehr guter Trainer. Er pusht dich so, dass du bei einem Spiel genau weißt: Jetzt geht es los, jetzt musst du Gas geben.

LAOLA1: Brauchst du so einen Trainer?

Friesenbichler: Naja, es ist etwas anderes, wenn ein Trainer vor dem Spiel richtig Gas gibt oder wenn er dasteht und alles ruhig erklärt. Die Motivation ist einfach größer.

LAOLA1: Du hast die Ruhe vor dem Tor angesprochen. Das ist das, was all deine Trainer als deine große Qualität bezeichnen. Bist du einfach so ein cooler Hund?

Friesenbichler: (lacht) Ich versuche einfach, mich in jedem Spiel zu konzentrieren. Wir üben das im Training, es ist ja nicht so, dass das von ganz alleine gekommen ist. Ich glaube, dass ich das auch von meinem Vater und meinem Onkel habe, die beide Stürmer waren bzw. sind und vor dem Tor auch richtig stark sind. Da konnte ich mir etwas abschauen.

LAOLA1: Also einfach nicht zu viel nachdenken, sondern instinktiv handeln?

Friesenbichler: Der erste Gedanke ist immer der beste. Mit dem Nachdenken beginnt man nur, wenn es schlecht läuft.

LAOLA1: Hattest du schon einmal eine Phase, in der es nicht gelaufen ist, in der du zehn, 15 Spiele nicht getroffen hast?

Friesenbichler: Nein. Aber ich hatte viele Phasen, in denen ich verletzt war. Vor zwei Jahren hatte ich einen Wirbelbruch, voriges Jahr hatte ich Probleme mit der Schulter und im November habe ich mir zwei Mittelhandknochen gebrochen. Aber ich bin immer relativ schnell wieder zurückgekommen. Eigentlich hat mich jede Verletzung stärker gemacht. Kurioserweise sind alle drei Verletzungen beim Nationalteam passiert. Die Bayern hat das eher weniger gefreut. (grinst)

LAOLA1: Kommt da irgendwann dieser Moment, an dem man sich sagt, man muss diesen Respekt, den man anfangs natürlich hat, ablegen, um reüssieren zu können?

Friesenbichler: Ich habe gar nicht so viel darüber nachgedacht, wer das aller ist. Wenn du mit dem Nachdenken anfängst, kannst du damit gar nicht mehr aufhören. Ich habe mich einfach auf mein Ding konzentriert, was mir relativ gut gelungen ist.

LAOLA1: Im Sommer hast du ja in einem Testspiel drei Tore gemacht. Danach sind auch in deutschen Medien einige Artikel über dich zu lesen gewesen. Wie ist es, wenn man liest, man sei „das neue Sternchen am Bayern-Himmel“? Es gibt sogar eine Facebook-Gruppe die „Kevin Friesenbichler – das neue Supertalent“ heißt...

Friesenbichler: Das ehrt mich und ist super. Aber ich habe bis jetzt noch nichts erreicht. Wenn ich Stammspieler bei den Bayern bin oder in einer europäischen Top-Mannschaft spiele, dann habe ich etwas erreicht. Bis dahin sehe ich das alles locker. Und diese Facebook-Gruppe werden wahrscheinlich irgendwelche lustigen Freunde von mir gemacht haben (lacht).

LAOLA1: Toni Vastic hat sich ja dazu entschieden, die Bayern zu verlassen. Was sagst du dazu?

Friesenbichler: Ich finde, dass Toni den richtigen Schritt gemacht hat. Für ihn ist es in letzter Zeit nicht so gut gelaufen, er hat wenig gespielt und sich mit dem Trainer nicht gut verstanden. Es ist ja nichts Schlechtes, sich in der österreichischen Bundesliga zu etablieren und dann wieder Richtung Ausland zu schauen. Mal sehen, ob er sich durchsetzt, aber er kann es auf jeden Fall.

LAOLA1: Wie sieht es bei dir aus? Hast du einen Zeitplan im Kopf?

Friesenbichler: Nein. Ich meine, wenn ich mit 27 noch immer bei den Amateuren spiele, ist es natürlich nicht gut. Aber ich mache mir keinen Stress, ich habe noch genügend Zeit. Mein erster Ansprechpartner sind die Bayern, ich will es auf jeden Fall hier schaffen und im Moment sieht es sehr gut aus.

LAOLA1: Mehmet Scholl ist noch ein halbes Jahr, bis er sein Amt niederlegt, dein Trainer. Wie hast du ihn bisher so erlebt?

Friesenbichler: Er ist ein sehr guter Trainer, der mich sehr viel weiterbringt – vor allem im körperlichen und läuferischen Bereich, wo meine Schwächen liegen. Leider verlässt er uns im Sommer, aber die Bayern werden einen würdigen Nachfolger finden. Wir werden im Frühjahr alles dafür geben, um den Aufstieg zu schaffen, damit er ein schönes Abschiedsgeschenk kriegt.

LAOLA1: Dein Vater war Spieler und ist Trainer. Ist es nicht ab und zu anstrengend, wenn man daheim dann auch nur über Fußball sprechen muss?

Friesenbichler: Manchmal nervt es mich schon. Aber mein Vater hilft mir viel weiter, obwohl er sich überhaupt nicht einbringt. Er war noch nie hier in München, auch bei der Admira war er nie – er will damit nicht in Verbindung gebracht werden. Daheim schaut er sich freilich schon Videos an, analysiert sie und sagt mir, was ich tun soll. Natürlich kann ich nicht nur machen, was er mir sagt. Wenn der Trainer etwas anderes verlangt, mache ich das.

LAOLA1: Du hast Alaba schon angesprochen. Wieviel Kontakt habt ihr?

Friesenbichler: Er ist ja nicht oft in München. Aber wenn er Zeit hat, gehen wir Essen oder spielen bei ihm Playstation. Er ist ein guter Freund.

LAOLA1: Wer spielt auf der Playstation dann mit den Bayern?

Friesenbichler: Er. Er ist der ältere. Bei mir ist es unterschiedlich, mit wem ich spiele.

LAOLA1: Man hört immer wieder, dass er ein bisschen auf euch Österreicher im Nachwuchs Acht gibt. Ist das wirklich so?

Friesenbichler: Ja, klar. Bei den Amateuren sind aktuell auch noch Oliver Markoutz und Alessandro Schöpf – wir drei sind eine Partie, sind immer zusammen und helfen uns gegenseitig viel weiter. Es ist wichtig, jemanden zu haben, mit dem man sich gut versteht.

LAOLA1: Werdet ihr als Österreicher in Deutschland manchmal noch belächelt?

Friesenbichler: Nein, wir werden auf jeden Fall respektiert. Wobei es normal ist, im Training manchmal Witze über Österreicher zu hören. Wir sind voll in das System integriert und werden überhaupt nicht benachteiligt.

LAOLA1: Wie waren für dich eigentlich die ersten Trainings und Spiele bei den Profis?

Friesenbichler: Am Anfang ist es eine extreme Umstellung. Das Tempo ist viel höher. Aber mir ist es relativ gut gegangen. Bei den Spielen habe ich regelmäßig getroffen und in den Trainings ist es auch immer besser geworden. Mir hat es richtig gut gefallen, wie es da zugeht. Außerdem hat mir jeder einzelne Spieler weitergeholfen. Es gibt keinen, der gesagt hat: „Was willst du eigentlich da?“

LAOLA1: Er hat in seiner Funktion als TV-Experte während der EURO 2012 wissen lassen, dass er auf Stürmertypen wie Mario Gomez nicht unbedingt abfährt. Du bist ihm ja sehr ähnlich...

Friesenbichler: Ich glaube, dass war ein Missverständnis. Er hat sich komisch ausgedrückt. Ich kann das überhaupt nicht bestätigen, er hat mich gut aufgenommen und ist zu mir wie zu jedem anderen Spieler auch. Ich habe keinen Nachteil.

LAOLA1: Konkret hat er gesagt, dass er Angst gehabt hätte, dass sich Gomez wundliegt, weil er sich so wenig bewegt. Erwartet er von dir viel Bewegung?

Friesenbichler: Es kommt immer aufs System an. Wir spielen aktuell mit einer Spitze – da musst du nicht links und rechts auf der Seite sein. Das geht auch gar nicht, weil du nicht soviel laufen kannst. Aber natürlich verlangt er eine gewisse Präsenz und Bewegung.

LAOLA1: Nicht nur die Amateure, sondern auch die Profis bekommen im Sommer einen neuen Trainer. Wie ist die Aussicht, bald unter Pep Guardiola trainieren zu können?

Friesenbichler: Er ist derzeit wahrscheinlich der beste Trainer der Welt. Es freut mich, dass er mit uns arbeiten wird. Er wird eine neue Philosophie und ein neues System mitbringen. Darauf müssen wir uns einstellen. Mal schauen, wer da reinpasst.

LAOLA1: Wie hast du diesen Hype in München erlebt?

Friesenbichler: Alle drehen komplett durch, jeder redet nur noch darüber. Ich finde aber, man sollte noch nicht soviel darüber sprechen. Jupp Heynckes ist noch da und der hat viel geleistet. Man sollte ihn seine Arbeit fertig machen lassen. Es wäre super, wenn er zum Abschied drei Titel geschenkt bekommen würde.

Das Gespräch führten Harald Prantl und Bernhard Kastler

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