Klopps Nachfolger passt nicht zum BVB

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Die Überraschung hielt sich in Grenzen, als Borussia Dortmund den Nachfolger von Jürgen Klopp benannte.

Thomas Tuchel übernimmt den BVB ab Sommer und wird mit einem Dreijahres-Vertrag ausgestattet.

Der 41-Jährige trainierte von 2009 bis 2014 die Profis des 1. FSV Mainz 05, ehe er sich trotz laufenden Vertrags ein Sabbatical nahm und für ein Jahr pausierte.

Seither geisterte sein Name alle paar Wochen durch die Gazetten. Sobald ein Trainer entlassen wurde, hielten sich hartnäckig die Gerüchte, Tuchel könnte den betreffenden Klub übernehmen.

So "logisch" ist Tuchel nicht

Vielerorts wird er daher als „logischer“ Klopp-Nachfolger und beste Lösung betrachtet. Kritik an der Bestellung gibt es in den Medien keine, dabei ist es durchaus lohnenswert, einen genaueren Blick auf die Entscheidung des BVB zu werfen. Denn so „logisch“ ist die Wahl vielleicht gar nicht.

Es stellt sich die Frage, ob sich der künftige BVB-Coach einen Gefallen tut, erneut in die Fußstapfen „Kloppos“ zu treten. Der war wie Tuchel früher in Mainz tätig und sorgte anschließend in Dortmund für Furore. Es kann nicht der Anspruch von „TT“ sein, lediglich als Klopp-Klon in die Annalen der deutschen Trainer-Historie einzugehen.

Am eigenen Vermächtnis gescheitert

Klopp, der eloquente Fußball-Lehrer, führte einen Verein, der kurz zuvor den finanziellen Bankrott mit Müh und Not verhinderte, von einem Mittelständler in der Bundesliga zu zwei Meisterschaften, einem Pokalsieg sowie ins Champions-League-Finale 2012/13, das denkbar knapp mit 1:2 gegen den FC Bayern verloren ging.

Das Erbe des von den Fans vergötterten Coaches anzutreten, ist nicht nur kein leichtes, es ist schlicht nicht zu bewältigen. Klopp selbst scheiterte an seinem eigenen Vermächtnis, wie er im Rahmen der Pressekonferenz zu seinem bevorstehenden Abschied bestätigte.

„Ich glaube, dass Borussia Dortmund tatsächlich eine Veränderung braucht. So lange ich hier bin, werden wir immer mit den vergangenen Erfolgen verglichen“, erklärte der 47-Jährige.

Die Konkurrenz schläft nicht

Seine Entscheidung in Ehren, doch auch unter Tuchel wird sich das nicht ändern. Zu omnipräsent war Klopp in den letzten Jahren. Der BVB hat die Ambition, „Best of the Rest“ hinter dem FC Bayern zu sein. Selbst diesem will man hin und wieder den Titel streitig machen.

Angesichts der Katastrophen-Saison, die die Schwarz-Gelben hinlegten, ist man davon allerdings derzeit meilenweit entfernt. Ein Umbruch kündigt sich an, trotz oder gerade wegen des Abschieds des langjährigen Rädelsführers.

Ob die Borussen unter ihrem neuen Trainer auf Anhieb wieder in die Erfolgsspur finden, erscheint angesichts der aufrüstenden Konkurrenz fraglich. Der VfL Wolfsburg spielt eine überragende Saison und verfügt mit VW über einen überaus potenten Geldgeber, Borussia Mönchengladbach hat sich inzwischen im Spitzenfeld etabliert, dazu kommen der FC Schalke 04 und Bayer Leverkusen, die ebenfalls die Champions League als Ziel ausgeben.

Mainz ist nicht Dortmund

 Tuchel gilt zweifellos als Taktik-Fuchs und hat seine Qualitäten in Mainz über mehrere Jahre unter Beweis gestellt, diesbezüglich sei die Bezeichnung „Bruchweg-Boys“ ins Gedächtnis gerufen.

Doch bei allem Respekt vor seinen Leistungen mit dem FSV: Die Tabellenränge neun, fünf, 13, 13 und sieben sind für einen vermeintlich „Kleinen“ in der Bundesliga aller Ehren wert, der Auserwählte muss in Dortmund aber erst noch den Beweis erbringen, dass er auch einen großen Klub führen kann. Als Klopp kam, war der BVB am Boden. Inzwischen ist die Champions-League-Teilnahme Pflicht, Titelgewinne sind die Kür.

Klopp war das Gesicht des Erfolges

Der gebürtige Stuttgarter hat es wie kein anderer verstanden, das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Immer emotionsgeladen, stets mit einem lockeren Spruch auf den Lippen – Klopp war das Gesicht des Erfolges beim BVB und zog das Gros der Medienaufmerksamkeit auf sich.

Tuchel ist viel zurückhaltender, weniger gesellig und lebt lieber in seiner eigenen kleinen Welt. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Klopp und den Klub-Bossen, von dem Hans-Joachim Watzke immer sprach, ist über die Jahre entstanden und gewachsen. Ob Tuchel sich auch auf sportlicher und persönlicher Ebene ebenso blind mit dem Geschäftsführer sowie Manager Michael Zorc versteht, ist unwahrscheinlich.

Schwere Vorwürfe gegen Tuchel

Gerade diese menschlichen Qualitäten waren jedoch in Dortmund gefragt und ein entscheidender Faktor für die kongeniale Partnerschaft zwischen Trainer, Stadt und Verein. Bei Tuchel gab es indes viele Unkenrufe, nachdem er Mainz vorzeitig verließ. Die Fans warfen ihm vor, den Klub aus Eigeninteresse im Stich gelassen zu haben.

Ex-Schützling Heinz Müller erhob schwere Vorwürfe und bezeichnete ihn im „kicker“ als „Diktator“. „Was er mit mir gemacht hat, war Mobbing hoch zehn!“ Ob es lediglich die gekränkte Eitelkeit des von Tuchel aussortierten 37-Jährigen war, die ihn zu diesen Aussagen hinriss, oder ob die Vorwürfe tatsächlich Substanz haben, ist bis dato ungeklärt. Fest steht, dass sie kein gutes Licht auf Tuchel werfen.

Auf den ersten Blick mag er der richtige Mann für Dortmund sein. Ein zweiter offenbart hingegen, dass er nicht der Heilsbringer ist, als den ihn viele sehen wollen. Zweifel sind angebracht. Ab Sommer bietet sich ihm die Chance, sie auszuräumen.


Christoph Nister

 

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