"Als Profi willst du einmal in Deutschland spielen"

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Wenn der „Gepard“ zum Leitwolf wird.

Als einziger Feldspieler im Kader des Hamburger SV hat Paul Scharner die Feierlichkeiten zum 30. Geburtstag bereits hinter sich – und das seit knapp zweieinhalb Jahren.

Nach sechseinhalb Jahren in der englischen Premier League hat der Niederösterreicher in der norddeutschen Metropole angeheuert, um als erfahrener Innenverteidiger eine enorm verjüngte Mannschaft zu führen.

Im Idealfall in höhere Tabellenregionen als in der vergangenen Saison, als der Bundesliga-Dino bis zuletzt in den Abstiegskampf verwickelt war und die Saison auf Rang 15 beendet hat.

HSV gehört zu den größten Klubs in Deutschland

Die drei Buchstaben HSV lösen bei Scharner dennoch positive Emotionen aus: „Der HSV ist ein absoluter Traditionsklub in Deutschland. Sie sind sportlich ein bisschen in einem Tal drinnen, aber generell gehören sie meiner Meinung nach von den Fans und vom Umfeld her zu den größten Klubs in Deutschland.“

Ein Tal, das in der Medienstadt keinen kalt lässt. Die Kritik an Sportvorstand Frank Arnesen, der den ÖFB-Kicker aus seiner Zeit als Sportdirektor von Chelsea gekannt hat, wurde in der jüngeren Vergangenheit immer heftiger. Auch Trainer Thorsten Fink blies zwischenzeitlich schon ein rauer Wind entgegen.

Das Duo setzte im Sommer dennoch unbeirrt seinen Umbruch fort und trennte sich von einstigen Aushängeschildern wie David Jarolim, Mladen Petric oder Paulo Guerrero.

Scharner, Fink und der vermeintliche Fragebogen

Fink war es auch, der Hauptdarsteller in der ersten vermeintlichen „Scharner-Anekdote“ aus Hamburg war, da dieser beim Job-Interview mit dem Coach einen Zettel hervorkramte und ihm zehn Fragen stellte. So zumindest die in den Medien kolportierte Version des Coaches.

Scharner relativiert dies etwas, betont, sich lediglich auf das Gespräch vorbereitet zu haben: „Es war kein Fragebogen. Ich habe mich nur für die Person Thorsten Fink interessiert, wie seine Spielerkarriere war, wie seine Trainerkarriere bis jetzt verlaufen ist und was er beim HSV vorhat. Das ist meiner Meinung nach legitim.“

57.000 Zuschauern bietet die Imtech Arena Platz. Es ist eines jener modernen Stadien, die im Zuge der WM 2006 errichtet wurden. Die in den letzten Jahren enorm verbesserte Infrastruktur in unserem Nachbarland übt immer mehr Strahlkraft auf Profis aus.

„Das Fanaufkommen und die Infrastruktur sind in Deutschland einfach Weltklasse. Ich glaube, da kommt auch England nicht nach, weil sie einfach nicht die neuen Stadien haben. Von der Qualität der Liga her ist es irrsinnig ausgeglichen. Als Profi willst du einfach einmal in der deutschen Bundesliga gespielt haben“, schwärmt Scharner, den es begeistert, dass der HSV trotz Abstiegskampfs in der Vorsaison einen Schnitt von 53.000 Fans hatte.

Premier League? „Die Statistik spricht eh für sich“

Ein Wechsel nach Deutschland habe daher in dieser Sommerpause Priorität gegenüber einem Verbleib auf der Insel gehabt. Wobei der Umzug sicherlich auch eine Steigerung in Sachen Lebensqualität mitbringt, nicht nur, weil Hamburg als eine enorm lebenswerte Stadt gilt.

Als dreifacher Familienvater dachte der Niederösterreicher auch an seinen Nachwuchs: „Wir haben im Moment vor, dass wir nach der Karriere nach Österreich zurückziehen, und dann sollten die Kids Deutsch in Wort und Schrift können. Das ist in England äußerst schwierig zu bewerkstelligen.“

Die Zweisprachigkeit seiner Kinder will er jedoch weiter fördern, weshalb ein Englisch-Privatlehrer engagiert und zu Hause „geswitcht“ werden soll: „Bis jetzt haben wir zu Hause immer nur Deutsch gesprochen, weil sie in der Schule und mit Freunden überall Englisch geredet haben. Jetzt werden wir es wahrscheinlich umdrehen.“

Scharner selbst kann einen zufriedenen Schlussstrich unter das Abenteuer England, das ihn zuerst zu Wigan und dann zu West Bromwich führte, ziehen: „Die Statistik spricht eh für sich: 207 Premier-League-Spiele und 21 Tore als Defensivspieler – das hört sich ganz gut an.“

„Happel hat einen absoluten Extrastatus in Hamburg

Gut an hört sich in seiner neuen Heimat immer noch der Name Ernst Happel. Der Kult-Coach ist fraglos der Österreicher, der in der an der Elbe und Alster gelegenen Stadt bislang den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat, immerhin führte er die Hanseaten zum Sieg im Meistercup (1983), zur Meisterschaft (1982 und 1983) sowie zum DFB-Pokal-Sieg (1987). Seit dem Ende der Ära des Wieners ist der HSV titellos.

Scharner erzählt, dass er noch gar nicht so oft auf seinen 1992 verstorbenen Landsmann angesprochen wurde: „Aber er ist einfach eine Trainer-Legende, im Prinzip immer noch der Beste. Das sieht man auch, wenn man im Stadion ist und sich die Bilder anschaut. Er hat einen absoluten Extrastatus in Hamburg.“

Gut möglich, dass der 40-fache Internationale bereits am kommenden Wochenende im Pokal gegen Karlsruhe seinen Einstand im HSV-Dress feiert. Scharner selbst sieht sich jedenfalls trotz der späten Unterschrift bei seinem neuen Arbeitgeber körperlich bestens in Schuss.

Er habe bei ÖFB-Fitness-Coach Roger Spry hart gearbeitet und sei laut Tests auf dem Level der HSV-Spieler, die die ganze Vorbereitung mitgemacht haben.

„Wir brauchen zehn super Tage“

„Ich bin ready, ich brauche keine Eingewöhnungsphase“, verspricht der 32-Jährige und kann auch dem Argument fehlender Spielpraxis nichts abgewinnen: „Irgendwann muss ich ja zum Spielen anfangen! Ich kann nicht die nächsten fünf Monate sagen, ich habe keine Spielpraxis und kann nicht spielen.“

Selbiges gilt auch für das Türkei-Länderspiel des ÖFB-Teams, in dem er sich im Juni mit zwei guten Leistungen gegen die Ukraine und Rumänien im beinharten Kampf um einen Stammplatz in der Innenverteidigung in Position gebracht hat.

Daraus, dass die Qualifikation für die WM 2014 für ihn eine „persönliche Angelegenheit“ sei, machte er zuletzt kein Geheimnis, da es höchstwahrscheinlich seine letzte Chance auf eine Turnier-Teilnahme darstellt: „Von meiner Seite wird einiges an Herzblut reinfließen.“

Dass die Mission Brasilien 2014 jedoch kein Selbstläufer wird, ist ebenso wenig ein Geheimnis. Scharners Prognose: „Es ist definitiv eine außergewöhnliche Leistung notwendig, wenn wir uns qualifizieren wollen. Wir haben zehn Spieltage und brauchen zehn super Tage, sonst wirst du dich nicht qualifizieren.“

Peter Altmann

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