"Wir sind kein Verein, wir sind eine Fußball-Firma"

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Internationale Fußball-Legenden sind in Wien nicht alltäglich anzutreffen.

Ein Nachwuchs-Turnier bedingte allerdings, dass mit Paul Breitner eine der größten Österreich mal wieder einen Besuch abstattete.

Welt- und Europameisterschaft, Pokal der Landesmeister und zahlreiche weitere Erfolge zieren die Laufbahn des heute 61-Jährigen, der neben dem FC Bayern auch für Real Madrid und Eintracht Braunschweig die Schuhe schnürte.

Wenn so ein Kaliber spricht, hört man gerne zu. Und zu erzählen hat der einstige Abwehrrecke, der die Münchner heute weltweit repräsentiert, einiges.

Warum er als Trainer ins Gefängnis gekommen wäre, was das Erfolgsgeheimnis der Bayern ist und wieso Pep Guardiola verpflichtet wurde, sind nur drei Fragen, die im LAOLA1-Interview beantwortet werden:

LAOLA1: Ihre offizielle Rolle beim FC Bayern ist aktuell Marken-Botschafter. Füllt Sie diese Tätigkeit voll aus, oder ist der Wunsch da, doch mehr ins operative Geschäft eingreifen zu können?

Paul Breitner: Ich habe 23 Jahre beim FC Bayern nichts gemacht und mir ist auch nichts abgegangen. Ich wollte weder beim FC Bayern noch woanders einen Job haben. Ich habe 1983 mit 31 Jahren relativ früh aufgehört, weil ich aus dem Tages-Fußballgeschäft raus wollte. Ich habe mir mein Leben so aufgebaut, dass der Fußball nicht Schwerpunkt war.

LAOLA1: Nun sind Sie aber beim FC Bayern angestellt.

Breitner: Ich mache das jetzt so als freischaffender Künstler. Ich repräsentiere den FC Bayern weltweit. Wir haben, alleine was Weltkonzerne betrifft, zwei Dutzend Partner. Darüber hinaus noch regionale und nationale Firmen, die mit uns zusammenarbeiten. Die wollen natürlich immer wieder irgendjemanden vom FC Bayern in ihren Head Quarters sehen und für diese Aufgabe hatten wir niemanden. Franz Beckenbauer hat sich ja völlig zurückgezogen, Karl-Heinz Rummenigge ist im Tagesgeschäft, das geht nicht. Uli Hoeneß als Präsident kann nicht alles alleine machen. So ist es eben meine Rolle, bei bestimmten Anlässen, wie auch dem FC Bayern Youth Cup, den Verein zu repräsentieren. Das mache ich gerne und freiwillig. Ich bin nicht angestellt und kann auch einmal Nein sagen.

Bild aus den Tagen des WM-Triumphs: Breitner mit Gerd Müller

LAOLA1: Der Wunsch, Trainer zu werden, hat sie nach Ihrer aktiven Karriere nie getrieben?

Breitner: Nein, sonst wäre ich ab 1983 Trainer. Ich hatte einfach die Schnauze voll vom Fußball.

LAOLA1: Hat sie der Fußball ausgelaugt?

Breitner: Nein, ich bin kein Sportfanatiker. Fußball war für mich wunderbar. Aber primär bin ich Fußballer geworden, um mein Studium zu finanzieren, nicht um Weltmeister zu werden. Das hat sich so ergeben. Ich habe es gemacht, solange ich Lust hatte. Die Idee, Trainer zu werden, gab es nie, was auch gut so ist. Bei dem Anspruch, den ich an mich als Spieler gestellt habe, hätte ich selbigen auch an meine Spieler gestellt. Da wäre ich nach dem zweiten Spiel schon ins Gefängnis gekommen, weil ich irgendeinen Spieler gewürgt oder anders durchgedreht wäre. Auch ins Management zu gehen stand nie zur Debatte. Denn wenn ich Manager werde, dann nur beim FC Bayern und wir hatten schon den besten. Und ich bin kein Zweiter. Deswegen hat mich das nicht interessiert.

LAOLA1: Ihre Einstellung zum Fußball als Beruf abseits eines Lebens, das den Sport überdauert – sind das Werte, die den Kickern von heute vermittelt werden können?

Breitner: Man braucht und kann auch niemanden etwas vermitteln. Ein jeder muss für sich wissen, was das Wichtigste für ihn ist. Für die meisten Spieler ist der Fußball das Nonplusultra, das Schönste und Beste in ihrem Leben. 99 Prozent sehen das so, ich habe es eben anders gesehen. Mich hat die ganze Woche nicht interessiert, gegen wen wir am Samstag spielen. Das war aber meine Einstellung, die man niemanden oktroyieren kann.

LAOLA1: Auch wenn Sie das schon als Aktiver nicht gerne gemacht haben, gibt es doch ein Spiel, auf das wir vorausschauen müssen, das CL-Rückspiel gegen den FC Arsenal. Alles gegessen oder?

Klopp: "Die Bayern agieren wie die Chinesen in der Wirtschaft"

Breitner: Dortmund hat uns dazu gezwungen, einen Schritt oder zwei Schritte, nach vorne zu machen. Und Dortmund hat uns gezwungen, aufzuwachen und zu sagen: „Hoppla! Stillstand ist Rückschritt. Vielleicht trifft das auf uns zu.“ Dortmund ist in den letzten zwei Jahren verdient Meister geworden. Wir haben das zwar respektiert und akzeptiert, uns selbst aber gefragt, was falsch gemacht und was übersehen wurde. Wir mussten korrigieren und haben das gemacht. Deswegen sind wir wieder in die alte Erfolgsspur des FC Bayern zurückgekommen.

LAOLA1: Wie kommentieren Sie dahingehend den von Jürgen Klopp getätigten Vergleich des FC Bayern als „China des deutschen Fußballs“, das nur mit größeren Ressourcen kopiert?

Breitner: Gar nicht, denn das ist Kindergarten!

LAOLA1: Die Saison wird mit zahlreichen Rekorden und womöglich sogar mit drei Titeln beendet werden. Im Sommer kommt mit Pep Guardiola ein neuer Trainer. In wie weit ist da ein weiterer Fortschritts-Versuch, der sich womöglich auch in neuen Gesichtern widerspiegelt, sinnvoll?

Breitner: Wir sind kein Verein, wir sind eine Aktiengesellschaft, wir sind eine Fußball-Firma, wir sind eine Fußball produzierende Firma. Wie jede andere Firma dieser Welt hat diese die Aufgabe, sich ständig weiterzuverbessern. In dem Moment, in dem ich irgendein Produkt herstelle, ist meine Verantwortung die, zu schauen, wie das Produkt noch besser gemacht werden kann. Genauso ist es bei uns. Egal ob wir heuer zwei oder drei Titel gewinnen, wir werden wieder schauen, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, unsere Mannschaft – und sei es nur hinter dem Komma – zu verbessern. Wie das aussieht, wird die Zukunft zeigen.

LAOLA1: Wird diese Zukunft auch mit Neuverpflichtungen stattfinden, die sich in der Preisklasse eines Javi Martinez befinden?

Breitner: Darüber kann ich nicht reden, außerdem ist das Hätti-wari! Lassen Sie uns nicht über etwas reden, worüber es sich nicht lohnt zu reden.

LAOLA1: Abseits von Neuverpflichtungen steht beim FC Bayern ja auch der Einbau der eigenen Jugendspieler Tradition, was mit ein Beweggrund für Pep Guardiola war.

Breitner: Ja, da gibt es keine zwei Meinungen. Wir sind im Moment möglicherweise die stabilste und stärkste Mannschaft in Europa, zumindest so, wie wir uns in den letzten Monaten präsentieren. Da gibt es im Moment kein besseres Team, außer der FC Barcelona erholt sich und kommt wieder in die Spur. Dann sind sie nach wie vor die Nummer eins. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir einer der ganz großen Favoriten für das Finale in London sind.

LAOLA1: Also vor Gegnern wie Real Madrid oder Juventus Turin, die ebenso durch starke Leistungen in letzter Zeit geglänzt haben, hat man beim FC Bayern keine Angst?

Breitner: Beim FC Bayern hat nie jemand vor irgendeinem Verein Angst gehabt, weil man auch eines lernen kann: Wenn wir – ob vor einigen Jahren oder jetzt – unsere Normalform abrufen, muss sich nicht um den Gegner gekümmert werden. Wer das nicht tut, braucht auch keine Angst haben, weil er dann eh keine Chance hat. Das ist auch ein Geheimnis des FC Bayern: Mach es nicht zu kompliziert! Mach dir nicht zu viele Gedanken über den Gegner! Es zählt nur die eigene Stärke. Und wenn du die ausspielen kannst, braucht dich der Gegner nicht zu interessieren. Wenn wir so spielen wie gegen Arsenal in London, demonstrieren wir unsere Qualität.

LAOLA1: Wie sehr ist diese Stärke, die der FC Bayern mit einigen Ausnahmen über die ganze Saison schon repräsentiert, dem Rivalen Borussia Dortmund geschuldet, der den Münchnern in den letzten Jahren national doch den Rang abgelaufen hat? Anders gefragt: Hat Dortmund die Bayern stärker gemacht?

Breitner: Nein, nein, nein. Das mag ein Grund gewesen sein, aber die wichtigsten Gründe sind, dass der FC Bayern der am besten und am seriösesten geführte Klub der ganzen Welt ist. Dass wir unter den Top-50-Klubs vielleicht der einzige sind, der seit 22 Jahren Geld verdient. Wir können das Geld ausgeben, auch wenn es 40 Millionen wie für Javi Martinez sind, weil wir es verdienen. Wir müssen es nicht leihen, müssen keine Schulden machen. Das gibt es nur bei uns. Pep Guardiola hat sich entschieden, seriös, erstklassig und bestens geführt weiterarbeiten zu können. Das ist es. Alles andere sind Nebenschauplätze.

LAOLA1: Träumt der FC Bayern von einem Status, den aktuell der FC Barcelona innehat, weltweit das Vorbild für den Großteil der Fußball-Teams zu sein?

Breitner: So anmaßend sind wir nicht. Wir wollen aber, dass der FC Bayern nicht nur sporadisch wie in den letzten zehn Jahren, um die Champions League mitspielt und zu den zwei besten Teams Europas zählt, sondern dass es ständig so ist.

LAOLA1: Worauf freuen Sie sich als Kenner des spanischen Fußballs beim neuen FC Bayern unter Pep Guardiola?

Breitner: Schlicht und ergreifend auf das, was ich vorher gesagt habe: noch ein bisschen besser zu werden.

 

Das Interview führte Christian Eberle

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