Luxussituation im Tor des FC Ingolstadt

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"Die Bergluft ist super, sie tut allen gut, manche kriegen da sogar einen klaren Kopf", scherzt Ramazan Özcan im Trainingslager des FC Ingolstadt in Mittersill. "Es ist schön, wenn man die Berge sieht, in Österreich ist und endlich mal wieder gescheite Nachspeisen hat", gibt sich der ÖFB-Keeper durchaus locker.

Dass er sich aktuell mitten im Konkurrenzkampf mit Örjan Nyland um die Position im Tor des Bundesliga-Aufsteigers befindet, merkt man ihm im Gespräch auf Schloss Mittersill, der Unterkunft der Schanzer, nicht an.

Und doch liegt Spannung über der Vorbereitung, die für den 31-Jährigen mit einem bitteren Déjà-vu enden könnte.

"Rambo" in der Bundesliga, Teil 1

In der Saison 2007/08 bestritt der Vorarlberger die Rückrunde der 2. Bundesliga als Nummer eins der TSG Hoffenheim und schaffte mit den Kraichgauern den Aufstieg. Im Oberhaus bestritt "Rambo" die ersten sechs Spiele, musste dann verletzungsbedingt pausieren und sich fortan hinten anstellen.

"Ich habe schon öfter betont, dass die Vergangenheit Vergangenheit ist. Jetzt sind wir hier in Österreich im Trainingslager mit Ingolstadt und ich konzentriere mich auf mich", ist sein erstes, kurzes Kapitel Bundesliga-Geschichte kein Thema mehr. "Ich glaube, seit ich in Ingolstadt bin, habe ich vier sehr gute Jahre gespielt", ist sich der Schlussmann bewusst, dass er auf eine erfolgreiche Zeit beim FCI zurückblicken kann.

Er erwies sich in Ingolstadt als sicherer Rückhalt und ließ in den letzten Jahren auch eine persönliche Weiterentwicklung erkennen, vor allem in puncto Mitspielen. "Man versucht sich natürlich an den Plan des Trainers anzupassen. Er wollte in der 2. Bundesliga hoch stehen, das Offensivpressing hat uns ausgemacht und da musst du als Tormann deinen Vorderleuten das Gefühl geben, da hinten steht einer, der da ist, wenn mal ein Ball durchgeht", erklärt Özcan. "Das ist natürlich mit Risiko verbunden, aber das musst du nehmen und über die letzte Saison gesehen, sind wir damit sehr gut gefahren."

"Neue müssen zeigen, dass sie besser sind"

Mit Neuzugang Nyland haben sich die Schanzer nun einen zweiten Team-Goalie in den Kader geholt. Der 23-Jährige kam vom norwegischen Meister Molde FK. Als Nummer eins der in ihrer Quali-Gruppe H auf Rang drei liegenden Norweger, darf sich Nyland Hoffnungen auf die EM im kommenden Jahr machen. Vor diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, dass er sich Chancen ausrechnet, auch in Ingolstadt Stammspieler zu werden.

"Ich glaube schon, dass er weiß, dass er nicht hierher kommt und sofort unumschränkte Nummer eins ist, sondern sich erst einmal behaupten muss", sagt Coach Ralph Hasenhüttl über seinen Neuzugang. "Wir waren ja nicht so schlecht letzte Saison, daher muss jeder Neue erst einmal zeigen, dass er besser ist als die, die schon hier waren. Das ist nicht so leicht."

Ramazan Özcan
Geburtsdatum 28.6.1984 (31)
Größe 1,87 m
starker Fuß links
Vertrag bis 2016
bisherige Vereine (Spiele) A. Lustenau (89)
RB Salzburg (2)
TSG Hoffenheim (29)
Besiktas Istanbul (2)
FC Ingolstadt  (123)
Titel Meister: RB Salzburg (2007)

Der Steirer sieht Nyland als Typ, der den Konkurrenzkampf gerne annimmt, sich dadurch pusht und besser wird. "Er ist natürlich bei weitem noch nicht ausgereift als Torhüter, aber er hat sensationelle Anlagen, etwa im Eins gegen Eins. Wenn er sich vor dir aufbaut, hat er eine unglaubliche Größe und Spannweite. Da merken die Stürmer, dass es nicht so einfach ist, vorbei zu kommen", beschreibt Hasenhüttl den 1,92 Meter großen Keeper.

Keine klare Nummer eins?

Eine Tendenz, wer als Nummer eins in die Saison gehen wird, lässt sich der Aufstiegs-Trainer zum jetzigen Zeitpunkt der Vorbereitung naturgemäß nicht abringen. "Die Tendenz ist, dass beide im Moment sensationell gut halten, weil jeder natürlich alles in diesen Konkurrenzkampf hineinpackt", sagt er und hält fest, dass er genau diese Situation erwirken wollte. "Das ist das, was ich mir gewünscht habe. Im Endeffekt habe ich wirklich die Qual der Wahl. Wir haben zwei Super-Tormänner, das ist die Position, wo wir sicherlich am besten besetzt sind", urteilt Hasenhüttl, der sich womöglich gar nicht auf eine klare Nummer eins festlegen wird.

"Wer mich kennt, weiß, dass das auch von Woche zu Woche anders sein kann", verrät der 47-Jährige. "Was uns auszeichnet, ist, dass wir uns nie zurücklehnen. Das gilt auch für die Torhüter. Wir brauchen auf jeder Position Konkurrenzkampf, den haben wir im Tor jetzt absolut. Das ist für mich eine Luxussituation."

"Wenn ich gehe, werde ich in drei Tagen vergessen sein"

Özcan sieht die neue Konkurrenz jedenfalls gelassen und kann ihr sogar Positives abgewinnen. "Das ist nichts Neues für mich, es ist schon der dritte oder vierte Konkurrent für mich, seit ich hier bin. Ein neuer Impuls ist immer gut und ich bin in den letzten Jahren so gefahren, dass ich mich auf mich konzentriert habe und nicht auf das, was drumherum passiert ist", erklärt er.

Örjan Haskjold Nyland
Geburtsdatum 10.9.1990 (24)
Größe 1,92 m
starkter Fuß rechts
Vertrag bis 2019
bisherige Vereine IL Hödd (66)
Molde FK (84)
Titel Meister: Molde FK (2014)
Cup: IL Hödd (2012), Molde (2013, 2014)

Die ersten Wochen mit seinem neuen Konkurrenten scheinen keineswegs von Rivalität gekennzeichnet zu sein, vielmehr arbeiten die beiden zusammen. "Er ist ein guter Typ, wir helfen uns gegenseitig im Training, es ist ein positiver Konkurrenzkampf", stellt Özcan klar. "Ich bin ja auch kein schwieriger Typ. Ich helfe ihm gerne, auch außerhalb des Platzes. Das ist Konkurrenzkampf. Wir sind in der Bundesliga, da brauchen wir auf allen Positionen gute Leute."

Ein schwieriger Typ ist er wahrlich nicht. Man merkt ihm die Verbundenheit mit dem FCI an, deswegen akzeptiert der Teamplayer auch, dass der Erfolg der Mannschaft und des Klubs an oberster Stelle steht.

"Es geht hier nicht um Ramazan Özcan, ganz ehrlich. Wenn ich in vier oder fünf Jahren weg bin, werde ich in drei Tagen vergessen sein", stellt der beim Publikum äußerst beliebte Schlussmann sein Licht ein wenig unter den Scheffel. "Es geht darum, dass der FC Ingolstadt Bundesligareife präsentiert und dass wir als Mannschaft nach dem 34. Spieltag die Nase über dem Strich haben, das ist unser Ziel", klärt "Rambo" die Prioritäten.

 

Christoph Kristandl/Máté Esterházy

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