"Schalke steht für Emotionen"

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"Ein tolles Gefühl, das Schalke-Trikot zu tragen"

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Seit Beginn dieser Saison verstärkt Michael Gspurning auch ganz offiziell die rot-weiß-rote Abordnung in der deutschen Bundesliga.

Nachdem der Torhüter im Frühjahr bei der zweiten Mannschaft von Schalke 04 zum Einsatz gekommen ist, hat er nun einen bis Sommer 2016 datierten Vertrag bei der Kampfmannschaft der „Knappen“ unterschrieben.

Das Legionärs-Dasein ist für den 34-Jährigen beileibe nichts Neues. Bereits seit acht Jahren verdient er sein Geld im Ausland. Stationen in Griechenland bei AO Xanthi, PAOK Saloniki und Platanias wurden durch einen erfolgreichen USA-Aufenthalt bei den Seattle Sounders unterbrochen.

Derzeit befindet sich Gspurning mit den „Königsblauen“ auf Trainingslager in Österreich. In Velden nahm sich der Steirer Zeit, um im LAOLA1-Interview Einblicke in sein Leben auf Schalke zu geben. So ganz lassen ihn jedoch auch seine früheren Wahlheimaten nicht los.

LAOLA1: Du bist mit Schalke auf Trainingslager in Österreich. Inwiefern kommen Heimatgefühle auf?

Michael Gspurning: Es ist immer schön, in Österreich zu sein, aber ich sehe das eher neutral. Das Umfeld hier ist super, das Hotel toll, die Trainingsbedingungen spitze. Aber in erster Linie sind wir hier, damit wir hart arbeiten und malochen. Das steht im Vordergrund.

LAOLA1: Du atmest seit einem halben Jahr den Mythos Schalke ein. Was macht die Faszination dieses Vereins für dich aus?

Gspurning: Alleine der Name Schalke steht für Emotionen. Das habe ich inzwischen ein halbes Jahr miterleben dürfen. Es ist ein tolles Gefühl, dieses Trikot zu tragen, Teil dieses Kult-Klubs zu sein und das Ganze inhalieren zu können. Die ganze Stadt Gelsenkirchen ist Schalke und Schalke ist die Stadt. Das ist einfach ein Mythos.

LAOLA1: Kannst du beschreiben, wie die Leute im Pott Schalke leben?

Gspurning: Vom Balkon meiner Wohnung aus sehe ich in Schrebergärten, da hängen 50 Schalke-Fahnen - in jedem Vorgarten eine. Wenn man unterwegs ist, sieht man auf jedem Auto ein Schalke-Pickerl kleben. Die ganze Umgebung identifiziert sich mit dem Verein. Das merkt man überall.

LAOLA1: Du hast in deiner Karriere einiges erlebt. In Griechenland zum Beispiel sind die Fans auch nicht gerade unterkühlt. Steht Schalke da noch mal eine Stufe drüber?

Gspurning: Es ist anders. Ich würde es als angenehmer beschreiben. Sicher sind die Emotionen groß, die Leidenschaft für den Klub ist einmalig. In Griechenland war es zum Beispiel bei PAOK eine Sache, wo es auch mal ins Gefährliche gegangen ist. Auf Schalke leben die Fans den Verein. Das merken die Spieler auch. Es ist wichtig, dass man den Fans das Gefühl zurückgibt, dass wir wissen, worum es geht.

LAOLA1: Wie würdest du deine Rolle auf Schalke beschreiben? Ist es die des routinierten Backups?

Gspurning: In diese Richtung wird es gehen. Ich bin froh, dass ich Teil dieses Teams sein kann und werde mich voll einbringen – in welcher Form auch immer. Ich gebe jeden Tag alles im Dienst der Mannschaft und stehe natürlich den jüngeren Spielern mit Rat und Tat zur Seite. Wir Torhüter bilden eine coole Trainingsgruppe. Also ich fühle mich sehr, sehr wohl hier.

LAOLA1: Du bist nach guten Frühjahrs-Leistungen bei den Amateuren auch für Profi-Einsätze ins Spiel gebracht worden. Dein Vertrag wurde verlängert. Daraus kann man schließen, dass du dir ein gewisses Standing erarbeitet hast, oder?

Gspurning: Ich denke schon, sonst hätte ich die Vertragsverlängerung im Sommer nicht bekommen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn du geschätzt wirst. Das habe ich bis jetzt meistens in meiner Karriere erreicht. Es ist toll, wenn du siehst, dass harte Arbeit belohnt wird – egal in welchem Alter, darüber freut man sich immer.

LAOLA1: Dein Torhüter-Kollege Ralf Fährmann gehört dieser starken deutschen Torhüter-Generation an. Was zeichnet ihn aus?

Gspurning: Erstens ist „Ralle“ ein super Typ. Zweitens ist er sehr athletisch, er hat eine unglaubliche Präsenz. Bis jetzt habe ich noch nicht wirklich großartige Schwächen bei ihm entdeckt. Er ist sicherlich einer, der im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft sein kann. Es macht Spaß, mit ihm zusammenzuarbeiten, wir pushen uns im Training gegenseitig. Es herrscht ein wirklich gutes Klima.

Derzeit ist Michael Gspurning die Nummer zwei hinter Ralf Fährmann

LAOLA1: Inwiefern herrscht nach dem schwierigen Frühjahr auf Schalke durch die Bestellung von Andre Breitenreiter zum Trainer Aufbruchstimmung?

Gspurning: Es herrscht absolut Aufbruchstimmung. Ich denke, diesen Eindruck haben die Anhänger bekommen, und es ist wichtig, die Fans wieder auf unsere Seite zu bekommen. In der Mannschaft herrscht eine super Stimmung. Es wird hart gearbeitet, aber auch darauf geschaut, dass wir die nötige Lockerheit drinnen haben. Wir sind alle positiv gestimmt, dass wir einen guten Saisonstart haben werden.

LAOLA1: Wie sind deine ersten Eindrücke von Breitenreiter? Worauf legt er Wert?

Gspurning: Wir sind noch nicht so lange zusammen, aber die ersten Eindrücke sind von allen Spielern positiv. Er ist sehr offen mit uns, hat eine harte Linie, zeigt aber auch durchaus Verständnis für die Spieler. Das ist ein sehr guter Punkt, um die Mannschaft zu erreichen.

LAOLA1: Im Fußball kann es oft bekanntlich schnell gehen. Hast du die EURO 2016 in irgendeiner Art und Weise im Hinterkopf?

Gspurning (schmunzelt): Ganz weit im Hinterkopf. Auch darüber mache ich mir keine großen Gedanken. In dieser letzten Phase meiner Karriere versuche ich jeden Tag zu genießen, und damit fahre ich ganz gut. Aber klar, ich nehme alles mit, was ich mitnehmen kann. Österreich wird – darüber besteht wohl Einigkeit – ziemlich sicher dabei sein. Das ist auf alle Fälle eine tolle Sache. Da ich mit Christian Fuchs sehr viel Kontakt habe, bekomme ich einiges mit. Ich habe die Spiele verfolgt und mich riesig gefreut. Es herrscht da wie dort Aufbruchstimmung – beim Nationalteam ist man schon ein bisschen weiter, da wollen wir mit Schalke auch hin. Es ist ein positives Beispiel, wie eine Aufbruchstimmung zu etwas Großem führen kann.

LAOLA1: In der Sommerpause warst du in New York, um mit Christian Fuchs im Rahmen der Fox Soccer Academy ein Camp abzuhalten. Ist alles so aufgegangen, wie ihr euch das vorgestellt habt?

Gspurning: Die Woche war einfach grandios! Es war eine coole Sache, dass Christian mich gefragt hat, ob ich dabei sein will, weil ich Amerika kenne. Ich habe sofort Ja gesagt. Es ist ein tolles Projekt. Ich habe ihm auch bei organisatorischen Dingen wie der Sponsoren-Suche geholfen. Jetzt werden wir das Ganze Revue passieren lassen und schauen, wie das in Zukunft weitergehen wird. Denn eines ist klar: Für Christian und auch für mich ist das ein Projekt, das Zukunft hat und langfristig immer größer werden soll. Es ist natürlich ein weiter Weg, aber auch eine interessante Sache – vor allem für die Zeit nach der Karriere.

 

Congrats to goalie coach Michael Gspurning for signing a  contract with FC Schalke 04. We are very happy about that and cannot wait to meet again next summer! #FoxSoccerAcademyNY #goalie #gspurning

Posted by Fox Soccer Academy on Freitag, 3. Juli 2015


LAOLA1:
Der Fußball in den USA wird immer größer, die gute WM im vergangenen Jahr hat auch noch einmal einen Schub gegeben. Inwiefern kann man von einem Boom sprechen?

Gspurning: Die Qualität wird immer besser. Es kommen auch immer mehr richtige amerikanische Familien zum Fußball. Er werden zunehmend  mehr Kinder für ein Fußball-Camp angemeldet, weil Baseball vielleicht doch ein bisschen fad und Football durch die vielen Verletzungen mit Kopfweh verbunden ist. Deswegen entdecken die Amerikaner immer mehr die positiven Seiten des Fußballs. Langsam verstehen sie das Spiel auch besser, freunden sich mit der Taktik an und sehen, dass es nicht nur darum geht, ob ein Spiel manchmal 0:0 oder 1:0 ausgeht und es nicht so viele Scorer-Punkte wie beim Eishockey, Baseball oder Basketball gibt. Dass diese Entwicklung natürlich step by step erfolgt und Zeit braucht, ist auch klar. Aber Christian hat gesagt, als wir über die MLS geredet haben: In fünf Jahren wird es wieder ganz anders ausschauen. Und mit dieser Ferndiagnose hat er Recht.

LAOLA1: Wohin geht die Reise in der MLS deiner Meinung nach?

Gspurning: Ich finde, dass die Verhandlungen zwischen Liga und Spielern bezüglich Salary Cap eigentlich ein Rückschritt waren. Ich dachte, da wäre für die Spieler mehr möglich, da ist nicht wirklich etwas nach vorne gegangen. Also glaube ich, dass es ein wenig stocken wird. Aber immerhin ist das Mindestgehalt angehoben worden, was wichtig ist, denn ein bisschen solltest du als Fußball-Profi schon auch leben können. Auf der anderen Seite sind seit dieser Saison Orlando City und der New York City FC mit dabei, in den kommenden Jahren kommen Atlanta, Minnesota, der FC Los Angeles und Miami mit David Beckham dazu. Es wird immer mehr und immer größer. Die Richtung ist absolut die richtige.

LAOLA1: Fährmann ist einer von vielen guten deutschen Goalies. Was macht die deutsche Torhüter-Schule aus? Wird mehr Augenmerk als anderswo auf diese Position gelegt?

Gspurning: Die deutsche Torhüter-Schule ist sicherlich der Grund dafür, dass so viele gute Tormänner rauskommen. Ich persönlich glaube, wenn man das so sagen darf, dass der Charakter eines Mitteleuropäers sehr gut zur Torhüter-Position passt. Wir Österreicher und Deutschen werden als seriös angesehen, und ich glaube, gerade auf dieser Position ist es wichtig, dass du genau und ernsthaft an die Sache herangehst und weißt, worum es geht. Das liegt uns Mitteleuropäern sehr gut im Blut.

LAOLA1: Merkt man im Vergleich zu anderen Ländern den Unterschied in der Herangehensweise?

Gspurning: Den merkt man absolut! Vor allem wenn ich auf meine Zeit in den USA zurückblicke, wo wir zum Beispiel in der Champions League öfter gegen mexikanische Teams gespielt haben. Da hat der Torhüter eher den Libero gemimt und sich weniger auf das Torhüter-Spiel konzentriert. Das ist ein extremes Beispiel, in dem aber schon auch die kulturellen Unterschiede zum Tragen kommen.

LAOLA1: Im Moment sieht die Torhüter-Situation auf Schalke wiefolgt aus: Fabian Giefer fehlt verletzungsbedingt noch zwei bis drei Monate, Timon Wellenreuther wurde nach Mallorca verliehen. Derzeit bist du also die Nummer zwei. Wäre ein Einsatz in der deutschen Bundesliga die Erfüllung eines Traums?

Gspurning: Ich bin Schalke-Spieler und werde mein Bestes geben, in welcher Form auch immer ich es geben soll. Natürlich ist die deutsche Bundesliga eine der besten Ligen der Welt, aber ich muss gestehen, dass ich gar nicht so sehr daran denke, ob es ein Traum ist, ein Spiel zu kriegen oder nicht. Ich muss ehrlich sagen, ich bin stolz auf das, was ich hier erreicht habe und dass ich auch dieses Jahr wieder hier bin. Also denke ich gar nicht so weit, sondern möchte jeden Tag genießen. Ich bin wirklich zufrieden mit meiner Karriere und weiß auch, dass es jetzt schön langsam in die letzte Phase der Laufbahn geht. Aber ich bin mit mir selbst sehr gut im Reinen.

LAOLA1: Im Camp hast du die jungen Goalies gecoacht. Ist Tormanntrainer ein Bereich, der dich nach dem Ende deiner Laufbahn interessieren könnte?

Gspurning: Ich habe verschiedene Interessen. Ich absolviere gerade ein Studium im Sportmanagement-Bereich, will aber natürlich auch mein Wissen als Tormann weitergeben. Trainer werde ich sicher nicht, das interessiert mich nicht. Aber Tormanntrainer wäre ein Punkt, wo ich denke, dass ich mit meiner Art und meinem Know-how sehr gut weiterhelfen könnte. Das würde mich in einer großen Organisation oder bei einem großen Klub wie Schalke, wo du im Jugendbereich oder auch bei den Profis wirklich viel machen kannst, sehr interessieren. Aber grundsätzlich sehe ich meine Interessen im organisatorischen und Management-Bereich.

LAOLA1: Das letzte Thema hat wenig mit Fußball zu tun. Du hast jahrelang in Griechenland gelebt. Wie sehr berührt dich, was in diesem Land gerade passiert?

Gspurning: Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, um ehrlich zu sein. Ich lese auch die ganze Zeit Nachrichten darüber, will wissen, ob es etwas Neues gibt. Ich habe natürlich viele Freunde in Griechenland, auch abseits vom Fußball – zum Beispiel Leute, die Restaurants besitzen. Es ist natürlich ein schwieriges Thema, aber was soll man beeinflussen? Es ist immer die Frage, wohin das führen kann. Ich denke, darauf hat momentan keiner die richtigen Antworten. Aber die Gedanken sind natürlich schon bei den Freunden, mit denen man sich auch austauscht. Das ist ganz klar.


Das Gespräch führte Peter Altmann

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