Was Gladbach so stark macht

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"Lulu" und die Gladbacher Metamorphose

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Exakt 22 Spieltage waren in der Saison 2010/11 gespielt, als sich die Verantwortlichen von Borussia Mönchengladbach genötigt sahen, die Reißleine zu ziehen.

16 Punkte waren der eigenen Ambitionen deutlich zu wenig, Tabellenplatz 18 spiegelte bei weitem nicht das Leistungsvermögen des Kaders wider. Michael Frontzecks Amtszeit war zu Ende, ein neuer Cheftrainer musste her.

Die Wahl fiel auf einen Schweizer. Lucien Favre sollte den festgefahrenen Karren des fünffachen Deutschen Meisters, der den glorreichen 70er Jahren unter der Ägide von Hennes Weisweiler hinterher trauerte, aus dem Dreck ziehen.

Der Eidgenosse erkannte schnell die größte aller Schwachstellen im Spiel der „Fohlen“. 56 Gegentore in 22 Spielen (Schnitt: 2,55) waren des Guten mehr als zu viel.

Klassenerhalt als „großes Wunder“

Mit konsequentem und intensivem Training wurde einerseits das Defensivspiel erheblich stabilisiert, andererseits die zahlreichen Fehler im Spielaufbau minimiert. Nachdem Favre mit seiner Truppe tatsächlich das „große Wunder“ (O-Ton Mehmet Scholl) vollbrachte und Gladbach trotz schier aussichtsloser Lage die Klasse hielt, ging für „Lulu“, wie der 54-Jährige liebevoll genannt wird, die eigentliche Arbeit los.

Die Borussen nutzten die Zeit während der Sommervorbereitung, um Favres Vorstellung von Fußball in Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Nach 22 Spieltagen der aktuellen Saison stehen 46 Zähler – 30 mehr als ein Jahr zuvor - auf der Habenseite, als Zweiter lässt man sogar Rekordmeister Bayern München hinter sich.

Die Metamorphose vom Abstiegskandidaten Nummer eins hin zum potenziellen Meisterfavoriten erscheint wie das nächste Mirakel, ist in Wahrheit jedoch die logische Konsequenz aus taktischer Disziplin, großer Laufbereitschaft und der nötigen individuellen Klasse einzelner Hauptdarsteller.

Viele Puzzle-Teilchen

Gladbach, das in dieser Saison die Bayern in beiden Duellen vor den Kopf stoß, gegen Meister Dortmund remisierte und im Zweikampf mit Schalke in zwei von drei Duellen (inklusive Pokal) die Oberhand behielt, hat das „System Favre“ verinnerlicht und lässt die Fans vom sechsten Meistertitel der Vereinsgeschichte träumen.

Favre lässt einerseits einen attraktiven Offensivfußball spielen, andererseits überzeugen seine Mannen mit Kompaktheit und Ordnung in der Defensive.

Speziell im Spiel gegen den Ball wird Favres Handschrift offensichtlich. Die beiden Viererketten aus seinem 4-4-2-System, das streng genommen ein 4-2-2-2 darstellt, verschieben nahezu perfekt, sodass kein Spieler seinem Gegner zu viel Raum lässt und der ballführende Akteur zumeist von zwei „Fohlen“ bedrängt wird.

Doch der Reihe nach, denn das Erfolgspuzzle des Borussia Verein für Leibesübungen 1900 Mönchengladbach e. V. setzt sich aus vielen kleinen Teilchen zusammen, die wir euch näherbringen wollen.

Top-Zweikämpfer Stranzl

Mit Marc-Andre ter Stegen verfügt das Team vom Niederrhein über einen exzellenten Torwart, der sogar Nationaltorhüter Manuel Neuer vom FC Bayern in puncto gehaltener Torschüsse, Glanzparaden, angekommener Abschläge und Abwürfe sowie abgefangener Ecken deutlich hinter sich lässt. Trotz seiner Jugend – ter Stegen zählt gerade einmal 19 Lenze – behält er stets kühlen Kopf und lässt sich vom Rummel um seine Person nicht beirren.

Im Abwehrzentrum bestechen Dante, Martin Stranzl und Roel Brouwers mit einer beneidenswerten Abgeklärtheit, wobei Stranzl mit 67,5 Prozent an gewonnen Duellen den stärksten Zweikämpfer des Trios mimt. Dante hingegen agiert als „moderner Spielmacher“, sprich, er wird am häufigsten als Anspielstation gesucht (knapp 76 Ballkontakte pro Spiel), hat ein gutes Auge für den Mitspieler und ist wichtiger Passverteiler.

Der Dritte im Bunde, Brouwers, ist der Luxus-Backup, den sich Gladbach leisten kann. Aufgrund von Stranzls Verletzungsanfälligkeit darf auch der Niederländer verhältnismäßig oft ran und erledigt dabei seinen Job äußerst zuverlässig. Das Wort Fehlpass ist ihm fremd, bringt er doch mehr als 94 Prozent aller Zuspiele an den Mann – ein Topwert!

Verstehen sich blind: Juan Arango, Mike Hanke und Marco Reus (v.l.)

Daems vom Punkt eiskalt

Auf den Außen haben sich Kapitän Filip Daems (links) und Tony Jantschke (rechts) einen Stammplatz erarbeitet. Hauptaufgabe beider ist in erster Linie die Absicherung der Defensive beziehungsweise Unterstützung der Innenverteidiger. Wie gut ein Rädchen ins andere greift, beweist ein Blick auf die Gegentore. Ter Stegen musste bislang nur 13 Mal hinter sich greifen. Statistisch gesehen stellt der VfL somit die beste Abwehr der Liga.

Den beiden Außenverteidigern kommen allerdings auch Offensivaufgaben zu. Einerseits schießt Daems die Strafstöße, die Gladbach zugesprochen werden, und beweist dabei enorme Kaltschnäuzigkeit (drei Elfmeter, drei Tore in dieser Saison), andererseits sind der Belgier und Pendant Jantschke darum bemüht, das Spiel bei eigenem Ballbesitz möglichst breit zu machen.

Da vor allem der linke Flügelspieler, Juan Arango, gerne den Weg durch die Mitte sucht, rückt Daems oftmals mit auf, hinterläuft seinen Partner und bietet sich als zusätzliche Anspielstation an.

Die stillen Helden

Bevor wir allerdings näher auf die klassischen Offensivkräfte eingehen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Doppelsechs der Borussia. Roman Neustädter und Havard Nordtveit sind so etwas wie die stillen Helden im Spiel der Favre-Elf.

Beide halten sich außerhalb des Platzes gerne zurück und überlassen das Reden den prominenteren Kollegen. Auf dem Rasen hingegen ist das Duo ungemein wertvoll. Zum einen als Anspielstation im Spiel nach vorne, wobei Neustädter deutlich öfter gesucht und in den Abschluss eingebunden wird als sein norwegischer Kompagnon (43:21 Torschussbeteiligungen).

Zum anderen als Abfangjäger, wenn der Gegner in Strafraumnähe kommt. Auch hier erweist sich Neustädter, der im Sommer das Abenteuer Schalke 04 in Angriff nimmt, als der stärkere „Staubsauger“. Während der in Dnipropetrowsk geborene Deutsche durchschnittlich 57,4 Prozent seiner Zweikämpfe für sich entscheidet und bislang nur eine Gelbe Karte kassierte, hält Nordtveit bei 53,6 Prozent bzw. vier Verwarnungen.

Torgefährliche Flügel

Nun aber zum „magischen Viereck“, das hauptverantwortlich zeichnet für das Offensiv-Spektakel der Gladbacher. Auf den Flügeln wirbeln der bereits angesprochene Arango und Patrick Herrmann, der allerdings aufgrund eines Schlüsselbeinbruchs mehrere Wochen ausfällt.

Der Venezolaner ist technisch ungemein beschlagen, packt gerne die feine Klinge aus und hat unter Favre gelernt, dass auch Defensivarbeit zu einem erfolgreichen Spiel gehört. Gerne zieht er nach innen und versorgt seine Mitspieler mit Traumpässen.

Herrmann kommt mehr über seine Schnelligkeit und tankt sich häufig auf der rechten Seite durch, um anschließend nach innen zu ziehen oder zu einer Maßflanke anzusetzen. Beide glänzen aber nicht nur mit zahlreichen Assists (Arango sieben, Herrmann acht), sondern strahlen auch selbst jede Menge Torgefahr aus (Arango fünf Treffer, Herrmann sechs).

Lucien Favre schwebt mit der Borussia auf Wolke Sieben

Hankes Wiederauferstehung

Durch diese Präsenz verschaffen sie den nominellen Spitzen, Mike Hanke an vorderster Front sowie Marco Reus etwas hängend, genügend Platz, um sich zu entfalten. Während Reus sich schon im letzten Jahr ins Rampenlicht spielte und in der aktuellen Spielzeit (20 Scorerpunkte) noch einmal einen großen Schritt nach vorne machte, gilt Hankes Entwicklung vielerorts als Überraschung.

Der 28-Jährige, Teil des „Sommermärchens 2006“, konnte weder in Wolfsburg, noch in Hannover überzeugen. Ganz anders die Sachlage in Gladbach: Zwar ist seine Torausbeute (fünf Saisontreffer) durchaus ausbaufähig, zugleich glänzt er allerdings als Assistgeber (vier Torvorlagen).

Hanke ackert und rackert überdies wie ein Besessener, hält die gegnerischen Verteidiger ständig auf Trab und versteht sich mit seinen Teamkameraden nahezu blind. Bester Beweis: Sein Treffer beim eindrucksvollen 3:0 über Schalke 04, als er nach Doppelpässen mit Herrmann und Arango eiskalt abschloss.

Reus, die Symbolfigur

Spricht man von Gladbach, kommt man freilich nicht umhin, Marco Reus besonders hervorzuheben. Der 22-Jährige glänzt nicht nur als Vorbereiter und Vollstrecker, er ist zugleich zur Symbolfigur des Gladbacher Aufstiegs und der aktuellen Spielweise avanciert.

Reus‘ Qualitäten wurden einst von Dortmund verkannt, weshalb er über den Umweg Ahlen nach Gladbach kam. Seither strotzt er nur so vor Spielfreude, sucht häufig das Eins gegen Eins, aber auch seine kongenialen Mitspieler, besticht mit technischer Finesse, Grundschnelligkeit und taktischem Verständnis.

Besonders wichtig: Lucien Favre lässt dem Ausnahmekönner die nötigen Freiheiten, die sein Spiel braucht. Sein Abschied im Sommer – der gebürtige Dortmunder kehrt zum BVB zurück – ist ein herber Verlust für den VfL.

Welche Essenz das Offensiv-Quartett für den Erfolg der Borussia hat, stellen zwei höchst interessante Fakten unter Beweis: 26 der letzten 27 Treffer hat einer aus dem besagten Quartett beigesteuert. An 34 aller 36 Liga-Treffer waren Reus, Hanke, Herrmann oder Arango direkt beteiligt.

Vergleiche mit Weisweiler

Während der eine oder andere dieses Quartetts zwischenzeitlich aus Verletzungsgründen pausieren musste, war einer stets auf der Höhe: Lucien Favre. Der Schweizer hat es geschafft, aus seinen Spielern eine Einheit zu formen. Er vermittelt ihnen die notwendige Freude am Spiel und weiß umgekehrt um deren hundertprozentiges Vertrauen.

Ein Vertrauten, das ihm auch von Seiten der Fans entgegengebracht wird. Favre wird gefeiert wie kaum einer seiner Vorgänger. Selbst Vergleiche mit Legende Weisweiler, der Gladbach in den 70ern zu einer nationalen wie internationalen Großmacht formte, sind längst keine Seltenheit mehr.

Und Favre hält ihnen stand: Während Weisweiler in seiner Ära – umgerechnet auf die Dreipunkte-Regel – 1,70 Zähler pro Spiel sammelte, hält Favre bei 1,94. Kein Wunder, dass die Anhänger von der sechsten Meisterschale träumen …

 

Christoph Nister

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